Wish you were here …

Lie­be Leser*innen, ihr sollt wis­sen (falls es euch inter­es­siert), was wir gera­de erle­ben. Mit allem hat­te ich gerech­net, nur nicht damit, dass wir über­le­gen wür­den, wie, wo und wann wir wie­der nach Afri­ka kom­men könn­ten … Es ist tat­säch­lich gar nicht so schwie­rig. Unse­re Kin­der frag­ten uns auch: “Wie könnt ihr euch das leis­ten?” Tho­mas bekam über län­ge­re Zeit weni­ger Gehalt von sei­nem Arbeit­ge­ber dafür wird ihm jetzt sein Gehalt wei­ter bezahlt. Von dem Geld kann man hier – mit ein biss­chen Orga­ni­sa­ti­on und Bereit­schaft zur Ein­fach­heit – sehr gut rei­sen.

22.10.2019 Heu­te begin­nen die Reit­stun­den bei Her­cu­les.

21.10.2019 Umzug auf Her­cu­les Hor­se Farm. Hier sind wir in fami­liä­rer Gesell­schaft unter­ge­bracht und wer­den von Annie­ka, sei­ner Frau herr­lich bekocht.

20. 10. 2019 Wir genie­ßen die Ruhe in unse­rem eige­nen klei­nen Farm­haus, schau­en den Pavia­nen beim Spie­len zu, behan­deln unse­re Bla­sen und sehen auf den Baviaans­kloof zurück. Hin und wie­der kommt uns der Far­mers­jun­ge von neben­an besu­chen – und sonst schrei­ben und lesen wir nur.

19.10.2019 Heu­te hat­ten wir noch ein groß­zü­gi­ges Far­mer­früh­stück mit allen, inklu­si­ve Taxi­fah­rer. Seit­dem sind Tho­mas und ich wie­der auf uns selbst gestellt. Wir gehen shop­pen in Kar­re­douw und decken uns mit „Zube­hör“ für die nächs­te Wan­de­rung – dies­mal ent­lang der Küs­te – ein: Son­nen­creme, Vase­li­ne für die mal­trä­tier­ten Füße, Pflas­ter, ein wei­ße, luf­ti­ges Top. Dann gehen wir zurück zum Farm­haus, indem wir uns für zwei wei­te­re Tage zur Erho­lung ein­ge­mie­tet haben. Nach einer gan­zen Wasch­or­gie – alles war stau­big und durch­ge­schwitzt – wan­dern wir den Baviaans Cami­no ein paar Kilo­me­ter rück­wärts und genie­ßen es, dies­mal an jeder Kur­ve ste­hen­blei­ben zu dür­fen, den Frö­schen und Was­ser­läu­fern zuzu­se­hen, die Scha­fe zu jagen und die Rin­der in den Berg­hän­gen zu bewun­dern. Wir blei­ben an Pro­teas, an Eichen und üppi­gen Farn­grä­sern ste­hen und bli­cken auf die Ber­ge zurück, die wir in den ver­gan­ge­nen Tagen über- und durch­quert haben.

14.10. ‑18.10.2019 Fahrt nach Port Eliza­beth. Von dort mit Mar­kus, einem beherzt fah­ren­den Taxi­fah­rer, der ein Rosen­kranz am Rück­spie­gel befes­tigt hat, in die Ber­ge nach Kar­re­douw, wo wir am 18.10. – hof­fent­lich – wie­der gesund ankom­men wer­den. Wir las­sen unse­re Koch­sa­chen in den lie­be­voll zu Feri­en­woh­nun­gen umge­bau­ten Stal­lun­gen und neh­men drei, der vier künf­ti­gen Leid­ge­nos­sen ins Taxi auf. Wei­ter gehts nach Wil­low­mo­re, ins 100jährige, fami­li­en­geführ­te Wil­low-Hotel. Über­all sind Weg­wei­ser zur Bavi­ans­kloof, doch wir erho­len uns am Pool von den Stra­pa­zen der Rei­se. Abends genie­ßen unse­re Hen­kers­mahl­zeit beim typi­schen Farm­house-Abend­essen. Man sitzt dann wie im Wohn­zim­mer an einem rie­si­gen Tisch zusam­men; lie­be­voll gesam­mel­te Anti­qui­tä­ten sowie Kin­der­fo­tos und – oft – from­me Gedenk­ta­feln ver­voll­stän­di­gen das Ambi­en­te.

Die Unter­hal­tung fällt bald ins Afri­cans und Tho­mas und ich sind „drau­ßen“ und drin­nen, denn nur, wenn sie sich direkt an uns wen­den, spre­chen sie Eng­lisch. Ansons­ten führt Ger­da das Unter­hal­tungs­szep­ter und alle haben Trä­nen vor Lachen in den Augen. Sie, das sind der Psy­cho­lo­ge Bern­hard und Lui­se, sei­ne Frau, eine Phar­ma­zeu­tin, Ger­da, eine Leh­re­rin und wit­zi­ge Allein­un­ter­hal­te­rin, die auf einer Farm auf­ge­wach­sen ist, Lor­rai­ne, eine Ope­ra­ti­ons­schwes­ter, die nach einer Schei­dung nach Sau­di-Ara­bi­en aus­ge­wan­dert ist und jetzt in den Staa­ten lebt, Her­ku­les, unser Gui­de auf dem Pferd, Eric, der coo­le Orga­ni­sa­tor, der im Hin­ter­grund alle Stri­cke zieht, sowie Fri­k­ki, sein Freund aus Kin­der­ta­gen, der die Inkar­na­ti­on von Hans im Glück sein könn­te und bereits fast auf der gan­zen Welt gelebt hat. Er küm­mert sich um unser leib­li­ches Wohl und hat sich zum Ziel gesetzt, dass wir alle min­des­tens zwei Kilo schwe­rer wie­der nach hau­se gehen.

Trotz­dem sor­ge ich mich die ers­ten zwei Tage sehr, ob wir die 90 Kilo­me­ter berg­auf, berg­ab in der oft brü­ten­den Hit­ze über­ste­hen wer­den. Und tat­säch­lich, die Süd­afri­ka­ner lau­fen wie eine eins, nur Tho­mas und ich ver­ra­ten unse­re feh­len­de Kon­di­ti­on mit hoch­ro­ten Gesich­tern. So weiß Hec­tor, wann wir müde sind und ver­schreibt allen eine kur­ze Zwangs­pau­se. Alle fünf Kilo­me­ter, also nach cir­ca einer Stun­de, bekom­men wir zudem eine län­ge­re (10 min) Pau­se. Alle grei­fen dann in ihre Snack­tü­te, die gefüllt ist mit allen, was fit macht. Mit­tags und immer wie­der über­ra­schend, tau­chen Eric und Fri­k­ki mit ihrer mobi­len Küche auf und flö­ßen uns eis­kal­te Geträn­ke und stär­ken­de Mahl­zei­ten ein. Freund­li­che Scher­ze und gutes Zure­den hel­fen uns „armen“ Deut­schen, die kei­ner Unter­hal­tung fol­gen kön­nen, eben­falls, den Track zu über­ste­hen.

Gott sei Dank hat­te mich Tho­mas dazu über­re­det, mir ein Pferd zur Unter­stüt­zung zu leis­ten. Nach einem gan­zen Tag auf mei­nem groß­ar­ti­gen und lamm­from­men Vic­tor, beschloss ich doch, auch das Wan­dern zu wagen. Tho­mas durf­te nun auf Vic­tor rei­ten. Er stell­te sich dabei so gut an, dass Her­cu­les vor­sich­tig vor­schlug, der “Bes­se­re” sol­le doch den letz­ten, stei­len Sin­gle­trail rei­ten. Klar war, dass er Tho­mas damit mein­te.

Es kam anders – doch davon spä­ter. Jetzt noch kurz das Abend­pro­gramm: Reich­hal­ti­ges Abend­essen, immer frisch auf einer der Gast­far­men zube­rei­tet, oder von Fri­k­ki vor unse­ren Augen gebraait (gegrillt), Son­nen­un­ter­gang, die Pfer­de mah­len irgend­wo in der Nähe her­um und wir stre­cken unse­re müden Glie­der im Bett aus, oder lun­gern her­um, beob­ach­ten Fri­k­ki beim Kochen und reden – wohl über Gott und die Welt und die neu­es­ten, ver­rück­ten Aktio­nen der Ger­mans. Immer bekom­men wir das bes­te Zim­mer und das süd­afri­ka­nisch­te Essen. Gast­freund­schaft wird hier groß geschrie­ben.

Doch was war nun mit dem Sin­gle­trail, den Tho­mas rei­ten soll­te? Nach einem stei­le­ren Stück berg­ab dach­ten wir, das war es schon gewe­sen und Tho­mas stieg ab vom Pferd – und ich auf. Her­cu­les wirk­te etwas irri­tiert, nick­te aber nur. Und ich ver­stand sei­nen Gesichts­aus­druck, als es fünf Minu­ten spä­ter plötz­lich wirk­lich steil und eng berg­ab ging.

Erst­mals konn­te ich nicht dar­auf ver­trau­en, das Vic­tor schon den rich­ti­gen Weg fin­den wür­de. Ich muss­te Vic­tor allein füh­ren, denn Her­cu­les war schon tief unter mir! Doch er sah hoch und gab mir nur den einen Hin­weis: „Smi­le“. Plötz­lich ging alles gut – und ich ber­merk­te, wie viel ich ganz neben­bei auf Vic­tor gelernt habe.

Kur­ze Zeit spä­ter ist der letz­te und längs­te (30 Kilo­me­ter) Tag auch schon vor­bei. Eine Weg­bie­gung und wir wer­den von Esti, Erics Frau und Fri­k­ki unter lau­tem Joh­len begrüßt. Ein for­mi­da­bles Essen wird auf­ge­tischt und der Alko­hol fließt reich­lich. End­lich zeigt auch Eric, unser Cools­ter, Ner­ven. „I am so glad that not­hing went wrong. I am so glad …“ Dann ver­schwin­den alle schnell in ihren Zim­mern. Mor­gen um 8:00 ist die Abfahrt zum Früh­stück im Swea­ty Dutch­man ange­sagt.

Am 13.10.2019 sind wir wie­der am Meer – in der Jef­freys Bay, kurz vor Port Ubun­tu, das Back­pa­cker Hos­tel ist ein klei­nes Juwel mit vie­len jun­gen Men­schen aus der gan­zen Welt, die sich am liebs­ten in die lan­gen Wel­len hier am end­lo­sen, wei­ßen Strand stür­zen. Wir bevor­zu­gen es zu jog­gen und uns in den ver­schie­de­nen Chill­räu­men im Back­pa­cker zu ent­span­nen und unse­re Rei­se­ein­drü­cke auf­zu­schrei­ben. Es reg­net ein biss­chen und alle sind froh, denn die Tro­cken­heit ist ein gro­ßes Pro­blem für Süd­afri­kas Land­wirt­schaft.

12.10.2019 Bald ist Voll­mond. Unse­re Wan­de­rung, der Baa­vi­ans Cami­no, steht dro­hend vor uns. Wir sind schon sehr gespannt, was auf uns war­tet. Ein biss­chen Sor­ge um unse­re Fit­ness ist auch dabei. Heu­te gehts aber erst zur Jeffrey‘s Bay. Wir wol­len mor­gen um 12:00 in Port Eliza­beth sein. Von dort geht es dann ins Lan­des­in­ne­re. Land­schaft­lich sehr schön, fah­ren wir über klei­ne Päs­se Rich­tung Meer und Gar­den Rou­te. Lei­der müs­sen wir auf­grund des plat­ten Rei­fens noch einen Zwi­schen­stopp in Geor­ge ein­le­gen. Euro­pe Car gibt uns gleich einen neu­en, frisch geputz­ten Wagen! Wie schön, denn wir haben unse­ren Wagen in kür­zes­ter Zeit stau­big gefah­ren. Wegen des Zwi­schen­stopps, gepaart mit einem anschlie­ßen­dem aus­ge­dehn­ten zwei­ten Früh­stück auf einen Land­markt (Waf­feln und Pan­cakes!), bleibt uns wenig Zeit für die Schön­hei­ten der Gar­den Rou­te. Trotz­dem erha­schen wir immer wie­der einen Blick auf den Indi­schen Oze­an, der zwar genau­so wild an die Küs­te braust, wie der Atlan­tik, aber viel wär­mer ist. Wir erfreu­en uns an den vie­len Vil­len, die so in die grü­nen Küs­ten­ber­ge gebaut sind, dass sie mög­lichst lan­ge die Son­ne über dem Meer genie­ßen kön­nen. Uns gefällt Wil­der­ness mit sei­nem rie­si­gen See, das fast mon­dä­ne Knys­na und The Crags am bes­ten. Den Welt höchs­ten Bun­gee­sprung­platz pas­sie­ren wir – mir wird schon vom Zuse­hen schwin­de­lig – und lan­den end­lich im Ubun­tu Back­pa­ckers – ein para­die­si­scher Ort, spe­zi­ell für jun­ge Men­schen im Gapye­ar.

Im Gar­ten, wie auf den Ter­ras­sen und den vie­len Grup­pen­räu­men sind Kuschel­ecken zum Rat­schen, zum Inter­net sur­fen, oder nur zum blöd aufs Was­ser gucken ein­ge­rich­tet. Dafür sind die Schlaf­räu­me kna­ckig: 10 auf einen Streich. Wie schön, dass wir ein, wenn auch klei­nes, aber doch pri­va­tes Dop­pel­zim­mer gebucht haben. Es bleibt uns noch ein Strand­spa­zier­gang, ein biss­chen Arbeit am Blog und schon tref­fen wir alle jun­gen Leu­te beim Grill auf dem obers­ten Bal­kon.

Am 11.10.2019 fah­ren wir von Oudts­hoorn Rich­tung Schwart­berg­pass zu den Tropf­stein­höh­len. Sie zäh­len welt­weit zu den größ­ten Höh­lensys­tem ins­ge­samt, steht in unserem Rei­se­füh­rer. Wir buchen aus Kos­ten­grün­den die „Nor­mal­tour“. Spä­ter wer­den wir darüber heil­froh sein, denn wäh­rend der rich­tig enga­gier­ten Füh­rung durch die schö­nen, gro­ßen und hohen Räu­me mit den Fließ­stei­nen, Pilas­tern, Sta­lak­ti­ten und Sta­lak­mi­ten, mit „Orgel­pfei­fen“ und „Honey­moon­sui­te“ und, und, und … erfah­ren wir, dass bei einer Adven­ture­tour eine Dame in den engen Gän­gen der ande­ren Höh­len ste­cken geblie­ben ist und erst nach 13 Stun­den mit­tels Mas­sa­gen, Baby­öl und kräf­ti­gem Drü­cken frei­ge­kom­men ist.

Das sei aber nicht das Schlimms­te gewe­sen: Weit­aus schlim­mer war, dass mit ihrer eigen­mäch­ti­gen Akti­on – der Gui­de hat­te sie gebe­ten, nicht wei­ter zu gehen – schnitt sie ihrer Grup­pe den Rück­weg aus den noch enge­ren Höh­lensys­tem ab. Und dies aus­ge­rech­net am Mor­gen des 31.12.! Wenn das kein Stoff für eine Kurz­ge­schich­te ist

Wir sind also heil­froh eine senio­ren­ge­rech­te Tour gebucht zu haben, denn lang­sam wis­sen wir, dass die wei­ßen Süd­afri­ka­ner hart gesot­ten sind. Die Freu­de wird jedoch nicht lan­ge anhal­ten.: Der Swart­berg­pass war­tet auf uns. Er gilt als schöns­ter Pass ganz Afri­kas – wegen der tol­len Aus­bli­cke.  Auch unse­re sonst eher ängst­li­chen Gast­ge­ber („Do not go the­re. It is a black neigh­bour­hood. It is not safe!“) lächel­ten bei unse­rer Idee, die­sen Pass befah­ren zu wol­len:. „Won­der­ful“! It is just won­der­ful!“

Zunächst schei­nen wir das auch so zu sehen. Doch dann kom­men die 22 Kilo­me­ter unge­teer­ter Stra­ße. Nach weni­gen Kilo­me­tern stellt sie sich als aus­ge­wa­sche­ner, mit Schlag­lö­chern und spit­zen Stei­nen über­sä­ter, qua­si ein­spu­ri­ger Pfad her­aus, der sich steil nach oben win­det.

Die wirk­lich über­ra­gen­den Aus­sich­ten kön­nen wir aber nicht genie­ßen, zu sehr sind wir damit beschäf­tigt, die gröbs­ten Hin­der­nis­se zu umschif­fen. Nicht erwäh­nen muss ich wohl das Feh­len jeg­li­cher Absi­che­run­gen und die unge­dul­di­gen Süd­afri­ka­ner, die gar nicht ver­ste­hen, war­um wir so lang­sam fah­ren. Dass ihnen unge­üb­te Adven­ture­tou­ris­ten auf wahr­schein­lich nicht gewar­te­ten Moun­tain­bikes ent­ge­gen­rau­schen, scheint sie eben­falls nicht aus ihrem Gleich­mut zu brin­gen.

Und wie kann es anders sein? Wer hat am Schluss den plat­ten Rei­fen? Wir, wir die über­vor­sich­ti­gen Deut­schen … Immer­hin ist es unser fünf­ter plat­te Rei­fen, sodass wir die net­ten Hilfs­an­ge­bo­te groß­zü­gig aus­schla­gen.

Im kolo­nia­len Charme des alt­ehr­wür­di­gen Swart­berg­ho­tels in Prins Albert erho­len wir uns am Pool von dem Schre­cken und las­sen den emp­foh­le­nen „Walk“ zum Was­ser­fall sau­sen. Adre­na­lin und tol­le Aus­bli­cke hat­ten wir für heu­te genug. Auf einer ange­neh­men Teer­stra­ße geht’s zurück in unser Airb­nb.

10.10.2019 Am nächs­ten Mor­gen fah­ren wir zu Süd­afri­kas kleins­tem Natio­nal­park, dem Bun­te­bock­na­tio­nal­park. Er wur­de auf dem Gebiet einer frü­he­ren Pfer­de­renn­stre­cke ein­ge­rich­tet, um eigens ein­ge­rich­tet wur­de, um Bunt­bö­cke, eine hüb­sche, weil klei­ne und mehr­far­bi­ge Anti­lo­pen­art, zu ret­ten. Der dort aus­ge­schil­der­te, sie­ben Kilo­me­ter lan­ge „Aloe-Hill-Trail“ führt uns vor­bei an blü­hen­den Alo­ebäu­men, an alten KhoiKhoi-Sied­lun­gen, an Aus­sichts­punk­ten und ele­gan­ten Cot­ta­ges. Wir sehen Bunt­bö­cke und ande­re Anti­lo­pen, zwei ver­schie­de­ne Schild­krö­ten, knall­ro­te Weber­vö­gel und von Wei­tem Hart­mann-Berg-Zebras.

Wie immer wird es spä­ter als gedacht. Wei­ter geht‘s nach Bar­ry­da­le. Dort habe, so hat­te ich gele­sen, habe das Lit­te Karoo Art Hotel den von Mer­ce­des Benz gespon­ser­ten Publi­kums-Gour­met-Wett­be­werb bereits zum zwei­ten Mal in Fol­ge gewon­nen. Wel­che Küche mögen wohl die Kap­städ­ter?

Wir wis­sen es lei­der immer noch nicht, denn als wir ankom­men, ist die Luncht­i­me vor­bei. Die Rezep­tio­nis­tin schickt uns zu Diesel&Creme um die Ecke. Sie möge die Milch­shakes dort. Gesagt, getan. Wir bie­gen zwei­mal links ab und trau­en unse­ren Augen nicht: Hier sieht es aus, wie auf der Rou­te 66 in den USA. Motor­rä­der, Kunst­hand­werk, Metall­schil­der und jede Men­ge ver­ros­te­ter Tand aus den Fünf­zi­gern. Es gibt Bur­ger und Coun­try-Musik in „Jon­nies Sex Shop“, der mit BHs und Damen-T-Shirts aller Grö­ßen – mit Datum und Unter­schrift – deko­riert ist. Dazwi­schen sitzt Jon­nie mit lan­gem grau­en Bart und eben­so lan­gem Zopf. Auch die Besu­cher – wenn es nicht gera­de deut­sche Tou­ris­ten sind – fah­ren aus­schließ­lich in Old­ti­mertrucks her­um. Hip­pies?, Far­mer?, Aus­län­der?, Drop Outs?

Tat­säch­lich waren die Men­schen in die­ser Gegend, die in ihrer Wei­te und Tro­cken­heit an Texas erin­nert, von Anfang an rebel­lisch: Kaum hat­ten sie von der Nie­der­län­di­schen Ost­in­di­en Kom­pa­gnie (VOC) Land zuge­wie­sen bekom­men, haben sie auch schon den von der Ost­in­di­en­kom­pa­gnie ein­ge­setzt Land­vogt abge­setzt und sich selbst orga­ni­siert – aller­dings nur für ein paar Mona­te, so unser Iwa­now­ski-Rei­se­füh­rer.

Was mir hier beson­ders gefällt, ist die Berg­land­schaft und dass die Häu­ser weni­ger gesi­chert sind und dass die Town­ships hier deut­lich weni­ger krass sind, als in Kap­stadt oder Stel­len­bosch.

Die Men­schen schei­nen Zeit zu haben, Wert auf gutes Essen zu legen und irgend­wie rebel­lisch zu sein. Die gan­ze Gegend erin­nert mich an ein klei­nes Dorf in Gal­li­en …

Befremd­lich sind jedoch die vie­len, vie­len Kir­chen in Oudts­ho­orn, der Hoch­burg der Strau­ßen­far­men. Metho­dis­ten, Zeu­gen Jeho­vas, Luthe­ra­ner, Angli­ka­ner und vie­le ande­re. Der deut­lich gezeig­te Glau­ben schließt einen offen gezeig­ten Ras­sis­mus nicht aus. Bei­spiels­wei­se erba­ten unse­re AirB­nB-Gast­ge­ber in Oudts­ho­orn Got­tes Segen für uns, erklär­ten aber spä­ter beim Abend­essen offen­her­zig, dass sie die Schwar­zen has­sen wür­den.

Wie das zusam­men­geht? Viel­leicht ist das ein Relikt aus Skla­ven­zei­ten? Damals wur­den die Skla­ven nicht mis­sio­niert, weil man ihnen sonst mehr Rech­te hät­te zuge­ste­hen müs­sen. Sind Men­schen mit brau­ner oder schwar­zer Haut­far­be immer noch kei­ne wirk­li­chen Men­schen? Oder stammt der Hass aus den Eck­chen Angst? Unter­stel­len wir „Wei­ßen“ den deut­lich unter­pri­vi­le­gier­ten Far­bi­gen Rache­ge­füh­le? Schließ­lich waren sie einst die Besit­zer die­ses wun­der­schö­nen Lan­des? Jetzt leben sie oft unter unwür­di­ge­ren Umstän­den als irgend­ein Hund in die­sem Land. Die Fra­ge nach Wut und Hass hat­te ich John Phil­mon schon gestellt. Er ver­nein­te Rache­ge­füh­le bei den Men­schen, die er ken­ne, wohl aber hät­ten sie die Hoff­nung, dass es zumin­dest ihre Kin­der ein­mal bes­ser haben soll­ten.

Tat­säch­lich spü­ren wir kei­nen Hass, wenn wir zu Fuß durch Ort­schaf­ten gehen, eher posi­ti­ves Erstau­nen. Häu­fig wird mir auch freund­lich zuge­nickt.

Unse­re AirB­nB-Gast­ge­ber sind nicht die Ein­zi­gen. Seit Tho­mas und ich allein unter­wegs sind, hören wir vie­le Geschich­ten dar­über, wie „die“ das Land kaputt mach­ten, wie unge­recht die Wei­ßen jetzt behan­delt wür­den, wie schlecht „sie“ arbei­ten wür­den … Selbst in Uni­ver­si­täts­krei­sen wird mir erklärt, dass die Apart­heid nicht ganz falsch gewe­sen sei.

9.10. Wei­ter­fahrt über Elim, einer ehe­ma­li­gen Mis­si­ons­sta­ti­on der Herrn­hu­ter Brü­der­ge­mein­de. Noch immer gehört der denk­mals­ge­schütz­te Ort der Gemein­de. Was im Rei­se­füh­rer als hübsch reno­vier­te Sied­lung ange­prie­sen wird, ist auf den ers­ten Blick ein ärm­li­ches, ver­staub­tes Dörf­chen mit Bewoh­nen vie­ler Haut­far­ben und einer über­di­men­sio­nier­ten, wei­ßen Kir­che. Dahin­ter ver­steckt sich ein gepfleg­ter „Bibel­gar­ten“ mit ver­schie­de­nen Bäu­men und Pflan­zen und dazu pas­sen­den Bibel­zi­ta­ten.

Wir gehen das Laby­rinth der Dank­bar­keit ab und ent­de­cken voll Freu­de unzäh­li­ge Vogel­nes­ter mit krei­schen­der Brut und gestress­ten Eltern. Auf den Besuch des größ­ten Holz­was­ser­ads Süd­afri­kas ver­zich­te­ten wir, weil der kal­te Wind den Ort nicht gera­de ein­la­den­der macht. Immer­hin gibt es ein „Roy­al Cafe“, das sich als ver­dreck­ter Krä­mer­la­den her­aus­stellt und ein Muse­um. Wie ent­schei­den uns für das „Muse­um“. Nach­dem uns die älte­re Dame über die Mora­vi­an Church auf­ge­klärt hat, lässt sie uns mit den Expo­na­ten allein. Gedul­dig betrach­ten wir ver­gilb­te Fotos ehe­ma­li­ger Schulabgänger*innen, ver­gan­ge­ner Fes­te und hei­mi­scher Pflan­zen, bis wir auf eine voll­mun­di­ge Zei­tungs­an­kün­di­gung, in Elim wür­de Süd­afri­kas ein­zi­ges Skla­venerin­ne­rungs­denk­mal errich­tet, sto­ßen. Offen­sicht­lich flüch­te­ten sich einst vie­le frei­ge­las­se­ne Skla­ven in die ehe­ma­li­ge Mis­si­ons­sta­ti­on – daher wohl die ver­schie­de­nen Haut­far­ben der meist älte­ren Bewoh­ner. Neu­gie­rig ver­las­sen wir den ver­staub­ten Erin­ne­rungs­platz und machen uns auf die Suche nach die­sem bahn­bre­chen­dem Pro­jekt.

Es stellt sich als Gedenk­stein auf dem Dorf­platz her­aus, der so ein­ge­zäunt ist, dass wir die Inschrift nicht lesen kön­nen. Immer­hin sehen wir statt­des­sen einen Kin­der­gar­ten und lachen­de Frau­en und ver­las­sen die­sen Ort mit einer zwei­ten schö­nen Erin­ne­rung.

Unser Ziel ist Cap Agul­has, der süd­lichs­te Punkt Afri­kas. Am Cap der Stür­me liegt auch ein klei­nes, hüb­sches Dörf­chen, in dem wir uns in einem klei­nen Cafe mit üppi­gem Pie und Tor­te vor dem Wol­ken­bruch ret­ten. Danach gibt es einen schö­nen Strand­spa­zier­gang mit Leucht­turm zum süd­lichs­ten Punkt. Die Gegend erin­nert jedoch weit­aus mehr an einen Spa­zier­gang auf Sylt, denn an Afri­ka.

Nach ein paar Fotos und einem klei­nen Rund­gang, um die dort auf­ge­stell­ten Kunst­wer­ke fah­ren wir wei­ter nach Swel­len­dam, nach Stel­len­bosch Süd­afri­kas dritt­äl­tes­ter Ansied­lung.

Wir über­nach­ten dort in einem Pri­vat­zim­mer und wer­den von einer über­di­men­sio­nier­ten Bibel an der Gar­de­ro­be über­rascht. Ob sie zur Selbst­ver­tei­di­gung gedacht ist? Zum Lesen ist sie jeden­falls viel zu schwer. Sie erin­nert an die Bibeln, die die ers­ten Ein­wan­de­rer auf ihrer Suche nach dem Ort, in dem sie ihren (refor­mier­ten) Glau­ben unge­hin­dert aus­le­ben dür­fen, mit­ge­bracht haben. Das Zim­mer ist vor allem prak­tisch ein­ge­rich­tet – mit einer klei­nen Ter­ras­se und die Restau­rant-Tipps des hage­ren Gast­ge­bers erwei­sen sich als preis­wert im wahrs­ten Sinn des Wor­tes. Wir genie­ßen lang­sam das Rei­sen zu zweit.

8.10. 2019 Wegen einer Sturm­war­nung fal­len alle Boots­aus­flü­ge aus. Wir schlen­dern des­halb den lan­gen Weg um die Bay ent­lang und bewun­dern das auf­ge­wühl­te, glit­zern­de Meer. Neben­ei lesen wir die Info­ta­feln, sich­ten eine Walmut­ter mit Kind und beob­ach­ten eine Rob­be beim Spie­len.

7.10. 2019 Wir packen das Auto, ver­ab­schie­den uns trau­rig von unse­ren Freun­den und brin­gen Juli­an zum Flug­ha­fen. In Kap­stadt schlen­dern wir noch durch die Water­front, dann fah­ren wir zur Betty‘s Bay, um uns dort über die wat­scheln­den Pin­gui­ne, die sich ger­ne unter Autos ver­ste­cken, zu amü­sie­ren. In Her­ma­nos wun­de­re ich mich über die Sau­ber­keit und Ord­nung im wirk­lich preis­wer­ten Back­pa­ckers. Es gibt sogar ein Abend­essen, zube­rei­tet vom Chef. Lei­der läuft das Gespräch etwas aus dem Ruder. Alle, die nicht für die Apart­heid sind, sei­en nichts als Kom­mu­nis­ten. Ich wage es nicht, den Ange­trun­ke­nen offen zu wider­spre­chen und wer­de mich spä­ter sicher dafür schä­men.

6.10.2019 Die stil­len Tage in Stel­len­bosch nei­gen sich ihrem Ende zu. Mei­ne Freun­din und ich unter­neh­men einen letz­ten Spa­zier­gang ins Grü­ne, dann holen Tho­mas und ich unser neu­es Gefährt ab, einen Toyo­ta Corol­la. Spä­ter fah­ren wir mit der Fäh­re nach Rob­ben Island, wo unter vie­len, vie­len ande­ren polit­schen Gefan­ge­nen des Apart­heid­re­gimes auch Nel­son Man­de­la im Stein­bruch arbei­ten muss­te. Ein ehe­ma­li­ger Insas­se führt uns. Noch immer zit­tert er, wenn er von den dra­ko­ni­schen Stra­fen für – bei­spiels­wei­se ver­ges­se­ne Aus­wei­se – erzäh­len muss. Trotz sei­nes Stot­terns und Zögerns erah­ne ich, wie per­fi­de das Regime, das erst mit der Wie­der­ver­ei­ni­gung und dem Ende der Ost-West-Kon­fron­ta­ti­on been­det wur­de, jeg­li­che Soli­da­ri­sie­rung der Nicht-Wei­ßen zu ver­hin­der­te. Jede noch so klei­ne Bevöl­ke­rungs­schicht hat­te ihre eige­nen – meist sinn­frei­en Ver­pflich­tun­gen und Pri­vi­le­gi­en . So bei­spiels­wei­se auch die Gefan­ge­nen: Rober Sobuk­we Leb­te auf Rob­ben Island in einem eige­nen Haus und durf­te Zei­tun­gen lesen und auch Radio hören. Dafür war ihm jeg­li­cher Kon­takt zu ande­ren Men­schen – außer sei­nen Bewa­chern ver­bo­ten.

Nach­dem Rob­ben Island als Gefäng­nis­in­sel auf­ge­löst wor­den war, kamen die ehe­ma­li­gen Häft­lin­ge, die wie Nel­son Man­de­la im Stein­bruch gear­bei­tet hat­ten und leg­ten einen Stein auf die­sen Hau­fen

Nel­son Man­de­la konn­te hin­ge­gen mit ein paar Mit­häft­lin­gen spre­chen. Sie alle aber waren von jeg­li­chen Infor­ma­ti­ons­quel­len abge­schnit­ten und durf­ten nur alle sechs Mona­te Besuch von der engs­ten Fami­lie emp­fan­gen. Die­se Gesprä­che wur­den selbst­ver­ständ­lich mit­ge­hört.

Im Gefäng­nis sind Info­ta­feln auf­ge­stellt. Doch lei­der reicht die Zeit nicht, auch nur ein paar von ihnen zu stu­die­ren. Zudem lief wäh­rend der Über­fahrt zur Insel statt Infos über die Apart­heid und den Kampf gegen sie, ein Film, der alle teu­ren tou­ris­ti­schen High­lights Süd­afri­kas zeig­te. Die Besat­zung begrüß­te uns dann noch mit einem „Enjoy the trip“. So fällt unser Gesamt-Urteil beim Abschieds­es­sen in einem lecke­ren per­si­schen Restau­rant in Stel­len­bosch doch eher ver­hal­ten aus.

1.10.2019

1.10.2019 Youth Solu­ti­ons Afri­ca ist eine Orga­ni­sa­ti­on, die der Theo­lo­ge Pater John Phil­mon in Kap­stadt ins Leben geru­fen hat. Sein Ziel ist es, Men­schen, die auf der Stra­ße leben, wie­der in die Gesell­schaft, in die Fami­li­en zu inte­grie­ren. John Phil­mon, der selbst unter ärm­lichs­ten Bedin­gun­gen auf­ge­wach­sen ist, setzt dabei vor allem auf (Weiter-)Bildung. Wis­sen ist der Weg aus der Armut, die den Grund­stein für eine spä­te­re Obdach­lo­sig­keit legt.

Bil­dung: Bald wird er zwei Kin­der­gär­ten in Town­ships errich­tet haben. Dort sol­len die Kin­der neu­gie­rig auf Wis­sen wer­den, denn die Schul­ab­bruch­quo­te in den Town­ships ist sehr hoch. Auch er hat­te einst die Schu­le ver­las­sen, um mög­lichst früh arbei­ten gehen zu kön­nen. Aller­dings hat er spä­ter auf der Abend­schu­le sei­nen Abschluss nach­ge­holt.

Bil­dung II: Youth Solu­ti­ons Afri­ca unter­hält eine Sup­pen­kü­che, damit die Kin­der aus den Town­ships mit­tags eine war­me Mahl­zeit und die Gele­gen­heit zum Ler­nen und Sich-Aus­spre­chen erhal­ten.  Sozi­al­ar­bei­ter sind vor Ort und ver­su­chen mit den Kin­dern und Jugend­li­chen, aber auch mit deren Vätern, Müt­tern, Groß­el­tern ins Gespräch zu kom­men. Sein Ziel ist es, sie davon zu über­zeu­gen, Hil­fe anzu­neh­men.

Bil­dung III: John Phil­mon hat eine Unter­kunft für Obdach­lo­se errich­tet. Hier dür­fen 75 Men­schen so lan­ge woh­nen und ler­nen, bis sie ihr Leben wie­der voll­stän­dig im Griff haben.

Um all die­se Ein­rich­tun­gen unter­hal­ten zu kön­nen, ist Pater John Phil­mon natür­lich auf Spen­den ange­wie­sen. Er kommt des­halb regel­mä­ßig ins Gym­na­si­um Kirch­heim. Wir haben unse­re Zeit in Kap­stadt dazu genutzt, Pater Phil­mons Pro­jek­te zu besu­chen:

Die Unter­kunft wur­de vor sechs Jah­ren gegrün­det. Er zeigt auf die vie­len Zer­ti­fi­ka­te von Stadt, Steu­er­be­hör­den, Was­ser­ver­sor­gung und ande­ren, die bewei­sen, dass sein Pro­jekt auch behörd­lich als Hilfs­pro­jekt aner­kannt ist.

Wir sind sehr stolz, dass wir das geschafft haben”, freut er sich, obwohl die Zusam­men­ar­beit mit den Behör­den viel Zeit und Res­sour­cen frisst. Aber es ist wich­tig, um auch auf poli­ti­scher Ebe­ne eine Bre­sche für die Aus­ge­sto­ße­nen der Gesell­schaft zu bre­chen. Zum Bei­spiel habe das Stadt­par­la­ment von Kap­stadt, das von der Demo­cra­tic Alli­an­ce (DA), der Par­tei der Wei­ßen domi­niert ist, dras­ti­sche Geld­stra­fen beschlos­sen, um die Obdach­lo­sig­keit aus den Augen der Öffent­lich­keit zu ver­drän­gen. Wer die­se Geld­stra­fen nicht zah­len kann, wan­dert ins Gefäng­nis. “Wir den­ken, das ist der fal­sche Weg” sagt John, des­we­gen betei­li­gen wir uns an den Demons­tra­tio­nen gegen die­se Rege­lung, die es den vie­len Obdach­lo­sen nur noch schwe­rer macht.

75 Bet­ten hat der “shel­ter” (die Obdach­lo­sen­un­ter­kunft), der unter einer Auto­bahn­brü­cke mit­ten im District 6 liegt, dem Teil im Her­zen der Stadt, in dem vor der Poli­tik der Apart­heid die ver­schie­de­nen Bevöl­ke­rungs­grup­pen fried­lich mit­ein­an­der gelebt hat­ten.

John stellt uns den bei­den Sozi­al­ar­bei­te­rin­nen vor, die ange­stellt sind, um zusam­men mit den

Von links nach rechts: Jen­ny hat heu­te ihren ers­ten Tag, Moni­ka ist auf den Tag drei Jah­re dabei.

Obdach­lo­sen deren viel­fäl­ti­ge Pro­ble­me anzu­ge­hen. Jen­ny hat heu­te ihren ers­ten Tag und Moni­ca ist auf den Tag schon drei Jah­re dabei. Sie liebt ihre Arbeit mit den Aus­ge­sto­ße­nen der Gesell­schaft. Sie führt uns durch die Unter­kunft.

Wir dür­fen Küche, Wasch­räu­me und Toi­let­ten sehen und wer­den auch durch die fünf Schlaf­räu­me geführt. Es gibt zwei für Frau­en und drei für Män­ner. Alles ist sehr ein­fach, aber prak­tisch ein­ge­rich­tet. In den klei­ne­ren Räu­men wirkt es sogar auch auf uns gemüt­lich. Nur im gro­ßen Schlaf­raum für 30 Män­ner möch­te man nicht unbe­dingt län­ger blei­ben müs­sen. Trotz­dem ist alles sehr sau­ber und ordent­lich auf­ge­räumt. Auf den Bet­ten lie­gen Kuschel­tie­re – an den Wän­den hän­gen fre­che Sprü­che.

Wir tref­fen die Bewoh­ner. Es sind Men­schen zwi­schen 30 und 80. Alle Haut­far­ben sind ver­tre­ten. Pedro ein “Colo­red” (far­bi­ger) Bewoh­ner hat por­tu­gie­si­sche Wur­zeln und arbei­tet am Com­pu­ter. Ob es hier Inter­net gäbe fra­ge ich. “Nein lei­der nicht”, nur gegen­über sei ein Cafe bei dem man gele­gent­lich online gehen kön­ne. Pedro erzählt uns, dass er “visu­al com­pu­ter design” stu­diert und er froh ist, mit Johns Hil­fe, von den Dro­gen weg­ge­kom­men zu sein. Er habe erkannt, die schäd­lichs­ten Wor­te sei­en “could have, should have, would have”.

Dro­gen sind ein Rie­sen­pro­blem” erzählt John spä­ter, als wir in sein Büro geführt wer­den. “Egal ob Alko­hol, Mari­hua­na oder Crys­tal Meth, sobald Dro­gen ins Spiel kom­men, wird das Leben für die Men­schen schwer. Aber es sind gera­de die schwe­ren Fäl­le, derer wir uns anneh­men”, erzählt er wei­ter und sei­ne Augen fan­gen an zu leuch­ten. “Immer wie­der kam bei­spiels­wei­se ein Mann, der 28 Jah­re auf der Stra­ße gelebt hat. Er woll­te unse­re Hil­fe und wir haben ihn auf­ge­nom­men. Aber es war sehr schwer, da er gewohnt war, allein auf har­tem Boden zu schla­fen, muss­ten wir ihn erst lang­sam an eine Matrat­ze und das Schla­fen in dem Gemein­schafts­räu­men mit Ande­ren gewöh­nen.”

Die­ses Ein­ge­hen auf die spe­zi­el­len Bedürf­nis­se der Hil­fe­su­chen­den, sieht er als die Haupt­auf­ga­be der Mit­ar­bei­ter im Shel­ter an. “Jeden Tag schrei­ben wir Berich­te dar­über, wel­che Zie­le sich der Bewoh­ner setzt und wie er dabei unter­stützt wer­den kann. Manch­mal geht es um Papie­re, dann wie­der um Arbeits­su­che, um Ent­zug oder um Wie­der­an­nä­he­rung an die Fami­lie, oder ein­fach nur dar­um, ärzt­li­che Hil­fe anzu­neh­men und die Gesell­schaft ande­rer Men­schen ertra­gen zu kön­nen.

Genau, so ist es” bestä­tigt John, “den gro­ßen Rest kön­nen wir nur über Spen­den decken. Das Gym­na­si­um Kirich­heim gehört zu unse­ren zuver­läs­sigs­ten Unter­stüt­zern, wir sind dar­über sehr dank­bar.” ergänzt er.

Wie sich die Unter­kunft finan­zie­re, fra­gen wir. “Die Regie­rung unter­stützt uns mit 17 Rand pro Per­son pro Tag aber nur für 40 Leu­te” erzählt John, und fragt ob wir uns vor­stel­len kön­nen, wie viel das ist. Das wäre etwas mehr als ein Euro stel­len wir schnell fest und da die Prei­se in Kap­stadt fast auf euro­päi­schem Niveau lie­gen, kann man damit viel­leicht ein Früh­stück orga­ni­sie­ren, aber nicht für 75 Bewoh­ner.

Er sei doch Pas­tor, fra­gen wir. Wel­che Rol­le spie­le die Reli­gi­on bei sei­ner Arbeit? “Bei unse­rer täg­li­chen Arbeit hilft Reli­gi­on nicht” ant­wor­tet er, lei­der gäbe es zu vie­le kirch­li­che Pro­jek­te, die auf Mit­leid, nicht aber auf Hil­fe zur Selbst­hil­fe auf­ge­baut sei­en. Des­we­gen habe er die­ses Pro­jekt außer­halb von insti­tu­tio­nel­len Geld­ge­bern auf­ge­baut. “Sonn­tags gebe ich einen Got­tes­dienst mit Musik”, sagt er, die­se Got­tes­diens­te wür­den auch von sei­ner Fami­lie und ande­ren Men­schen aus der Umge­bung besucht. Dafür feie­re er den Got­tes­dienst, um mit Men­schen ins Gespräch zu kom­men, um deren Nöte und Anlie­gen zu ver­ste­hen und die Anlie­gen und Nöte sei­ner Schütz­lin­ge eine Öffent­lich­keit zu geben.

Ins­tead giving peop­le a fish, you should tell them how to catch fish”, sei ein chi­ne­si­sche Sprich­wort, das ihn moti­vie­re.

Wie ist es denn mit der Musik?”, fra­gen wir, schließ­lich ist John im Gym­na­si­um Kirch­heim auch für sei­ne musi­ka­li­schen Auf­trit­te bekannt. “Ich bin kein guter Musi­ker”, sagt er mit selbst­kri­ti­schem Grin­sen. “Aber es macht mir Spaß, mit Freun­den zu sin­gen. Am bes­ten ist es, weil wir dadurch immer etwas für unse­re Arbeit ein­neh­men.”

Zum Abschluss haben wir nur noch eine Fra­ge: “Seit du dei­ne Arbeit machst, hat sich in Afri­ka viel ver­än­dert. Zum Posi­ti­ven, wie wir mei­nen. Was ist dei­ne Mei­nung? Was macht Afri­ka stark?”

Ja, es hat sich viel ver­än­dert, aber noch lau­fen vie­le Din­ge nicht rich­tig. Was mich freut und ermu­tigt ist, dass die Men­schen hier dar­an glau­ben, das Rich­ti­ge zu tun. Man muss ‘con­sis­tent’ sein, die Din­ge immer wei­ter vor­an trei­ben, damit sich etwas ändert … Wir brau­chen dazu auch Vor­bil­der, Men­schen die etwas bewe­gen und zu denen wir auf­bli­cken kön­nen .” John spricht bewegt und sei­ne Augen glän­zen, als er uns zum Abschluss erzählt, wie er mit dem Ein­ver­ständ­nis sei­ner Fami­lie einen siche­ren Beruf auf­ge­ge­ben hat, um die­se Orga­ni­sa­ti­on ins Leben zu rufen. “Als ich da im 15. Stock saß und auf die Stra­ße blick­te und einen klei­nen Jun­gen bet­teln sah, da wuss­te ich, dass ich eine ande­re Arbeit brau­che, dass ich dort­hin auf die Stra­ße gehö­re, weil ich mich in ihm wie­der­erkann­te.”

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