Südafrika: Springbok bis Karredouw

25.9.2019 Unser heu­ti­ges Ziel ist Nama­qa­land, wo sich jetzt im Früh­jahr ein Blü­ten­meer ergie­ßen soll. Doch lei­der stel­len wir in Sprin­bok fest, dass ein Rei­fen platt ist. Spring­bok ist ein klei­ner Ort, aber nach Nami­bia bekom­me ich fast einen Herz­in­farkt, so viel ist hier los. Über­all gibt es Geschäf­te, Wer­bung, sofort ist jemand da, um uns zu hel­fen. Fast nur far­bi­ge Men­schen sind auf der Stra­ße und ich sor­ge mich wie­der. Was wer­den die­se Men­schen mit unse­rem Auto machen?

Sie haben den kaput­ten Rei­fen in fünf Minu­ten gewech­selt und ver­lan­gen dafür nur 50 Rand – 13 Euro. Um den kaput­ten Rei­fen wie­der repa­riert zu bekom­men, müs­sen wir aber um die Ecke zu einem ande­ren Geschäft fah­ren, das ver­langt der Auto­ver­mie­ter. Des­sen Besit­zer dia­gnos­ti­ziert den Rei­fen als unre­pa­rier­bar. Will er uns einen neu­en Rei­fen andre­hen? Ich sor­ge mich wie­der. Doch Tho­mas lässt den Besit­zer mit dem Auto­ver­mie­ter dis­ku­tie­ren – und wir machen uns auf, um eine Inter­net- und Tele­fon­kar­te für Süd­afri­ka zu besor­gen. Wir wer­den in eine Art Kauf­hof geschickt. Das Ange­bot in dem hel­len, kli­ma­ti­sier­ten Geschäft über­for­dert mich: – muss­ten wir in Nami­bia maxi­mal zwi­schen zwei  ähn­li­chen Ange­bo­ten ent­schei­den, ste­hen hier min­des­tens 5 Ange­bo­te: Coke Zero, Coke-Zucker, Coke .… Was für ein Ent­schei­dungs­stress! Immer­hin kön­nen wir uns auf MTN als Pro­vi­der ent­schei­den. Kur­ze Zeit spä­ter ist unser Auto auch wie­der heil. Aller­dings, wo ist eine Rad­kap­pe geblie­ben? Beim Rei­fen­wech­sel? In der Shop­ping­mall, wo zwei Jun­gen auf unser Auto “auf­pass­ten”? Beim Rei­fen­re­pa­ra­teur? Wir haben kei­ne Zeit, uns dar­um zu küm­mern, denn der Natio­nal­park schließt gleich.

26.9.2019 Mit drei Autos ist der über­sicht­li­che Cam­ping­platz für unse­ren Geschmack nahe­zu voll. Und? Wir alle tref­fen uns alle auf einem der fünf abwechs­lungs­rei­chen Wan­de­run­gen durch den Natio­nal­park wie­der. In die­sem Land müs­sen wir anste­hen, um wei­ter zu kom­men! Die zwei jun­gen deut­schen Frau­en sind eben­falls scho­ckiert. In Nami­bia hat­ten sie zwei Wochen kei­ne ande­ren Tou­ris­ten getrof­fen – und jetzt gleich 7 auf einen Streich!

Lei­der gibt es wider Erwar­ten kaum Blu­men. Auch Nama­qua­land, wie ganz Süd­afri­ka, lei­det unter einer unge­wöhn­li­chen Tro­cken­heit. So ist es hier zwar ein biss­chen grü­ner als in Nami­bia, doch weit ent­fernt von bunt, wie noch eini­ge Jah­re zuvor. Wir fah­ren wei­ter Rich­tung Süden, wo es von mal zu mal grü­ner wird. Wir über­nach­ten in der High­lan­der Camp­si­te, einem win­zi­gen Wein­gut. Hier in der Gegend wer­den all die saf­ti­gen Zitrus­früch­te gezo­gen, die als Kap-Oran­gen auf dem Vik­tua­li­en­markt lan­den.

27.9.2019 Es geht wei­ter nach Clan­wil­liam und von dort in die Ceder­moun­tains, die Zedern­ber­ge. Ein span­nen­der Auf­stieg zu einem Was­ser­fall war­tet auf uns. Es ist heiß – und ich klap­pe bei dem ein­stün­di­gen Marsch bei­na­he zusam­men. Wie ich wohl auf den Baviaans Cami­no über­ste­hen wer­de? Seit Clan­wil­liams wird es immer grü­ner. Es gibt sogar Flüs­se und Kühe! Noch knapp zwei Stun­den und wir errei­chen Stel­len­bosch und unse­re Freun­de – eine ganz ande­re Welt.

28.9.2019 Wir genie­ßen das Zusam­men­sein mit unse­ren Freun­den, den Luxus eines Hau­ses und legen eine Rei­se­pau­se ein. Am Abend fei­ern wir diver­se Geburts­ta­ge auf Jor­dans Wein­gut nach. Uns emp­fängt eine unglaub­li­che Aus­sicht – als läge uns ganz Stel­len­bosch zu Füßen – ein Wein, bei dem auf Sul­fur­zu­satz ver­zich­tet wird und ein Fest­essen, das von einem Spit­zen­koch vor unse­ren Augen zube­rei­tet wird. Die kon­zen­trier­te Arbeits­freu­de der jun­gen Sou­kö­che kann aber nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass aus­schließ­lich Hell­häu­ti­ge an de Tischen sit­zen und den Luxus des Müßig­gangs genie­ßen, wäh­rend Dun­kel­häu­ti­ge in Küche und Ser­vice zu sehen sind. Dass die kapi­ta­lis­ti­sche Art der Ras­sen­tren­nung die Regel und nicht die Aus­nah­me im Wes­tern Cape ist, wer­den wir in den kom­men­den Tagen ler­nen.

29.10.2019 Wir besu­chen das hüb­sche, kolo­nia­le Zen­trum Stel­len­boschs. Durch den Besuch des Stadt-Muse­ums erfah­ren wir viel über die Bru­ta­li­tät der Skla­ven­zeit – und bemer­ken, dass vie­le Skla­ven-Geset­ze in den Zei­ten der Apart­heid wie­der­be­lebt wur­den. Ein­zi­ge Aus­nah­me: Damals war Lie­be und Ehe zwi­schen den Ras­sen akzep­tiert – es gab ja so gut wie kei­ne unver­hei­ra­te­te wei­ße Frau.

30.9.2019 Wir genie­ßen den tou­ris­ti­schen Müßig­gang, wan­dern auf den Stel­len­bosch Moun­tain, ler­nen den Fyn­bosch ken­nen, des­sen Arten­viel­falt Bota­ni­kerher­zen höher schla­gen lässt. Wir erfreu­en uns an den gro­ßen, aus­drucks­vol­len Blü­ten der Pro­tea, die ein biss­chen wie Ana­nas-Zap­fen aus­se­hen und bei uns so man­chen exo­ti­schen Blu­men­strauß zie­ren. Wir fin­den geni­al ange­leg­te Moun­tain­bike­stre­cken – erken­nen, dass vie­le Süd­afri­ka­ner wirk­lich sehr sport­lich sind.

1.10.2019 Wir fah­ren nach Kap­stadt und besu­chen ein sozia­les Pro­jekt, das von unse­rem ört­li­chen Gym­na­si­um unter­stützt wird. Hier ein Bericht über Youth solu­ti­ons Afri­ca. Danach besu­chen wir die Fes­tung, von der aus die Kolo­ni­sie­rung Süd­afri­kas statt­ge­fun­den hat.

2.10.2019 Wir ler­nen die Stel­len­bosch Uni­ver­si­tät ken­nen. Mei­ne Freun­din nimmt mich mit zu ihrem Semi­nar. :))) Wie schön! Einst hat­te ich mit ihr die Uni­bank geteilt, jetzt ist sie mei­ne Dozen­tin! Den Teilnehmer*innen gefällt das Semi­nar – und ich ler­ne viel über Stil­mit­tel im moder­nen Film. Anschlie­ßend gibt es für alle eine Füh­rung über das hel­le, freund­li­che Unige­län­de. Den­noch. Auch hier wur­den die Schat­ten der Ver­gan­gen­heit nur schnell über­tüncht. Die­se Gebäu­de dien­ten einst als Kader­schmie­de für die Vor­den­ker der Apart­heids­po­li­tik. Danach ein Besuch in Stel­len­boschs bota­ni­schem Gar­ten – ein klei­nes Juwel für die Stu­den­ten! Man kann hier sehen, füh­len, rie­chen, dass die Gegend extrem frucht­bar ist. Auch der wach­sen­de Ein­fluss Chi­nas – nicht nur auf Süd­afri­ka – zeigt sich hier im Klei­nen: Es gibt eine gro­ße Bon­sai-Abtei­lung im Bota­ni­schen Gar­ten. Alle Bon­sais sind sogar hei­mi­sche Bäu­me! An der Uni­ver­si­tät wird neben Deutsch auch Chi­ne­sisch als moder­ne for­eign lan­guage ange­bo­ten, deren Beherr­schung für einen guten Abschluss not­wen­dig ist. Der Chi­ne­sisch-Bereich ist im Gegen­satz zum deut­schen Bereich, bes­tens aus­ge­stat­tet, berich­tet mei­ne Freun­din.

3.10.2019 Heu­te besu­chen wir eine der Höhe­punk­te des soge­nann­ten Wes­tern Capes, des Bereichs rund um Kap­stadt, der zual­ler­erst besie­delt wur­de. Wir fah­ren durch die Kaphalb­in­sel zum Kap der Guten Hoff­nung. Uns begeg­nen Men­schen lee­re Strän­de, kal­tes Was­ser – sehr erfri­schend zum Baden – jede Men­ge Sur­fer und die ers­te Pin­guin­ko­lo­nie. In der Nähe des Kaps war­ten Pavia­ne mit Babies auf den par­ken­den Autos. Ob doch viel­leicht etwas für uns abfällt? Doch die Tou­ris­ten sind gewarnt. Pavia­ne kön­nen aggres­si­ve Pla­ge­geis­ter wer­den. Die Wan­de­rung vom Park­platz am Cape Point zum Foto­ter­min am Kap der guten Hoff­nung ist schwie­ri­ger und dau­ert län­ger als gedacht. Dafür ist sie wirk­lich abwechs­lungs­reich mit vie­len tol­len Aus­sich­ten auf das tosen­de Meer. An der Oli­fants Bay sich­ten wir Anti­lo­pen und Strau­ßen­kin­der. Auf dem Rück­weg über den Chapman‘s Dri­ve sit­ze ich am Steu­er. Mei­ne Män­ner kön­nen die atem­be­rau­ben­de Sicht auf ein­sa­me Buch­ten und schäu­men­de Wel­len­kro­nen lei­der nicht genie­ßen, zu sehr sind sie damit beschäf­tigt, die engen Kur­ven mit­zu­fah­ren und auf­zu­pas­sen, wann mir wie­der ein lebens­mü­der Moun­tain­bi­ker fron­tal ent­ge­gen­rast.

4.10. 2019 Tho­mas und ich fah­ren allein nach Kap­stadt, um mir eine Reit­ho­se ein­zu­kau­fen. Die wer­de ich auf dem Baviaans Cami­no brau­chen. Es geht schnel­ler als gedacht, denn die ange­bo­te­ne Hose ist kräf­tig redu­ziert und passt. Wir fah­ren also noch zur neu errich­te­ten Water­front und besu­chen das Zeitz-Moc­ca – das Muse­um für afri­ka­ni­sche Gegen­warts­kunst. Allein das Gebäu­de ist einen Besuch wert. Es zeigt die gelun­ge­ne Umwid­mung eines Indus­trie­baus (Korn­si­los) in einen Reprä­sen­ta­ti­ons­bau mit vie­len über­ra­schen­den Durch­sich­ten. Gera­de läuft eine Aus­stel­lung der Wer­ke von Wil­liam Ken­tridge, der sich in Vide­os, Zeich­nun­gen, Wand­tep­pi­chen und Instal­la­tio­nen mit der Unge­rech­tig­keit, den Aus­wir­kun­gen der kolo­nia­len Ver­gan­gen­heit auf die heu­ti­ge Gesell­schaft und mit den inne­ren Maß­stä­ben unse­res wei­ßen Den­kens aus­ein­an­der­setzt.

Den Abend ver­brin­gen wir wie­der in Stel­len­bosch beim Wine­tas­ting mit den Freun­den. Dies­mal sind wir auf dem pri­va­ten Wein­gut des deut­schen Strumpf­her­stel­lers Peter Fal­ke. Hier wirkt alles inti­mer, aber eben­falls schön ange­legt, wie Jour­dans. Ich ler­ne, dass Peter Fal­ke nicht der ein­zi­ge deut­sche Unter­neh­mer ist, der ein Wein­gut in Stel­len­bosch sein eigen nennt. Wein­gü­ter sind hier übri­gens viel, viel grö­ßer als in Deutsch­land. Trotz­dem bleibt der gute Wein im Land – der Rest geht nach Deutsch­land und den Rest der Welt.

5.10.2019 Heu­te besu­chen wir Kap­stadts berühm­ten Bota­ni­schen Gar­ten „Kirs­ten­bosch“. Nicht nur die Fül­le der blü­hen­den Pflan­zen gefällt uns, son­dern die vie­len klei­nen The­men­gär­ten und Wege. So ler­nen wir in kur­zer Zeit viel über die hei­mi­schen Pflan­zen, was uns auf der Wan­de­rung einen gro­ßen Vor­teil ein­brin­gen wird. Aller­dings wol­len wir nicht all­zu viel Zeit in die­sem klei­nen Para­dies ver­brin­gen, das auch von vie­len Süd­afri­ka­nern jeg­li­cher Haut­far­be geschätzt wird, unser eigent­li­ches Ziel ist der Gip­fel des Tafel­bergs. Wir durch­que­ren also den Bota­ni­schen Gar­ten und wan­dern mit vie­len ande­ren jun­gen Men­schen einen Was­ser­fall hin­auf. Es gibt zwar manch­mal klei­ne Staus, dafür glu­ckert es über­all und wir wan­dern im Schat­ten. Oben auf dem Pla­teau ange­kom­men, eröff­net sich ein so wun­der­ba­res Rundum­pan­ora­ma, dass wir die Anstren­gung nicht mehr wahr­neh­men. Zudem weht bestän­dig ein küh­ler Wind. Wir hat­ten schlos­sen, die Bahn zurück­zu­neh­men, weil sie eben­falls unglaub­li­che Bli­cke ver­spricht. Was wir aller­dings nicht wis­sen: aus­ge­rech­net an dem Tag fei­ert die Bahn ihren 90. Geburts­tag, Wir ste­hen also so lan­ge an, dass wir längst unten gewe­sen wären, wären wir zu Fuß gegan­gen, oder hät­ten wir uns abge­seilt, wie es dort ange­prie­sen ist. Die Abfahrt ist trotz­dem ein unver­gess­li­ches Erleb­nis, weil sich die Kabi­ne wäh­rend der Fahrt um 360 Grad dreht. So sitzt jeder ein­mal in der ers­ten Rei­he. Auf unser Rück­fahrt zum Kirs­ten­bosch mit dem Uber-Taxi stel­le ich fest, dass Kap­stadt viel, sehr grü­ne, schö­ne und rei­che Ecken hat. In einem per­si­schen Restau­rant in Stel­len­bosch fei­ern wir den bevor­ste­hen­den Abschied – und zum ers­ten und letz­ten Mal im Wes­tern Cape sehe ich, dass Wei­ße und Dun­kel­häu­ti­ge gemein­sam im Ser­vice arbei­ten.

6.10.2019 Die stil­len Tage in Stel­len­bosch nei­gen sich ihrem Ende zu. Mei­ne Freun­din und ich unter­neh­men einen letz­ten Spa­zier­gang ins Grü­ne, dann holen Tho­mas und ich unser neu­es Gefährt ab, einen Toyo­ta Corol­la – ohne Dach­zelt. Spä­ter fah­ren wir mit der Fäh­re nach Rob­ben Island, wo unter vie­len ande­ren poli­ti­schen Gefan­ge­nen des Apart­heid­re­gimes auch Nel­son Man­de­la im Stein­bruch arbei­ten muss­te. Ein ehe­ma­li­ger Insas­se führt uns. Noch immer zit­tert er, wenn er von den dra­ko­ni­schen Stra­fen für – bei­spiels­wei­se ver­ges­se­ne Aus­wei­se – erzäh­len muss. Anhand sei­nes Stot­terns und Zögerns erah­ne ich, wie trau­ma­ti­sie­rend das Gefäng­nis gewe­sen sein muss, weil das Regime, das erst lan­ge nach dem Ende der Ost-West-Kon­fron­ta­ti­on been­det wur­de, jeg­li­che Soli­da­ri­sie­rung der Nicht-Wei­ßen zu ver­hin­dern such­te. Ganz nach dem Mot­to tei­le und herr­sche, hat­te jede noch so klei­ne Bevöl­ke­rungs­schicht ihre eige­nen Ver­pflich­tun­gen und Schein-Pri­vi­le­gi­en. So auch die Gefan­ge­nen: Robert Sobuk­we leb­te auf Rob­ben Island in einem eige­nen Haus und durf­te Zei­tun­gen lesen und auch Radio hören. Dafür war ihm jeg­li­cher Kon­takt zu ande­ren Men­schen – außer sei­nen Bewa­chern ver­bo­ten.

Nach­dem Rob­ben Island als Gefäng­nis­in­sel auf­ge­löst wor­den war, kamen ehe­ma­li­ge Häft­lin­ge, die wie Nel­son Man­de­la im Stein­bruch gear­bei­tet hat­ten und leg­ten je einen Stein auf die­sen Hau­fen

Nel­son Man­de­la konn­te hin­ge­gen mit ein paar Mit­häft­lin­gen sowie ein­mal mit einem Jour­na­lis­ten spre­chen. Dafür waren alle von Infor­ma­ti­ons­quel­len abge­schnit­ten und durf­ten nur alle sechs Mona­te Besuch von der engs­ten Fami­lie emp­fan­gen. Die­se Gesprä­che wur­den dann selbst­ver­ständ­lich mit­ge­hört und muss­ten des­halb auf einer Wei­ßen-Spra­che geführt wer­den.

Im Gefäng­nis sind Info­ta­feln auf­ge­stellt. Doch lei­der reicht die Zeit nicht, auch nur ein paar von ihnen zu stu­die­ren. Zudem lief wäh­rend der Über­fahrt zur Insel statt Infos über die Apart­heid und den Kampf gegen sie, ein Film, der alle teu­ren tou­ris­ti­schen High­lights Süd­afri­kas zeig­te. Die Besat­zung begrüß­te uns dann noch mit einem „Enjoy the trip“. So fällt unser Gesamt-Urteil beim Abschieds­es­sen in einem lecke­ren per­si­schen Restau­rant in Stel­len­bosch doch eher ver­hal­ten aus.

7.10. 2019 Wir packen das Auto, ver­ab­schie­den uns trau­rig von unse­ren Freun­den und brin­gen Juli­an zum Flug­ha­fen. In Kap­stadt schlen­dern wir noch durch die Water­front, dann fah­ren wir zur Betty‘s Bay, um uns dort über die wat­scheln­den Pin­gui­ne, die sich ger­ne unter Autos ver­ste­cken, zu amü­sie­ren.

In Her­ma­nos wun­de­re ich mich über die Sau­ber­keit und Ord­nung im wirk­lich preis­wer­ten Back­pa­ckers. Es gibt sogar ein Abend­essen, zube­rei­tet vom Chef. Lei­der läuft das Gespräch etwas aus dem Ruder. Alle, die nicht für die Apart­heid sind, sei­en nichts als Kom­mu­nis­ten. Ich wage es nicht, den Ange­trun­ke­nen offen zu wider­spre­chen und wer­de mich spä­ter sicher dafür schä­men.

8.10. 2019 Wegen einer Sturm­war­nung fal­len alle Boots­aus­flü­ge aus. Wir schlen­dern des­halb den lan­gen Weg um die Bay ent­lang und bewun­dern das auf­ge­wühl­te, glit­zern­de Meer. Neben­bei lesen wir die Info­ta­feln, sich­ten eine Walmut­ter mit Kind und beob­ach­ten eine Rob­be beim Spie­len.

09.10. Wei­ter­fahrt über Elim, einer ehe­ma­li­gen Mis­si­ons­sta­ti­on der Herrn­hu­ter Brü­der­ge­mei­ne. Noch immer gehört der denk­mal­ge­schütz­te Ort der Gemein­de. Was im Rei­se­füh­rer als hübsch reno­vier­te Sied­lung ange­prie­sen wird, ist auf den ers­ten Blick ein ärm­li­ches, ver­staub­tes Dörf­chen mit Bewoh­nern vie­ler Haut­far­ben und einer über­di­men­sio­nier­ten, wei­ßen Kir­che. Dahin­ter ver­steckt sich ein gepfleg­ter „Bibel­gar­ten“ mit ver­schie­de­nen Bäu­men und Pflan­zen und dazu pas­sen­den Bibel­zi­ta­ten.

Wir gehen das Laby­rinth der Dank­bar­keit ab und ent­de­cken voll Freu­de unzäh­li­ge Vogel­nes­ter mit krei­schen­der Brut und gestress­ten Eltern. Auf den Besuch des größ­ten Holz­was­ser­ads Süd­afri­kas ver­zich­te­ten wir, weil der kal­te Wind den Ort nicht gera­de ein­la­den­der macht. Immer­hin gibt es ein „Roy­al Cafe“, das sich als ver­dreck­ter Krä­mer­la­den her­aus­stellt und ein Muse­um. Wie ent­schei­den uns für das „Muse­um“. Nach­dem uns die älte­re Dame über die Mora­vi­an Church auf­ge­klärt hat, lässt sie uns mit den Expo­na­ten allein. Gedul­dig betrach­ten wir ver­gilb­te Fotos ehe­ma­li­ger Schulabgänger*innen, ver­gan­ge­ner Fes­te und hei­mi­scher Pflan­zen, bis wir auf eine voll­mun­di­ge Zei­tungs­an­kün­di­gung, in Elim wür­de Süd­afri­kas ein­zi­ges Skla­venerin­ne­rungs­denk­mal errich­tet, sto­ßen. Offen­sicht­lich flüch­te­ten sich einst vie­le frei­ge­las­se­ne Skla­ven in die ehe­ma­li­ge Mis­si­ons­sta­ti­on – daher wohl die ver­schie­de­nen Haut­far­ben der meist älte­ren Bewoh­ner. Neu­gie­rig ver­las­sen wir den ver­staub­ten Erin­ne­rungs­platz und machen uns auf die Suche nach die­sem bahn­bre­chen­dem Pro­jekt.

Es stellt sich als Gedenk­stein auf dem Dorf­platz her­aus, der so ein­ge­zäunt ist, dass wir die Inschrift nicht lesen kön­nen. Immer­hin sehen wir statt­des­sen einen Kin­der­gar­ten und lachen­de Frau­en und ver­las­sen die­sen Ort mit einer zwei­ten schö­nen Erin­ne­rung.

Unser Ziel ist Cap Agul­has, der süd­lichs­te Punkt Afri­kas. Am Cap der Stür­me liegt auch ein klei­nes, hüb­sches Dörf­chen, in dem wir uns in einem klei­nen Cafe mit üppi­gem Pie und Tor­te vor dem Wol­ken­bruch ret­ten. Danach gibt es einen schö­nen Strand­spa­zier­gang mit Leucht­turm zum süd­lichs­ten Punkt. Die Gegend erin­nert jedoch weit­aus mehr an einen Spa­zier­gang auf Sylt, denn an Afri­ka.

Nach ein paar Fotos und einem klei­nen Rund­gang, um die dort auf­ge­stell­ten Kunst­wer­ke fah­ren wir wei­ter nach Swel­len­dam, nach Stel­len­bosch Süd­afri­kas dritt­äl­tes­ter Ansied­lung.

Wir über­nach­ten dort in einem Pri­vat­zim­mer und wer­den von einer über­di­men­sio­nier­ten Bibel an der Gar­de­ro­be über­rascht. Sie erin­nert an die Bibeln, die die ers­ten Ein­wan­de­rer auf ihrer Suche nach dem Ort, in dem sie ihren (refor­mier­ten) Glau­ben unge­hin­dert aus­le­ben dür­fen, mit­ge­bracht haben. Das Zim­mer ist prak­tisch ein­ge­rich­tet – mit einer klei­nen Ter­ras­se und die Restau­rant-Tipps des hage­ren Gast­ge­bers erwei­sen sich als preis­wert im wahrs­ten Sinn des Wor­tes. Lang­sam genie­ßen wir das Rei­sen zu zweit.

10.10.2019 Am nächs­ten Mor­gen fah­ren wir zu Süd­afri­kas kleins­tem Natio­nal­park, dem Bun­te­bock­na­tio­nal­park. Er wur­de auf dem Gebiet einer frü­he­ren Pfer­de­renn­stre­cke ein­ge­rich­tet, um eigens ein­ge­rich­tet wur­de, um Bunt­bö­cke, eine hüb­sche, weil klei­ne und mehr­far­bi­ge Anti­lo­pen­art, zu ret­ten. Der dort aus­ge­schil­der­te, sie­ben Kilo­me­ter lan­ge „Aloe-Hill-Trail“ führt uns vor­bei an blü­hen­den Alo­ebäu­men, an alten KhoiKhoi-Sied­lun­gen, an Aus­sichts­punk­ten und ele­gan­ten Cot­ta­ges. Wir sehen Bunt­bö­cke und ande­re Anti­lo­pen, zwei ver­schie­de­ne Schild­krö­ten, knall­ro­te Weber­vö­gel und von Wei­tem Hart­mann-Berg-Zebras.

Wie immer wird es spä­ter als gedacht. Wei­ter geht‘s nach Bar­ry­da­le. Dort habe, so hat­te ich gele­sen, habe das Lit­te Karoo Art Hotel den von Mer­ce­des Benz gespon­ser­ten Publi­kums-Gour­met-Wett­be­werb bereits zum zwei­ten Mal in Fol­ge gewon­nen. Wel­che Küche mögen wohl die Kap­städ­ter?

Wir wis­sen es lei­der immer noch nicht, denn als wir ankom­men, ist die Luncht­i­me vor­bei. Die Rezep­tio­nis­tin schickt uns zu Diesel&Creme um die Ecke. Sie möge die Milch­shakes dort. Gesagt, getan. Wir bie­gen zwei­mal links ab und trau­en unse­ren Augen nicht: Hier sieht es aus, wie auf der Rou­te 66 in den USA. Motor­rä­der, Kunst­hand­werk, Metall­schil­der und jede Men­ge ver­ros­te­ter Tand aus den Fünf­zi­gern. Es gibt Bur­ger und Coun­try-Musik in „Ron­nies Sex Shop“, der mit BHs und Damen-T-Shirts aller Grö­ßen – mit Datum und Unter­schrift – deko­riert ist. Dazwi­schen sitzt Ron­nie mit lan­gem grau­en Bart und eben­so lan­gem Zopf. Auch die Besu­cher – wenn es nicht gera­de deut­sche Tou­ris­ten sind – fah­ren aus­schließ­lich in Old­ti­mertrucks her­um. Hip­pies?, Far­mer?, Aus­län­der?, Drop Outs?

In “Ron­nies Sex­shop” trinkt man Kaf­fee auf der Ter­ras­se oder hört Musik an der Bar

Tat­säch­lich waren die Men­schen in die­ser Gegend, die in ihrer Wei­te und Tro­cken­heit an Texas erin­nert, von Anfang an rebel­lisch: Kaum hat­ten sie von der Nie­der­län­di­schen Ost­in­di­en Kom­pa­gnie (VOC) Land zuge­wie­sen bekom­men, haben sie auch schon den von der Ost­in­di­en­kom­pa­gnie ein­ge­setzt Land­vogt abge­setzt und sich selbst orga­ni­siert – aller­dings nur für ein paar Mona­te, so unser Iwa­now­ski-Rei­se­füh­rer.

Was mir hier beson­ders gefällt, ist die Berg­land­schaft und dass die Häu­ser weni­ger gesi­chert sind und dass die Town­ships hier deut­lich weni­ger krass sind als in Kap­stadt oder Stel­len­bosch.

Die Men­schen schei­nen Zeit zu haben, Wert auf gutes Essen zu legen und irgend­wie rebel­lisch zu sein. Die gan­ze Gegend erin­nert mich an ein klei­nes Dorf in Gal­li­en …

Befremd­lich sind jedoch die vie­len, vie­len Kir­chen in Oudts­ho­orn, der Hoch­burg der Strau­ßen­far­men. Metho­dis­ten, Zeu­gen Jeho­vas, Luthe­ra­ner, Angli­ka­ner und vie­le ande­re. Der deut­lich gezeig­te Glau­ben schließt einen offen gezeig­ten Ras­sis­mus nicht aus. Bei­spiels­wei­se erba­ten unse­re AirB­nB-Gast­ge­ber in Oudts­ho­orn Got­tes Segen für uns, erklär­ten aber spä­ter beim Abend­essen offen­her­zig, dass sie die Schwar­zen has­sen wür­den.

Wie das zusam­men­geht? Viel­leicht ist das ein Relikt aus Skla­ven­zei­ten? Damals wur­den die Skla­ven nicht mis­sio­niert, weil man ihnen sonst mehr Rech­te hät­te zuge­ste­hen müs­sen. Sind Men­schen mit brau­ner oder schwar­zer Haut­far­be immer noch kei­ne wirk­li­chen Men­schen? Oder stammt der Hass aus den Eck­chen Angst? Unter­stel­len wir „Wei­ßen“ den deut­lich unter­pri­vi­le­gier­ten Far­bi­gen Rache­ge­füh­le? Schließ­lich waren sie einst die Besit­zer die­ses wun­der­schö­nen Lan­des? Jetzt leben sie oft unter unwür­di­ge­ren Umstän­den als irgend­ein Hund in die­sem Land. Die Fra­ge nach Wut und Hass hat­te ich John Phil­mon schon gestellt. Er ver­nein­te Rache­ge­füh­le bei den Men­schen, die er ken­ne, wohl aber hät­ten sie die Hoff­nung, dass es zumin­dest ihre Kin­der ein­mal bes­ser haben soll­ten.

Tat­säch­lich spü­ren wir kei­nen Hass, wenn wir zu Fuß durch Ort­schaf­ten gehen, eher posi­ti­ves Erstau­nen. Häu­fig wird mir auch freund­lich zuge­nickt.

Unse­re AirB­nB-Gast­ge­ber sind nicht die Ein­zi­gen. Seit Tho­mas und ich allein unter­wegs sind, hören wir vie­le Geschich­ten dar­über, wie „die“ das Land kaputt mach­ten, wie unge­recht die Wei­ßen jetzt behan­delt wür­den, wie schlecht „sie“ arbei­ten wür­den … Selbst in Uni­ver­si­täts­krei­sen wird mir erklärt, dass die Apart­heid nicht ganz falsch gewe­sen sei.

Am 11.10.2019 fah­ren wir von Oudts­ho­orn Rich­tung Schwart­berg­pass zu den Tropf­stein­höh­len. Sie zäh­len welt­weit zu den größ­ten Höh­len­sys­tem ins­ge­samt, steht in unse­rem Rei­se­füh­rer. Wir buchen aus Kos­ten­grün­den die „Nor­mal­tour“. Spä­ter wer­den wir dar­über heil­froh sein, denn wäh­rend der rich­tig enga­gier­ten Füh­rung durch die schö­nen, gro­ßen und hohen Räu­me mit den Fließ­stei­nen, Pilas­tern, Sta­lak­ti­ten und Sta­lak­mi­ten, mit „Orgel­pfei­fen“ und „Honey­moon­sui­te“ und, und, und … erfah­ren wir, dass bei einer Adven­ture­tour eine Dame in den engen Gän­gen der ande­ren Höh­len ste­cken geblie­ben ist und erst nach 13 Stun­den mit­tels Mas­sa­gen, Baby­öl und kräf­ti­gem Drü­cken frei­ge­kom­men ist.

Das sei aber nicht das Schlimms­te gewe­sen: Weit­aus schlim­mer war, dass mit ihrer eigen­mäch­ti­gen Akti­on – der Gui­de hat­te sie gebe­ten, nicht wei­ter zu gehen – schnitt sie ihrer Grup­pe den Rück­weg aus den noch enge­ren Höh­lensys­tem ab. Und dies aus­ge­rech­net am Mor­gen des 31.12.! Wenn das kein Stoff für eine Kurz­ge­schich­te ist

Wir sind also heil­froh eine senio­ren­ge­rech­te Tour gebucht zu haben, denn lang­sam wis­sen wir, dass die wei­ßen Süd­afri­ka­ner hart gesot­ten sind. Unse­re Freu­de wird jedoch nicht lan­ge anhal­ten.: Der Swart­berg­pass war­tet auf uns. Er gilt als schöns­ter Pass ganz Afri­kas – wegen der tol­len Aus­bli­cke.  Auch unse­re sonst eher ängst­li­chen Gast­ge­ber („Do not go the­re. It is not safe!“) lächel­ten bei unse­rer Idee, die­sen Pass befah­ren zu wol­len:. „Won­der­ful“! 

Zunächst scheint sich das auch zu bewahr­hei­ten. Doch dann kom­men die 22 Kilo­me­ter unge­teer­ter Stra­ße. Nach weni­gen Kilo­me­tern stellt sie sich als aus­ge­wa­sche­ner, mit Schlag­lö­chern und spit­zen Stei­nen über­sä­ter, ein­ein­halb­spu­ri­ger Pfad her­aus, der sich steil nach oben win­det.

Die wirk­lich über­ra­gen­den Aus­sich­ten kön­nen wir nicht genie­ßen, zu sehr sind wir damit beschäf­tigt, die Hin­der­nis­se zu umschif­fen. Nicht erwäh­nen muss ich wohl das Feh­len jeg­li­cher Absi­che­run­gen und die unge­dul­di­gen Süd­afri­ka­ner, die gar nicht ver­ste­hen, war­um wir so lang­sam fah­ren. Dass ihnen unge­üb­te Adven­ture­tou­ris­ten auf wahr­schein­lich nicht gewar­te­ten Moun­tain­bikes ent­ge­gen­rau­schen, scheint sie eben­falls nicht aus ihrem Gleich­mut zu brin­gen.

Und wie kann es anders sein? Wer hat am Schluss den plat­ten Rei­fen? Wir, wir die über­vor­sich­ti­gen Deut­schen … Immer­hin ist es unser fünf­ter plat­te Rei­fen, sodass wir die net­ten Hilfs­an­ge­bo­te groß­zü­gig aus­schla­gen kön­nen und flu­chend den Reser­ver­ei­fen allei­ne auf­zie­hen.

Im kolo­nia­len Charme des alt­ehr­wür­di­gen Swart­berg­ho­tels in Prins Albert erho­len wir uns am Pool von dem Schre­cken und las­sen den emp­foh­le­nen „Walk“ zum Was­ser­fall sau­sen. Adre­na­lin und tol­le Aus­bli­cke hat­ten wir für heu­te genug. Auf einer ange­neh­men Teer­stra­ße geht’s zurück in unser Airb­nb.

12.10.2019 Heu­te gehts erst zur Jeffrey‘s Bay. Wir wol­len mor­gen um 12:00 in Port Eliza­beth ein. Von dort geht es dann ins Lan­des­in­ne­re. Land­schaft­lich sehr schön, fah­ren wir über klei­ne Päs­se Rich­tung Meer und Gar­den Rou­te. Lei­der müs­sen wir auf­grund des plat­ten Rei­fens noch einen Zwi­schen­stopp in Geor­ge ein­le­gen. Euro­pe Car gibt uns gleich einen neu­en, frisch geputz­ten Wagen! Wie schön, denn wir haben unse­ren Wagen in kür­zes­ter Zeit stau­big gefah­ren. Wegen des Zwi­schen­stopps, gepaart mit einem anschlie­ßen­dem aus­ge­dehn­ten zwei­ten Früh­stück auf einen Land­markt (Waf­feln und Pan­cakes!), bleibt uns wenig Zeit für die Schön­hei­ten der Gar­den Rou­te. Trotz­dem erha­schen wir immer wie­der einen Blick auf den Indi­schen Oze­an, der zwar genau­so wild an die Küs­te braust, wie der Atlan­tik, aber viel wär­mer ist. Wir erfreu­en uns an den vie­len Vil­len, die so in die grü­nen Küs­ten­ber­ge gebaut sind, dass sie mög­lichst lan­ge die Son­ne über dem Meer genie­ßen kön­nen. Uns gefällt Wil­der­ness mit sei­nem rie­si­gen See, das fast mon­dä­ne Knys­na und The Crags am bes­ten. Den Welt höchs­ten Bun­gee­sprung­platz pas­sie­ren wir – mir wird schon vom Zuse­hen schwin­de­lig – und lan­den end­lich im Ubun­tu Back­pa­ckers – ein para­die­si­scher Ort, spe­zi­ell für jun­ge Men­schen im Gapye­ar.

Im Gar­ten, wie auf den Ter­ras­sen und den vie­len Grup­pen­räu­men sind Kuschel­ecken zum Rat­schen, zum Inter­net sur­fen, oder nur zum blöd aufs Was­ser gucken ein­ge­rich­tet. Dafür sind die Schlaf­räu­me kna­ckig: 10 auf einen Streich. Wie schön, dass wir ein, wenn auch klei­nes, aber doch pri­va­tes Dop­pel­zim­mer gebucht haben. Es bleibt uns noch ein Strand­spa­zier­gang, ein biss­chen Arbeit am Blog und schon tref­fen wir alle jun­gen Leu­te beim Grill auf dem obers­ten Bal­kon.

Am 13.10.2019 blei­ben wir im Ubun­tu. Das Back­pa­cker Hos­tel ist ein klei­nes Juwel mit vie­len jun­gen Men­schen aus der gan­zen Welt, die sich am liebs­ten in die lan­gen Wel­len hier am end­lo­sen, wei­ßen Strand stür­zen. Wir bevor­zu­gen es zu jog­gen und uns in den ver­schie­de­nen Chill­räu­men im Back­pa­cker zu ent­span­nen und unse­re Rei­se­ein­drü­cke auf­zu­schrei­ben. Es reg­net ein biss­chen und alle sind froh, denn die Tro­cken­heit ist ein gro­ßes Pro­blem für Süd­afri­kas Land­wirt­schaft.

14.10. ‑18.10.2019 Fahrt nach Port Eliza­beth. Von dort mit Mar­kus, einem beherzt fah­ren­den Taxi­fah­rer, der ein Rosen­kranz am Rück­spie­gel befes­tigt hat, in die Ber­ge nach Kar­re­douw, wo wir am 18.10. – hof­fent­lich – wie­der gesund ankom­men wer­den. Wir las­sen unse­re Koch­sa­chen in den lie­be­voll zu Feri­en­woh­nun­gen umge­bau­ten Stal­lun­gen und neh­men drei, der vier künf­ti­gen Leid­ge­nos­sen ins Taxi auf. Wei­ter gehts nach Wil­low­mo­re, ins 100jährige, fami­li­en­geführ­te Wil­low-Guest­house. Über­all sind Weg­wei­ser zur Baa­vi­ans­kloof, doch wir erho­len uns am Pool von den Stra­pa­zen der Rei­se. Abends genie­ßen unse­re Hen­kers­mahl­zeit beim typi­schen Farm­house-Abend­essen. Man sitzt dann wie im Wohn­zim­mer an einem rie­si­gen Tisch zusam­men; lie­be­voll gesam­mel­te Anti­qui­tä­ten sowie Kin­der­fo­tos und – oft – from­me Gedenk­ta­feln ver­voll­stän­di­gen das Ambi­en­te.

Die Unter­hal­tung fällt bald ins Afri­cans und Tho­mas und ich sind „drau­ßen“ und drin­nen, denn nur, wenn sie sich direkt an uns wen­den, spre­chen sie Eng­lisch. Ansons­ten führt Ger­da das Unter­hal­tungs­szep­ter und alle haben Trä­nen vor Lachen in den Augen. Sie, das sind der Psy­cho­lo­ge Bern­hard und Lui­se, sei­ne Frau, eine Phar­ma­zeu­tin, Ger­da, eine Leh­re­rin und wit­zi­ge Allein­un­ter­hal­te­rin, die auf einer Farm auf­ge­wach­sen ist, Lor­rai­ne, eine Ope­ra­ti­ons­schwes­ter, die nach einer Schei­dung nach Sau­di-Ara­bi­en aus­ge­wan­dert ist und jetzt in den Staa­ten lebt, Her­ku­les, unser Gui­de auf dem Pferd, Eric, der coo­le Orga­ni­sa­tor, der im Hin­ter­grund alle Stri­cke zieht, sowie Fri­k­ki, sein Freund aus Kin­der­ta­gen, der die Inkar­na­ti­on von Hans im Glück sein könn­te und bereits fast auf der gan­zen Welt gelebt hat. Er küm­mert sich um unser leib­li­ches Wohl und hat sich zum Ziel gesetzt, dass wir alle min­des­tens zwei Kilo schwe­rer wie­der nach hau­se gehen.

Trotz­dem sor­ge ich mich die ers­ten zwei Tage sehr, ob wir die 90 Kilo­me­ter berg­auf, berg­ab in der oft brü­ten­den Hit­ze über­ste­hen wer­den. Und tat­säch­lich, die Süd­afri­ka­ner lau­fen wie eine eins, nur Tho­mas und ich ver­ra­ten unse­re feh­len­de Kon­di­ti­on mit hoch­ro­ten Gesich­tern. So weiß Hec­tor, wann wir müde sind und ver­schreibt allen eine kur­ze Zwangs­pau­se. Alle fünf Kilo­me­ter, also nach cir­ca einer Stun­de, bekom­men wir zudem eine län­ge­re (10 min) Pau­se. Alle grei­fen dann in ihre Snack­tü­te, die gefüllt ist mit allen, was fit macht. Mit­tags und immer wie­der über­ra­schend, tau­chen Eric und Fri­k­ki mit ihrer mobi­len Küche auf und flö­ßen uns eis­kal­te Geträn­ke und stär­ken­de Mahl­zei­ten ein. Freund­li­che Scher­ze und gutes Zure­den hel­fen uns „armen“ Deut­schen, die kei­ner Unter­hal­tung fol­gen kön­nen, eben­falls, den Track zu über­ste­hen.

Gott sei Dank hat­te mich Tho­mas dazu über­re­det, mir ein Pferd zur Unter­stüt­zung zu leis­ten. Nach einem gan­zen Tag auf mei­nem groß­ar­ti­gen und lamm­from­men Vic­tor, beschloss ich doch, auch das Wan­dern zu wagen. Tho­mas durf­te nun auf Vic­tor rei­ten. Er stell­te sich dabei so gut an, dass Her­cu­les vor­sich­tig vor­schlug, der “Bes­se­re” sol­le doch den letz­ten, stei­len Sin­gle­trail rei­ten. Klar war, dass er Tho­mas damit mein­te.

Es kam anders – doch davon spä­ter. Jetzt noch kurz das Abend­pro­gramm: Reich­hal­ti­ges Abend­essen, immer frisch auf einer der Gast­far­men zube­rei­tet, oder von Fri­k­ki vor unse­ren Augen gebraait (gegrillt), Son­nen­un­ter­gang, die Pfer­de mah­len irgend­wo in der Nähe her­um und wir stre­cken unse­re müden Glie­der im Bett aus, oder lun­gern her­um, beob­ach­ten Fri­k­ki beim Kochen und reden – wohl über Gott und die Welt und die neu­es­ten, ver­rück­ten Aktio­nen der Ger­mans. Immer bekom­men wir das bes­te Zim­mer und das süd­afri­ka­nisch­te Essen. Gast­freund­schaft wird hier groß geschrie­ben.

Doch was war nun mit dem Sin­gle­trail, den Tho­mas rei­ten soll­te? Nach einem stei­le­ren Stück berg­ab dach­ten wir, das war es schon gewe­sen und Tho­mas stieg ab vom Pferd – und ich auf. Her­cu­les wirk­te etwas irri­tiert, nick­te aber nur. Und ich ver­stand sei­nen Gesichts­aus­druck, als es fünf Minu­ten spä­ter plötz­lich wirk­lich steil und eng berg­ab ging.

Erst­mals konn­te ich nicht dar­auf ver­trau­en, das Vic­tor schon den rich­ti­gen Weg fin­den wür­de. Ich muss­te Vic­tor allein füh­ren, denn Her­cu­les war schon tief unter mir! Doch er sah hoch und gab mir nur den einen Hin­weis: „Smi­le“. Plötz­lich ging alles gut – und ich ber­merk­te, wie viel ich ganz neben­bei auf Vic­tor gelernt habe.

Kur­ze Zeit spä­ter ist der letz­te und längs­te (30 Kilo­me­ter) Tag auch schon vor­bei. Eine Weg­bie­gung und wir wer­den von Esti, Erics Frau und Fri­k­ki unter lau­tem Joh­len begrüßt. Ein for­mi­da­bles Essen wird auf­ge­tischt und der Alko­hol fließt reich­lich. End­lich zeigt auch Eric, unser Cools­ter, Ner­ven. „I am so glad that not­hing went wrong. I am so glad …“ Dann ver­schwin­den alle schnell in ihren Zim­mern. Mor­gen um 8:00 ist die Abfahrt zum Früh­stück im Swea­ty Dutch­man ange­sagt.

Nug­ni­land: End­lich ange­kom­men!

19.10.2019 Heu­te hat­ten wir noch ein groß­zü­gi­ges Far­mer­früh­stück mit allen, inklu­si­ve Taxi­fah­rer. Seit­dem sind Tho­mas und ich wie­der auf uns selbst gestellt. Wir gehen shop­pen in Kar­re­douw und decken uns mit „Zube­hör“ für die nächs­te Wan­de­rung – dies­mal ent­lang der Küs­te – ein: Son­nen­creme, Vase­li­ne für die mal­trä­tier­ten Füße, Pflas­ter, ein wei­ße, luf­ti­ges Top. Dann gehen wir zurück zum Farm­haus, indem wir uns für zwei wei­te­re Tage zur Erho­lung ein­ge­mie­tet haben. Nach einer gan­zen Wasch­or­gie – alles war stau­big und durch­ge­schwitzt – wan­dern wir den Baviaans Cami­no ein paar Kilo­me­ter rück­wärts und genie­ßen es, dies­mal an jeder Kur­ve ste­hen­blei­ben zu dür­fen, den Frö­schen und Was­ser­läu­fern zuzu­se­hen, die Scha­fe zu jagen und die Rin­der in den Berg­hän­gen zu bewun­dern. Wir blei­ben an Pro­teas, an Eichen und üppi­gen Farn­grä­sern ste­hen und bli­cken auf die Ber­ge zurück, die wir in den ver­gan­ge­nen Tagen über- und durch­quert haben.

20. 10. 2019 Wir genie­ßen die Ruhe in unse­rem eige­nen klei­nen Farm­haus, schau­en den Pavia­nen beim Spie­len zu, behan­deln unse­re Bla­sen und sehen auf den Baviaans­kloof zurück. Hin und wie­der kommt uns der Far­mers­jun­ge von neben­an besu­chen – und sonst schrei­ben und lesen wir nur.

21.10.2019 Umzug auf Her­cu­les Hor­se Farm. Hier sind wir in fami­liä­rer Gesell­schaft unter­ge­bracht und wer­den von Annie­ka, sei­ner Frau herr­lich bekocht.