Wish you were here II

Hier gehts chro­no­lo­gisch vor­an 🙂

29. August – Petra holt uns ab und fährt uns zum Flug­ha­fen. Ich bin äußer­lich ruhig, den­ke ich, doch in mir grum­melt es: War­um die­se Rei­se in einen Kon­ti­nent, der mir fremd und gefähr­lich erscheint? War­um in ein Land rei­sen, das für sei­ne aus­ge­dehn­ten Wüs­ten und sei­ne unbarm­her­zi­ge Son­ne bekannt ist? War­um zu Men­schen sto­ßen, deren Mimik ich nicht ein­schät­zen kann und die allen Grund haben, mich als Deut­sche zu has­sen?. Immer­hin sind wir Deut­schen für einen Völ­ker­mord in Nami­bia ver­ant­wort­lich. Noch immer besitzt die klei­ne Schicht der Deutsch spre­chen­den Nami­bi­er ein Groß­teil des gesam­ten Lan­des. Welch grund­le­gen­de Ver­än­de­run­gen sich dadurch für die Urbe­völ­ke­rung erge­ben haben, das wer­de ich erst lang­sam anfan­gen zu ver­ste­hen. Doch dazu spä­ter.

Es war der Traum mei­nes Man­nes, der Wüs­ten liebt und mein Wunsch die Schul­freun­din und ihren Mann in ihrer neu­en Umge­bung zu sehen, die mich zu die­sem Aben­teu­er getrie­ben haben – und nicht ganz zu ver­ges­sen, mei­ne Neu­gier­de auf die Welt und mein Wunsch, wie­der viel Zeit mit mir und neu­en Ein­drü­cken zu ver­brin­gen.

Doch jetzt, hier in Petras Auto, wür­de ich am liebs­ten einen Rück­zie­her machen. Aben­teu­er­lich ver­lief auch schon der Start, denn auf Mün­chens Roll­bahn herrsch­te ein der­ar­ti­ger Stau, dass die Ste­war­des­sen von Bri­tish Air­ways um unse­ren Anschluss nach Johan­nes­burg bang­ten. Nach vie­len Stun­den doch fast pünkt­lich dort ange­kom­men, über­rasch­te mich der Luxus und der afri­ka­ni­sche Stolz, der in den Geschäf­ten gezeigt wur­de. Die neu­es­te afri­ka­ni­sche Män­ner­kol­lek­ti­on (tol­le Stof­fe, figur­be­tont geschnit­ten und gera­de in Paris prä­sen­tiert), gefiel mir rich­tig gut. Dane­ben gab es edels­tes afri­ka­ni­sche Kunst­hand­werk und Schwei­zer Uhren zu schwin­del­erre­gen­den Prei­sen. Mein Bild von Johan­nes­burg als arme, kämp­fe­ri­sche Stadt, die der Apart­heids­re­gie­rung das Gar­aus macht, ent­puppt sich als vom letz­ten Jahr­tau­send.

30.8.19 Auch in Windhoek wur­de mir der Spie­gel mei­ner Vor­ur­tei­le vor Augen geführt: Der Mann, der uns vom Flug­ha­fen in die Onde­kar­em­ba Lodge brin­gen soll, war­tet längst. Dies, obwohl wir pünkt­lich gelan­det sind und er anneh­men kann, dass wir uns erst Geld und nami­bi­sche Sim­kar­te holen wür­den. Wäh­rend die­ser hal­ben Stun­de bleibt er freund­lich und gelas­sen, zeigt uns die rich­ti­gen Ansprech­stel­len und kom­men­tiert mein ängst­li­ches Genes­tel am „Geheim­gür­tel“ nicht ein­mal mit Bli­cken.

Auch alle ande­ren Men­schen – haupt­säch­lich Far­bi­ge – behan­deln uns völ­lig selbst­ver­ständ­lich. Sie erwar­ten, dass wir uns in die Schlan­ge ein­rei­hen, hel­fen aber unauf­dring­lich, wo es nötig ist. Der gesam­te Flug­ha­fen ist sau­ber, funk­tio­nell, aber kei­nes­wegs luxu­ri­ös.

Auf der kur­zen Fahrt zur Lodge bestä­ti­gen sich eini­ge mei­ner Ängste/Vorurteile: das Land ist nach bis zu acht Jah­ren ohne Regen völ­lig aus­ge­dörrt. Die nied­ri­gen Bäu­me ste­hen auf stei­ni­gem, san­di­gem Boden und sehen aus, als wären sie längst abge­stor­ben. Die Land­stra­ßen wer­den von manns­ho­hen Draht­zäu­nen gesäumt. Dahin­ter sind Fahr­spu­ren zu sehen.

Über­wa­chung? Haben die Guts­be­sit­zer sol­che Angst? Muss ich doch Angst haben? Tat­säch­lich wird bei der Ein­fahrt zur Lodge ein Gat­ter geöff­net. Der Fah­rer wird regis­triert. War­um? Mei­ne Fan­ta­si­en schla­gen Kaprio­len.

Der Mann, der das Gat­ter öff­net, hält jedoch kei­ne Kalasch­ni­kow in der Hand, son­dern ein Klemm­brett mit Papier und Blei­stift. Er nickt freund­lich in den Wagen. Mir wird noch selt­sa­mer. Schon geht es wei­ter. Wir schau­keln durch aus­ge­dörr­te Fluss­bet­ten, vor­bei an knor­ri­gen Bäu­men mit weni­gen grü­nen Blät­tern und schwar­zen (ver­brann­ten?) Stäm­men und vie­len Stei­nen. Da soll ich jetzt die Nacht ver­brin­gen? Alles sträubt sich in mir. Nach 15 min Fahrt auf der Sand­pis­te hal­ten wir vor ein paar ein­stö­cki­gen, reet­ge­deck­ten und mit fri­schem Grün ver­bun­de­nen Gebäu­den. Ist das die Farm?

In der Rezep­ti­on herrscht ange­neh­me Küh­le. Der Emp­fang ist wie selbst­ver­ständ­lich auf Deutsch. Die For­ma­li­tä­ten sind so schnell erle­digt. Das Bade­zim­mer von Annas Ein­zel­zim­mer könn­te man als Tanz­saal aus­bau­en. Unser Dop­pel­zim­mer ist ein eigen­stän­di­ges Häus­chen , das die Grö­ße einer fran­zö­si­schen Feri­en­vil­la hat. Dazu gehö­ren zwei Ter­ras­sen, ein Grill und ein Kamin.

Ja, in Afri­ka kann es bit­ter­kalt wer­den. Windhoek liegt schließ­lich auf 1650 Meter Höhe. Da kann es noch zu Minus­tem­pe­ra­tu­ren kom­men. Kamin und Bade­pool gehö­ren des­halb zur Grund­aus­stat­tung jeder nami­bi­schen Lodge. das weiß ich aber noch nicht und stau­ne des­halb über das War­zen­schwein, das sich genüss­lich über den Rasen­tep­pich her­macht und die vie­len Vögel, die hin und wie­der Was­ser aus dem Pool picken.

Obwohl die Ranch als per­fek­te Ankom­mens- oder Abflugs­un­ter­kunft ange­prie­sen wird, da sie sehr nah am Flug­ha­fen liegt, ja er war frü­her Teil der Ranch, strahlt die Onde­kar­em­ba-Lodge abso­lu­te Ruhe aus. Bediens­te­te har­ken die Wege, wäs­sern das zar­te Grün, ser­vie­ren selbst geba­cke­nen Kuchen und zei­gen uns, wo wir auf dem rie­si­ge Gelän­de spa­zie­ren gehen kön­nen. Nie­mand scheint in Eile zu sein. Auf dem Sun­set­walk sehen wir Anti­lo­pen und Pavia­ne. Dazu wei­te­re War­zen­schwei­ne und Vögel jeder Art und jeg­li­cher Cou­leur! Die kar­ge Land­schaft zieht mich lang­sam in ihren Bann. Die Tem­pe­ra­tur ist ange­nehm, die Far­ben wer­den wär­mer, das Grün leuch­tet.

31.8.2019 Am nächs­ten Tag holen wir unser Cam­ping-Gefährt ab. 1,5 Stun­den dau­ert die char­man­te Ein­wei­sung. Den­noch kom­me ich den Dimen­sio­nen nicht zurecht, als ich es auf der lin­ken Sei­te vom Hof fah­ren will und über­las­se Tho­mas das Steu­er­rad . Damit nicht genug, ich hat­te so viel Schreck­li­ches über den Ver­kehr gele­sen, dass ich immer wie­der auf lang­sa­me­res Fah­ren zu drin­ge: „Vor­sicht, da steht ein War­zen­schwein am Stra­ßen­rand!“ “Ach­tung, Perl­hüh­ner!” “Vor­sicht, unbe­fes­tig­ter Stra­ßen­rand …” Kein Wun­der, dass wir fest­stel­len müs­sen, dass die Zeit hier noch schnel­ler als zuhau­se ver­geht. Unser ers­tes Ziel, die Ameib Ranch im Erongo­ge­bir­ge ist so nicht mehr zu errei­chen.

Tho­mas bewun­dert die Innen­de­ko­ra­ti­on unse­res Auto­ver­mie­ters

Statt­des­sen über­nach­te­ten wir auf hal­ber Stre­cke in Groß Bar­men. Dort, wo einst eine Mis­si­ons­sta­ti­on für die Here­ro (einer der elf Stäm­me Nami­bi­as) stand, gibt es heu­te jetzt ein ele­gan­tes Resort, des­sen groß­zü­gi­ge Außen­an­la­ge an einen ame­ri­ka­ni­schen Golf­platz erin­nert. Bis wir zum ers­ten Mal unse­re Dach­zel­te auf­ge­schla­gen und uns mit dem Gas­ko­cher ange­freun­det hat­ten, war es bereits stock­fins­ter. Bewaff­net mit bes­ten Stirn­lam­pen, such­ten wir nach dem Ein­gang zum hei­ßen Pool. Ohne die Hil­fe von erfah­re­nen Bade­gäs­ten aus Windhoek hät­ten wir ihn aller­dings nie­mals gefun­den, so spär­lich ist das Bad bei Nacht beleuch­tet. Dafür war das rie­si­ge Pool wie in Ker­zen­licht getaucht.  Nach die­sem war­men Bad war die Nacht in unse­rem, als „Afri­can loft Hil­ton“ ange­prie­se­nen Zelt­dach ruhig und ange­nehm – das leich­te Schau­keln erin­nert mich an unser Was­ser­bett zuhau­se.

In der Phil­lips Cave gibt es wun­der­bar erhal­te­ne Höh­len­ma­le­rei­en. Sie dien­ten den ande­ren noma­di­sie­ren­den Vieh­züch­ter als Infor­ma­ti­ons­quel­le

1.9.2019 Am nächs­ten Tag geht es dann tat­säch­lich zur Ameib-Farm, die mit einer Wan­de­rung zur prä­his­to­ri­schen Höh­len­ma­le­rei­en sowie mit beson­de­ren Stein­for­ma­tio­nen, Bulls­Par­ty genannt, lockt. Die Ameib-Farm gehört zum Rhi­no-Trust, der sich der (Wieder-)Ansiedelung der Spitz­horn­nas­hör­ner sowie der berühm­ten Berg­ele­fan­ten ver­schrie­ben hat. Auch dies­mal gehört uns der gepfleg­te Cam­ping­platz mit dem hel­len Sand qua­si allei­ne. Ein klei­ner Pool lädt zu Erfri­schung ein – und ist eine will­kom­me­ne Erfri­schung, denn inzwi­schen ist es für mich Nord­län­de­rin rich­tig warm gewor­den.

Der Rund­weg zur Phil­lips Höh­le und zur Bulls­Par­ty ist über­ra­schend gut beschil­dert und sehr abwechs­lungs­reich ange­legt. Über ein stei­les Wegerl geht’s hin­auf zu Höh­le, die über und über mit gut erhal­te­nen, natur­ge­treu­en Abbil­dun­gen von Tie­ren aus­ge­malt ist. Tho­mas ist sich sicher, dass sich am Ende der Höh­le ein Zeit­fens­ter ver­ste­cken wür­de. Doch so sehr er sei­ne Hand auch in den Schlitz steckt, er bleibt in unse­rer Zeit. Beim Her­aus­stei­gen aus der Höh­le sehen wir, wie weit sich das Gebir­ge ent­lang streckt. Hier möch­te ich mich trotz mei­ner Was­ser­fla­sche nicht ver­ir­ren. Inzwi­schen ist es näm­lich um die 35 Grad heiß.  Für mei­ne untrai­nier­ten Bei­ne zieht sich der Abstieg zur Bulls­Par­ty mit sei­nen run­den Rie­sen­stei­nen hin.

Dafür sich­ten wir die scheu­en Hartmann-(Berg)Zebras, sowie Giraf­fen und Anti­lo­pen. Pavia­ne war­te­ten am Pick­nick­platz auf uns. Dort, bei dem Bulls­Par­ty genann­ten Platz plät­schert in guten Jah­ren ein Bäch­lein. Dem­entspre­chend ist es plötz­lich sehr grün. Hohe Grä­ser, gro­ße Bäu­me sor­gen für Schat­ten und Abküh­lung. Die­ser Ort wäre ein fan­tas­ti­scher Pick­nick­platz, wäre ich nicht so müde und hät­te ich nicht so viel Beun­ru­hi­gen­des über Nas­hör­ner gele­sen. Hät­te ich mehr gele­sen, wüss­te ich, dass Nas­hör­ner nicht gut berg­stei­gen kön­nen und des­halb eher oben auf dem Berg­kamm zu fin­den gewe­sen wären.

Von mei­nen Ängs­ten getrie­ben, ver­zich­ten auch Anna und Tho­mas auf eine län­ge­re Rast an der Bulls­Par­ty und eilen mit mir im Son­nen­un­ter­gang zum Cam­ping­platz zurück. Dort wer­den wir mit einem typi­schen afri­ka­ni­schen Son­nen­un­ter­gang belohnt.

2.9.2019 Swa­kop­mund, oder Litt­le-Deutsch­land. Ein per­fekt gepfleg­ter Cam­ping­platz mit Golf­qua­li­tä­ten, küh­les, neb­li­ges Wet­ter, deut­sche Stra­ßen­na­men und wil­hel­mi­ni­sche Bau­wei­se. Zwei fan­tas­ti­sche Fisch­re­stau­rants am Pier, sowie eine ech­te deut­sche Bier­knei­pe mit Schnit­zel und Sauer­kraut. Hier fei­ert sich die kolo­nia­le Ver­gan­gen­heit mit gro­ßem Stolz. Ger­ne titu­liert sich die Stadt als süd­lichs­tes Nord­see­bad Deutsch­lands. Reins­tes Hoch­deutsch wird in der Schu­le unter­rich­tet und die Zukunft opti­mis­tisch gese­hen: „Sie (die Far­bi­gen, die einst das gan­ze Land als Wei­de­land genutzt hat­ten) sit­zen in der Regie­rung, wir aber haben nach wie vor das Geld und die Macht“, erzählt uns der Besit­zer des Leder­wa­ren­la­dens (ita­lie­ni­scher Schick in Strau­ßen­le­der ) ganz offen. Ja, als Deutsch-Nami­bi­er ver­ste­he man sich als eine eige­ne (pri­vi­le­gier­te) Grup­pe inner­halb des Lan­des.

Rent­ner aus vie­ler Her­ren Län­der – auch aus Afri­ka – schät­zen in Swa­kop­mund die küh­le Bri­se des Ben­gue­lastroms, ande­re Tou­ris­ten des­sen viel­fäl­ti­ge Ange­bo­te: Rob­ben­füt­te­rung, Aus­tern­ver­kös­ti­gun­gen, Rund­flü­ge über die nahe gele­ge­nen Sand­dü­nen, shopp­pen in der Mall, Fall­schirm­sprin­gen, gol­fen. Wir ent­schei­den uns für ein exzel­len­tes Abend­essen im Le Tug, einem Fisch­re­stau­rant, das in einen alten Schlep­per inte­griert wur­de und in dem uns Mari­us aus Windhoek bedient. Mari­us? Ita­lie­ner? Nein, wasch­ech­ter Nami­bi­er mit schwar­zer Haut­far­be – was es aber mit den euro­päi­schen Namen in Nami­bia auf sich hat, das wer­de ich am Ver­stei­ner­ten Wald ler­nen.

Am nächs­ten Tag (3.9.2019) besu­chen wir das lie­be­voll zusam­men­ge­stell­te Muse­um, das uns in die Geschich­te die­ses Lan­des, des­sen Fau­na und Flo­ra, sei­ne Boden­schät­ze ein­führt. Anna liebt die Kolo­ni­al­ab­tei­lung, mit dem Zahn­arzt­be­steck, dem Kaufe­trä­ge in Mark und Pfen­ning aus­weist und den Och­sen­wa­gen. Beim anschlie­ßen­den Apfel­ku­chen im Cafe Anton im Schweit­zer Haus las­sen wir unser City­ver­gnü­gen aus­klin­gen und fah­ren wei­ter Rich­tung Cape Cross und Rob­ben­ko­lo­nie.

Über eine Salz­pad geht es die Ske­le­ton Coast wei­ter zur Hen­ties Bay. Ske­le­ton Coast wird Nami­bi­as ganz Küs­te genannt, weil hier immer wie­der Schiffs­wracks aus dem Meer sta­ken. Auf den ers­ten Blick erscheint Hen­ties Bay trost­los, obwohl es sich wegen sei­nes Fisch­reich­tums und der ewig lan­gen Sand­strän­de als Tou­ris­mus­ort einen Namen gemacht hat. Da wir mal wie­der spä­ter dran sind, als geplant, ver­zich­ten wir auf den Abste­cher zur Rob­ben­ko­lo­nie am Cape Cross und fah­ren gleich Rich­tung Lan­des­in­ne­re auf den Brand­berg und Uis zu. Dafür durch­que­ren wir die Namib Wüs­te, die sich ent­lang der Küs­te erstreckt und hier Dorob Natio­nal­park heißt. Die Spitz­kop­pe, eines der Wahr­zei­chen Nami­bi­as las­sen wir rechts lie­gen und hol­pern wei­ter auf den Sand‑, Stein­pis­ten bis zur White Lady Lodge. Dort genie­ßen wir das groß­zü­gi­ge und kal­te Schwimm­bad, die Ruhe und den künst­lich ange­leg­ten Teich, an dem sich mor­gens gan­ze Vogel­heer­scha­ren nie­der­las­sen. Wir gön­nen uns ein „Far­mers TV“, ein Feu­er an der obli­ga­to­ri­schen Feu­er­stel­le neben unse­rem Stand­platz. Der Abend ist mild und ich erah­ne, war­um so vie­le Men­schen ins Schwär­men gera­ten, wenn sie nur Afri­ka hören.

Am nächs­ten Mor­gen fah­ren wir wei­ter über die wei­ten Sand­pis­ten zum Brand­berg und zur „White Lady“, einer wun­der­bar erhal­te­nen, viel­far­bi­gen Höh­len­ma­le­rei, die den For­schern seit Lan­gem Rät­sel auf­gibt. Die Gemäl­de sind natur­ge­treu und sehr leben­dig. Am schöns­ten aber fin­de ich die leuch­ten­den Augen unse­res jun­gen Beglei­ters, der sich sicher ist, dass das Gemäl­de nur von sei­ner Volks­grup­pe den Dama­ra her­stellt sein kann. Der Stu­dent der Agrar­wis­sen­schaf­ten zeigt uns die Spu­ren der sel­te­nen Berg­ele­fan­ten, der Leo­par­den, Klipps­lie­fer und ande­rer Tie­re. Er benennt Heil­pflan­zen und deren Ver­wen­dung und schwärmt vom unwirt­li­chen Brand­berg­mas­siv, in dem er bald als Berg­füh­rer arbei­ten darf. Die klei­ne Wan­de­rung ist auch land­schaft­lich span­nend, rote, ver­wit­ter­te Fel­sen, grü­ne Aka­zi­en­bäu­me mit ihren typi­schen Schir­men und tap­fe­re Pflan­zen, die sich gegen sen­gen­de Son­ne, Sand und Tro­cken­heit durch­set­zen. Anna genießt die Wan­de­rung, weil sie sich mit unse­rem Füh­rer über das Stu­die­ren in Deutsch­land und in Nami­bia aus­tau­schen kann.

Danach geht es wei­ter über soge­nann­te Pads (Sand­pis­ten mit vie­len Wel­len) zum Oanob-Camp, dem ers­ten Camp, das rein afri­ka­nisch geführt ist. Schon der Emp­fang an der Rezep­ti­on und Bar ist wirk­lich herz­lich, beson­ders als noch eine wei­te­re Grup­pe her­ein­ge­schneit kommt, die nicht min­der durch­ge­rüt­telt, müde und ver­schmutzt ist. Das Geläch­ter und der Hin­weis, dass wir uns glück­lich zu schät­zen hät­ten, ange­sichts der „afri­can mas­sa­ge“ ist nicht ver­let­zend, son­dern auf­bau­end. Lei­der kann ich mei­nen Durst an der gut besetz­ten Bar nicht löschen, denn hier im Nor­den gibt es kein Inter­net und kei­nen Bank­au­to­ma­ten weit und breit. Bezahlt wird mit Bar­geld.

In dem rie­si­gen Camp ver­lau­fen sich die drei Cam­ping­mo­bi­le völ­lig und wir haben die freie Aus­wahl, wel­che der ori­gi­nel­len Dusch- und Klo­häus­chen wir nut­zen wol­len. Kaum haben wir uns ein wenig erholt, kom­men lachen­de Men­schen vor­bei und laden uns zu einem Aus­flug zu den Berg­ele­fan­ten ein. Sie sei­en ganz nah und wan­der­ten manch­mal sogar bis ins Camp hin­ein. Lei­der müs­sen wir spa­ren, denn die nächs­te gro­ße Stadt mit Bank­au­to­mat war­tet erst mor­gen auf uns.

Am nächs­ten Tag (5.9.2019) geht es über die Basalt-Orgel­pfei­fen und dem ver­brann­ten Berg (vie­le Wel­wit­s­chi­as, Nami­bi­as Wap­pen­zei­chen) zum Petri­fied Forest. Twy­fel­foun­t­ein, Nami­bi­as ers­tes UNESCO-Welt­kul­tur­er­be las­sen wir groß­zü­gig links lie­gen.

Es han­delt sich um Feld­gra­vu­ren und Höh­len-Male­rei­en, die vor cir­ca 6000 Jah­ren ange­fer­tigt wur­den. Sie dien­ten wohl zur Infor­ma­ti­on der umher­zie­hen­den Stäm­me, die in die­ser hei­ßen und tro­cke­nen Gegend auf der Suche nach Fut­ter und Was­ser­stel­len waren. Da wir nur noch wenig Bar­geld haben, ver­zich­ten wir auf das prä­his­to­ri­sche Nami­bia und besu­chen das „living muse­um“ der Dama­ra. Men­schen vom Stamm der Dama­ra zei­gen inter­es­sier­ten Tou­ris­ten, wie sie einst leb­ten und wie sie jetzt leben. Wir müs­sen mit Fremd­scham kämp­fen, doch in Berich­ten war davon berich­tet wor­den, dass sol­che Living Muse­ums aus Eigen­in­itia­ti­ve ent­stan­den sind und eine will­kom­me­ne Ein­nah­me­quel­le, spe­zi­ell für die Frau­en dar­stel­len. So hal­ten wir vor dem Kraal und ent­schei­den uns für die Jagd- und Heil­tour. Wir wer­den von drei Dama­ra beglei­tet – dem Über­set­zer, dem jun­gen Jäger und der älte­ren Medi­zin­frau.

Sie sind sehr freund­lich und scher­zen mit Anna. Beim Fal­len­stel­len brau­chen die jun­gen Män­ner aber doch den Rat der Medi­zin­frau. Auch Tho­mas stell­te sich recht geschickt an. Doch bei der Feu­er­pro­be muss er auf­ge­ben. So sehr er sich auch bemüht, es will ein­fach kei­ne Glut ent­ste­hen. Damit wäre ihm in frü­he­ren Zei­ten die Erlaub­nis zur Hei­rat ent­zo­gen wor­den, denn die Frau­en dür­fen nicht mit dem Feu­er spie­len .… Was ein Glück für mich, dass wir kei­ne Dama­ra sind! Das Volk der Dama­ra, so unser Rei­se­füh­rer Iwa­now­ski, war in der Ver­gan­gen­heit von ande­ren Stäm­men oft unter­jocht und sogar ver­sklavt wor­den. Doch sie hät­ten sich auf­grund ihrer spe­zi­el­len Kennt­nis­se der nami­bi­schen Ber­ge und ihrer Fähig­keit, Eisen zu schmie­den, immer wie­der schnell eine her­aus­ra­gen­de Stel­lung erar­bei­tet.

Tat­säch­lich sind mir die Dama­ra, die wir ken­nen­ler­nen durf­ten, sehr sym­pa­thisch. Ruhig und freund­lich sind sie uns gegen­über, aber auch voll Stolz und Wür­de, sodass wir uns in den doch sehr unglei­chen Bezie­hun­gen (Dienst­leis­tung­ge­ber gegen Dienst­lei­tungs­neh­mer) schnell wohl und beschützt füh­len.

Wie wir zu unse­rem Tram­per gekom­men sind, erzäh­le ich gleich. Doch jetzt geht’s erst ein­mal ins Dach­zelt. Wenn die Son­ne unter­ge­gan­gen ist, wird es schnell kalt.…

5.9.2019 Wei­ter geht´s Rich­tung Eto­sha Natio­nal­park. Wir hal­ten uns an den Rat des net­ten Gui­de und über­nach­ten im noblen Sophi­en­hof. Schon am Gat­ter begrü­ßen uns sti­li­sier­te Gepar­den. Wäh­rend der lan­gen Anfahrt über das gepfleg­te Gelän­de, sehen wir Giraf­fen, Zebras und Gnus. Vie­le far­bi­ge Ange­stell­te küm­mern sich um den Rasen, die Tie­re, oder bie­ten Game­dri­ves oder „nur“ die Gepar­den­füt­te­rung an. Wir ent­schei­den uns für die Gepar­den­füt­te­rung – und dür­fen Strau­ßen mit der Hand füt­tern und mit ins Gehe­ge zu den Gepar­den.

Unse­rem Füh­rer gefällt es offen­sicht­lich, dass wir uns für „sei­ne“ Babies inter­es­sie­ren – und zeigt uns sei­ne Dom­teurs­küns­te. Mir bleibt der Atem sto­cken. Ich atme erst wie­der rich­tig aus, als wir das Gehe­ge mit den Raub­tie­ren ver­las­sen haben. Das freund­li­che Ange­bot, uns abends kos­ten­los die Füt­te­rung der Sta­chel­schwei­ne zu zei­gen, über­hö­ren wir höf­lich.

Die gesam­te Anla­ge ist so gepflegt, dass ich geschwo­ren hät­te, die Farm gehö­re deutsch­stäm­mi­gen. Ich habe mich getäuscht. Die Besit­ze­rin ist nie­der­län­di­scher, süd­afri­ka­ni­scher Abstam­mung. Erst­mals erken­ne ich den Wunsch vie­ler nie­der­län­di­scher Aus­wan­de­rer, einen eige­nen Staat Eden ihr eigen zu nen­nen. Der Sophi­en­hof kommt einem Eden rela­tiv nahe. Die Ange­stell­ten leben mit ihren Fami­li­en auf dem Gelän­de. Die Unter­künf­te schei­nen sau­ber und menschwür­dig zu sein. Jedes Eck­chen des Parks ist so kon­zi­piert, dass von über­all schö­ne Bli­cke auf die viel­fäl­ti­ge, schein­bar fried­lich zusam­men­le­ben­de Tier­welt mög­lich sind.

Tat­säch­lich aber hal­ten unauf­fäl­li­ge Gehe­ge sowie eine gute Kon­zep­ti­on die Tie­re davon ab, die Blu­men­ra­bat­te oder die Schu­he der Cam­per anzu­na­gen. Nach dem Abend­essen kommt unser Füh­rer vor­bei, um uns für die Nacht­füt­te­rung abzu­ho­len. Er hat sei­nen Jun­gen mit­ge­bracht, dem er eben­falls sein Wis­sen über die­se put­zi­gen Tie­re, die nachts ihr Unwe­sen trei­ben, wei­ter­zu­ge­ben. Er erklärt uns begeis­tert alles über sei­ne Schütz­lin­ge, bis mir die Augen zufal­len.

6.9.2019 – 9.9.2019 Auch die­se wun­der­schö­ne Farm ist von der Tro­cken­heit betrof­fen. Täg­lich müs­sen sie ein Ton­ne Fut­ter zukau­fen. Ich habe ein schlech­tes Gewis­sen. Auch hier ist die Über­nach­tung auf dem Zelt­platz (wir sind wie­der die ein­zi­gen) sehr preis­wert. Wir fah­ren trotz­dem wei­ter, der Eto­sha Natio­nal­park war­tet. Drei Tage ver­brin­gen wir in die­sem rie­si­gen Natio­nal­park, der auch land­schaft­lich sehr schön ist. Auch wenn die Okau­kue­jo Camp­si­te mei­nes Erach­tens die schöns­te, weil gut gepflegt und mit einem viel besuch­ten Was­ser­loch, ist, haben alle drei staat­li­chen Cam­pi­tes Hala­li und Namu­po­ti ihr ganz eige­nes Flair und ihre ganz eige­ne Schön­heit. In Hala­li haben wir einen mor­gend­li­chen Game­dri­ve gebucht – und kamen voll auf unse­re Kos­ten: zwei Mal sahen wir Leo­par­den, ein­mal Löwen­müt­ter mit ihren spie­len­den Kin­dern. Dazu eines der sel­te­nen Spitz­maul­nas­hör­ner. Ele­fan­ten sahen wir tags­über schon vie­le. Mit dem Löwen und dem Leo­par­den haben wir alle 4 der Big Five (Ele­fan­ten, Löwen, Leo­par­den, Nas­horn und Was­ser­büf­fel) in einem Game­dri­ve gese­hen. Was­ser­büf­fel gibt es in Nami­bia lei­der nur im Capri­vi-Zip­fel.

In der Nacht reißt uns ein Löwen­ge­brüll aus dem Schlaf. Wir stol­pern zur beleuch­te­ten Was­ser­stel­le, kön­nen aber lei­der nichts sehen. War es sein Schlacht­ruf? Oder sein Sie­ge­ge­heul? Auf dem Caping­platz war er jeden­falls doch nicht. Wir leben noch und keh­ren ent­täuscht zu unse­rem Dach­zelt zurück, in dem Anna wei­ter­hin ruhig schläft.

In der Eto­sha-Pfan­ne sehen wir rich­tig gro­ße Her­den: Ele­fan­ten, Zebras, Gnus, Giraf­fen und Anti­lo­pen. Wir pro­fi­tie­ren von der Dür­re, denn alle Tie­re müs­sen zu den sel­te­nen Was­ser­stel­len. Des­halb geht es an einem Was­ser­loch zu, wie auf einer Thea­ter­büh­ne: Wenn die Ele­fan­ten abtre­ten, erschei­nen die Giraf­fen, die Anti­lo­pen drän­gen sich ger­ne mit Zebras und Gnus an die gefähr­li­chen Was­ser­stel­len – nur Hyä­ne und Erd­wolf streu­nen ger­ne allei­ne um die Was­ser­stel­le.

9.9.2019 Wir kom­men zu Nami­bi­as ein­zi­gen immer vol­lem natür­li­chem See, dem Lake Gui­nas, ein 134 Meter tie­fer Karst­see, der der Umge­bung zur Bewäs­se­rung dient. Welch Oase inmit­ten die­ser Dür­re! Hier in der Gegend wer­den Toma­ten, Salat und Gemü­se ange­baut.

Nach einem schö­nen Spa­zier­gang um den See, fah­ren wir wei­ter nach Tsu­meb, einer ehe­ma­li­gen Minen­stadt, weil es dort ein lie­be­voll und lehr­rei­ches Muse­um über die deut­schen Berg­werks­ak­ti­vi­tä­ten gibt, sowie ein Out­door­mu­se­um, das tra­di­tio­nel­le Kraal­bau­wei­sen der nami­bi­schen Stäm­me zeigt. Wir kom­men spät an und suchen uns des­halb einen preis­wer­ten Cam­ping­platz inmit­ten der Stadt. Das Gelän­de um das Busi­ness Hotel ist rie­sig. Alles hier ist tief­grün. Hohe Bäu­me beher­ber­gen unzäh­li­ge Vögel. Das Wun­der heißt Bewäs­se­rung. Hier wird aber nicht nur bewäs­sert, auch gepflegt. Kein Blatt zu viel liegt auf dem Rasen. Es gibt sogar eine klei­ne Insel mit einem Tem­pel auf dem Anwe­sen. Das Bes­te aller­dings ist der hell­blaue, glas­kla­re 50 Meter Swim­ming­pool, der auch uns Cam­pern zur Ver­fü­gung steht.

10.09.2019 Die­se Anla­ge ist so schön, dass wir gleich noch eine Nacht anhäng­ten und die Stadt zu Fuß erkun­den. Wir erfreu­en uns an deren Sau­ber­keit, die vie­len Bou­gain­villeas und die vie­len Schul­kin­der. Obwohl die Innen­stadt fast rein schwarz ist, füh­len wir uns sicher und wer­den bei unse­rem Spa­zier­gang tat­säch­lich nur freund­lich bestaunt. Im Muse­um ler­nen wir viel über die Rea­li­tät der ers­ten Kolo­ni­al­her­ren und ‑frau­en. Ich bewun­de­re deren Tat­kraft, Humor und Durch­hal­te­ver­mö­gen. Es scheint, dass man­che deut­sche Sied­ler rela­tiv schnell gute Bezie­hun­gen zu den frü­he­ren Besit­zern des Lan­des auf­bau­en konn­ten.

Am Nach­mit­tag besu­chen wir das Arts Per­for­mance Cen­ter. In dem idyl­li­schen, wie ein Dorf ange­leg­tem Ort ler­nen auch unter­pri­vi­le­gier­te Kin­der bil­den­de Kunst und Tanz und Musik: Gei­ge, Flö­te, Trom­pe­te, aber auch Marim­ba und Per­cus­sion. Alle Kin­der sind mit Feu­er­ei­fer dabei – auch wenn sie manch­mal nach drau­ßen geschickt wer­den, um ein­zel­ne Stü­cke noch ein­mal für sich selbst zu üben. Vie­le der Leh­rer waren frü­her selbst Schü­ler die­ser Ein­rich­tung, die von Musik­no­ten, bis Gei­gen­sai­ten oder Leh­rer, jede Unter­stüt­zung benö­ti­gen kann.

11.9.2019 Wir besich­ti­gen noch das Frei­licht­mu­se­um und ler­nen, dass die Ovam­bo, die ganz im Nor­den leben und die spä­ter maß­geb­lich den Krieg für die Unab­hän­gig­keit Nami­bi­as von Süd­afri­ka führ­ten, aus­ge­feil­te Dorf­struk­tu­ren hat­ten, in denen das hei­li­ge Feu­er nie­mals aus­ge­hen durf­te und die Bush­leu­te, stren­ge Regeln, wel­che Plät­ze von Frau­en betre­ten wer­den durf­ten – und wel­che den Män­nern vor­be­hal­ten blie­ben. Gen Mit­tag sind wir in Groot­font­ein und besu­chen das Muse­um Altes Fort. Anna und Tho­mas begeis­tern sich für die kolo­nia­len Gerät­schaf­ten, mir gefällt die Anla­ge. Wei­ter gehts zum Hoba Meteo­rit, angeb­lich der größ­te Meteo­rit welt­weit. Es ist ein fast kreis­run­der, schwar­zer Block, der an man­chen Stel­len sil­bern glänzt. Es besteht fast nur aus Eisen. Und wie bei den Mau­er­spech­ten kamen hier­her Men­schen mit Eisen­fei­len und säbel­ten sich Stück­chen aus die­se Ur-Wesen her­aus.

Jetzt ist alles über­wacht und die sil­ber­nen Stel­len ros­ten lang­sam vor sich hin. Und gera­de des­we­gen ist der Meteo­rit so schön. Wei­ter geht‘s über Sand­pis­ten zum Water­berg. Die­ses rie­si­ge Gebirgs­mas­siv bekommt mehr Regen ab, als anders­wo und heißt des­halb Wasser(Water)berg.

Hier eröff­ne­te der Staat ein rie­si­ges Natur­re­ser­vat, in dem sich Nas­hör­ner wie­der erho­len sol­len. Ich bin ein biss­chen skep­tisch. Tho­mas will wan­dern – ich aber kei­nen Nas­hör­nern begeg­nen. Als wir also zur Rezep­ti­on hin­auf­ge­hen, um eine geführ­te Wan­de­rung zu buchen, stau­nen wir nicht schlecht. Dort gibt es ein Restau­rant, ganz aus Glas, das so in die Land­schaft gebaut wur­de, dass man aus ele­gan­ten Sofas und beque­men Ses­seln in das lang gestreck­te grü­ne Tal des Water­berg­mas­sivs bli­cken kann, ohne auch nur ein biss­chen Schweiß ver­gie­ßen zu müs­sen. In die­sem Ort trös­ten wir uns dar­über hin­weg, dass lei­der jede geführ­te Wan­de­rung aus­ge­bucht ist.

12.09.2019 So gehen wir am nächs­ten Tag ein paar der ange­zeig­ten Wan­der­we­ge ab, die wohl kein Zusam­men­tref­fen mit gefähr­li­chen Tie­ren befürch­ten las­sen und des­halb ohne Füh­rung frei­ge­ge­ben sind. Die abwechs­lungs­reich ange­leg­ten Pfa­de führ­ten uns zu traum­haf­ten Aus­sichts­punk­ten und an eine Quel­le, die nur halb gefasst, sich in die Umge­bung ver­gießt. Plötz­lich herrscht fast dschun­gel­ar­ti­ges Dickicht. Lei­der kön­nen wir dem Here­ro­auf­stands­ge­denk­weg nicht ganz zu Ende gehen, es wird schon wie­der fast dun­kel – und wir wol­len noch bei Tages­licht abend­essen.

Doch die­ser Wan­der­weg sei jedem emp­foh­len, der sich für deut­sche Kolo­ni­al­ge­schich­te inter­es­siert. Er ist in Zusam­men­ar­beit mit allen Betrof­fe­nen ent­stan­den und ein gelun­ge­ner Ver­such, Opfer und Täter zu benen­nen, um nach vie­len Jahr­hun­der­ten end­lich Frie­den in die See­len der Nach­kömm­lin­ge ein­keh­ren zu las­sen.

13.9.2019 Heu­te früh erhal­ten wir einen Ein­druck, wie schwer es Jäger hat­ten, das gut getarn­te Wild auf­zu­stö­bern und zu erle­gen. Anders als bei der Auto­fahrt in Eto­sha sieht man hier nicht weit. Die Tie­re sind gut getarnt, das Unter­holz tut sein übri­ges. So stol­pern wir fast in eine Giraf­fen­fa­mi­lie. Sie war wegen der Bäu­me für uns nicht sicht­bar. Auch die Büf­fel sahen wir erst, als sie schon alar­miert von unse­rer Ankunft, im Schweins­ga­lopp an uns vor­ei­tram­pel­ten. Ich erschreck­te mich nicht schlecht.

Wei­ter und wei­ter zie­hen wir mit unse­rem Gui­de, der ohne Anstren­gung erken­nen zu las­sen, zu Fuß in brü­ten­der Hit­ze cir­ca 6 Stun­den­ki­lo­me­ter vor­legt. Wir waren mit Abstand die Ältes­ten. Doch auch alle ande­ren ächz­ten und hät­ten fast ihr Inter­es­se an den Nas­hör­nern ver­lo­ren. Ein Was­ser­loch nach den ande­ren haben wir bereits abge­wan­dert. Doch kei­nes die­ser reiz­ba­ren Tie­re will sich zei­gen. Schließ­lich – nach fast drei­stün­di­gem Marsch wer­den wir fün­dig – und ehr­fürch­tig. Die­se Urwe­sen sind so groß und so schwer, dass wir uns unse­rer gro­ßen Ver­letz­bar­keit bewusst wer­den. Wir betrach­ten sie aus nächs­ter Nähe, Der Gui­de ach­tet dar­auf, dass wir gegen den Wind ste­hen. Ein letz­tes Ein­tau­chen in den Pool – und schon sind wir wie­der auf der Pis­te.

Es geht zu den Dino­sau­ri­er­spu­ren. Unser per­sön­li­ches Jur­ra­sic Park ist ent­täu­schend und ver­stö­rend zugleich. Nach lan­ger Fahrt lan­den wir an einem fast ver­las­se­nen, leicht her­un­ter­ge­kom­me­nen Cam­ping­platz. Dort zah­len wir eine klei­ne Gebühr und erhal­ten ein Blatt Papier, auf dem der Weg zu den Spu­ren gezeigt ist. Es sind zwei – die klei­ne­ren und ent­spre­chend weni­ger gut erkenn­ba­ren Trit­te sind hand­tel­ler­groß und cir­ca 4 cm tief. Die ande­ren Hand­groß und deut­lich in dem Sand­stein zu erken­nen. Die gan­ze Umge­bung – eine stei­ni­ge Flä­che in einer gro­ßen Farm – wirkt so all­täg­lich, dass es gar kein Fake sein kann. Doch wenn das wirk­lich Dino­sau­ri­er­spu­ren sind, die da auf dem Boden mit roter Far­be mar­kiert sind, war­um gibt es dann kei­nen grö­ße­ren Auf­marsch? Kein Andenken­la­den, kei­ne gro­ßen Schil­der?

Ich gebe mir die Ant­wort selbst. Es ist Nami­bia – und der Tou­ris­mus ist in den letz­ten Jah­ren wie­der stark ein­ge­bro­chen. Wir über­nach­ten in Omaru­ru auf dem Cam­ping­platz des River Guest­houses. Hier scheint die Was­ser­knapp­heit noch nicht ange­kom­men zu sein. Wir stel­len unser Dach­zelt unter rie­si­gen Bäu­men auf, bewun­dern die Kois im Teich und las­sen uns ein Gin Ton­ic im Gar­ten der Lodge ser­vie­ren.

18.9.2019 Heu­te haben wir eines der Höhe­punk­te jeder Nami­bia-Rund­rei­se abge­hakt: Den Dünen­parkt des Nau­kluft- Natio­nal­parks, eines bis zu 150 km brei­ten Küs­ten­strei­fens, der sich vom Oran­je (Süd­afri­ka) bis zum Kunene (Ango­la) hin­zieht. Die Anrei­se gestal­te­te sich schon schwie­rig, da alle Camp­si­tes in der Nähe des Ein­gangs bereits aus­ge­bucht waren. So bra­chen vor Son­nen­auf­gang auf, um pünkt­lich um 7:30 beim Gate zu sein. Die Hol­per­stre­cke bis dort­hin wur­de um har­ten Kampf um jede Bode­wel­le. Nie­mand woll­te sei­nen müh­sam erober­ten Platz bei der Zufahrt zum Gate auf­ge­ben – und jeder hüpf­te so schnell er sich trau­te von einer Boden­wel­le zur nächs­ten. Was ich auf mei­nem Rück­sitz halb ver­ängs­tigt, halb belus­tigt beob­ach­te­te, soll­te sich spä­ter als Segen her­aus­stel­len. Doch davon spä­ter. Zunächst bewun­der­te ich schon lan­ge bevor die eige­net­li­chen Höhe­punk­te kamen, die vie­len ver­schie­de­nen Far­ben, die sich da zu den höchs­ten Sand­dü­nen der Welt auf­türm­ten. Trotz der unwirt­li­chen Bedin­gun­gen säum­ten grü­ne Bäu­me den Fuß vie­ler die­ser Sand­ber­ge. Inter­es­sant fand ich auch, wie der Sand die Berg­welt erober­te. Auch wenn er vom Fuß des Ber­ges anstieg, füll­te des Sand bald wie Schnee jedes Tal, jeden Vor­sprung auf, bis sich die­se wun­der­schö­nen, sanf­ten Wind­ge­bil­de majes­tä­tisch aus dem öden Lehm­bo­den erho­ben. Auch wenn ich es den­noch ver­such­te, weiß ich doch, dass die Fotos nichts wer­den, denn der fei­ne Küs­ten­ne­bel ließ alles wie hin­ter einem Weich­zeich­ner ver­schwin­den. Ich ver­fluch­te den Camp­site­hü­ter, der uns zur Mor­gen­stun­de gera­ten hat­te. Ange­kom­men zur Düne Nr. 45 kam ich mir vor, wie auf dem Okto­ber­fest. Auf dem klei­nen Park­platz vor der Düne wur­de gekocht, geklönt und geges­sen. Fahr­rä­der wur­den ver­staut und immer wie­der spuk­ten Klein­bus­se foto­gra­fier­wü­ti­ge Tou­ris­ten aus aller Welt aus, die sich sofort auf den Marsch nach oben mach­ten. Da ein kal­ter Wind weh­te, zog ich sicher­heits­hal­ber mei­ne Sweat­ja­cke über. Es stau­te sich – und bis wir die stei­le Düne erklom­men haben, war es ange­nehm warm, wäh­rend der Sand noch die Rest­küh­le der Nacht abgab. Zwei­feln­den Tou­ris­tin­nen rede­ten wir herz­lich zu, die­ses wun­der­ba­re Erleb­nis aus­zu­pro­bie­ren. Trotz­dem uns der Kaf­fee­duft aus den Nach­bar­kan­nen begehr­lich um die Nasen strich, fuh­ren wir gleich wei­ter zur Deadv­lei, wo ich mei­ne ers­te Unter­richts­stun­de im Sand­fah­ren gefühlt glor­reich über­stand. Es waren nur weni­ge Kilo­me­ter gewe­sen, doch inzwi­schen brüll­te die Son­ne bereits vom Him­mel, so dass selbst Juli­an auf ein wei­te­res Dünen­aben­teu­er ver­zich­te­te. Wir stapf­ten nur noch zum Post­kar­ten­mo­tiv der Deadv­lei – wei­ßer Lehm­bo­den, schwar­ze Bäu­me, die ihre ver­zwei­fel­ten Äste zum blau­en Him­mel recken, und rund­her­um sehr hohe Dünen, die wie in Flam­men getaucht sind. Auf deren Bestei­gung ver­zich­te­ten wir. Trotz­dem wur­de der Sand wäh­rend des kur­zen Aus­flugs vom Auto bereits so bren­nend heiß, dass ich mir vor­nahm nur noch mit Schu­hen das Auto zu ver­las­sen. Die nächs­ten 2,5 km Sand­pis­te kos­te­ten Tho­mas min­des­tens 100 graue Haa­re. Doch ich steu­er­te unser Gefährt erfolg­reich durch das auf­ge­wühl­te Sand­meer, das sich 4*4‑Drive nann­te.

Souss­v­lei stell­te sich als grü­ne Oase inmit­ten der Dünen her­aus. Hier­her ver­irr­ten sich nur noch Indi­vi­du­al­tou­ris­ten, die es sich unter den aus­la­den­den Kamel­dorn­bäu­men bequem mach­ten, dem Scha­kal beim Streu­nern zusa­hen und ihr Pick­nick aus­pack­ten. Eine far­bi­ge Frau hat­te sogar ein Out­door­ca­te­ring mit fest­lich gedeck­tem Tisch, Sekt­flö­ten und Grill auf­ge­baut. Wie ger­ne hät­te ich mich an die eine Tisch­sei­te gesetzt und einen der fan­tas­ti­schen nami­bi­schen Pro­sec­cos ent­korkt! Wir begnüg­ten uns mit vor­be­rei­te­ten Sand­wichs, Äpfeln und einem impro­vi­sier­ten Vogel­bad. Eine zar­te Kap­sper­lings­da­me hat­te es auf Tho­mas Strau­ßen­fe­der abge­se­hen. Wir konn­ten es nicht glau­ben: Bin­nen einer hal­ben Minu­te hat­te sie die rie­si­ge Feder aus dem Hut gezerrt und in ihr klei­nes Nest über unse­ren Köp­fen ver­baut. Bei der Rück­fahrt war die Außen­tem­pe­ra­tur bereits auf 40 Grad ange­stie­gen. Unser Inter­es­se, den Sess­riem Can­yon zu Fuß zu durch­que­ren sank auf Null. Bei der Wei­ter­fahrt Rich­tung Lüde­ritz fan­den wir über­ra­schend einen wun­der­schö­nen, weil saf­tig grü­nen und ein­sa­mem Cam­ping­platz, der noch dazu von far­bi­gen Ein­hei­mi­schen betrie­ben wur­de. Welch Erho­lung die war­me Dusche auf nur noch war­men 1500 Metern!

20.9.2019 Unser Aben­teu­er in der Mal­ta­hö­he bezahl­ten wir mit einem plat­ten Rei­fen, den Juli­an und Tho­mas aber gekonnt wech­sel­ten, wäh­rend ich leicht besorgt um die bei­den her­um­schwän­zel­te, in der Hoff­nung, so zu ver­hin­dern, dass das ton­nen­schwe­re Gefährt auf Tho­mas Bei­ne krach­te. Doch Toyo­ta hat­te auch an einen soli­den hydrau­li­schen Wagen­he­ber mit lan­gem Bedien­arm gedacht. So stell­ten sich mei­ne Sor­gen wie­der ein­mal als über­flüs­sig her­aus. Unge­stört bewäl­tig­ten wir die nächs­ten Kilo­me­ter berg­auf zum Stadt Mal­ta­hö­he, vor­bei an beein­dru­cken­den Can­yons und vie­len, vie­len Kamel­dorn­sträu­chern – dem Beweis für die Über­wei­dung die­ses Gebiets. (Grä­ser sind Flach­wurz­ler, die das sel­te­ne Regen­was­ser im Boden hal­ten. Sträu­cher und Bäu­me sind hin­ge­gen Tief­wurz­ler, die das drin­gend benö­tig­te Grund­was­ser anzap­fen. Durch das Abgra­sen der Grä­ser bis auf Boden­nä­he, ster­ben die­se ab und über­las­sen das Revier den sta­che­li­gen Sträu­chern, die nur von Kame­len, die hier nicht gezüch­tet wer­den, gemocht wer­den.

Die Stadt Mal­ta­hö­he spricht dem­entspre­chend von ver­gan­ge­nem Reich­tum: Ten­nis­plät­ze, ein Gemein­de­schwimm­bad, ein altes Luxus­ho­tel, eine Tank­stel­le, meh­re­re Geld­au­to­ma­ten und ein gro­ßer Markt mit exqui­si­tem Kunst­hand­werk, sowie vie­len Män­nern – Kin­der und alte –, die vor den Geschäf­ten auf poten­te Kun­den war­ten. Auch wir sind sofort umringt von Erwach­se­nen: „Hi fri­end, kommt ihr aus Deutsch­land?“ und Kin­dern, die bar­fuß Juli­an mit Mis­ter anre­den. Juli­an lacht und gibt den Kin­dern klei­ne Mün­zen, Tho­mas unter­hält sich mit den bei­den Maka­la­ni­nuss­ver­käu­fern auf Deutsch und ich hüp­fe ängst­lich ein paar Schrit­te zur Sei­te und zische bit­te kein Geld, lasst uns wei­ter gehen … Net­ter­wei­se sche­ren sich mei­ne Män­ner nicht um mei­ne Ängs­te. Die bar­fü­ßi­gen Jun­gen tra­fen wir im Super­markt wie­der, wo sie sich ein paar Gro­schen durch das Ein­pa­cken der Tüten ver­dien­ten. Und dank Tho­mas sind wir jetzt im Besitz von zwei schö­nen Schlüs­sel­an­hän­ger, die wäh­rend wir auf die Rei­fen­re­pa­ra­tur war­te­ten, vor unse­ren Augen gefer­tigt wur­den.

Die Rei­fen­pan­ne hat­te uns dann doch so viel Zeit gekos­tet, dass wir in Schloss Duwi­seb – einem Uni­kum inmit­ten des frucht­ba­re­ren Teils der Mal­ta­hö­he – nur einen kur­zen Zwi­schen­stopp. Um das Schloss, das einem mit­tel­al­ter­li­chen Burg nach­emp­fun­den wur­de, gibt es eine grü­ne Tal­sen­ke, in der einst Pfer­de­ren­nen statt­fan­den. Der Schloss­herr und sei­ne ame­ri­ka­ni­sche Frau hat­ten dort teu­re Renn­pfer­de für den euro­päi­schen Markt gezüch­tet, bis der ers­te Welt­krieg ihre Plä­ne durch­ein­an­der­warf.

In Get­ta – viel schö­ner als Soli­tär – tra­fen wir die Rad­ler­grup­pe wie­der, der wir schon früh­mor­gens auf dem Weg zur Düne 45 begeg­net sind. Auf dem Cam­ping­platz, der von einem Far­bi­gen geführt wur­de, stell­ten wir fest, dass uns bis­lang die­se Cam­ping­plät­ze am bes­ten gefal­len haben. Die Unter­künf­te sind fan­ta­sie­vol­ler und natur­nä­her, die Stim­mung ent­spann­ter und freund­li­cher. Man fühlt sich ein­fach will­kom­men. Und die Freu­de, dass man am Leben ist, egal, wie gut oder schlecht gera­de die Situa­ti­on ist, über­trägt sich ein­fach.

So nah­men wir es auch sport­lich, dass schon wie­der ein Rei­fen platt war, wech­sel­ten ihn und genos­sen dann einen Gin Ton­ic beim kos­ten­lo­sen Blick auf die unter­ge­hen­de Son­ne.

Heu­te: 20.9.2019. Der kaput­te Reser­ver­ei­fen zwingt uns, mög­lichst bald Lüde­ritz anzu­steu­ern. Statt im Bios­sphä­ren­res­sort zu über­nach­ten, durch­fah­ren wir nur die D 707 bis zur Farm der Fami­lie Koch. Links der Stra­ße erhebt sich das ver­wit­ter­te Tiras­ge­bir­ge. Auf den Berg­käm­men locken wie Schat­ten­spie­le die geschütz­ten Köcher­bäu­me. Rechts der Stra­ße genie­ßen wir den Blick auf die begin­nen­den Sand­dü­nen des Namib-Nau­kluft­parks.

In Tiras an gekom­men, sehen wir gleich einen fan­tas­ti­schen Aus­guck. Die­ser stellt sich aus unser pri­va­ter Cam­ping­platz­patz her­aus. Gra­tis zum Rund­um­blick mit Oryxan­ti­lo­pen, Klipps­lie­fern und Spring­bö­cken gibt es ein dickes Büch­lein mit Infor­ma­tio­nen über die Geo­lo­gie der Umge­bung, ein Gespräch über das Leben als deut­sche Far­mer und eine Wan­de­rung, die gera­de die rich­ti­ge Län­ge hat­te.

Cam­ping ist toll, denn hier in Nami­bia sitzt du umge­ben von die­ser inten­si­ven Natur immer in ers­ter Rei­he. Manch­mal füh­le ich mich hier, als ob ich direkt auf Got­tes Schoß sit­ze.

Am 21.9.2019 nahm ich mein Lob­lied auf das Cam­pen klein­laut zurück. Tho­mas hat­te uns in Lüde­ritz zwar auf dem staat­li­chen Camp­ground ein­ge­mie­tet, doch gleich in den alten Leucht­turm. Gespannt dis­ku­tier­ten wir, was wohl auf uns war­ten wür­de. Ein Turm – ohne Fens­ter – dafür mit vie­len Bet­ten? Klo und Duschen drau­ßen auf der win­dum­tos­ten Shark Island? Der alte Leucht­turm – eigent­lich das Leucht­turm­wär­ter­häus­chen mit Türm­chen – stammt, wie jedes drit­te Gebäu­de der Innen­stadt aus der Wil­hel­mi­ni­schen Zeit, als hier ein gewis­ser Adolf Lüde­ritz aus Bre­men den dort leben­den Stäm­men das Land für en Appl und en Ei abluchs­te, da er statt der damals gebräuch­li­chen eng­li­schen Mei­len (= 1,6 km) die geo­gra­phi­schen Mei­len (=7,4 km) dem Kauf­ver­trag zugrun­de leg­te.

Da er die Rache der Betro­ge­nen fürch­te­te, bat er Bis­marck um Schutz, der er gewähr­te, nach­dem die Eng­län­der Inter­es­se für die­ses Gebiet bekun­det hat­te. Im August 1884 ließ er hier die deut­sche Flag­ge his­sen. Die deut­sche Kolo­nie Süd­west-Afri­ka war gegrün­det. Lüde­ritz hoff­te in die­ser unwirt­li­chen Gegend – eine rau­hes, kal­tes Meer, kein Trink­was­ser weit und breit und Sand­dü­nen, die den lan­gen Weg ins frucht­ba­re­re Innen­land immer wie­der neu ver­sper­ren – Boden­schät­ze wie Kup­fer, Gold und Sil­ber zu fin­den. Er sah sei­nen Hafen auch als Ver­sor­gungs­sta­ti­on für die Wal­fisch- und Rob­ben­fän­ger (Leber­tran!) und hoff­te dar­auf, dass hier Elfen­bein und Fel­le aus dem Inland ver­schifft wer­den könn­ten. Tat­säch­lich ver­schul­de­te er sich nur mit sei­nen Expe­di­tio­nen – und fand nichts als Sand. Von einer Rei­se, die erkun­den soll­te, ob der Oran­je schiff­bar gemacht wer­den könn­te, kehr­te er nie wie­der zurück.

Lüde­ritz als Hafen inmit­ten der Wüs­te blieb aber erhal­ten und wuchs zunächst sehr lang­sam, bis 1908 beim Bau der Eisen­bahn ein Dia­mant gefun­den wur­de. Die Geschich­te des deut­schen Dia­man­ten­fie­bers hör­ten wir heu­te (22.9.19) im Rah­men einer Füh­rung durch die Geis­ter­stadt Kol­manns­kup­pe. Noch heu­te wer­den Schmuck­dia­man­ten aus dem Sand der Namib gesiebt, aus dem Meer getaucht oder durch Abtra­gen des Meer­bo­dens an Land geför­dert.

Aller­dings ist die Aus­beu­te rund um Lüde­ritz zu nied­rig. Dia­man­ten tra­gen nur noch wenig zur Wirt­schafts­kraft die­ses jun­gen Staa­tes bei­tra­gen könn­ten.

Doch zurück zu unse­rem Leucht­turm. Es war­te­te ein ent­zü­cken­des Häus­chen mit guter Stu­be, zwei Schlaf­zim­mern und zwei Bade­zim­mern mit Bade­wan­ne und hei­ßem Was­ser auf uns. Drau­ßen stürmts der­art, dass wir an dem Tag das Haus mit den Fens­tern in alle Him­mels­rich­tun­gen nicht mehr ver­las­sen wol­len. Statt­des­sen genie­ßen wir das hei­ße Bade- Was­ser, die sau­be­ren Bet­ten und den Rund­um­blick auf das tosen­de Meer. Wer hät­te gedacht, dass ich mal in Afri­ka höl­lisch frie­ren soll­te.

22.9.19 Die Tour durch die Geis­ter­stadt mit Bäcke­rei, Schlach­te­rei, Lin­de Kühl­schrän­ken und Thea­ter­saal war beein­dru­ckend: In die­ser Sand­wüs­te nach Dia­man­ten zu suchen, ist buch­stäb­lich wie die Nadel im Heu­hau­fen zu suchen. Des­halb sind die glit­zern­den Stein­chen so teu­er, dass die Besit­zer von Kol­manns­kup­pe das ers­te Rönt­gen­ge­rät nach Afri­ka impor­tier­ten. Nein, es ging nicht um gebro­che­ne Bei­ne, es ging um ver­schluck­te Dia­man­ten. Den Rest des Tages ver­brach­ten wir in unse­rem Light­house und auf einer Fahrt zu den Buch­ten rund um Lüde­ritz. Wir sahen Fla­min­gos, Austern­bän­ke, Hoch­see­fi­scher und brü­ten­de Möwen. Beim Aus­stei­gen muss­ten wir die Auto­tü­ren fest­hal­ten, damit der fri­sche Wind sie nicht aus den Angeln heben konn­te – eine sehr neue Erfah­rung. Aller­dings konn­te ich jetzt bes­ser ver­ste­hen, war­um die Küs­te Nami­bi­as Ske­le­ton Coast genannt wird. Glück­lich und erschöpft genos­sen wir das hei­ße Bad in unse­rer Unter­kunft und hör­ten dem Rüt­teln des Win­des an den Fens­tern zu.

23.9.19 Tho­mas hat sich erkäl­tet und schwänz­te des­halb unse­re Boots­fahrt ent­lang der Küs­ten und Inseln rund um Lüde­ritz. Wir sahen Del­fi­ne, Rob­ben, Pin­gui­ne sowie ein Dia­man­ten­schürf­boot und lausch­ten den Geschich­ten eines ehe­ma­li­gen Dia­man­ten­tau­chers. Wei­ter ging dann die Fahrt über Betha­ni­en (ers­tes Haus Nami­bi­as, erbaut von einem Bre­mer Geist­li­chen), bis zum Köcher­baum­wald bei Keth­manns­hoop. Die Farm, auf der sehr vie­le die­ser bis zu fünf Meter hohen und locker hun­der­te von Jah­ren alten Suk­ku­len­ten gefun­den wur­den, bie­tet neben einem Cam­ping­platz auch Raub­tier­füt­te­run­gen an. Die männ­li­chen Gepar­den hei­ßen Sad­dam und Kad­ha­fi. War­um wohl? Gepar­den töten mehr Tie­re, als sie zum Über­le­ben brau­chen – „170 Scha­fe“, so erzähl­te der stol­ze Besit­zer, der ein biss­chen an Pet­ter­son erin­ner­te, in nie­der­län­disch anmu­ten­dem Deutsch, wur­den neu­lich von zwei jun­gen Gepar­den geris­sen.“

24.9.2019 Heu­te ist unser letz­ter Tag in Nami­bia. Wir ver­brin­gen ihn nach einer lan­gen Fahrt durch die Stein­wüs­te bei den hei­ßen Quel­len in AisAis. Zuvor war­fen wir einen Blick in den größ­ten Canon Afri­kas, dem Fish-River-Canon. Hier ist vor nicht all­zu lan­ger Zeit unser Freund aus Stel­len­bosch durch­ge­wan­dert. Es ist eine beein­dru­cken­de Wan­de­rung, bei der man alles, das man in den fünf bis sechs Tagen braucht, sel­ber mit­schlep­pen muss. Ais, Ais liegt am Ende der Wan­de­rung. Und so sahen wir, als wir im hei­ßes Bad plansch­ten, auch einen glück­li­chen Wan­de­rer, der aus dem Canon kam. Abends im Restau­rant essen wir zum ers­ten Mal Oryx. Es schmeckt wie sehr zar­tes Reh­fleisch. Die lau­ten Fami­li­en-Grup­pen, die mit Begeis­te­rung um das Grill­feu­er her­um­sit­zen, gaben uns ein zwie­späl­ti­gen Vor­ge­schmack auf Süd­afri­ka.

SÜDAFRIKA

25.9.2019 Unser heu­ti­ges Ziel ist Nama­qa­land, wo sich jetzt im Früh­jahr ein Blü­ten­meer ergie­ßen soll. Doch lei­der stel­len wir in Sprin­bok fest, dass ein Rei­fen platt ist. Spring­bok ist ein klei­ner Ort, aber ich bekom­me fast einen Herz­in­farkt, so viel ist hier los. Über­all gibt es Geschäf­te, Wer­bung, sofort ist jemand da, um uns zu hel­fen. Vie­le far­bi­ge Men­schen sind auf der Stra­ße und ich sor­ge mich wie­der. Was wer­den die­se Men­schen mit unse­rem Auto machen? Doch tat­säch­lich haben sie den kaput­ten Rei­fen in fünf Minu­ten gewech­selt und ver­lan­gen dafür nur 50 Rand – 13 Euro. Um den kaput­ten Rei­fen wie­der repa­riert zu bekom­men, müs­sen wir um die Ecke zu einem ande­ren Geschäft fah­ren. Des­sen Besit­zer dia­gnos­ti­ziert den Rei­fen als unre­pa­rier­bar. Will er uns einen neu­en Rei­fen andre­hen? Ich sor­ge mich wie­der. Doch Tho­mas lässt den Besit­zer mit dem Auto­ver­mie­ter dis­ku­tie­ren – und wir machen uns auf, um eine Inter­net- und Tele­fon­kar­te für Süd­afri­ka zu besor­gen. Wir wer­den in eine Art Kauf­hof geschickt. Das Ange­bot in dem hel­len, kli­ma­ti­sier­ten Geschäft über­for­dert mich: – muss­ten wir in Nami­bia immer nur zwi­schen zwei Mög­lich­kei­ten ent­schei­den, ste­hen hier min­des­tens 5 ver­schie­de­ne Coke-Sor­ten. Was für ein Ent­schei­dungs­stress! Immer­hin kön­nen wir uns auf MTN als Pro­vi­der ent­schei­den. Kur­ze Zeit spä­ter ist unser Auto auch wie­der heil. Aller­dings, wo sind die Rad­kap­pen geblie­ben? Wir haben kei­ne Zeit, uns dar­um zu küm­mern, denn der Natio­nal­park schließt gleich.

26.9.2019 Mit drei Autos ist der Cam­ping­platz für unse­ren Gem­schmack nahe­zu voll. Und tat­säch­lich tref­fen wir uns alle auf der abwechs­lungs­rei­chen Wan­de­rung durch den Natio­nal­park. In die­sem rie­si­gen Land müs­sen wir anste­hen, um wei­ter zu kom­men! Die zwei jun­gen deut­schen Frau­en sind eben­falls scho­kiert. In Nami­bia hat­ten sie zwei Wochen kei­ne ande­ren Tou­ris­ten getrof­fen. Lei­der gibt es kaum Blu­men. Auch Nama­qua­land, wie ganz Süd­afri­ka, lei­det unter einer unge­wöhn­li­chen Tro­cken­heit. So ist es hier zwar ein biss­chen grü­ner als in Nami­bia, doch weit ent­fernt von bunt und grün. Wir über­nach­ten in der High­lan­der Camp­si­te, einem win­zi­gen Wein­gut. Hier in der Gegend wer­den all die saf­ti­gen Zitrus­früch­te gezo­gen, die als Kapor­an­gen oder Flug­oran­gen auf dem Vik­tua­li­en­markt lan­den.

27.9.2019 Es geht wei­ter nach Clan­wil­liam und von dort in Ceder­moun­tains, die Zedern­ber­ge. Ein span­nen­der Auf­stieg zu einem Was­ser­fall war­tet dort auf uns. Es ist heiß – und ich klap­pe bei dem ein­stün­di­gen Marsch bei­na­he zusam­men. Wie ich wohl auf den Baviaans Cami­no über­ste­hen wer­de? Seit Clan­wil­liams wird es immer grü­ner. Es gibt sogar Flüs­se und Kühe!Nach knapp zwei Stun­den – und wir errei­chen Stel­len­bosch – eine ganz ande­re Welt.

28.9.2019 Wir genie­ßen das Zusam­men­sein mit unse­ren Freun­den, den Luxus eines Hau­ses und legen eine Rei­se­pau­se ein. Am Abend fei­ern wir diver­se Geburts­ta­ge auf Jourdan‘s Wein­gut nach. Uns emp­fängt eine unglaub­li­che Aus­sicht – als läge uns ganz Stel­len­bosch zu Füßen – ein Wein, bei dem auf Sul­fur­zu­satz ver­zich­tet wird, und ein Fest­essen, das heu­te von einem Spit­zen­koch vor unse­ren Augen zube­rei­tet wird. Die kon­zen­trier­te Freu­de der jun­gen Sou­kö­che kan aber nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass aus­schließ­lich Hell­häu­ti­ge an de Tischen sit­zen und den Luxus des Müßig­gangs genie­ßen, wäh­rend aus­schließ­lich Dun­kel­häu­ti­ge in Küche und Ser­vice zu sehen sind. Dass die­se Art der Ras­sen­tren­nung die Regel und nicht die Aus­nah­me im Wes­tern Cape ist, wer­den wir in den kom­men­den Tagen ler­nen müs­sen.

29.10.2019 Wir ler­nen das hüb­sche, kolo­nia­le Zen­trum Stel­len­boschs ken­nen. Durch den Besuch des Stadt-Muse­ums erfah­ren wir viel über die Bru­ta­li­tät der Skla­ven­zeit – und bemer­ken, dass vie­le Skla­ven-Geset­ze in den Zei­ten der Apart­heid wie­der­be­lebt wur­den. Ein­zi­ge Aus­nah­me: Damals war Lie­be und Ehe zwi­schen den Ras­sen akzep­tiert.

30.9. Wir genie­ßen den tou­ris­ti­schen Müßig­gang, wan­dern auf den Stel­len­bosch Moun­tain, ler­nen den Fyn­bosch ken­nen, des­sen Arten­viel­falt Bota­ni­kerher­zen höher schla­gen lässt. Wir erfreu­en uns an den gro­ßen, aus­drucks­vol­len Blü­ten der Pro­tea, die ein biss­chen wie Ana­nas-Zap­fen aus­se­hen und bei uns so man­chen exo­ti­schen Blu­men­strauß zie­ren. Wir fin­den geni­al ange­leg­te Moun­tain­bike­stre­cken – erken­nen, dass vie­le Süd­afri­ka­ner wirk­lich sehr sport­lich sind.

1.10.2019

1.10.2019 Youth Solu­ti­ons Afri­ca ist eine Orga­ni­sa­ti­on, die der Theo­lo­ge Pater John Phil­mon in Kap­stadt ins Leben geru­fen hat. Sein Ziel ist es, Men­schen, die auf der Stra­ße leben, wie­der in die Gesell­schaft, in die Fami­li­en zu inte­grie­ren. John Phil­mon, der selbst unter ärm­lichs­ten Bedin­gun­gen auf­ge­wach­sen ist, setzt dabei vor allem auf (Weiter-)Bildung. Wis­sen ist der Weg aus der Armut, die den Grund­stein für eine spä­te­re Obdach­lo­sig­keit legt.

Bil­dung: Bald wird er zwei Kin­der­gär­ten in Town­ships errich­tet haben. Dort sol­len die Kin­der neu­gie­rig auf Wis­sen wer­den, denn die Schul­ab­bruch­quo­te in den Town­ships ist sehr hoch. Auch er hat­te einst die Schu­le ver­las­sen, um mög­lichst früh arbei­ten gehen zu kön­nen. Aller­dings hat er spä­ter auf der Abend­schu­le sei­nen Abschluss nach­ge­holt.

Bil­dung II: Youth Solu­ti­ons Afri­ca unter­hält eine Sup­pen­kü­che, damit die Kin­der aus den Town­ships mit­tags eine war­me Mahl­zeit und die Gele­gen­heit zum Ler­nen und Sich-Aus­spre­chen erhal­ten.  Sozi­al­ar­bei­ter sind vor Ort und ver­su­chen mit den Kin­dern und Jugend­li­chen, aber auch mit deren Vätern, Müt­tern, Groß­el­tern ins Gespräch zu kom­men. Sein Ziel ist es, sie davon zu über­zeu­gen, Hil­fe anzu­neh­men.

Bil­dung III: John Phil­mon hat eine Unter­kunft für Obdach­lo­se errich­tet. Hier dür­fen 75 Men­schen so lan­ge woh­nen und ler­nen, bis sie ihr Leben wie­der voll­stän­dig im Griff haben.

Um all die­se Ein­rich­tun­gen unter­hal­ten zu kön­nen, ist Pater John Phil­mon natür­lich auf Spen­den ange­wie­sen. Er kommt des­halb regel­mä­ßig ins Gym­na­si­um Kirch­heim. Wir haben unse­re Zeit in Kap­stadt dazu genutzt, Pater Phil­mons Pro­jek­te zu besu­chen:

Die Unter­kunft wur­de vor sechs Jah­ren gegrün­det. Er zeigt auf die vie­len Zer­ti­fi­ka­te von Stadt, Steu­er­be­hör­den, Was­ser­ver­sor­gung und ande­ren, die bewei­sen, dass sein Pro­jekt auch behörd­lich als Hilfs­pro­jekt aner­kannt ist.

Wir sind sehr stolz, dass wir das geschafft haben”, freut er sich, obwohl die Zusam­men­ar­beit mit den Behör­den viel Zeit und Res­sour­cen frisst. Aber es ist wich­tig, um auch auf poli­ti­scher Ebe­ne eine Bre­sche für die Aus­ge­sto­ße­nen der Gesell­schaft zu bre­chen. Zum Bei­spiel habe das Stadt­par­la­ment von Kap­stadt, das von der Demo­cra­tic Alli­an­ce (DA), der Par­tei der Wei­ßen domi­niert ist, dras­ti­sche Geld­stra­fen beschlos­sen, um die Obdach­lo­sig­keit aus den Augen der Öffent­lich­keit zu ver­drän­gen. Wer die­se Geld­stra­fen nicht zah­len kann, wan­dert ins Gefäng­nis. “Wir den­ken, das ist der fal­sche Weg” sagt John, des­we­gen betei­li­gen wir uns an den Demons­tra­tio­nen gegen die­se Rege­lung, die es den vie­len Obdach­lo­sen nur noch schwe­rer macht.

75 Bet­ten hat der “shel­ter” (die Obdach­lo­sen­un­ter­kunft), der unter einer Auto­bahn­brü­cke mit­ten im District 6 liegt, dem Teil im Her­zen der Stadt, in dem vor der Poli­tik der Apart­heid die ver­schie­de­nen Bevöl­ke­rungs­grup­pen fried­lich mit­ein­an­der gelebt hat­ten.

John stellt uns den bei­den Sozi­al­ar­bei­te­rin­nen vor, die ange­stellt sind, um zusam­men mit den

Von links nach rechts: Jen­ny hat heu­te ihren ers­ten Tag, Moni­ka ist auf den Tag drei Jah­re dabei.

Obdach­lo­sen deren viel­fäl­ti­ge Pro­ble­me anzu­ge­hen. Jen­ny hat heu­te ihren ers­ten Tag und Moni­ca ist auf den Tag schon drei Jah­re dabei. Sie liebt ihre Arbeit mit den Aus­ge­sto­ße­nen der Gesell­schaft. Sie führt uns durch die Unter­kunft.

Wir dür­fen Küche, Wasch­räu­me und Toi­let­ten sehen und wer­den auch durch die fünf Schlaf­räu­me geführt. Es gibt zwei für Frau­en und drei für Män­ner. Alles ist sehr ein­fach, aber prak­tisch ein­ge­rich­tet. In den klei­ne­ren Räu­men wirkt es sogar auch auf uns gemüt­lich. Nur im gro­ßen Schlaf­raum für 30 Män­ner möch­te man nicht unbe­dingt län­ger blei­ben müs­sen. Trotz­dem ist alles sehr sau­ber und ordent­lich auf­ge­räumt. Auf den Bet­ten lie­gen Kuschel­tie­re – an den Wän­den hän­gen fre­che Sprü­che.

Wir tref­fen die Bewoh­ner. Es sind Men­schen zwi­schen 30 und 80. Alle Haut­far­ben sind ver­tre­ten. Pedro ein “Colo­red” (far­bi­ger) Bewoh­ner hat por­tu­gie­si­sche Wur­zeln und arbei­tet am Com­pu­ter. Ob es hier Inter­net gäbe fra­ge ich. “Nein lei­der nicht”, nur gegen­über sei ein Cafe bei dem man gele­gent­lich online gehen kön­ne. Pedro erzählt uns, dass er “visu­al com­pu­ter design” stu­diert und er froh ist, mit Johns Hil­fe, von den Dro­gen weg­ge­kom­men zu sein. Er habe erkannt, die schäd­lichs­ten Wor­te sei­en “could have, should have, would have”.

Dro­gen sind ein Rie­sen­pro­blem” erzählt John spä­ter, als wir in sein Büro geführt wer­den. “Egal ob Alko­hol, Mari­hua­na oder Crys­tal Meth, sobald Dro­gen ins Spiel kom­men, wird das Leben für die Men­schen schwer. Aber es sind gera­de die schwe­ren Fäl­le, derer wir uns anneh­men”, erzählt er wei­ter und sei­ne Augen fan­gen an zu leuch­ten. “Immer wie­der kam bei­spiels­wei­se ein Mann, der 28 Jah­re auf der Stra­ße gelebt hat. Er woll­te unse­re Hil­fe und wir haben ihn auf­ge­nom­men. Aber es war sehr schwer, da er gewohnt war, allein auf har­tem Boden zu schla­fen, muss­ten wir ihn erst lang­sam an eine Matrat­ze und das Schla­fen in dem Gemein­schafts­räu­men mit Ande­ren gewöh­nen.”

Die­ses Ein­ge­hen auf die spe­zi­el­len Bedürf­nis­se der Hil­fe­su­chen­den, sieht er als die Haupt­auf­ga­be der Mit­ar­bei­ter im Shel­ter an. “Jeden Tag schrei­ben wir Berich­te dar­über, wel­che Zie­le sich der Bewoh­ner setzt und wie er dabei unter­stützt wer­den kann. Manch­mal geht es um Papie­re, dann wie­der um Arbeits­su­che, um Ent­zug oder um Wie­der­an­nä­he­rung an die Fami­lie, oder ein­fach nur dar­um, ärzt­li­che Hil­fe anzu­neh­men und die Gesell­schaft ande­rer Men­schen ertra­gen zu kön­nen.

Genau, so ist es” bestä­tigt John, “den gro­ßen Rest kön­nen wir nur über Spen­den decken. Das Gym­na­si­um Kirich­heim gehört zu unse­ren zuver­läs­sigs­ten Unter­stüt­zern, wir sind dar­über sehr dank­bar.” ergänzt er.

Wie sich die Unter­kunft finan­zie­re, fra­gen wir. “Die Regie­rung unter­stützt uns mit 17 Rand pro Per­son pro Tag aber nur für 40 Leu­te” erzählt John, und fragt ob wir uns vor­stel­len kön­nen, wie viel das ist. Das wäre etwas mehr als ein Euro stel­len wir schnell fest und da die Prei­se in Kap­stadt fast auf euro­päi­schem Niveau lie­gen, kann man damit viel­leicht ein Früh­stück orga­ni­sie­ren, aber nicht für 75 Bewoh­ner.

Er sei doch Pas­tor, fra­gen wir. Wel­che Rol­le spie­le die Reli­gi­on bei sei­ner Arbeit? “Bei unse­rer täg­li­chen Arbeit hilft Reli­gi­on nicht” ant­wor­tet er, lei­der gäbe es zu vie­le kirch­li­che Pro­jek­te, die auf Mit­leid, nicht aber auf Hil­fe zur Selbst­hil­fe auf­ge­baut sei­en. Des­we­gen habe er die­ses Pro­jekt außer­halb von insti­tu­tio­nel­len Geld­ge­bern auf­ge­baut. “Sonn­tags gebe ich einen Got­tes­dienst mit Musik”, sagt er, die­se Got­tes­diens­te wür­den auch von sei­ner Fami­lie und ande­ren Men­schen aus der Umge­bung besucht. Dafür feie­re er den Got­tes­dienst, um mit Men­schen ins Gespräch zu kom­men, um deren Nöte und Anlie­gen zu ver­ste­hen und die Anlie­gen und Nöte sei­ner Schütz­lin­ge eine Öffent­lich­keit zu geben.

Ins­tead giving peop­le a fish, you should tell them how to catch fish”, sei ein chi­ne­si­sche Sprich­wort, das ihn moti­vie­re.

Wie ist es denn mit der Musik?”, fra­gen wir, schließ­lich ist John im Gym­na­si­um Kirch­heim auch für sei­ne musi­ka­li­schen Auf­trit­te bekannt. “Ich bin kein guter Musi­ker”, sagt er mit selbst­kri­ti­schem Grin­sen. “Aber es macht mir Spaß, mit Freun­den zu sin­gen. Am bes­ten ist es, weil wir dadurch immer etwas für unse­re Arbeit ein­neh­men.”

Zum Abschluss haben wir nur noch eine Fra­ge: “Seit du dei­ne Arbeit machst, hat sich in Afri­ka viel ver­än­dert. Zum Posi­ti­ven, wie wir mei­nen. Was ist dei­ne Mei­nung? Was macht Afri­ka stark?”

Ja, es hat sich viel ver­än­dert, aber noch lau­fen vie­le Din­ge nicht rich­tig. Was mich freut und ermu­tigt ist, dass die Men­schen hier dar­an glau­ben, das Rich­ti­ge zu tun. Man muss ‘con­sis­tent’ sein, die Din­ge immer wei­ter vor­an trei­ben, damit sich etwas ändert … Wir brau­chen dazu auch Vor­bil­der, Men­schen die etwas bewe­gen und zu denen wir auf­bli­cken kön­nen .” John spricht bewegt und sei­ne Augen glän­zen, als er uns zum Abschluss erzählt, wie er mit dem Ein­ver­ständ­nis sei­ner Fami­lie einen siche­ren Beruf auf­ge­ge­ben hat, um die­se Orga­ni­sa­ti­on ins Leben zu rufen. “Als ich da im 15. Stock saß und auf die Stra­ße blick­te und einen klei­nen Jun­gen bet­teln sah, da wuss­te ich, dass ich eine ande­re Arbeit brau­che, dass ich dort­hin auf die Stra­ße gehö­re, weil ich mich in ihm wie­der­erkann­te.”

2.10.2019 Wir ler­nen die Stel­len­bosch Uni­ver­si­tät ken­nen. Mei­ne Freun­din nimmt mich mit zu ihrem Semi­nar. :))) Wie schön! Einst hat­te ich mit ihr die Uni­bank geteilt, jetzt ist sie mei­ne Dozen­tin! Den Teilnehmer*innen gefällt das Semi­nar – und ich ler­ne viel über Stil­mit­tel im moder­nen Film. Anschlie­ßend gibt es für alle eine Füh­rung über das hel­le, freund­li­che Unige­län­de. Den­noch. Auch hier wur­den die Schat­ten der Ver­gan­gen­heit nur schnell über­tüncht. Die­se Gebäu­de dien­ten einst als Kader­schmie­de für die Kon­struk­teu­re der Apart­heids­po­li­tik. Danach ein Besuch in Stel­len­boschs bota­ni­schem Gar­ten – ein klei­nes Juwel für die Stu­den­ten. Man kann hier sehen, füh­len, rie­chen, dass die Gegend extrem frucht­bar ist. Auch der wach­sen­de Ein­fluss Chi­nas – nicht nur auf Süd­afri­ka zeigt sich auch im Klei­nen: An der Uni­ver­si­tät wird neben Deutsch auch Chi­ne­sisch als not­wen­di­ge modern for­eign lan­guage ange­bo­ten. Der Chi­ne­sisch-Bereich ist bes­tens aus­ge­stat­tet. Über­ra­schend für uns ist aller­dings die gro­ße Bon­sai-Abtei­lung im Bota­ni­schen Gar­ten. Alle Bon­sais sind hei­mi­sche Bäu­me!

3.10.2019 Heu­te besu­chen wir eine der Höhe­punk­te des soge­nann­ten Wes­tern Capes, des Bereichs rund um Kap­stadt, der zual­ler­erst besie­delt wur­de. Wir fah­ren durch die Kaphalb­in­sel zum Kap der Guten Hoff­nung. Uns begeg­nen Men­schen lee­re Strän­de, kal­tes Was­ser – sehr erfri­schend zum Baden – jede Men­ge Sur­fer und die ers­te Pin­guin­ko­lo­nie. In der Nähe des Kaps war­ten Pavia­ne mit Babies auf den par­ken­den Autos. Ob doch viel­leicht etwas für uns abfällt? Doch die Tou­ris­ten sind gewarnt. Pavia­ne kön­nen aggres­si­ve Pla­ge­geis­ter wer­den. Die Wan­de­rung vom Park­platz am Cape Point zum Foto­ter­min am Kap der guten Hoff­nung ist schwie­ri­ger und dau­ert län­ger als gedacht. Dafür ist sie wirk­lich abwechs­lungs­reich mit vie­len tol­len Aus­sich­ten auf das tosen­de Meer. An der Oli­fants Bay sich­ten wir Anti­lo­pen und Strau­ßen­kin­der. Auf dem Rück­weg über den Chapman‘s Dri­ve sit­ze ich am Steu­er. Mei­ne Män­ner kön­nen die atem­be­rau­ben­de Sicht auf ein­sa­me Buch­ten und schäu­men­de Wel­len­kro­nen lei­der nicht genie­ßen, zu sehr sind sie damit beschäf­tigt, die engen Kur­ven mit­zu­fah­ren und auf­zu­pas­sen, wann mir wie­der ein lebens­mü­der Moun­tain­bi­ker fron­tal ent­ge­gen­rast.

4.10. Tho­mas und ich fah­ren allein nach Kap­stadt, um mir eine Reit­ho­se ein­zu­kau­fen. Die wer­de ich auf dem Baviaans Cami­no sicher brau­chen. Es geht schnel­ler als gedacht, denn die ange­bo­te­ne Hose ist kräf­tig redu­ziert. Wir fahrn also noch zur neu errich­te­ten Water­front und besu­chen das Zeitz-Moc­ca – das Muse­um für afri­ka­ni­sche Gegen­warts­kunst. Allein das Gebäu­de ist einen Besuch wert. Es zeigt die gelun­ge­ne Umwid­mung eines Indus­trie­baus (Korn­si­los) in einen Reprä­sen­ta­ti­ons­bau mit vie­len über­ra­schen­den Durch­sich­ten. Gera­de läuft eine Aus­stel­lung der Wer­ke von Wil­liam Ken­tridge, der sich in Vide­os, Zeich­nun­gen, Wand­tep­pi­chen und Instal­la­tio­nen mit der Unge­rech­tig­keit, den Aus­wir­kun­gen der kolo­nia­len Ver­gan­gen­heit auf die heu­ti­ge Gesell­schaft und mit den inne­ren Maß­stä­ben unse­res wei­ßen Den­kens aus­ein­an­der­setzt.

Den Abend ver­brin­gen wir wie­der in Stel­len­bosch beim Wine­tas­ting mit den Freun­den. Dies­mal sind wir auf dem pri­va­ten Wein­gut des deut­schen Strumpf­her­stel­lers Peter Fal­ke. Hier wirkt alles inti­mer, aber eben­so schön ange­legt, wie Jour­dans. Ich ler­ne, dass Peter Fal­ke nicht der ein­zi­ge deut­sche Unter­neh­mer ist, der ein Wein­gut in Stel­len­bosch sein eigen nennt. Wein­gü­ter sind hier übri­gens viel, viel grö­ßer als in Deutsch­land. Trotz­dem bleibt der gute Wein im Land – der Rest geht nach Deutsch­land und den Rest der Welt.

5.10.2019 Heu­te besu­chen wir Kap­stadts berühm­ten Bota­ni­schen Gar­ten „Kirs­ten­bosch“. Nicht nur die Fül­le der blü­hen­den Pflan­zen gefällt uns, son­dern die vie­len klei­nen The­men­gär­ten und Wege. So ler­nen wir in kur­zer Zeit viel über die hei­mi­schen Pflan­zen, was uns auf der Wan­de­rung einen gro­ßen Vor­teil ein­brin­gen wird. Aller­dings wol­len wir nicht all­zu viel Zeit in die­sem klei­nen Para­dies ver­brin­gen, das auch von vie­len Süd­afri­ka­nern jeg­li­cher Haut­far­be geschätzt wird, unser eigent­li­ches Ziel ist der Gip­fel des Tafel­bergs. Wir durch­que­ren also den Bota­ni­schen Gar­ten und wan­dern mit vie­len ande­ren jun­gen Men­schen einen Was­ser­fall hin­auf. Es gibt zwar manch­mal klei­ne Staus, dafür glu­ckert es über­all und wir wan­dern im Schat­ten. Oben auf dem Pla­teau ange­kom­men, eröff­net sich ein so wun­der­ba­res Rundum­pan­ora­ma, dass wir die Anstren­gung nicht wahr­neh­men. Zudem weht bestän­dig ein küh­ler Wind nach oben. Wir hat­ten schlos­sen, die Bahn zurück­zu­neh­men, weil sie eben­falls unglaub­li­che Bli­cke ver­spricht. Was wir aller­dings nicht wuss­ten, aus­ge­rech­net an dem Tag fei­er­te die Bahn ihren 90. Geburts­tag, Wir muss­ten so lan­ge anste­hen, dass wir längst unten gewe­sen wären, wären wir zu Fuß gegan­gen, oder hät­ten wir uns abge­seilt, wie es dort ange­prie­sen ist. Die Abfahrt war trotz­dem ein unver­gess­li­ches Erleb­nis, weil sich die Kabi­ne wäh­rend der Fahrt um 360 Grad dreht. So sitzt jeder ein­mal in der ers­ten Rei­he. Auf unser Rück­fahrt zum Kirs­ten­bosch mit dem Uber-Taxi stel­le ich fest, dass Kap­stadt sehr grü­ne, schö­ne, rei­che Ecken hat. In einem per­si­schen Restau­rant in Stel­len­bosch fei­ern wir den bevor­ste­hen­den Abschied gebüh­rend – und zum ers­ten Mal im Wes­tern Cape sehe ich, dass Wei­ße und Dun­kel­häu­ti­ge gemein­sam im Ser­vice arbei­ten.

6.10.2019 Die stil­len Tage in Stel­len­bosch nei­gen sich ihrem Ende zu. Mei­ne Freun­din und ich unter­neh­men einen letz­ten Spa­zier­gang ins Grü­ne, dann holen Tho­mas und ich unser neu­es Gefährt ab, einen Toyo­ta Corol­la. Spä­ter fah­ren wir mit der Fäh­re nach Rob­ben Island, wo unter vie­len, vie­len ande­ren poli­ti­schen Gefan­ge­nen des Apart­heid­re­gimes auch Nel­son Man­de­la im Stein­bruch arbei­ten muss­te. Ein ehe­ma­li­ger Insas­se führt uns. Noch immer zit­tert er, wenn er von den dra­ko­ni­schen Stra­fen für – bei­spiels­wei­se ver­ges­se­ne Aus­wei­se – erzäh­len muss. Anhand sei­nes Stot­terns und Zögerns erah­ne ich, wie trau­ma­ti­sie­rend das Gefäng­nis gewe­sen sein muss, weil das Regime, das erst lan­ge nach dem Ende der Ost-West-Kon­fron­ta­ti­on been­det wur­de, jeg­li­che Soli­da­ri­sie­rung der Nicht-Wei­ßen zu ver­hin­dern such­te. Ganz nach dem Mot­to tei­le und herr­sche, hat­te jede noch so klei­ne Bevöl­ke­rungs­schicht ihre eige­nen Ver­pflich­tun­gen und Schein-Pri­vi­le­gi­en. So auch die Gefan­ge­nen: Robert Sobuk­we leb­te auf Rob­ben Island in einem eige­nen Haus und durf­te Zei­tun­gen lesen und auch Radio hören. Dafür war ihm jeg­li­cher Kon­takt zu ande­ren Men­schen – außer sei­nen Bewa­chern ver­bo­ten.

Nach­dem Rob­ben Island als Gefäng­nis­in­sel auf­ge­löst wor­den war, kamen die ehe­ma­li­gen Häft­lin­ge, die wie Nel­son Man­de­la im Stein­bruch gear­bei­tet hat­ten und leg­ten einen Stein auf die­sen Hau­fen

Nel­son Man­de­la konn­te hin­ge­gen mit ein paar Mit­häft­lin­gen spre­chen. Sie alle aber waren von jeg­li­chen Infor­ma­ti­ons­quel­len abge­schnit­ten und durf­ten nur alle sechs Mona­te Besuch von der engs­ten Fami­lie emp­fan­gen. Die­se Gesprä­che wur­den selbst­ver­ständ­lich mit­ge­hört.

Im Gefäng­nis sind Info­ta­feln auf­ge­stellt. Doch lei­der reicht die Zeit nicht, auch nur ein paar von ihnen zu stu­die­ren. Zudem lief wäh­rend der Über­fahrt zur Insel statt Infos über die Apart­heid und den Kampf gegen sie, ein Film, der alle teu­ren tou­ris­ti­schen High­lights Süd­afri­kas zeig­te. Die Besat­zung begrüß­te uns dann noch mit einem „Enjoy the trip“. So fällt unser Gesamt-Urteil beim Abschieds­es­sen in einem lecke­ren per­si­schen Restau­rant in Stel­len­bosch doch eher ver­hal­ten aus.

7.10. 2019 Wir packen das Auto, ver­ab­schie­den uns trau­rig von unse­ren Freun­den und brin­gen Juli­an zum Flug­ha­fen. In Kap­stadt schlen­dern wir noch durch die Water­front, dann fah­ren wir zur Betty‘s Bay, um uns dort über die wat­scheln­den Pin­gui­ne, die sich ger­ne unter Autos ver­ste­cken, zu amü­sie­ren.

In Her­ma­nos wun­de­re ich mich über die Sau­ber­keit und Ord­nung im wirk­lich preis­wer­ten Back­pa­ckers. Es gibt sogar ein Abend­essen, zube­rei­tet vom Chef. Lei­der läuft das Gespräch etwas aus dem Ruder. Alle, die nicht für die Apart­heid sind, sei­en nichts als Kom­mu­nis­ten. Ich wage es nicht, den Ange­trun­ke­nen offen zu wider­spre­chen und wer­de mich spä­ter sicher dafür schä­men.

End­lich lan­den wir in der Cof­fee Bay, die von vie­len als „wun­der­schön“ und vom Rei­se­füh­rer als Hip­pie-Para­dies bezeich­net wird. Hier erwar­te ich das pral­le Leben, mit Bars, lau­ter Musik, net­ten Geschäf­ten und einem akti­ven Strand­le­ben. Pus­te­ku­chen. Es gibt kein Zen­trum und kein Strand­le­ben, weil der Regen alle Men­schen von den Stra­ßen ver­trie­ben hat und erst recht kei­ne hüb­schen Läden. Nach einer hal­ben Stun­de aben­teu­er­li­cher Fahrt von Hügel zu Hügel sind wir end­lich in unse­rem „Res­sort“ ange­kom­men. Es wäre tat­säch­lich ganz nett, schie­ne die Son­ne und kön­ne man gemüt­lich auf der Ter­ras­se sit­zen und mit einem Gin Ton­ic in der Hand aufs Meer star­ren. Doch so ver­zie­hen wir uns frie­rend ins Bett und schrei­ben, bzw. pla­nen die nächs­ten Stopps bis Johan­nes­burg, wo wir die Freun­de wie­der­tref­fen wer­den.


02.11.2019 In unse­rem Res­sort sind über Nacht wun­der­li­che Din­ge pas­siert. Die gesam­te Beleg­schaft ist in fei­er­li­ches Weiß geklei­det. Ber­ge fri­scher Wäsche wird auf dem Kopf balan­ciert. Die Män­ner wer­fen den Frau­en Scherz­wor­te zu und schwen­ken Rohr­zan­gen oder ande­res Werk­zeug. Die Fens­ter der Apart­ments glän­zen plötz­lich im Son­nen­licht und lei­se Musik ist zu hören. Eine far­bi­ge Fami­lie bezieht ihr Apart­ment. Die Frau­en hübsch her­ge­rich­tet, die Män­ner ein biss­chen gangs­ter­mä­ßig, die Kin­der schlank und unauf­fäl­lig. Freu­de vibriert in der Luft als wei­te­re auf­ge­reg­te far­bi­ge Fami­li­en ein­tref­fen. Auch älte­re wei­ße Pär­chen schlur­fen auf die Ter­ras­se – sie wol­len sich das Rug­by-Final-Spiel anse­hen. Am Strand vor dem Res­sort brei­ten Frau­en ihren Per­len­schmuck zum Kauf aus. Wir kau­fen bei jeder Dame eine klei­ne Ket­te. Ein Mann, der gleich als Ver­mitt­ler auf­ge­tre­ten ist, b, ietet sei­ne Diens­te als Fischer an und will uns einen Fisch nach dem Spiel vor­bei­brin­gen. Das Spiel beginnt mit rein wei­ßer Zuschau­er­schaft – die far­bi­gen Ange­stell­ten ver­tei­len Shots und klei­ne Lecke­rei­en auf Kos­ten des Hau­ses. Das Spiel ist span­nend und nach und nach sto­ßen auch ein paar der schwar­zen Gäs­te zu uns in die Bar. Alle fei­ern den Sieg und beklat­schen die wohl bedach­ten Wor­te des schwar­zen Kapi­täns, der aus einem Town­ship kommt. Nach dem Spiel sehen wir, dass vie­le Schwar­ze das Spiel am Pool ver­folgt haben – wegen der Kin­der? Oder? Wir zie­hen um in die Cof­fee Bay zum Sug­ar­lo­af Back­pa­ckers. Dort wun­dern wir uns über die vie­len schwar­zen Müt­ter mit ihren Kin­dern, die eine Rie­sen­freu­de am Schwim­men im Fluss und Spie­len in den Wel­len zei­gen. „Müs­sen die nicht arbei­ten?“ „Seit wann kön­nen Schwar­ze schwim­men ?“ Ich ertap­pe mich bei sol­chen und ähn­li­chen Gedan­ken, die wie selbst­ver­ständ­lich von der Über­le­gen­heit der wei­ßen Ras­se aus­ge­hen. Dabei konn­te der Häupt­ling, der in Kap­stadt das Sagen hat­te, als die ers­ten Sied­ler aus den Nie­der­lan­den anka­men, sogar ein paar Bro­cken Hol­län­disch – und es ist nach­ge­wie­sen, dass es lan­ge vor der Ankunft der wei­ßen Sied­ler in Süd­afri­ka eine Hoch­kul­tur geherrscht hat. Doch das ver­ges­sen unse­re Geschichts­bü­cher ger­ne.

03.11.2019 Sug­ar­lo­af Back­back­ers Wir gehen ein Stück des Trans­kei-Weit­wan­der­wegs, des­sen belieb­tes­ter Stre­cken­ab­schnitt zwi­schen Cof­fee Bay und Port St. Johns liegt. Er führt nah an der Küs­ten­li­nie ent­lang und führt steil in die Klip­pen her­un­ter. Die Men­schen, denen wir begeg­nen schau­en neu­gie­rig und ver­wun­dert – aber immer freund­lich. Doch der Weg ist so aben­teu­er­lich, dass wir uns fra­gen, wie man ihn mit einem gro­ßen Ruck­sack bewäl­ti­gen will. Den­noch wür­de er mich wirk­lich rei­zen. Den Rest des Tage ver­brin­gen wir am Strand und im Gespräch mit unse­ren freund­li­chen und inter­es­san­ten Gast­ge­bern. Sei­ne Begeis­te­rung für in Trank­skei, in der er auf­ge­wach­sen ist, ist anste­ckend – und sei­ne gelas­se­ne Ein­stel­lung gegen­über den für uns unver­ständ­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen (sau­fen und fei­tern am Strand bis zum Umfal­len) weist mir einen Weg aus dem Gefäng­nis mei­ner (Vor-)Urteile.

6.11.2019 Umzum­be Back­pa­ckers. In unse­rem Glas­haus wer­den wir von Meer­kat­zen, die sich durch das Bana­nen­di­ckicht kämp­fen, geweckt. Unglaub­lich zu sehen, wie aggres­siv die­se put­zi­gen Tier­chen unter­ein­an­der sind. Sonst wie­der ein fau­ler Tag am Strand. Mor­gens Yoga, Nach­mit­tags in der Son­ne lie­gen, gemein­sam Hör­buch hören, Strand­spa­zier­gang und vor­sich­ti­ges Spiel mit den mäch­ti­gen Wel­len. Danach im Back­pa­ckers in den Pool rut­schen, sich frisch machen – sprich im Bett rum­lie­gen und auf fünf Uhr war­ten, bis  die Bar eröff­net wird. Tho­mas ist schon fast ein biss­chen gelang­weilt, mir passt es gut, weil ich end­lich mein Tage­buch wie­der nach­tra­gen kann. Die Besit­zer bie­ten ein Abend­essen an – inter­es­san­te Gesprä­che, z. B. wie sie das Ende der Apart­heid erlebt haben.

 



End­lich lan­den wir in der Cof­fee Bay, die von vie­len als „wun­der­schön“ und vom Rei­se­füh­rer als Hip­pie-Para­dies bezeich­net wird. Hier erwar­te ich das pral­le Leben, mit Bars, lau­ter Musik, net­ten Geschäf­ten und einem akti­ven Strand­le­ben. Pus­te­ku­chen. Es gibt kein Zen­trum und kein Strand­le­ben, weil der Regen alle Men­schen von den Stra­ßen ver­trie­ben hat und erst recht kei­ne hüb­schen Läden. Nach einer hal­ben Stun­de aben­teu­er­li­cher Fahrt von Hügel zu Hügel sind wir end­lich in unse­rem „Res­sort“ ange­kom­men. Es wäre tat­säch­lich ganz nett, schie­ne die Son­ne und kön­ne man gemüt­lich auf der Ter­ras­se sit­zen und mit einem Gin Ton­ic in der Hand aufs Meer star­ren. Doch so ver­zie­hen wir uns frie­rend ins Bett und schrei­ben, bzw. pla­nen die nächs­ten Stopps bis Johan­nes­burg, wo wir die Freun­de wie­der­tref­fen wer­den.


02.11.2019 In unse­rem Res­sort sind über Nacht wun­der­li­che Din­ge pas­siert. Die gesam­te Beleg­schaft ist in fei­er­li­ches Weiß geklei­det. Ber­ge fri­scher Wäsche wird auf dem Kopf balan­ciert. Die Män­ner wer­fen den Frau­en Scherz­wor­te zu und schwen­ken Rohr­zan­gen oder ande­res Werk­zeug. Die Fens­ter der Apart­ments glän­zen plötz­lich im Son­nen­licht und lei­se Musik ist zu hören. Eine far­bi­ge Fami­lie bezieht ihr Apart­ment. Die Frau­en hübsch her­ge­rich­tet, die Män­ner ein biss­chen gangs­ter­mä­ßig, die Kin­der schlank und unauf­fäl­lig. Freu­de vibriert in der Luft als wei­te­re auf­ge­reg­te far­bi­ge Fami­li­en ein­tref­fen. Auch älte­re wei­ße Pär­chen schlur­fen auf die Ter­ras­se – sie wol­len sich das Rug­by-Final-Spiel anse­hen. Am Strand vor dem Res­sort brei­ten Frau­en ihren Per­len­schmuck zum Kauf aus. Wir kau­fen bei jeder Dame eine klei­ne Ket­te. Ein Mann, der gleich als Ver­mitt­ler auf­ge­tre­ten ist, b, ietet sei­ne Diens­te als Fischer an und will uns einen Fisch nach dem Spiel vor­bei­brin­gen. Das Spiel beginnt mit rein wei­ßer Zuschau­er­schaft – die far­bi­gen Ange­stell­ten ver­tei­len Shots und klei­ne Lecke­rei­en auf Kos­ten des Hau­ses. Das Spiel ist span­nend und nach und nach sto­ßen auch ein paar der schwar­zen Gäs­te zu uns in die Bar. Alle fei­ern den Sieg und beklat­schen die wohl bedach­ten Wor­te des schwar­zen Kapi­täns, der aus einem Town­ship kommt. Nach dem Spiel sehen wir, dass vie­le Schwar­ze das Spiel am Pool ver­folgt haben – wegen der Kin­der? Oder? Wir zie­hen um in die Cof­fee Bay zum Sug­ar­lo­af Back­pa­ckers. Dort wun­dern wir uns über die vie­len schwar­zen Müt­ter mit ihren Kin­dern, die eine Rie­sen­freu­de am Schwim­men im Fluss und Spie­len in den Wel­len zei­gen. „Müs­sen die nicht arbei­ten?“ „Seit wann kön­nen Schwar­ze schwim­men ?“ Ich ertap­pe mich bei sol­chen und ähn­li­chen Gedan­ken, die wie selbst­ver­ständ­lich von der Über­le­gen­heit der wei­ßen Ras­se aus­ge­hen. Dabei konn­te der Häupt­ling, der in Kap­stadt das Sagen hat­te, als die ers­ten Sied­ler aus den Nie­der­lan­den anka­men, sogar ein paar Bro­cken Hol­län­disch – und es ist nach­ge­wie­sen, dass es lan­ge vor der Ankunft der wei­ßen Sied­ler in Süd­afri­ka eine Hoch­kul­tur geherrscht hat. Doch das ver­ges­sen unse­re Geschichts­bü­cher ger­ne.

03.11.2019 Sug­ar­lo­af Back­back­ers Wir gehen ein Stück des Trans­kei-Weit­wan­der­wegs, des­sen belieb­tes­ter Stre­cken­ab­schnitt zwi­schen Cof­fee Bay und Port St. Johns liegt. Er führt nah an der Küs­ten­li­nie ent­lang und führt steil in die Klip­pen her­un­ter. Die Men­schen, denen wir begeg­nen schau­en neu­gie­rig und ver­wun­dert – aber immer freund­lich. Doch der Weg ist so aben­teu­er­lich, dass wir uns fra­gen, wie man ihn mit einem gro­ßen Ruck­sack bewäl­ti­gen will. Den­noch wür­de er mich wirk­lich rei­zen. Den Rest des Tage ver­brin­gen wir am Strand und im Gespräch mit unse­ren freund­li­chen und inter­es­san­ten Gast­ge­bern. Sei­ne Begeis­te­rung für in Trank­skei, in der er auf­ge­wach­sen ist, ist anste­ckend – und sei­ne gelas­se­ne Ein­stel­lung gegen­über den für uns unver­ständ­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen (sau­fen und fei­tern am Strand bis zum Umfal­len) weist mir einen Weg aus dem Gefäng­nis mei­ner (Vor-)Urteile.

6.11.2019 Umzum­be Back­pa­ckers. In unse­rem Glas­haus wer­den wir von Meer­kat­zen, die sich durch das Bana­nen­di­ckicht kämp­fen, geweckt. Unglaub­lich zu sehen, wie aggres­siv die­se put­zi­gen Tier­chen unter­ein­an­der sind. Sonst wie­der ein fau­ler Tag am Strand. Mor­gens Yoga, Nach­mit­tags in der Son­ne lie­gen, gemein­sam Hör­buch hören, Strand­spa­zier­gang und vor­sich­ti­ges Spiel mit den mäch­ti­gen Wel­len. Danach im Back­pa­ckers in den Pool rut­schen, sich frisch machen – sprich im Bett rum­lie­gen und auf fünf Uhr war­ten, bis  die Bar eröff­net wird. Tho­mas ist schon fast ein biss­chen gelang­weilt, mir passt es gut, weil ich end­lich mein Tage­buch wie­der nach­tra­gen kann. Die Besit­zer bie­ten ein Abend­essen an – inter­es­san­te Gesprä­che, z. B. wie sie das Ende der Apart­heid erlebt haben.

 



29.10. 2019 Wir genie­ßen unser klei­nes Para­dies – und che­cken erst um 10:00 aus. Dafür fah­ren wir etwas schnel­ler durch den Park – und hal­ten nur noch nach Löwen und Dung­kä­fer Aus­schau. Die spie­len­den Löwen haben wir ver­passt – dafür fan­den wir die Käfer und fah­ren fast mit­ten in einen gra­sen­den, ein­sa­men Was­ser­büf­fel. Es wird schon spät – und nach­dem die Unter­künf­te im Natur­re­ser­vat am Meer aus­ge­bucht sind, ent­schei­den wir uns für Ham­burg als nächs­te Sta­ti­on. Tho­mas will in der Gegend blei­ben, die einst ein selbst ver­wal­te­tes Home­land für Kho­sa war. Der Rei­se­füh­rer hat­te sich ver­hal­ten über die­sen Land­strich geäu­ßert, aber die Strän­de gelobt. Es gab drei Emp­feh­lun­gen – zwei Luxus­ho­tels und ein Back­pa­ckers – in einer klei­nen Sied­lung, die Ham­burg genannt wird. Es gibt dort kein Wlan, kei­ne Tank­stel­le, kein Lebens­mit­tel­ge­schäft, kein Restau­rant, warnt uns die Besit­ze­rin vor. Wir fah­ren trotz­dem – mit viel Essen und nicht all­zu viel Bar­geld – man kann ja nie wis­sen.

Die Gegend wirkt auf den ers­ten Blick ganz hübsch, mit vie­len Hügeln und Tälern, mit Wei­de­flä­chen und ein­fa­chen, aber sau­be­ren Stein­häu­sern – manch­mal in der tra­di­tio­nel­len Rund­bau­wei­se. Lei­der ist das Gras schon lan­ge braun – und die vie­len, frei leben­den Rin­der rup­fen das ver­blie­be­ne Braun bis zur Erd­kru­me ab. Die Men­schen wir­ken ent­spannt und als wir Rich­tung Meer abbie­gen, nimmt Tho­mas eine Tram­pe­rin mit, die uns fröh­lich ihre Lebens­ge­schich­te erzählt. Scho­ckiert sind wir aller­dings, als wir nach einer län­ge­ren Fahrt über Schlag­lö­cher  an einer beein­dru­cken­den Fluss­mün­dung ent­lang, in einem win­di­gen Platz ankom­men, der offen­sicht­lich außer uns nur noch einen Gast beher­bergt: Ham­burg Back­pa­ckers.

Die mun­te­re Gast­ge­be­rin eröff­net uns auch gleich, dass wir wegen der gro­ßen Tro­cken­heit auf Duschen und Wäsche waschen mög­lichst ver­zich­ten soll­ten. Sofort seh­ne ich mich in mein gest­ri­ges Para­dies zurück, in des­sen run­der Bade­wan­ne ich jetzt lie­bend ger­ne ent­span­nen wür­de. Das gute Essen, das Tho­mas mir kocht, trös­tet mich ein wenig über die Ent­täu­schung hin­weg, hier nach stun­den­lan­ger Fahrt in einem abso­lu­ten Nie­mands­land gestran­det zu sein. Ich bemer­ke, dass ich mich noch immer unsi­cher in einer schwar­zen Umge­bung füh­le, auch wenn unse­re Gast­ge­be­rin ver­si­chert, dass wir über­all hin ohne Gefahr spa­zie­ren könn­ten. Mich beun­ru­higt auch das Feh­len jeg­li­cher tou­ris­ti­scher Infra­struk­tur, die ich von Euro­pa so gewöhnt bin.  Wohin sol­len wir gehen? Ein­fach so am Fluss ent­lang gehen? Was ist, wenn ich Durst habe? Was ist, wenn ich mich ger­ne in ein Cafe set­zen wür­de und mei­nen täg­li­chen Bericht schrei­ben? 
Als ich vor­sich­tig mei­ne Ent­täu­schung über die feh­len­den Gäs­te und die feh­len­den Attrak­tio­nen aus­drü­cke, freut sich unse­re Gast­ge­be­rin sogar:– ja hier sei es “nice” und “quiet”. Das lieb­ten ihre Gäs­te. Im Dezem­ber sei sie des­halb sogar aus­ge­bucht! Nice und quiet. Ich fin­de das doof – auch wenn mein Abend mit­hil­fe des Scrabb­le­spiels doch ganz nett wird. Das muf­fi­ge Zim­mer und der schreck­li­che Weich­spü­ler­ge­ruch der leicht mod­ri­gen Bett­wä­sche lässt mich trotz­dem in Selbst­mit­leid zer­flie­ßen.

 

End­lich lan­den wir in der Cof­fee Bay, die von vie­len als „wun­der­schön“ und vom Rei­se­füh­rer als Hip­pie-Para­dies bezeich­net wird. Hier erwar­te ich das pral­le Leben, mit Bars, lau­ter Musik, net­ten Geschäf­ten und einem akti­ven Strand­le­ben. Pus­te­ku­chen. Es gibt kein Zen­trum und kein Strand­le­ben, weil der Regen alle Men­schen von den Stra­ßen ver­trie­ben hat und erst recht kei­ne hüb­schen Läden. Nach einer hal­ben Stun­de aben­teu­er­li­cher Fahrt von Hügel zu Hügel sind wir end­lich in unse­rem „Res­sort“ ange­kom­men. Es wäre tat­säch­lich ganz nett, schie­ne die Son­ne und kön­ne man gemüt­lich auf der Ter­ras­se sit­zen und mit einem Gin Ton­ic in der Hand aufs Meer star­ren. Doch so ver­zie­hen wir uns frie­rend ins Bett und schrei­ben, bzw. pla­nen die nächs­ten Stopps bis Johan­nes­burg, wo wir die Freun­de wie­der­tref­fen wer­den.

01.11.2019 Regen lässt das qua­si ver­las­se­ne Res­sort in sei­ner rus­ti­ka­len Bau­wei­se und den muf­fi­gen Laken noch tris­ter erschei­nen. Wir gehen früh­stü­cken, genie­ßen das WiFi und las­sen uns dann von Ein­hei­mi­schen, die am Strand auf Tou­ris­ten war­ten, zum Hole in the Wall füh­ren, obwohl der Weg breit und leicht erkenn­bar gewe­sen wäre. Wir wol­len Eigen­in­itia­ti­ve för­dern und hof­fen, dass wir so unan­ge­neh­men Zusam­men­stö­ßen ent­ge­hen kön­nen. Die Land­schaft ist wun­de­rech­ön, grü­ne ver­wun­sche­ne Bäu­me und Kaf­fee­sträu­cher kon­tras­tie­ren mit rie­si­gen schwar­zen Fel­sen und wei­ßen Schaum­kro­nen. Die jun­gen Män­ner bie­ten uns wei­te­re Tou­ren an, auf die wir aber kei­ne Lust haben.

 

Als wir also zurück beim Res­sort sind, ver­lan­gen sie 300 Rand – und erhal­ten schließ­lich mit 100 Rand dop­pelt so viel als wir aus­ge­ben woll­ten. Den Rest des Tages ver­brin­gen wir damit, die­sen unschö­nen Zusam­men­stoß zu ver­dau­en. Jetzt den­ke ich, dass er mit einer kla­ren Abspra­che vor­ab ver­hin­der­bar gewe­sen wäre. Die jun­gen Leu­te hat­ten wohl auf gutes Trink­geld gehofft, weil der Regen­tag kei­nen wei­te­ren Kun­den vor­bei­spü­len wür­de. Wir hat­ten gehofft, als groß­zü­gi­ge Spen­der die Füße geküsst zu bekom­men.

 

 

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02.11.2019 In unse­rem Res­sort sind über Nacht wun­der­li­che Din­ge pas­siert. Die gesam­te Beleg­schaft ist in fei­er­li­ches Weiß geklei­det. Ber­ge fri­scher Wäsche wird auf dem Kopf balan­ciert. Die Män­ner wer­fen den Frau­en Scherz­wor­te zu und schwen­ken Rohr­zan­gen oder ande­res Werk­zeug. Die Fens­ter der Apart­ments glän­zen plötz­lich im Son­nen­licht und lei­se Musik ist zu hören. Eine far­bi­ge Fami­lie bezieht ihr Apart­ment. Die Frau­en hübsch her­ge­rich­tet, die Män­ner ein biss­chen gangs­ter­mä­ßig, die Kin­der schlank und unauf­fäl­lig. Freu­de vibriert in der Luft als wei­te­re auf­ge­reg­te far­bi­ge Fami­li­en ein­tref­fen. Auch älte­re wei­ße Pär­chen schlur­fen auf die Ter­ras­se – sie wol­len sich das Rug­by-Final-Spiel anse­hen. Am Strand vor dem Res­sort brei­ten Frau­en ihren Per­len­schmuck zum Kauf aus. Wir kau­fen bei jeder Dame eine klei­ne Ket­te. Ein Mann, der gleich als Ver­mitt­ler auf­ge­tre­ten ist, b, ietet sei­ne Diens­te als Fischer an und will uns einen Fisch nach dem Spiel vor­bei­brin­gen. Das Spiel beginnt mit rein wei­ßer Zuschau­er­schaft – die far­bi­gen Ange­stell­ten ver­tei­len Shots und klei­ne Lecke­rei­en auf Kos­ten des Hau­ses. Das Spiel ist span­nend und nach und nach sto­ßen auch ein paar der schwar­zen Gäs­te zu uns in die Bar. Alle fei­ern den Sieg und beklat­schen die wohl bedach­ten Wor­te des schwar­zen Kapi­täns, der aus einem Town­ship kommt. Nach dem Spiel sehen wir, dass vie­le Schwar­ze das Spiel am Pool ver­folgt haben – wegen der Kin­der? Oder? Wir zie­hen um in die Cof­fee Bay zum Sug­ar­lo­af Back­pa­ckers. Dort wun­dern wir uns über die vie­len schwar­zen Müt­ter mit ihren Kin­dern, die eine Rie­sen­freu­de am Schwim­men im Fluss und Spie­len in den Wel­len zei­gen. „Müs­sen die nicht arbei­ten?“ „Seit wann kön­nen Schwar­ze schwim­men ?“ Ich ertap­pe mich bei sol­chen und ähn­li­chen Gedan­ken, die wie selbst­ver­ständ­lich von der Über­le­gen­heit der wei­ßen Ras­se aus­ge­hen. Dabei konn­te der Häupt­ling, der in Kap­stadt das Sagen hat­te, als die ers­ten Sied­ler aus den Nie­der­lan­den anka­men, sogar ein paar Bro­cken Hol­län­disch – und es ist nach­ge­wie­sen, dass es lan­ge vor der Ankunft der wei­ßen Sied­ler in Süd­afri­ka eine Hoch­kul­tur geherrscht hat. Doch das ver­ges­sen unse­re Geschichts­bü­cher ger­ne.

03.11.2019 Sug­ar­lo­af Back­back­ers Wir gehen ein Stück des Trans­kei-Weit­wan­der­wegs, des­sen belieb­tes­ter Stre­cken­ab­schnitt zwi­schen Cof­fee Bay und Port St. Johns liegt. Er führt nah an der Küs­ten­li­nie ent­lang und führt steil in die Klip­pen her­un­ter. Die Men­schen, denen wir begeg­nen schau­en neu­gie­rig und ver­wun­dert – aber immer freund­lich. Doch der Weg ist so aben­teu­er­lich, dass wir uns fra­gen, wie man ihn mit einem gro­ßen Ruck­sack bewäl­ti­gen will. Den­noch wür­de er mich wirk­lich rei­zen. Den Rest des Tage ver­brin­gen wir am Strand und im Gespräch mit unse­ren freund­li­chen und inter­es­san­ten Gast­ge­bern. Sei­ne Begeis­te­rung für in Trank­skei, in der er auf­ge­wach­sen ist, ist anste­ckend – und sei­ne gelas­se­ne Ein­stel­lung gegen­über den für uns unver­ständ­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen (sau­fen und fei­tern am Strand bis zum Umfal­len) weist mir einen Weg aus dem Gefäng­nis mei­ner (Vor-)Urteile.

04.11.2019 Ent­ge­gen dem Wet­ter­be­richt reg­net es nicht. So wird die Fahrt von der Cof­fee Bay (Trans­kei) nach Uzum­be (Kwa­Zulu­Na­tal, kurz KZN) deut­lich ange­neh­mer. Auch wenn Uzum­be nur weni­ge Kilo­me­ter die Küs­te auf­wärts liegt, emp­fiehlt und Goog­le die Fahrt über die Schnell­stra­ße N2 im Lan­des­in­ne­re. So fah­ren wir die lan­ge Stre­cke, die wir nach Cof­fee Bay gefah­ren sind, wie­der zurück – und wir stel­len über­rascht fest: eini­ge Schlag­lö­cher wur­den in der Zwi­schen­zeit wie­der auf­ge­füllt. Inzwi­schen haben wir uns ein wenig an die vie­len wuseln­den Men­schen in den Städt­chen gewöhnt und sehen auch die tro­cke­ne, über­wei­de­te Land­schaft gelas­se­ner, sodass wir uns trau­en, zwei­mal Tram­pe­rin­nen mit­zu­neh­men. Auch die als mega­ge­fähr­lich beschrie­be­ne Stadt Mtha­tha stellt sich als ruhi­ge, ange­neh­me Stu­den­ten­stadt mit einem sehr infor­ma­ti­ven Nel­son Man­de­la Muse­um her­aus. Den­noch – als wir die Gren­ze zu KZN über­fah­ren, ver­schwin­den die Tie­re aus dem Stra­ßen­bild, Zäu­ne bestim­men wie­der das Bild und Bäu­me – Euka­lyp­tus­bäu­me, für die süd­afri­ka­ni­sche Papier­pro­duk­ti­on. Es wird auch immer grü­ner – und je näher wir der Küs­te kom­men, sogar tro­pisch. Unser Back­pa­ckers stellt sich als noch viel, viel tol­ler her­aus, als gedacht. Wir schla­fen in einem Stel­zen­haus, das wirk­lich bis zum Boden aus Glas ist und trotz­dem wegen der tro­pi­schen Bewach­sung kom­plett unein­sich­tig. Unser pri­va­tes Bad ver­fügt über eine Bade­wan­ne und offe­nen Fens­tern, durch die die feuch­te Mee­res­luft hin­durch­strömt. Dar­über hin­aus gibt es vie­le Eck­chen zum Lesen und Arbei­ten, eine ein­la­den­de Bar und ein Cafe, das auch Abend­essen anbie­tet und mit­ten­drin ein Pool mit Rut­sche. Und das Bes­te: alles ist sau­ber. Sogar die Bett­wä­sche riecht leicht nach Räu­cher­stäb­chen. Im Back­pa­ckers ist näm­lich auch ein Yoga­stu­dio unter­ge­bracht, das mor­gens und abends offe­ne Kur­se anbie­tet. So sind zumin­dest vie­le der weib­li­chen Gäs­te wah­re Yoga­a­dep­ten. Ent­spre­chend lie­be­voll ist hier alles deko­riert.

 

5.11.2019 Nach mor­gend­li­chen ange­täusch­tem Jog­gen am Strand und einer Yoga­stun­de, fah­ren wir zum Shel­ly Beach in ein Ein­kaufs­zen­trum und erken­nen, wie nahe die Hibis­kus­co­ast einem ame­ri­ka­ni­schen Klein­stadt­i­dyll kommt. Nach der offen­sicht­li­chen Armut, der Über­wei­dung und der Tro­cken­heit der Trans­kei (Cof­fee Bay), gefällt mir das geord­ne­te, kapi­ta­lis­ti­sche Leben in Kwaz­Zulu­Na­tal, einem frü­he­ren Home­land der Zulu gut – auch wenn es wie­der klar ist, dass im Back­pa­ckers nur Schwar­ze put­zen oder die Hüt­ten instand hal­ten, wäh­rend sich die wei­ße Jugend um die wich­ti­gen Din­ge, die Bar, die Gäs­te und Yoga küm­mern. Ich mer­ke, wie selbst­ver­ständ­lich mir so eine Arbeits­auf­tei­lung vor­kommt, wie selbst­ver­ständ­lich ich das devo­te Yes Mam oder No Madam inzwi­schen anneh­me.

 

Wir flüch­ten aus die­ser ame­ri­ka­ni­schen Idyl­le ins Sky­line Natu­re Reser­ve, das eine kos­ten­lo­sen Wan­de­rung durch vie­le hei­mi­sche Bäu­me anbie­tet. Wir sind fas­zi­niert von der tro­pi­schen Fül­le hier und fürch­ten uns ein biss­chen vor der grü­nen und schwar­zen Mam­ba, die dort hei­misch ist.

6.11.2019 Umzum­be Back­pa­ckers. In unse­rem Glas­haus wer­den wir von Meer­kat­zen, die sich durch das Bana­nen­di­ckicht kämp­fen, geweckt. Unglaub­lich zu sehen, wie aggres­siv die­se put­zi­gen Tier­chen unter­ein­an­der sind. Sonst wie­der ein fau­ler Tag am Strand. Mor­gens Yoga, Nach­mit­tags in der Son­ne lie­gen, gemein­sam Hör­buch hören, Strand­spa­zier­gang und vor­sich­ti­ges Spiel mit den mäch­ti­gen Wel­len. Danach im Back­pa­ckers in den Pool rut­schen, sich frisch machen – sprich im Bett rum­lie­gen und auf fünf Uhr war­ten, bis  die Bar eröff­net wird. Tho­mas ist schon fast ein biss­chen gelang­weilt, mir passt es gut, weil ich end­lich mein Tage­buch wie­der nach­tra­gen kann. Die Besit­zer bie­ten ein Abend­essen an – inter­es­san­te Gesprä­che, z. B. wie sie das Ende der Apart­heid erlebt haben.

 



29.10. 2019 Wir genie­ßen unser klei­nes Para­dies – und che­cken erst um 10:00 aus. Dafür fah­ren wir etwas schnel­ler durch den Park – und hal­ten nur noch nach Löwen und Dung­kä­fer Aus­schau. Die spie­len­den Löwen haben wir ver­passt – dafür fan­den wir die Käfer und fah­ren fast mit­ten in einen gra­sen­den, ein­sa­men Was­ser­büf­fel. Es wird schon spät – und nach­dem die Unter­künf­te im Natur­re­ser­vat am Meer aus­ge­bucht sind, ent­schei­den wir uns für Ham­burg als nächs­te Sta­ti­on. Tho­mas will in der Gegend blei­ben, die einst ein selbst ver­wal­te­tes Home­land für Kho­sa war. Der Rei­se­füh­rer hat­te sich ver­hal­ten über die­sen Land­strich geäu­ßert, aber die Strän­de gelobt. Es gab drei Emp­feh­lun­gen – zwei Luxus­ho­tels und ein Back­pa­ckers – in einer klei­nen Sied­lung, die Ham­burg genannt wird. Es gibt dort kein Wlan, kei­ne Tank­stel­le, kein Lebens­mit­tel­ge­schäft, kein Restau­rant, warnt uns die Besit­ze­rin vor. Wir fah­ren trotz­dem – mit viel Essen und nicht all­zu viel Bar­geld – man kann ja nie wis­sen.

Die Gegend wirkt auf den ers­ten Blick ganz hübsch, mit vie­len Hügeln und Tälern, mit Wei­de­flä­chen und ein­fa­chen, aber sau­be­ren Stein­häu­sern – manch­mal in der tra­di­tio­nel­len Rund­bau­wei­se. Lei­der ist das Gras schon lan­ge braun – und die vie­len, frei leben­den Rin­der rup­fen das ver­blie­be­ne Braun bis zur Erd­kru­me ab. Die Men­schen wir­ken ent­spannt und als wir Rich­tung Meer abbie­gen, nimmt Tho­mas eine Tram­pe­rin mit, die uns fröh­lich ihre Lebens­ge­schich­te erzählt. Scho­ckiert sind wir aller­dings, als wir nach einer län­ge­ren Fahrt über Schlag­lö­cher  an einer beein­dru­cken­den Fluss­mün­dung ent­lang, in einem win­di­gen Platz ankom­men, der offen­sicht­lich außer uns nur noch einen Gast beher­bergt: Ham­burg Back­pa­ckers.

Die mun­te­re Gast­ge­be­rin eröff­net uns auch gleich, dass wir wegen der gro­ßen Tro­cken­heit auf Duschen und Wäsche waschen mög­lichst ver­zich­ten soll­ten. Sofort seh­ne ich mich in mein gest­ri­ges Para­dies zurück, in des­sen run­der Bade­wan­ne ich jetzt lie­bend ger­ne ent­span­nen wür­de. Das gute Essen, das Tho­mas mir kocht, trös­tet mich ein wenig über die Ent­täu­schung hin­weg, hier nach stun­den­lan­ger Fahrt in einem abso­lu­ten Nie­mands­land gestran­det zu sein. Ich bemer­ke, dass ich mich noch immer unsi­cher in einer schwar­zen Umge­bung füh­le, auch wenn unse­re Gast­ge­be­rin ver­si­chert, dass wir über­all hin ohne Gefahr spa­zie­ren könn­ten. Mich beun­ru­higt auch das Feh­len jeg­li­cher tou­ris­ti­scher Infra­struk­tur, die ich von Euro­pa so gewöhnt bin.  Wohin sol­len wir gehen? Ein­fach so am Fluss ent­lang gehen? Was ist, wenn ich Durst habe? Was ist, wenn ich mich ger­ne in ein Cafe set­zen wür­de und mei­nen täg­li­chen Bericht schrei­ben? 
Als ich vor­sich­tig mei­ne Ent­täu­schung über die feh­len­den Gäs­te und die feh­len­den Attrak­tio­nen aus­drü­cke, freut sich unse­re Gast­ge­be­rin sogar:– ja hier sei es “nice” und “quiet”. Das lieb­ten ihre Gäs­te. Im Dezem­ber sei sie des­halb sogar aus­ge­bucht! Nice und quiet. Ich fin­de das doof – auch wenn mein Abend mit­hil­fe des Scrabb­le­spiels doch ganz nett wird. Das muf­fi­ge Zim­mer und der schreck­li­che Weich­spü­ler­ge­ruch der leicht mod­ri­gen Bett­wä­sche lässt mich trotz­dem in Selbst­mit­leid zer­flie­ßen.

30.10.2019 Der zwei­te Tag in Ham­burg ver­söhnt uns mit unse­rer Ent­schei­dung, uns mal abseits der tou­ris­ti­schen High­lights zu bewe­gen. Strah­len­der Son­nen­schein und Wind­stil­le lockt uns schon vor dem Früh­stück zum Strand, der Kilo­me­ter weit nichts als schäu­men­de See, wei­chen Sand und Sand­dü­nen zu bie­ten hat. Ein Mann rei­nigt die Umklei­de­ka­bi­nen, gro­ße, aber schlecht, weil selbst für mich zu hoch, plat­zier­te Schil­der wei­sen auf die Natur­schön­hei­ten am Strand hin – und dass er das blaue Umwelt­sie­gel erhal­ten habe. Wie auch nicht, den­ke ich genervt, wenn sowie­so nie­mand da ist? Doch tat­säch­lich begeg­net uns ein Hun­de­be­sit­zer und ein ein­sa­mer Ang­ler bei unse­rem Mor­gen­spa­zier­gang. Tho­mas fin­det eini­ge Glas­scher­ben. Mei­ne Plas­tik­aus­beu­te ist hin­ge­gen gering.

 

Spä­ter gehen wir zum Baden an den Strand – die hohen Wel­len und deren Sog­kraft las­sen mich aber vor­sich­tig sein. Immer wie­der wer­den wir näm­lich vor den soge­nann­ten Rib­cur­r­ents, die einen unver­mu­tet ins Meer hin­ein­zie­hen, gewarnt. Nach dem Lunch ent­schei­den wir uns wegen der stei­fen Bri­se für die Land­sei­te und erkun­den den Ort und die loka­len Kunst­pro­jek­te. Hier war sogar jemand auf der Docu­men­ta in Kas­sel und die hier her­ge­stell­ten Kopf­kis­sen, Bil­der­tep­pi­che und Taschen wer­den bis nach Kana­da ver­kauft. Die Dorf­be­völ­ke­rung grüßt uns freund­lich – und wir genie­ßen die Res­te der alten Stam­mes­kul­tur. Über­all gra­sen Kühe, wat­scheln Gän­se und suchen sich ihr Fut­ter in den kom­mu­na­len Anla­gen.

 

31.10.2019 Die Putz­frau des Back­pa­ckers ist  trau­rig, dass wir schon abfah­ren. Vie­le wür­den sie gar nicht wahr­neh­men, klagt sie. Mir hin­ge­gen hat sie viel über ihr Leben, ihre Kin­der und ihren Mann erzählt und dabei auch gelacht über ihren Mann und die vie­len Tie­re bei ihnen zu hau­se. Das hat mich auf mei­ne Fra­ge gebracht – ich hät­te sie nicht stel­len sol­len – ich weiß, aber irgend­was drängt mich immer dazu, den Fin­ger in die Wun­de zu legen. „ Wer­den die Tie­re hier zu Ver­zehr oder Ver­kauf gehal­ten“, fra­ge ich die Mana­ge­rin – und sie schüt­telt trau­rig den Kopf: Nein, sie sei­en nichts als Sta­tus­sym­bo­le. Nur für Hoch­zei­ten oder ande­re gro­ße Fes­te, wird ein­mal ein Tier geschlach­tet. Sonst nicht. „Aber das Land ist doch bereits völ­lig abge­grast“, „Ja und dann kom­men sie zu mir und wol­len, dass ich ihren Tie­re eine Sprit­ze mit stär­ken­den Kräu­tern gebe. Aber ich ver­such­te sie zu über­zeu­gen, dass es für die Tie­re bes­ser ist, wenn sie ver­kauft wer­den – hier gibt es nicht mehr genug zu essen und zu trin­ken. Wenn man Tie­re hat, muss man sich um sie küm­mern.“

Unse­re Gast­ge­be­rin ist wirk­lich besorgt. Sie lebt schon lan­ge mit den Kho­sas und fühlt sich in der Gegend sicher – aber ihre Bemü­hun­gen, um eine Ver­än­de­rung im Dorf blei­ben bis­lang ohne Erfolg, meint sie. Tat­säch­lich haben auch wir gele­sen, dass die Kho­sa einst einer Weis­sa­gung nach der die Men­schen, die ihnen alles genom­men haben, von Gott zurück ins Meer getrie­ben wür­den, wenn die Kho­sa alle Tie­re schlach­ten wür­den.

Die Mehr­zahl der Men­schen folg­te den Wor­ten der Weis­sa­gung. So ver­lo­ren die einst star­ken Kho­sa ihren Lebens­un­ter­halt, ihren Stolz und ihre Gesund­heit. Wer will sie jetzt dafür ver­ant­wort­lich machen, dass sie ihr Vieh nicht ver­kau­fen?

Mir bricht es jedoch fast das Herz als wir jetzt wei­ter Rich­tung Cof­fee Bay fah­ren. Das Land wir immer dich­ter besie­delt, die Kru­me immer tro­cke­ner, die Städ­te immer wuse­li­ger. Auch an der Stra­ße Rich­tung Cof­fee Bay drängt sich ein Dorf ans ande­re. Die Geschäf­te bestehen aus dunk­len Räu­men, in denen Alko­hol und ein paar Lebens­mit­tel ver­kauft wer­den. Über­all lau­fen Schul­kin­der und Tie­re über die Stra­ßen. Schlag­lö­cher lau­ern dar­auf, den nächs­ten Rei­fen und Karos­se­rie zu zer­stö­ren. Jedes Dorf hat eine Kli­nik. Wir schlie­ßen dar­aus, dass wir in dem Gebiet gelan­det sind, in dem jeder zwei­te den HIV-Virus n sich trägt. Gott sei Dank sorgt die Regie­rung für kos­ten­lo­se Medi­zin.

End­lich lan­den wir in der Cof­fee Bay, die von vie­len als „wun­der­schön“ und vom Rei­se­füh­rer als Hip­pie-Para­dies bezeich­net wird. Hier erwar­te ich das pral­le Leben, mit Bars, lau­ter Musik, net­ten Geschäf­ten und einem akti­ven Strand­le­ben. Pus­te­ku­chen. Es gibt kein Zen­trum und kein Strand­le­ben, weil der Regen alle Men­schen von den Stra­ßen ver­trie­ben hat und erst recht kei­ne hüb­schen Läden. Nach einer hal­ben Stun­de aben­teu­er­li­cher Fahrt von Hügel zu Hügel sind wir end­lich in unse­rem „Res­sort“ ange­kom­men. Es wäre tat­säch­lich ganz nett, schie­ne die Son­ne und kön­ne man gemüt­lich auf der Ter­ras­se sit­zen und mit einem Gin Ton­ic in der Hand aufs Meer star­ren. Doch so ver­zie­hen wir uns frie­rend ins Bett und schrei­ben, bzw. pla­nen die nächs­ten Stopps bis Johan­nes­burg, wo wir die Freun­de wie­der­tref­fen wer­den.

01.11.2019 Regen lässt das qua­si ver­las­se­ne Res­sort in sei­ner rus­ti­ka­len Bau­wei­se und den muf­fi­gen Laken noch tris­ter erschei­nen. Wir gehen früh­stü­cken, genie­ßen das WiFi und las­sen uns dann von Ein­hei­mi­schen, die am Strand auf Tou­ris­ten war­ten, zum Hole in the Wall füh­ren, obwohl der Weg breit und leicht erkenn­bar gewe­sen wäre. Wir wol­len Eigen­in­itia­ti­ve för­dern und hof­fen, dass wir so unan­ge­neh­men Zusam­men­stö­ßen ent­ge­hen kön­nen. Die Land­schaft ist wun­de­rech­ön, grü­ne ver­wun­sche­ne Bäu­me und Kaf­fee­sträu­cher kon­tras­tie­ren mit rie­si­gen schwar­zen Fel­sen und wei­ßen Schaum­kro­nen. Die jun­gen Män­ner bie­ten uns wei­te­re Tou­ren an, auf die wir aber kei­ne Lust haben.

 

Als wir also zurück beim Res­sort sind, ver­lan­gen sie 300 Rand – und erhal­ten schließ­lich mit 100 Rand dop­pelt so viel als wir aus­ge­ben woll­ten. Den Rest des Tages ver­brin­gen wir damit, die­sen unschö­nen Zusam­men­stoß zu ver­dau­en. Jetzt den­ke ich, dass er mit einer kla­ren Abspra­che vor­ab ver­hin­der­bar gewe­sen wäre. Die jun­gen Leu­te hat­ten wohl auf gutes Trink­geld gehofft, weil der Regen­tag kei­nen wei­te­ren Kun­den vor­bei­spü­len wür­de. Wir hat­ten gehofft, als groß­zü­gi­ge Spen­der die Füße geküsst zu bekom­men.

 

 

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02.11.2019 In unse­rem Res­sort sind über Nacht wun­der­li­che Din­ge pas­siert. Die gesam­te Beleg­schaft ist in fei­er­li­ches Weiß geklei­det. Ber­ge fri­scher Wäsche wird auf dem Kopf balan­ciert. Die Män­ner wer­fen den Frau­en Scherz­wor­te zu und schwen­ken Rohr­zan­gen oder ande­res Werk­zeug. Die Fens­ter der Apart­ments glän­zen plötz­lich im Son­nen­licht und lei­se Musik ist zu hören. Eine far­bi­ge Fami­lie bezieht ihr Apart­ment. Die Frau­en hübsch her­ge­rich­tet, die Män­ner ein biss­chen gangs­ter­mä­ßig, die Kin­der schlank und unauf­fäl­lig. Freu­de vibriert in der Luft als wei­te­re auf­ge­reg­te far­bi­ge Fami­li­en ein­tref­fen. Auch älte­re wei­ße Pär­chen schlur­fen auf die Ter­ras­se – sie wol­len sich das Rug­by-Final-Spiel anse­hen. Am Strand vor dem Res­sort brei­ten Frau­en ihren Per­len­schmuck zum Kauf aus. Wir kau­fen bei jeder Dame eine klei­ne Ket­te. Ein Mann, der gleich als Ver­mitt­ler auf­ge­tre­ten ist, b, ietet sei­ne Diens­te als Fischer an und will uns einen Fisch nach dem Spiel vor­bei­brin­gen. Das Spiel beginnt mit rein wei­ßer Zuschau­er­schaft – die far­bi­gen Ange­stell­ten ver­tei­len Shots und klei­ne Lecke­rei­en auf Kos­ten des Hau­ses. Das Spiel ist span­nend und nach und nach sto­ßen auch ein paar der schwar­zen Gäs­te zu uns in die Bar. Alle fei­ern den Sieg und beklat­schen die wohl bedach­ten Wor­te des schwar­zen Kapi­täns, der aus einem Town­ship kommt. Nach dem Spiel sehen wir, dass vie­le Schwar­ze das Spiel am Pool ver­folgt haben – wegen der Kin­der? Oder? Wir zie­hen um in die Cof­fee Bay zum Sug­ar­lo­af Back­pa­ckers. Dort wun­dern wir uns über die vie­len schwar­zen Müt­ter mit ihren Kin­dern, die eine Rie­sen­freu­de am Schwim­men im Fluss und Spie­len in den Wel­len zei­gen. „Müs­sen die nicht arbei­ten?“ „Seit wann kön­nen Schwar­ze schwim­men ?“ Ich ertap­pe mich bei sol­chen und ähn­li­chen Gedan­ken, die wie selbst­ver­ständ­lich von der Über­le­gen­heit der wei­ßen Ras­se aus­ge­hen. Dabei konn­te der Häupt­ling, der in Kap­stadt das Sagen hat­te, als die ers­ten Sied­ler aus den Nie­der­lan­den anka­men, sogar ein paar Bro­cken Hol­län­disch – und es ist nach­ge­wie­sen, dass es lan­ge vor der Ankunft der wei­ßen Sied­ler in Süd­afri­ka eine Hoch­kul­tur geherrscht hat. Doch das ver­ges­sen unse­re Geschichts­bü­cher ger­ne.

03.11.2019 Sug­ar­lo­af Back­back­ers Wir gehen ein Stück des Trans­kei-Weit­wan­der­wegs, des­sen belieb­tes­ter Stre­cken­ab­schnitt zwi­schen Cof­fee Bay und Port St. Johns liegt. Er führt nah an der Küs­ten­li­nie ent­lang und führt steil in die Klip­pen her­un­ter. Die Men­schen, denen wir begeg­nen schau­en neu­gie­rig und ver­wun­dert – aber immer freund­lich. Doch der Weg ist so aben­teu­er­lich, dass wir uns fra­gen, wie man ihn mit einem gro­ßen Ruck­sack bewäl­ti­gen will. Den­noch wür­de er mich wirk­lich rei­zen. Den Rest des Tage ver­brin­gen wir am Strand und im Gespräch mit unse­ren freund­li­chen und inter­es­san­ten Gast­ge­bern. Sei­ne Begeis­te­rung für in Trank­skei, in der er auf­ge­wach­sen ist, ist anste­ckend – und sei­ne gelas­se­ne Ein­stel­lung gegen­über den für uns unver­ständ­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen (sau­fen und fei­tern am Strand bis zum Umfal­len) weist mir einen Weg aus dem Gefäng­nis mei­ner (Vor-)Urteile.

04.11.2019 Ent­ge­gen dem Wet­ter­be­richt reg­net es nicht. So wird die Fahrt von der Cof­fee Bay (Trans­kei) nach Uzum­be (Kwa­Zulu­Na­tal, kurz KZN) deut­lich ange­neh­mer. Auch wenn Uzum­be nur weni­ge Kilo­me­ter die Küs­te auf­wärts liegt, emp­fiehlt und Goog­le die Fahrt über die Schnell­stra­ße N2 im Lan­des­in­ne­re. So fah­ren wir die lan­ge Stre­cke, die wir nach Cof­fee Bay gefah­ren sind, wie­der zurück – und wir stel­len über­rascht fest: eini­ge Schlag­lö­cher wur­den in der Zwi­schen­zeit wie­der auf­ge­füllt. Inzwi­schen haben wir uns ein wenig an die vie­len wuseln­den Men­schen in den Städt­chen gewöhnt und sehen auch die tro­cke­ne, über­wei­de­te Land­schaft gelas­se­ner, sodass wir uns trau­en, zwei­mal Tram­pe­rin­nen mit­zu­neh­men. Auch die als mega­ge­fähr­lich beschrie­be­ne Stadt Mtha­tha stellt sich als ruhi­ge, ange­neh­me Stu­den­ten­stadt mit einem sehr infor­ma­ti­ven Nel­son Man­de­la Muse­um her­aus. Den­noch – als wir die Gren­ze zu KZN über­fah­ren, ver­schwin­den die Tie­re aus dem Stra­ßen­bild, Zäu­ne bestim­men wie­der das Bild und Bäu­me – Euka­lyp­tus­bäu­me, für die süd­afri­ka­ni­sche Papier­pro­duk­ti­on. Es wird auch immer grü­ner – und je näher wir der Küs­te kom­men, sogar tro­pisch. Unser Back­pa­ckers stellt sich als noch viel, viel tol­ler her­aus, als gedacht. Wir schla­fen in einem Stel­zen­haus, das wirk­lich bis zum Boden aus Glas ist und trotz­dem wegen der tro­pi­schen Bewach­sung kom­plett unein­sich­tig. Unser pri­va­tes Bad ver­fügt über eine Bade­wan­ne und offe­nen Fens­tern, durch die die feuch­te Mee­res­luft hin­durch­strömt. Dar­über hin­aus gibt es vie­le Eck­chen zum Lesen und Arbei­ten, eine ein­la­den­de Bar und ein Cafe, das auch Abend­essen anbie­tet und mit­ten­drin ein Pool mit Rut­sche. Und das Bes­te: alles ist sau­ber. Sogar die Bett­wä­sche riecht leicht nach Räu­cher­stäb­chen. Im Back­pa­ckers ist näm­lich auch ein Yoga­stu­dio unter­ge­bracht, das mor­gens und abends offe­ne Kur­se anbie­tet. So sind zumin­dest vie­le der weib­li­chen Gäs­te wah­re Yoga­a­dep­ten. Ent­spre­chend lie­be­voll ist hier alles deko­riert.

 

5.11.2019 Nach mor­gend­li­chen ange­täusch­tem Jog­gen am Strand und einer Yoga­stun­de, fah­ren wir zum Shel­ly Beach in ein Ein­kaufs­zen­trum und erken­nen, wie nahe die Hibis­kus­co­ast einem ame­ri­ka­ni­schen Klein­stadt­i­dyll kommt. Nach der offen­sicht­li­chen Armut, der Über­wei­dung und der Tro­cken­heit der Trans­kei (Cof­fee Bay), gefällt mir das geord­ne­te, kapi­ta­lis­ti­sche Leben in Kwaz­Zulu­Na­tal, einem frü­he­ren Home­land der Zulu gut – auch wenn es wie­der klar ist, dass im Back­pa­ckers nur Schwar­ze put­zen oder die Hüt­ten instand hal­ten, wäh­rend sich die wei­ße Jugend um die wich­ti­gen Din­ge, die Bar, die Gäs­te und Yoga küm­mern. Ich mer­ke, wie selbst­ver­ständ­lich mir so eine Arbeits­auf­tei­lung vor­kommt, wie selbst­ver­ständ­lich ich das devo­te Yes Mam oder No Madam inzwi­schen anneh­me.

 

Wir flüch­ten aus die­ser ame­ri­ka­ni­schen Idyl­le ins Sky­line Natu­re Reser­ve, das eine kos­ten­lo­sen Wan­de­rung durch vie­le hei­mi­sche Bäu­me anbie­tet. Wir sind fas­zi­niert von der tro­pi­schen Fül­le hier und fürch­ten uns ein biss­chen vor der grü­nen und schwar­zen Mam­ba, die dort hei­misch ist.

6.11.2019 Umzum­be Back­pa­ckers. In unse­rem Glas­haus wer­den wir von Meer­kat­zen, die sich durch das Bana­nen­di­ckicht kämp­fen, geweckt. Unglaub­lich zu sehen, wie aggres­siv die­se put­zi­gen Tier­chen unter­ein­an­der sind. Sonst wie­der ein fau­ler Tag am Strand. Mor­gens Yoga, Nach­mit­tags in der Son­ne lie­gen, gemein­sam Hör­buch hören, Strand­spa­zier­gang und vor­sich­ti­ges Spiel mit den mäch­ti­gen Wel­len. Danach im Back­pa­ckers in den Pool rut­schen, sich frisch machen – sprich im Bett rum­lie­gen und auf fünf Uhr war­ten, bis  die Bar eröff­net wird. Tho­mas ist schon fast ein biss­chen gelang­weilt, mir passt es gut, weil ich end­lich mein Tage­buch wie­der nach­tra­gen kann. Die Besit­zer bie­ten ein Abend­essen an – inter­es­san­te Gesprä­che, z. B. wie sie das Ende der Apart­heid erlebt haben.

 



8.10. 2019 Wegen einer Sturm­war­nung fal­len alle Boots­aus­flü­ge aus. Wir schlen­dern des­halb den lan­gen Weg um die Bay ent­lang und bewun­dern das auf­ge­wühl­te, glit­zern­de Meer. Neben­ei lesen wir die Info­ta­feln, sich­ten eine Walmut­ter mit Kind und beob­ach­ten eine Rob­be beim Spie­len.

 

Unse­re AirB­nB-Gast­ge­ber sind nicht die ein­zi­gen Wei­ßen, die der Apart­heid hin­ter­her­wei­nen. Seit Tho­mas und ich unter­wegs sind, hören wir vie­le Geschich­ten dar­über, wie „die“ das Land kaputt machen, wie unge­recht die Wei­ßen jetzt behan­delt wür­den, wie schlecht „sie“ arbei­ten wür­den … 

 

 

 

Am 11.10.2019 fah­ren wir von Oudts­hoorn Rich­tung Schwart­berg­pass zu den Tropf­stein­höh­len. Sie zäh­len welt­weit zu den größ­ten Höh­lensys­tem ins­ge­samt, steht in unserem Rei­se­füh­rer. Wir buchen aus Kos­ten­grün­den die „Nor­mal­tour“. Spä­ter wer­den wir darüber heil­froh sein, denn wäh­rend der rich­tig enga­gier­ten Füh­rung durch die schö­nen, gro­ßen und hohen Räu­me mit den Fließ­stei­nen, Pilas­tern, Sta­lak­ti­ten und Sta­lak­mi­ten, mit „Orgel­pfei­fen“ und „Honey­moon­sui­te“ und, und, und … erfah­ren wir, dass bei einer Adven­ture­tour eine Dame in den engen Gän­gen der ande­ren Höh­len ste­cken geblie­ben ist und erst nach 13 Stun­den mit­tels Mas­sa­gen, Baby­öl und kräf­ti­gem Drü­cken frei­ge­kom­men ist.

Das sei aber nicht das Schlimms­te gewe­sen: Weit­aus schlim­mer war, dass mit ihrer eigen­mäch­ti­gen Akti­on – der Gui­de hat­te sie gebe­ten, nicht wei­ter zu gehen – schnitt sie ihrer Grup­pe den Rück­weg aus den noch enge­ren Höh­lensys­tem ab. Und dies aus­ge­rech­net am Mor­gen des 31.12.! Wenn das kein Stoff für eine Kurz­ge­schich­te ist

Wir sind also heil­froh eine senio­ren­ge­rech­te Tour gebucht zu haben, denn lang­sam wis­sen wir, dass die wei­ßen Süd­afri­ka­ner hart gesot­ten sind. Die Freu­de wird jedoch nicht lan­ge anhal­ten.: Der Swart­berg­pass war­tet auf uns. Er gilt als schöns­ter Pass ganz Afri­kas – wegen der tol­len Aus­bli­cke.  Auch unse­re sonst eher ängst­li­chen Gast­ge­ber lächel­ten bei unse­rer Idee, die­sen Pass befah­ren zu wol­len:. „Won­der­ful“! It is just won­der­ful!“

Zunächst schei­nen wir das auch so zu sehen. Doch dann kom­men die 22 Kilo­me­ter unge­teer­ter Stra­ße. Nach weni­gen Kilo­me­tern stellt sie sich als aus­ge­wa­sche­ner, mit Schlag­lö­chern und spit­zen Stei­nen über­sä­ter, qua­si ein­spu­ri­ger Pfad her­aus, der sich steil nach oben win­det.

Die wirk­lich über­ra­gen­den Aus­sich­ten kön­nen wir aber nicht genie­ßen, zu sehr sind wir damit beschäf­tigt, die gröbs­ten Hin­der­nis­se zu umschif­fen. Nicht erwäh­nen muss ich wohl das Feh­len jeg­li­cher Absi­che­run­gen und die unge­dul­di­gen Süd­afri­ka­ner, die gar nicht ver­ste­hen, war­um wir so lang­sam fah­ren. Dass ihnen unge­üb­te Adven­ture­tou­ris­ten auf wahr­schein­lich nicht gewar­te­ten Moun­tain­bikes ent­ge­gen­rau­schen, scheint sie eben­falls nicht aus ihrem Gleich­mut zu brin­gen.

Und wie kann es anders sein? Wer hat am Schluss den plat­ten Rei­fen? Wir, wir die über­vor­sich­ti­gen Deut­schen … Immer­hin ist es unser fünf­ter plat­te Rei­fen, sodass wir die net­ten Hilfs­an­ge­bo­te groß­zü­gig aus­schla­gen.

Im kolo­nia­len Charme des alt­ehr­wür­di­gen Swart­berg­ho­tels in Prins Albert erho­len wir uns am Pool von dem Schre­cken und las­sen den emp­foh­le­nen „Walk“ zum Was­ser­fall sau­sen. Adre­na­lin und tol­le Aus­bli­cke hat­ten wir für heu­te genug. Auf einer ange­neh­men Teer­stra­ße geht’s zurück in unser Airb­nb.

 

 

 

12.10.2019 Bald ist Voll­mond. Unse­re Wan­de­rung, der Baa­vi­ans Cami­no, steht dro­hend vor uns. Wir sind schon sehr gespannt, was auf uns war­tet. Ein biss­chen Sor­ge um unse­re Fit­ness ist auch dabei. Heu­te gehts aber erst zur Jeffrey‘s Bay. Wir wol­len mor­gen um 12:00 in Port Eliza­beth sein. Von dort geht es dann ins Lan­des­in­ne­re. Land­schaft­lich sehr schön, fah­ren wir über klei­ne Päs­se Rich­tung Meer und Gar­den Rou­te. Lei­der müs­sen wir auf­grund des plat­ten Rei­fens noch einen Zwi­schen­stopp in Geor­ge ein­le­gen. Euro­pe Car gibt uns gleich einen neu­en, frisch geputz­ten Wagen! Wie schön, denn wir haben unse­ren Wagen in kür­zes­ter Zeit stau­big gefah­ren. Wegen des Zwi­schen­stopps, gepaart mit einem anschlie­ßen­dem aus­ge­dehn­ten zwei­ten Früh­stück auf einen Land­markt (Waf­feln und Pan­cakes!), bleibt uns wenig Zeit für die Schön­hei­ten der Gar­den Rou­te. Trotz­dem erha­schen wir immer wie­der einen Blick auf den Indi­schen Oze­an, der zwar genau­so wild an die Küs­te braust, wie der Atlan­tik, aber viel wär­mer ist. Wir erfreu­en uns an den vie­len Vil­len, die so in die grü­nen Küs­ten­ber­ge gebaut sind, dass sie mög­lichst lan­ge die Son­ne über dem Meer genie­ßen kön­nen. Uns gefällt Wil­der­ness mit sei­nem rie­si­gen See, das fast mon­dä­ne Knys­na und The Crags am bes­ten. Den Welt höchs­ten Bun­gee­sprung­platz pas­sie­ren wir – mir wird schon vom Zuse­hen schwin­de­lig – und lan­den end­lich im Ubun­tu Back­pa­ckers – ein para­die­si­scher Ort, spe­zi­ell für jun­ge Men­schen im Gapye­ar.

 

Im Gar­ten, wie auf den Ter­ras­sen und den vie­len Grup­pen­räu­men sind Kuschel­ecken zum Rat­schen, zum Inter­net sur­fen, oder nur zum blöd aufs Was­ser gucken ein­ge­rich­tet. Dafür sind die Schlaf­räu­me kna­ckig: 10 auf einen Streich. Wie schön, dass wir ein, wenn auch klei­nes, aber doch pri­va­tes Dop­pel­zim­mer gebucht haben. Es bleibt uns noch ein Strand­spa­zier­gang, ein biss­chen Arbeit am Blog und schon tref­fen wir alle jun­gen Leu­te beim Grill auf dem obers­ten Bal­kon.

Am 13.10.2019 blei­ben wir im Ubun­tu. Das Back­pa­cker Hos­tel ist ein klei­nes Juwel mit vie­len jun­gen Men­schen aus der gan­zen Welt, die sich am liebs­ten in die lan­gen Wel­len hier am end­lo­sen, wei­ßen Strand stür­zen. Wir bevor­zu­gen es zu jog­gen und uns in den ver­schie­de­nen Chill­räu­men im Back­pa­cker zu ent­span­nen und unse­re Rei­se­ein­drü­cke auf­zu­schrei­ben. Es reg­net ein biss­chen und alle sind froh, denn die Tro­cken­heit ist ein gro­ßes Pro­blem für Süd­afri­kas Land­wirt­schaft.

14.10. ‑18.10.2019 Fahrt nach Port Eliza­beth. Von dort mit Mar­kus, einem beherzt fah­ren­den Taxi­fah­rer, der ein Rosen­kranz am Rück­spie­gel befes­tigt hat, in die Ber­ge nach Kar­re­douw, wo wir am 18.10. – hof­fent­lich – wie­der gesund ankom­men wer­den. Wir las­sen unse­re Koch­sa­chen in den lie­be­voll zu Feri­en­woh­nun­gen umge­bau­ten Stal­lun­gen und neh­men drei, der vier künf­ti­gen Leid­ge­nos­sen ins Taxi auf. Wei­ter gehts nach Wil­low­mo­re, ins 100jährige, fami­li­en­geführ­te Wil­low-Guest­house. Über­all sind Weg­wei­ser zur Baa­vi­ans­kloof, doch wir erho­len uns am Pool von den Stra­pa­zen der Rei­se. Abends genie­ßen unse­re Hen­kers­mahl­zeit beim typi­schen Farm­house-Abend­essen. Man sitzt dann wie im Wohn­zim­mer an einem rie­si­gen Tisch zusam­men; lie­be­voll gesam­mel­te Anti­qui­tä­ten sowie Kin­der­fo­tos und – oft – from­me Gedenk­ta­feln ver­voll­stän­di­gen das Ambi­en­te.

Das hier wird das Ende unse­res Cami­nos wer­den. Noch lache ich …

Die Unter­hal­tung fällt bald ins Afri­cans und Tho­mas und ich sind „drau­ßen“ und drin­nen, denn nur, wenn sie sich direkt an uns wen­den, spre­chen sie Eng­lisch. Ansons­ten führt Ger­da das Unter­hal­tungs­szep­ter und alle haben Trä­nen vor Lachen in den Augen. Sie, das sind der Psy­cho­lo­ge Bern­hard und Lui­se, sei­ne Frau, eine Phar­ma­zeu­tin, Ger­da, eine Leh­re­rin und wit­zi­ge Allein­un­ter­hal­te­rin, die auf einer Farm auf­ge­wach­sen ist, Lor­rai­ne, eine Ope­ra­ti­ons­schwes­ter, die nach einer Schei­dung nach Sau­di-Ara­bi­en aus­ge­wan­dert ist und jetzt in den Staa­ten lebt, Her­ku­les, unser Gui­de auf dem Pferd, Eric, der coo­le Orga­ni­sa­tor, der im Hin­ter­grund alle Stri­cke zieht, sowie Fri­k­ki, sein Freund aus Kin­der­ta­gen, der die Inkar­na­ti­on von Hans im Glück sein könn­te und bereits fast auf der gan­zen Welt gelebt hat. Er küm­mert sich um unser leib­li­ches Wohl und hat sich zum Ziel gesetzt, dass wir alle min­des­tens zwei Kilo schwe­rer wie­der nach hau­se gehen.

Trotz­dem sor­ge ich mich die ers­ten zwei Tage sehr, ob wir die 90 Kilo­me­ter berg­auf, berg­ab in der oft brü­ten­den Hit­ze über­ste­hen wer­den. Und tat­säch­lich, die Süd­afri­ka­ner lau­fen wie eine eins, nur Tho­mas und ich ver­ra­ten unse­re feh­len­de Kon­di­ti­on mit hoch­ro­ten Gesich­tern. So weiß Hec­tor, wann wir müde sind und ver­schreibt allen eine kur­ze Zwangs­pau­se. Alle fünf Kilo­me­ter, also nach cir­ca einer Stun­de, bekom­men wir zudem eine län­ge­re (10 min) Pau­se. Alle grei­fen dann in ihre Snack­tü­te, die gefüllt ist mit allen, was fit macht. Mit­tags und immer wie­der über­ra­schend, tau­chen Eric und Fri­k­ki mit ihrer mobi­len Küche auf und flö­ßen uns eis­kal­te Geträn­ke und stär­ken­de Mahl­zei­ten ein. Freund­li­che Scher­ze und gutes Zure­den hel­fen uns „armen“ Deut­schen, die kei­ner Unter­hal­tung fol­gen kön­nen, eben­falls, den Track zu über­ste­hen.

Gott sei Dank hat­te mich Tho­mas dazu über­re­det, mir ein Pferd zur Unter­stüt­zung zu leis­ten. Nach einem gan­zen Tag auf mei­nem groß­ar­ti­gen und lamm­from­men Vic­tor, beschloss ich doch, auch das Wan­dern zu wagen. Tho­mas durf­te nun auf Vic­tor rei­ten. Er stell­te sich dabei so gut an, dass Her­cu­les vor­sich­tig vor­schlug, der “Bes­se­re” sol­le doch den letz­ten, stei­len Sin­gle­trail rei­ten. Klar war, dass er Tho­mas damit mein­te.

Es kam anders – doch davon spä­ter. Jetzt noch kurz das Abend­pro­gramm: Reich­hal­ti­ges Abend­essen, immer frisch auf einer der Gast­far­men zube­rei­tet, oder von Fri­k­ki vor unse­ren Augen gebraait (gegrillt), Son­nen­un­ter­gang, die Pfer­de mah­len irgend­wo in der Nähe her­um und wir stre­cken unse­re müden Glie­der im Bett aus, oder lun­gern her­um, beob­ach­ten Fri­k­ki beim Kochen und reden – wohl über Gott und die Welt und die neu­es­ten, ver­rück­ten Aktio­nen der Ger­mans. Immer bekom­men wir das bes­te Zim­mer und das süd­afri­ka­nisch­te Essen. Gast­freund­schaft wird hier groß geschrie­ben.

Doch was war nun mit dem Sin­gle­trail, den Tho­mas rei­ten soll­te? Nach einem stei­le­ren Stück berg­ab dach­ten wir, das war es schon gewe­sen und Tho­mas stieg ab vom Pferd – und ich auf. Her­cu­les wirk­te etwas irri­tiert, nick­te aber nur. Und ich ver­stand sei­nen Gesichts­aus­druck, als es fünf Minu­ten spä­ter plötz­lich wirk­lich steil und eng berg­ab ging.

Erst­mals konn­te ich nicht dar­auf ver­trau­en, das Vic­tor schon den rich­ti­gen Weg fin­den wür­de. Ich muss­te Vic­tor allein füh­ren, denn Her­cu­les war schon tief unter mir! Doch er sah hoch und gab mir nur den einen Hin­weis: „Smi­le“. Plötz­lich ging alles gut – und ich ber­merk­te, wie viel ich ganz neben­bei auf Vic­tor gelernt habe.

Kur­ze Zeit spä­ter ist der letz­te und längs­te (30 Kilo­me­ter) Tag auch schon vor­bei. Eine Weg­bie­gung und wir wer­den von Esti, Erics Frau und Fri­k­ki unter lau­tem Joh­len begrüßt. Ein for­mi­da­bles Essen wird auf­ge­tischt und der Alko­hol fließt reich­lich. End­lich zeigt auch Eric, unser Cools­ter, Ner­ven. „I am so glad that not­hing went wrong. I am so glad …“ Dann ver­schwin­den alle schnell in ihren Zim­mern. Wir sind alle müde.

19.10.2019 Heu­te hat­ten wir noch ein groß­zü­gi­ges Far­mer­früh­stück mit allen, inklu­si­ve Taxi­fah­rer. Seit­dem sind Tho­mas und ich wie­der auf uns selbst gestellt. Wir gehen shop­pen in Kar­re­douw und decken uns mit „Zube­hör“ für die nächs­te Wan­de­rung – dies­mal ent­lang der Küs­te – ein: Son­nen­creme, Vase­li­ne für die mal­trä­tier­ten Füße, Pflas­ter, ein wei­ße, luf­ti­ges Top. Dann gehen wir zurück zum Farm­haus, indem wir uns für zwei wei­te­re Tage zur Erho­lung ein­ge­mie­tet haben. Nach einer gan­zen Wasch­or­gie – alles war stau­big und durch­ge­schwitzt – wan­dern wir den Baviaans Cami­no ein paar Kilo­me­ter rück­wärts und genie­ßen es, dies­mal an jeder Kur­ve ste­hen­blei­ben zu dür­fen, den Frö­schen und Was­ser­läu­fern zuzu­se­hen, die Scha­fe zu jagen und die Rin­der in den Berg­hän­gen zu bewun­dern. Wir blei­ben an Pro­teas, an Eichen und üppi­gen Farn­grä­sern ste­hen und bli­cken auf die Ber­ge zurück, die wir in den ver­gan­ge­nen Tagen über- und durch­quert haben.

 

 

20. 10. 2019 Wir genie­ßen die Ruhe in unse­rem eige­nen klei­nen Farm­haus, schau­en den Pavia­nen beim Spie­len zu, behan­deln unse­re Bla­sen und sehen auf den Baviaans­kloof zurück. Hin und wie­der kommt uns der Far­mers­jun­ge von neben­an besu­chen – und sonst schrei­ben und lesen wir nur.

 

 

21.10.2019 Umzug auf Her­cu­les Hor­se Farm. Hier sind wir in fami­liä­rer Gesell­schaft unter­ge­bracht und wer­den von Annie­ka, sei­ner Frau herr­lich bekocht.

 

22.10.2019

 

 

Heu­te begin­nen die Reit­stun­den bei Her­cu­les. Wir ver­brin­gen nur kur­ze Zeit im Stall – schon wird das frisch Gelern­te (Trab und Galopp) im Gelän­de aus­pro­biert. Es geht über Stock und Stein- und nachts – nach dem super­le­cke­ren und sehr fleisch­las­ti­gen ‑Abend­essen von Annie­ka war­tet ein Nachtritt auf uns.

 

 

23.10.2019 Reit­stun­de am Strand. Die Pfer­de woll­ten von sel­ber tra­ben oder galop­pie­ren. Fotos schie­ßen, ging aber nur im Schritt. Danach Umzug zur Cape Sant Fran­cis Res­sort, von wo mor­gen die vier­tä­gi­ge Chok­ka-Trail-Wan­de­rung mit Eric und Esti Ste­ward star­ten wird.

 

24.10.2019 Ers­ter Tag des Chok­ka-Trails. 22 km ent­lang der Küs­te, nur in Beglei­tung von drei süßen und auf­merk­sa­men Hir­te­hun­den, die uns den Weg wei­sen. Am Ende neh­men wir unser ers­tes Bad im Indi­schen Oze­an.

 



25.10.2019 Zwei­ter Tag des “Chok­ka-Trails”. Es geht land­ein­wärts über hohe Sand­dü­nen – vor­bei an Fund­stät­ten der Khoi-San, einer Bevöl­ke­rungs­grup­pe, die die Ankunft der Wei­ßen und die damit ein­her­ge­hen­de dras­ti­sche Lebens­ver­än­de­rung lei­der meist nicht über­lebt haben und inzwi­schen in Süd­afri­ka nahe­zu aus­ge­rot­te­tet sind. Über­nach­tu­nig g in the Dune Ridge, einem ehr­wür­di­gen Coun­try House, das zufäl­li­ger­wei­se heu­te ein Wein­tas­ting mit exqui­si­tem Abend­mahl bie­tet. Lecker!

 

26.10.2019 Drit­ter Tag des Chok­ka­trails. Die Süd­afri­ka­ner spin­nen – die übli­che Wan­der­ge­schwin­dig­keit ist 6 km/h. Ich/wir müs­sen immer wie­der ren­nen, um nicht fürch­ter­lich hin­ten dran zu hän­gen. Dafür gehe ich seit zwei Tagen fast nur bar­fuß, wie unser Gui­de Fri­k­ki, der seit einem Jahr ganz auf Schu­he ver­zich­tet und auch den Cami­no bar­fuß gegan­gen ist. Der Sand auf dem Chok­ka­trail ist dafür auch ver­lo­ckend. Außer­dem trai­niert  das den gan­zen Kör­per. Dem­entspre­chend  müde bin ich am Ende eines Wan­der­ta­ges. Doch kaum sind wir heu­te im St. Fran­cis Resort (einer sehr schö­nen, aber nor­ma­len Feri­en­sied­lung, die auch von far­bi­gen Fami­li­en besucht wird, gehen die Höhe­punk­te des Chok­ka­trails wei­ter: eine Boots­rund­fahrt.

Müde wie ich nach den 14 km Düne auf und ab bin, wür­de ich mich am liebs­ten wei­ter in der hei­ßen Bade­wan­ne aalen. Doch muf­fig fol­ge ich Tho­mas – gebucht ist gebucht.

Auch wenn es toll war, einen Blick auf das ehe­ma­li­ge Anwe­sen von Ange­li­na Jolie und Brad Pitt zu wer­fen, so bin ich jetzt doch froh, zurück in dem “nor­ma­len” Feri­en-Resort auf mei­nen Tin­ten­fisch zu war­ten.



28.10.2019 Mor­gens wer­den wir von Eric zur Jef­freys Bay gebracht, wo schon ein neu­er Toyo­ta Corol­la auf uns war­tet. Tho­mas hat uns eine Unter­kunft im Addo-Ele­fan­ten-Natio­nal­park gebucht, wo wir – hof­fent­lich – die letz­te Tier­art der Big Five, den Was­ser­büf­fel sich­ten wer­den. Glück­li­cher­wei­se konn­te er die letz­te Unter­kunft in dem Park­teil, in dem sich die meis­ten Büf­fel auf­hal­ten, ergat­tern. Wir kom­men zu früh an – und fah­ren noch ein biss­chen durch den Park, der durch die Regen­schau­er viel an Dra­ma­tik gewinnt. Wir sehen einen Ele­phan­ten, beson­de­re Zebras, Kudus und jede Men­ge – aber auch vie­le Vögel. End­lich ist es Zeit, dass wir in den neu­en Park­teil fah­ren, der für die gebuch­ten Gäs­te reser­viert ist. Tat­säch­lich ist es ein völ­lig getrenn­ter Teil, der sich jetzt für uns öff­net. Die Ein­sam­keit ist sofort heil­sam. Und so hol­pern wir lang­sam auf unse­re neue Unter­kunft zu. Ich bin immer mehr gespannt.

 

 

 

Mei­ne hohen Erwar­tun­gen wer­den über­trof­fen: Ein rie­si­ges Bett befin­det sich in einem tra­di­tio­nel­len Rund­bau mit dem hohen Reet­dach. Hin­ter dem Bett befin­det sich eine Bar und dahin­ter ver­steckt, die Küche. Vor dem Bett gibt es eine dezen­te Sitz­ecke und auf der ande­ren Sei­te einen Ess­tisch – alles im edels­ten afri­ka­nisch-erd­far­be­nen Stil gehal­ten. Dahin­ter eröff­net sich eine boden­tie­fe Fens­ter­front, die den Blick auf einen klei­nen Bal­kon mit einer wei­te­ren Sitz­ecke und pri­va­tem Pool frei gibt. Wei­ter weg erstre­cken sich bewal­de­te Ber­ge und ein Gras bewach­se­nes Tal, auf dem erst War­zen­schwei­ne, spä­ter Anti­lo­pen und noch spä­ter die Was­ser­büf­fel wei­den. Safa­ri vom Bett aus – gibt es was Bes­se­res? Rich­tig schön ist es, dass der Park staat­lich ist und die Unter­kunft recht preis­wert – dafür aber immer gut gebucht.

29.10. 2019 Wir genie­ßen unser klei­nes Para­dies – und che­cken erst um 10:00 aus. Dafür fah­ren wir etwas schnel­ler durch den Park – und hal­ten nur noch nach Löwen und Dung­kä­fer Aus­schau. Die spie­len­den Löwen haben wir ver­passt – dafür fan­den wir die Käfer und fah­ren fast mit­ten in einen gra­sen­den, ein­sa­men Was­ser­büf­fel. Es wird schon spät – und nach­dem die Unter­künf­te im Natur­re­ser­vat am Meer aus­ge­bucht sind, ent­schei­den wir uns für Ham­burg als nächs­te Sta­ti­on. Tho­mas will in der Gegend blei­ben, die einst ein selbst ver­wal­te­tes Home­land für Kho­sa war. Der Rei­se­füh­rer hat­te sich ver­hal­ten über die­sen Land­strich geäu­ßert, aber die Strän­de gelobt. Es gab drei Emp­feh­lun­gen – zwei Luxus­ho­tels und ein Back­pa­ckers – in einer klei­nen Sied­lung, die Ham­burg genannt wird. Es gibt dort kein Wlan, kei­ne Tank­stel­le, kein Lebens­mit­tel­ge­schäft, kein Restau­rant, warnt uns die Besit­ze­rin vor. Wir fah­ren trotz­dem – mit viel Essen und nicht all­zu viel Bar­geld – man kann ja nie wis­sen.

Die Gegend wirkt auf den ers­ten Blick ganz hübsch, mit vie­len Hügeln und Tälern, mit Wei­de­flä­chen und ein­fa­chen, aber sau­be­ren Stein­häu­sern – manch­mal in der tra­di­tio­nel­len Rund­bau­wei­se. Lei­der ist das Gras schon lan­ge braun – und die vie­len, frei leben­den Rin­der rup­fen das ver­blie­be­ne Braun bis zur Erd­kru­me ab. Die Men­schen wir­ken ent­spannt und als wir Rich­tung Meer abbie­gen, nimmt Tho­mas eine Tram­pe­rin mit, die uns fröh­lich ihre Lebens­ge­schich­te erzählt. Scho­ckiert sind wir aller­dings, als wir nach einer län­ge­ren Fahrt über Schlag­lö­cher  an einer beein­dru­cken­den Fluss­mün­dung ent­lang, in einem win­di­gen Platz ankom­men, der offen­sicht­lich außer uns nur noch einen Gast beher­bergt: Ham­burg Back­pa­ckers.

Die mun­te­re Gast­ge­be­rin eröff­net uns auch gleich, dass wir wegen der gro­ßen Tro­cken­heit auf Duschen und Wäsche waschen mög­lichst ver­zich­ten soll­ten. Sofort seh­ne ich mich in mein gest­ri­ges Para­dies zurück, in des­sen run­der Bade­wan­ne ich jetzt lie­bend ger­ne ent­span­nen wür­de. Das gute Essen, das Tho­mas mir kocht, trös­tet mich ein wenig über die Ent­täu­schung hin­weg, hier nach stun­den­lan­ger Fahrt in einem abso­lu­ten Nie­mands­land gestran­det zu sein. Ich bemer­ke, dass ich mich noch immer unsi­cher in einer schwar­zen Umge­bung füh­le, auch wenn unse­re Gast­ge­be­rin ver­si­chert, dass wir über­all hin ohne Gefahr spa­zie­ren könn­ten. Mich beun­ru­higt auch das Feh­len jeg­li­cher tou­ris­ti­scher Infra­struk­tur, die ich von Euro­pa so gewöhnt bin.  Wohin sol­len wir gehen? Ein­fach so am Fluss ent­lang gehen? Was ist, wenn ich Durst habe? Was ist, wenn ich mich ger­ne in ein Cafe set­zen wür­de und mei­nen täg­li­chen Bericht schrei­ben? 
Als ich vor­sich­tig mei­ne Ent­täu­schung über die feh­len­den Gäs­te und die feh­len­den Attrak­tio­nen aus­drü­cke, freut sich unse­re Gast­ge­be­rin sogar:– ja hier sei es “nice” und “quiet”. Das lieb­ten ihre Gäs­te. Im Dezem­ber sei sie des­halb sogar aus­ge­bucht! Nice und quiet. Ich fin­de das doof – auch wenn mein Abend mit­hil­fe des Scrabb­le­spiels doch ganz nett wird. Das muf­fi­ge Zim­mer und der schreck­li­che Weich­spü­ler­ge­ruch der leicht mod­ri­gen Bett­wä­sche lässt mich trotz­dem in Selbst­mit­leid zer­flie­ßen.

30.10.2019 Der zwei­te Tag in Ham­burg ver­söhnt uns mit unse­rer Ent­schei­dung, uns mal abseits der tou­ris­ti­schen High­lights zu bewe­gen. Strah­len­der Son­nen­schein und Wind­stil­le lockt uns schon vor dem Früh­stück zum Strand, der Kilo­me­ter weit nichts als schäu­men­de See, wei­chen Sand und Sand­dü­nen zu bie­ten hat. Ein Mann rei­nigt die Umklei­de­ka­bi­nen, gro­ße, aber schlecht, weil selbst für mich zu hoch, plat­zier­te Schil­der wei­sen auf die Natur­schön­hei­ten am Strand hin – und dass er das blaue Umwelt­sie­gel erhal­ten habe. Wie auch nicht, den­ke ich genervt, wenn sowie­so nie­mand da ist? Doch tat­säch­lich begeg­net uns ein Hun­de­be­sit­zer und ein ein­sa­mer Ang­ler bei unse­rem Mor­gen­spa­zier­gang. Tho­mas fin­det eini­ge Glas­scher­ben. Mei­ne Plas­tik­aus­beu­te ist hin­ge­gen gering.

 

Spä­ter gehen wir zum Baden an den Strand – die hohen Wel­len und deren Sog­kraft las­sen mich aber vor­sich­tig sein. Immer wie­der wer­den wir näm­lich vor den soge­nann­ten Rib­cur­r­ents, die einen unver­mu­tet ins Meer hin­ein­zie­hen, gewarnt. Nach dem Lunch ent­schei­den wir uns wegen der stei­fen Bri­se für die Land­sei­te und erkun­den den Ort und die loka­len Kunst­pro­jek­te. Hier war sogar jemand auf der Docu­men­ta in Kas­sel und die hier her­ge­stell­ten Kopf­kis­sen, Bil­der­tep­pi­che und Taschen wer­den bis nach Kana­da ver­kauft. Die Dorf­be­völ­ke­rung grüßt uns freund­lich – und wir genie­ßen die Res­te der alten Stam­mes­kul­tur. Über­all gra­sen Kühe, wat­scheln Gän­se und suchen sich ihr Fut­ter in den kom­mu­na­len Anla­gen.

 

31.10.2019 Die Putz­frau des Back­pa­ckers ist  trau­rig, dass wir schon abfah­ren. Vie­le wür­den sie gar nicht wahr­neh­men, klagt sie. Mir hin­ge­gen hat sie viel über ihr Leben, ihre Kin­der und ihren Mann erzählt und dabei auch gelacht über ihren Mann und die vie­len Tie­re bei ihnen zu hau­se. Das hat mich auf mei­ne Fra­ge gebracht – ich hät­te sie nicht stel­len sol­len – ich weiß, aber irgend­was drängt mich immer dazu, den Fin­ger in die Wun­de zu legen. „ Wer­den die Tie­re hier zu Ver­zehr oder Ver­kauf gehal­ten“, fra­ge ich die Mana­ge­rin – und sie schüt­telt trau­rig den Kopf: Nein, sie sei­en nichts als Sta­tus­sym­bo­le. Nur für Hoch­zei­ten oder ande­re gro­ße Fes­te, wird ein­mal ein Tier geschlach­tet. Sonst nicht. „Aber das Land ist doch bereits völ­lig abge­grast“, „Ja und dann kom­men sie zu mir und wol­len, dass ich ihren Tie­re eine Sprit­ze mit stär­ken­den Kräu­tern gebe. Aber ich ver­such­te sie zu über­zeu­gen, dass es für die Tie­re bes­ser ist, wenn sie ver­kauft wer­den – hier gibt es nicht mehr genug zu essen und zu trin­ken. Wenn man Tie­re hat, muss man sich um sie küm­mern.“

Unse­re Gast­ge­be­rin ist wirk­lich besorgt. Sie lebt schon lan­ge mit den Kho­sas und fühlt sich in der Gegend sicher – aber ihre Bemü­hun­gen, um eine Ver­än­de­rung im Dorf blei­ben bis­lang ohne Erfolg, meint sie. Tat­säch­lich haben auch wir gele­sen, dass die Kho­sa einst einer Weis­sa­gung nach der die Men­schen, die ihnen alles genom­men haben, von Gott zurück ins Meer getrie­ben wür­den, wenn die Kho­sa alle Tie­re schlach­ten wür­den.

Die Mehr­zahl der Men­schen folg­te den Wor­ten der Weis­sa­gung. So ver­lo­ren die einst star­ken Kho­sa ihren Lebens­un­ter­halt, ihren Stolz und ihre Gesund­heit. Wer will sie jetzt dafür ver­ant­wort­lich machen, dass sie ihr Vieh nicht ver­kau­fen?

Mir bricht es jedoch fast das Herz als wir jetzt wei­ter Rich­tung Cof­fee Bay fah­ren. Das Land wir immer dich­ter besie­delt, die Kru­me immer tro­cke­ner, die Städ­te immer wuse­li­ger. Auch an der Stra­ße Rich­tung Cof­fee Bay drängt sich ein Dorf ans ande­re. Die Geschäf­te bestehen aus dunk­len Räu­men, in denen Alko­hol und ein paar Lebens­mit­tel ver­kauft wer­den. Über­all lau­fen Schul­kin­der und Tie­re über die Stra­ßen. Schlag­lö­cher lau­ern dar­auf, den nächs­ten Rei­fen und Karos­se­rie zu zer­stö­ren. Jedes Dorf hat eine Kli­nik. Wir schlie­ßen dar­aus, dass wir in dem Gebiet gelan­det sind, in dem jeder zwei­te den HIV-Virus n sich trägt. Gott sei Dank sorgt die Regie­rung für kos­ten­lo­se Medi­zin.

End­lich lan­den wir in der Cof­fee Bay, die von vie­len als „wun­der­schön“ und vom Rei­se­füh­rer als Hip­pie-Para­dies bezeich­net wird. Hier erwar­te ich das pral­le Leben, mit Bars, lau­ter Musik, net­ten Geschäf­ten und einem akti­ven Strand­le­ben. Pus­te­ku­chen. Es gibt kein Zen­trum und kein Strand­le­ben, weil der Regen alle Men­schen von den Stra­ßen ver­trie­ben hat und erst recht kei­ne hüb­schen Läden. Nach einer hal­ben Stun­de aben­teu­er­li­cher Fahrt von Hügel zu Hügel sind wir end­lich in unse­rem „Res­sort“ ange­kom­men. Es wäre tat­säch­lich ganz nett, schie­ne die Son­ne und kön­ne man gemüt­lich auf der Ter­ras­se sit­zen und mit einem Gin Ton­ic in der Hand aufs Meer star­ren. Doch so ver­zie­hen wir uns frie­rend ins Bett und schrei­ben, bzw. pla­nen die nächs­ten Stopps bis Johan­nes­burg, wo wir die Freun­de wie­der­tref­fen wer­den.

01.11.2019 Regen lässt das qua­si ver­las­se­ne Res­sort in sei­ner rus­ti­ka­len Bau­wei­se und den muf­fi­gen Laken noch tris­ter erschei­nen. Wir gehen früh­stü­cken, genie­ßen das WiFi und las­sen uns dann von Ein­hei­mi­schen, die am Strand auf Tou­ris­ten war­ten, zum Hole in the Wall füh­ren, obwohl der Weg breit und leicht erkenn­bar gewe­sen wäre. Wir wol­len Eigen­in­itia­ti­ve för­dern und hof­fen, dass wir so unan­ge­neh­men Zusam­men­stö­ßen ent­ge­hen kön­nen. Die Land­schaft ist wun­de­rech­ön, grü­ne ver­wun­sche­ne Bäu­me und Kaf­fee­sträu­cher kon­tras­tie­ren mit rie­si­gen schwar­zen Fel­sen und wei­ßen Schaum­kro­nen. Die jun­gen Män­ner bie­ten uns wei­te­re Tou­ren an, auf die wir aber kei­ne Lust haben.

 

Als wir also zurück beim Res­sort sind, ver­lan­gen sie 300 Rand – und erhal­ten schließ­lich mit 100 Rand dop­pelt so viel als wir aus­ge­ben woll­ten. Den Rest des Tages ver­brin­gen wir damit, die­sen unschö­nen Zusam­men­stoß zu ver­dau­en. Jetzt den­ke ich, dass er mit einer kla­ren Abspra­che vor­ab ver­hin­der­bar gewe­sen wäre. Die jun­gen Leu­te hat­ten wohl auf gutes Trink­geld gehofft, weil der Regen­tag kei­nen wei­te­ren Kun­den vor­bei­spü­len wür­de. Wir hat­ten gehofft, als groß­zü­gi­ge Spen­der die Füße geküsst zu bekom­men.

 

 

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02.11.2019 In unse­rem Res­sort sind über Nacht wun­der­li­che Din­ge pas­siert. Die gesam­te Beleg­schaft ist in fei­er­li­ches Weiß geklei­det. Ber­ge fri­scher Wäsche wird auf dem Kopf balan­ciert. Die Män­ner wer­fen den Frau­en Scherz­wor­te zu und schwen­ken Rohr­zan­gen oder ande­res Werk­zeug. Die Fens­ter der Apart­ments glän­zen plötz­lich im Son­nen­licht und lei­se Musik ist zu hören. Eine far­bi­ge Fami­lie bezieht ihr Apart­ment. Die Frau­en hübsch her­ge­rich­tet, die Män­ner ein biss­chen gangs­ter­mä­ßig, die Kin­der schlank und unauf­fäl­lig. Freu­de vibriert in der Luft als wei­te­re auf­ge­reg­te far­bi­ge Fami­li­en ein­tref­fen. Auch älte­re wei­ße Pär­chen schlur­fen auf die Ter­ras­se – sie wol­len sich das Rug­by-Final-Spiel anse­hen. Am Strand vor dem Res­sort brei­ten Frau­en ihren Per­len­schmuck zum Kauf aus. Wir kau­fen bei jeder Dame eine klei­ne Ket­te. Ein Mann, der gleich als Ver­mitt­ler auf­ge­tre­ten ist, b, ietet sei­ne Diens­te als Fischer an und will uns einen Fisch nach dem Spiel vor­bei­brin­gen. Das Spiel beginnt mit rein wei­ßer Zuschau­er­schaft – die far­bi­gen Ange­stell­ten ver­tei­len Shots und klei­ne Lecke­rei­en auf Kos­ten des Hau­ses. Das Spiel ist span­nend und nach und nach sto­ßen auch ein paar der schwar­zen Gäs­te zu uns in die Bar. Alle fei­ern den Sieg und beklat­schen die wohl bedach­ten Wor­te des schwar­zen Kapi­täns, der aus einem Town­ship kommt. Nach dem Spiel sehen wir, dass vie­le Schwar­ze das Spiel am Pool ver­folgt haben – wegen der Kin­der? Oder? Wir zie­hen um in die Cof­fee Bay zum Sug­ar­lo­af Back­pa­ckers. Dort wun­dern wir uns über die vie­len schwar­zen Müt­ter mit ihren Kin­dern, die eine Rie­sen­freu­de am Schwim­men im Fluss und Spie­len in den Wel­len zei­gen. „Müs­sen die nicht arbei­ten?“ „Seit wann kön­nen Schwar­ze schwim­men ?“ Ich ertap­pe mich bei sol­chen und ähn­li­chen Gedan­ken, die wie selbst­ver­ständ­lich von der Über­le­gen­heit der wei­ßen Ras­se aus­ge­hen. Dabei konn­te der Häupt­ling, der in Kap­stadt das Sagen hat­te, als die ers­ten Sied­ler aus den Nie­der­lan­den anka­men, sogar ein paar Bro­cken Hol­län­disch – und es ist nach­ge­wie­sen, dass es lan­ge vor der Ankunft der wei­ßen Sied­ler in Süd­afri­ka eine Hoch­kul­tur geherrscht hat. Doch das ver­ges­sen unse­re Geschichts­bü­cher ger­ne.

03.11.2019 Sug­ar­lo­af Back­back­ers Wir gehen ein Stück des Trans­kei-Weit­wan­der­wegs, des­sen belieb­tes­ter Stre­cken­ab­schnitt zwi­schen Cof­fee Bay und Port St. Johns liegt. Er führt nah an der Küs­ten­li­nie ent­lang und führt steil in die Klip­pen her­un­ter. Die Men­schen, denen wir begeg­nen schau­en neu­gie­rig und ver­wun­dert – aber immer freund­lich. Doch der Weg ist so aben­teu­er­lich, dass wir uns fra­gen, wie man ihn mit einem gro­ßen Ruck­sack bewäl­ti­gen will. Den­noch wür­de er mich wirk­lich rei­zen. Den Rest des Tage ver­brin­gen wir am Strand und im Gespräch mit unse­ren freund­li­chen und inter­es­san­ten Gast­ge­bern. Sei­ne Begeis­te­rung für in Trank­skei, in der er auf­ge­wach­sen ist, ist anste­ckend – und sei­ne gelas­se­ne Ein­stel­lung gegen­über den für uns unver­ständ­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen (sau­fen und fei­tern am Strand bis zum Umfal­len) weist mir einen Weg aus dem Gefäng­nis mei­ner (Vor-)Urteile.

04.11.2019 Ent­ge­gen dem Wet­ter­be­richt reg­net es nicht. So wird die Fahrt von der Cof­fee Bay (Trans­kei) nach Uzum­be (Kwa­Zulu­Na­tal, kurz KZN) deut­lich ange­neh­mer. Auch wenn Uzum­be nur weni­ge Kilo­me­ter die Küs­te auf­wärts liegt, emp­fiehlt und Goog­le die Fahrt über die Schnell­stra­ße N2 im Lan­des­in­ne­re. So fah­ren wir die lan­ge Stre­cke, die wir nach Cof­fee Bay gefah­ren sind, wie­der zurück – und wir stel­len über­rascht fest: eini­ge Schlag­lö­cher wur­den in der Zwi­schen­zeit wie­der auf­ge­füllt. Inzwi­schen haben wir uns ein wenig an die vie­len wuseln­den Men­schen in den Städt­chen gewöhnt und sehen auch die tro­cke­ne, über­wei­de­te Land­schaft gelas­se­ner, sodass wir uns trau­en, zwei­mal Tram­pe­rin­nen mit­zu­neh­men. Auch die als mega­ge­fähr­lich beschrie­be­ne Stadt Mtha­tha stellt sich als ruhi­ge, ange­neh­me Stu­den­ten­stadt mit einem sehr infor­ma­ti­ven Nel­son Man­de­la Muse­um her­aus. Den­noch – als wir die Gren­ze zu KZN über­fah­ren, ver­schwin­den die Tie­re aus dem Stra­ßen­bild, Zäu­ne bestim­men wie­der das Bild und Bäu­me – Euka­lyp­tus­bäu­me, für die süd­afri­ka­ni­sche Papier­pro­duk­ti­on. Es wird auch immer grü­ner – und je näher wir der Küs­te kom­men, sogar tro­pisch. Unser Back­pa­ckers stellt sich als noch viel, viel tol­ler her­aus, als gedacht. Wir schla­fen in einem Stel­zen­haus, das wirk­lich bis zum Boden aus Glas ist und trotz­dem wegen der tro­pi­schen Bewach­sung kom­plett unein­sich­tig. Unser pri­va­tes Bad ver­fügt über eine Bade­wan­ne und offe­nen Fens­tern, durch die die feuch­te Mee­res­luft hin­durch­strömt. Dar­über hin­aus gibt es vie­le Eck­chen zum Lesen und Arbei­ten, eine ein­la­den­de Bar und ein Cafe, das auch Abend­essen anbie­tet und mit­ten­drin ein Pool mit Rut­sche. Und das Bes­te: alles ist sau­ber. Sogar die Bett­wä­sche riecht leicht nach Räu­cher­stäb­chen. Im Back­pa­ckers ist näm­lich auch ein Yoga­stu­dio unter­ge­bracht, das mor­gens und abends offe­ne Kur­se anbie­tet. So sind zumin­dest vie­le der weib­li­chen Gäs­te wah­re Yoga­a­dep­ten. Ent­spre­chend lie­be­voll ist hier alles deko­riert.

 

5.11.2019 Nach mor­gend­li­chen ange­täusch­tem Jog­gen am Strand und einer Yoga­stun­de, fah­ren wir zum Shel­ly Beach in ein Ein­kaufs­zen­trum und erken­nen, wie nahe die Hibis­kus­co­ast einem ame­ri­ka­ni­schen Klein­stadt­i­dyll kommt. Nach der offen­sicht­li­chen Armut, der Über­wei­dung und der Tro­cken­heit der Trans­kei (Cof­fee Bay), gefällt mir das geord­ne­te, kapi­ta­lis­ti­sche Leben in Kwaz­Zulu­Na­tal, einem frü­he­ren Home­land der Zulu gut – auch wenn es wie­der klar ist, dass im Back­pa­ckers nur Schwar­ze put­zen oder die Hüt­ten instand hal­ten, wäh­rend sich die wei­ße Jugend um die wich­ti­gen Din­ge, die Bar, die Gäs­te und Yoga küm­mern. Ich mer­ke, wie selbst­ver­ständ­lich mir so eine Arbeits­auf­tei­lung vor­kommt, wie selbst­ver­ständ­lich ich das devo­te Yes Mam oder No Madam inzwi­schen anneh­me.

 

Wir flüch­ten aus die­ser ame­ri­ka­ni­schen Idyl­le ins Sky­line Natu­re Reser­ve, das eine kos­ten­lo­sen Wan­de­rung durch vie­le hei­mi­sche Bäu­me anbie­tet. Wir sind fas­zi­niert von der tro­pi­schen Fül­le hier und fürch­ten uns ein biss­chen vor der grü­nen und schwar­zen Mam­ba, die dort hei­misch ist.

6.11.2019 Umzum­be Back­pa­ckers. In unse­rem Glas­haus wer­den wir von Meer­kat­zen, die sich durch das Bana­nen­di­ckicht kämp­fen, geweckt. Unglaub­lich zu sehen, wie aggres­siv die­se put­zi­gen Tier­chen unter­ein­an­der sind. Sonst wie­der ein fau­ler Tag am Strand. Mor­gens Yoga, Nach­mit­tags in der Son­ne lie­gen, gemein­sam Hör­buch hören, Strand­spa­zier­gang und vor­sich­ti­ges Spiel mit den mäch­ti­gen Wel­len. Danach im Back­pa­ckers in den Pool rut­schen, sich frisch machen – sprich im Bett rum­lie­gen und auf fünf Uhr war­ten, bis  die Bar eröff­net wird. Tho­mas ist schon fast ein biss­chen gelang­weilt, mir passt es gut, weil ich end­lich mein Tage­buch wie­der nach­tra­gen kann. Die Besit­zer bie­ten ein Abend­essen an – inter­es­san­te Gesprä­che, z. B. wie sie das Ende der Apart­heid erlebt haben.