Durban, Johannesburg, Kruger Nationalpark

 

6.11.2019 Am Nach­mit­tag kom­men wir in unse­rer Unter­kunft in Dur­ban an. Das Water­front-Hotel liegt nicht nur weni­ge Schrit­te von der Gol­den Mei­le ent­fernt, son­dern auch direkt am Hafen. Von unse­rem Schlaf­zim­mer aus kön­nen wir dem emsi­gen Kom­men und Gehen der rie­si­gen Tan­ker zuse­hen. Ich bin begeis­tert.

Doch wir wol­len noch auf die „Gol­den Mile“ und zum Abend­essen zurück zu sein. Rund um unser Hotel wur­den vie­le der alten Lager­häu­ser durch schmu­cke Wohn­häu­ser im Loft­stil ersetzt, die durch Kanä­le ver­bun­den sind, auf denen vene­zia­ni­sche Gon­deln mit einem E‑Motoren dahin­glei­ten. Die uSha­ka Mari­ne World ein groß­ar­ti­ger Frei­zeit­parkt mit einem gro­ßen Mee­res­aqua­ri­um, etli­chen Was­ser­rut­schen und Restau­rant, getarnt als U‑boote, gefällt mir aus­ge­zeich­net. Doch wir wol­len die berühm­te Gol­den Mile wei­ter erkun­den, denn es dun­kelt schon, nicht zuletzt, weil der Him­mel wol­ken­schwer ver­han­gen ist.

Die Gol­de­ne Mei­le ent­puppt sich als brei­te Pro­me­na­de ent­lang des Mee­res, die Ein­woh­ner wie Tou­ris­ten zum Schlen­dern, Shop­pen und Jog­gen nut­zen. Für Kin­der ist ein gro­ßer Ska­ter­par­cour auf­ge­baut, Fit­ness­be­geis­ter­te üben an kos­ten­lo­se Fit­ness­ge­rä­te und so man­che Grup­pen trai­nie­ren ohne Gerät­schaf­ten. Immer wie­der kreu­zen Sur­fer mit ihrem Brett unter dem Arm unse­ren Weg und am Meer trifft sich die Jugend zum plant­schen, Sur­fen und Vol­ley­ball­spie­len. Sogar ein Schwimm­bad fin­det sich auf der sechs Kilo­me­ter lan­gen Pracht­stra­ße ent­lang des Indi­schen Oze­ans. Rik­scha-Läu­fer in bun­ten Klei­den bie­ten ihre Diens­te an, die aber sel­ten in Anspruch genom­men wer­den. Auch vie­le indi­sche Fami­li­en nut­zen den Nach­mit­tag, um einen Aus­flug mit der Fami­lie in ihren schö­nen Saris zu unter­neh­men.

Doch sonst wird Reich­tum eher ver­steckt. Die Hotels, die die Gol­de­ne Mile säu­men, ver­ber­gen ihren Luxus hin­ter ver­dun­kel­ten Fens­tern, Auch die weni­gen Restau­rants, die sich direkt auf der Gol­de­nen Mei­le nie­der­ge­las­sen haben, locken die Gäs­te nach innen. Ich ver­mu­te, dass hier in Dur­ban Reich­tum zei­gen, als Affront ver­stan­den wird.

Wir fin­den schließ­lich ein Eis­ca­fe, das zumin­dest ein paar Tisch­chen in die Son­ne gestellt hat. Tat­säch­lich sind wir die ein­zi­gen, die drau­ßen Platz neh­men. Wäh­rend wir unse­ren Kaf­fee unter der Son­ne genie­ßen, beob­ach­ten wir, dass Gäs­te extra aus dem Cafe lau­fen, um einem ärm­lich geklei­de­ten Men­schen eine Mün­zen in die Hand drü­cken. Er lässt sich nicht lan­ge bit­ten, auch wenn bet­teln an sich auf der Gol­den Mile ver­bo­ten zu sein scheint. Dafür gibt es Gauk­ler, Sand­künst­ler und ein paar Händ­ler, die sich ein Extra-Geld ver­die­nen. 

Frisch gestärkt, erkun­den wir die Pracht­stra­ße am Sand­strand wei­ter in Rich­tung des für die Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft neu gebau­ten Moses-Mab­hi­da-Sta­di­ons, bis uns die dunk­len Wol­ken zum Umkeh­ren zwin­gen.

Wir schaf­fen den Rück­weg tro­cke­nen Fußes nicht. Ein wahr­haft tro­pi­sches Gewit­ter pras­selt auf uns her­un­ter und wir suchen Schutz im ers­ten Restau­rant, das wir fin­den kön­nen. Es stellt sich als Sze­ne­lo­kal her­aus – mit Musik, Drinks, lecke­ren Steaks und vie­len jun­gen, dun­kel­häu­ti­gen Men­schen. Außer uns hat sich noch ein ande­res wei­ßes Paar in die­ses Restau­rant ver­irrt. Es sieht sich eben­falls miss­trau­isch um. Wir bekom­men ein Tisch­chen ganz am Rand. Von dort aus kön­nen wir das unschul­di­ge Flir­ten der far­bi­gen Jugend beob­ach­ten, die an klei­nen Tisch­chen zusam­men­sitzt und sich lachend bei Wein und Limo unter­hält. Nach­dem sie uns kurz neu­gie­rig beäugt haben, wen­den sie sich wie­der ihren Freund* innen zu und las­sen uns den lecke­ren Bur­ger in Ruhe genie­ßen. Schon nach kur­zer Zeit füh­len wir uns hier wohl. Die Bar-Musik ist gedämpft, die Cock­tail­kar­te lang. Kei­ner schenkt dem rie­si­gen Bild­schirm, über den die übli­chen Sport­bil­der huschen. Auf­merk­sam­keit.

Die Jugend hier scheint kei­ne gro­ben Geld­sor­gen, dafür aber soli­de Aus­bil­dungn zu haben. Erst­mal sehen wir das Leben der far­bi­gen Mit­tel­schicht Süd­afri­kas

Als wir mit dem Essen fer­tig sind, hat zwar der Regen auf­ge­hört, doch es ist stock­fins­ter. Wir beschlie­ßen, nach einem Taxi Aus­schau zu hal­ten. Auf der Suche danach wagen wir uns in Neben­stra­ßen und gelan­gen in immer dunk­le­re und ärme­re Gegen­den. Zum Schluss geht es sogar an den ver­las­se­nen Häu­sern des Hafens ent­lang. Die Men­schen, an denen wir vor­bei­has­ten, schau­en uns ver­wun­dert nach. Doch nichts pas­siert.

7.11.2019 Am nächs­ten Tag erkun­den wir die Stadt wie­der zu Fuß. Wir wol­len zur Dur­ban Art Gal­le­ry. Doch zunächst schlen­dern wir am Hafen ent­lang und ver­su­chen einen Blick auf die rie­si­gen Tan­ker dort zu wer­fen. Ob es eine Hafen­rund­fahrt gibt? Wir fin­den den Zugang nicht. Doch statt­des­sen lockt gera­de das Natal Mari­tim Muse­um mit frei­em Ein­tritt, da eini­ge Expo­na­te wegen Reno­vie­rung  nicht zu besich­ti­gen sind.

Kurz­ent­schlos­sen betre­ten wir den klei­nen Platz hin­ter der Hafen­mau­er. Es gibt zwei alte Boo­te zu besich­ti­gen sowie vie­le klei­ne Expo­na­te, die sich mit dem Hafen­le­ben aus­ein­an­der­set­zen. Ich ler­ne, dass Dur­ban eine wich­ti­ge Ver­sor­gungs­rol­le im Zwei­ten Welt­krieg gespielt hat. Und dass es schwer unter dem Krieg der Super­mäch­te zu lei­den hat­te.

Wir wan­dern wei­ter Rich­tung City Hall, um zur Dur­ban Art Gal­le­ry zu kom­men. Die Stra­ßen sind breit, die Jahr­hun­dert­wen­de­häu­ser hoch. Mich freu­en die vie­len freund­li­chen Gesich­ter, die sich aus den Fens­tern beu­gen. An einer Kreu­zung staut es sich plötz­lich. Vie­le Men­schen, eini­ge mit den grün­gel­ben Fähn­chen der Spring­boks, ste­hen an den Ampeln. Was sie da tun, fra­gen wir sie. „Wir erwar­ten die Ankunft Welt­meis­ter“, tei­len uns die Men­schen mit. Immer mehr ver­las­sen die umlie­gen­den Büros und sam­meln sich auf der Stra­ße.

Lang­sam gesel­len sich auch die Schul­kin­der zu uns. Sie sin­gen und tan­zen. Ich bekom­me plötz­lich das Gefühl, dazu­zu­ge­hö­ren. Das, obwohl weit und breit nur Tho­mas und ich hell­häu­tig sind. Die Stim­mung steigt: Die Men­schen lachen und drän­gen auf die Stra­ßen. Fahr­zeu­ge bah­nen sich hupend und flu­chend einen Weg durch die Men­ge. Doch von den Spring­boks kei­ne Spur.

Und plötz­lich sind sie doch da: zwei offe­ne Dop­pel­de­cker­bus­se – und vor­ne Siya Koli­si, der sich mäch­tig ins Zeug legt, den rie­si­gen Pokal schwingt und sei­ne Kame­ra­den immer wie­der dazu auf­for­dert, die Men­ge zu unter­hal­ten. Sei­ne far­bi­gen Kol­le­gen bemü­hen sich, sei­ne wei­ßen Kol­le­gen hin­ge­gen, hän­gen im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes, in den Sei­len.

Es ist wie ein Rausch: Wir lau­fen den Bus­sen hin­ter­her, rufen, win­ken, fil­men und hof­fen auf ein per­sön­li­ches Lächeln von den Welt­meis­tern. Und unver­se­hens ist alles wie­der vor­bei. Die Men­ge zer­streut sich. Wir sor­tie­ren uns. Da spricht uns eine klei­ne, alte, wei­ße Frau an: „Sie sind Aus­län­der, oder?“ Sie lächelt nach­denk­lich. „So wie heu­te, so ist das wah­re Süd­afri­ka – weiß und schwarz ver­eint.“ Ihre Trau­rig­keit dar­über, dass die Rea­li­tät lei­der meist anders ist, ist nicht zu über­se­hen.

Nach die­sem Vor­mit­tag der Über­ra­schun­gen besu­chen wir jetzt wirk­lich die städ­ti­sche Kunst­ga­le­rie. Dort ist afri­ka­ni­sche Kunst des 21. Jahr­hun­derts aus­ge­stellt. Sie setzt sich mit den aktu­el­len Pro­ble­men – Gewalt, Apart­heid, AIDS und Migra­ti­on – aus­ein­an­der. Ich bin beson­ders von einem roten Kleid beein­druckt, das an die Ver­ge­wal­ti­gun­gen der Frau­en erin­nert.

Unser nächs­tes Ziel heißt Vic­to­ria Street Mar­ket und wird in vie­len Rei­se­füh­rern als Höhe­punkt einer Dur­ban­rei­se gefei­ert. Da uns nur noch weni­ge Stra­ßen vom Markt tren­nen, beschlie­ßen wir, auch dort­hin zu Fuß zu gehen. Doch nach nur weni­gen Schrit­ten vom kolo­nia­len Zen­trum, fin­den wir uns inmit­ten eines rie­si­gen Stra­ßen­mark­tes wie­der. Ziga­ret­ten lie­gen neben Socken, Haar­fär­be­mit­tel neben bun­ter Unter­wä­sche. Fla­nie­ren­de ver­stop­fen die Geh­we­ge und dazwi­schen gril­len Frau­en Mais­kol­ben und älte­re Män­ner ver­kau­fen undurch­sich­ti­ge Flüs­sig­kei­ten gegen jed­we­ge Art von Weh­weh­chen.

Ich habe erstaun­li­cher­wei­se kaum Angst, obwohl mir das Gedrän­ge, die Bil­lig­keit der Waren und der zuneh­men­de Indi­en­glit­zer­tand höchst unan­ge­nehm sind. Ich erste­he trotz­dem Socken und neue, schi­cke Trek­king­san­da­len. Die alten Schu­he darf ich vor die Türe stel­len. „Da kom­men sie gleich weg,“ meint der Laden­be­sit­zer.

Ich freue mich jetzt auf den Vic­to­ria Street Markt. Dort soll es tol­le Din­ge zu gute Prei­se geben sowie ech­te indi­sche Küche. Ich habe einen Bären­hun­ger!

End­lich erspä­hen wir das hüb­sche Markt­ge­bäu­de. Doch innen sieht es nicht viel anders aus als auf der Stra­ße. Die Gän­ge sind brei­ter, doch sau­be­rer wirkt es nicht. Ein­zig ein gro­ßer Gewürz­stand, der mit deut­schen Rezep­ten auf­war­tet, erweckt unser Inter­es­se. Wir betre­ten den Laden und fra­gen nach einem guten, indi­schen Restau­rant. Ja, ganz in der Nähe sei ein aus­ge­zeich­ne­tes Restau­rant, erklärt die Ver­käu­fe­rin und zerrt uns gleich zu dem schmud­de­li­gen Stand am Ein­gang des Mark­tes. Mir wird schlecht, aber ich fin­de auf die Schnel­le kei­ne Aus­re­de.

Unge­rührt von mei­nem ent­setz­ten Blick bestellt die Ver­käu­fe­rin schon für uns die “Super­spe­zia­li­tät”. Das älte­re Paar hin­ter dem Tre­sen holt beglückt Unde­fi­nier­ba­res aus rie­si­gen Plas­tik­ei­mern. Ich über­le­ge fie­ber­haft, wie ich hier ver­schwin­den könn­te, doch das indi­sche Paar lächelt ver­zückt und packt eine Art Cur­ry in aus­ge­höhl­tes Weiß­brot. Tho­mas und ich lächeln zurück. Von allen Sei­ten kom­men Markt­leu­te und begut­ach­ten kri­tisch, ob uns das Cur­ry auch wirk­lich mun­det. Mit jedem Bis­sen, den ich in mich hin­ein­st­op­fe, lächeln sie noch ein wenig glück­li­cher. Ich läch­le zurück und ganz all­mäh­lich graut es mich auch nicht mehr ganz so sehr vor der kleb­ri­gen Tisch­plat­te des klapp­ri­gen Cam­ping­ti­sches, an dem wir Platz genom­men haben.

Nach­dem wir unser spä­tes Mit­tag­essen unbe­scha­det über­stan­den haben, kau­fen wir noch aus­gie­big in dem schö­nen Cur­ry­la­den ein und lau­schen den kos­ten­los dazu gelie­fer­ten Tipps des indi­schen Süd­afri­ka­ners rund um Küche und Fami­li­en­le­ben. Eman­zi­pa­ti­on scheint nicht bin in die indi­schen Haus­hal­te Dur­bans gedrun­gen zu sein. Nach die­sen erbau­li­chen Beleh­run­gen über Küche und Kin­der steht mir der Sinn nach durch und durch euro­päi­schem Genuss und wir wan­dern zum Bota­ni­schen Gar­ten, dem ältes­ten Afri­kas, in dem Meer­kat­zen in hohen Bäu­men aus aller Welt spie­len. Weber­vö­gel nis­ten zwi­schen Lotus­blü­ten nis­ten und präch­ti­ge Orchi­deen sind in üppi­ger Fül­le um ein Bach­bett dra­piert. Wir lau­schen den Vögeln, rie­chen die süßen Düf­te der Blu­men und blei­ben, bis uns die Wär­ter mit sanf­tem Druck hin­aus­be­glei­ten.

8.11. 2019 Heu­te steht das Kwa Muh­le Muse­um auf unse­rer To-Do-Lis­te. In dem ele­gan­ten Kolo­ni­al­ge­bäu­de wur­den einst die Arbeits­er­laub­nis­se aus­ge­stellt – oder auch nicht. Das anschau­li­che Aus­stel­lungs­ma­te­ri­al ver­setzt mich in die Zeit, in der alle Nicht-Wei­ßen per­ma­nent Aus­weis­pa­pie­re mit sich her­um­schlep­pen muss­ten; in denen sie kein Recht hat­ten, sich im Stadt­ge­biet frei zu bewe­gen und in dem sie unter demü­ti­gends­ten Bedin­gun­gen um die not­wen­di­gen Arbeits­er­laub­nis­se bet­teln muss­ten. Skla­ven auf aller Welt sind bes­ser behan­delt wor­den. Das wird mir in die­ser Aus­stel­lung bewusst. Das gan­ze Apart­heid­sys­tem hat­te ein Ziel: die Urein­woh­ner Süd­afri­kas und Nami­bi­as davon abzu­hal­ten, sich eine eige­ne wirt­schaft­li­che Exis­tenz aus­zu­bau­en. Die Afri­ka­ner soll­ten nichts ande­res sein, als bil­li­ge und wil­li­ge Arbeits­kräf­te auf den Far­men, in den Pri­vat­häu­sern und in den dre­cki­gen Fabri­ken. Hät­ten sie sich eine eige­ne Exis­tenz auf­ge­baut, wären sie wahr­schein­lich nicht gewillt gewe­sen, für die wei­ße Ober­schicht arbei­ten zu wol­len.

Wir blei­ben lan­ge in dem klei­nen Muse­um, das auch Kunst­wer­ke zeigt und anhand von Zei­tungs­aus­schnit­ten die Ein­stel­lung des ANC zur Gewalt. Auch wenn in den 80er Jah­ren die Gewalt gegen Sym­bo­le des Staa­tes akzep­tiert war, so wur­de die Gewalt gegen Men­schen nicht tole­riert. Die Poli­tik des ANC scheint von Anfang an auf eine fried­li­che Coexis­tenz zwi­schen den ver­schie­de­nen Eth­ni­en Süd­afri­kas aus­ge­rich­tet gewe­sen zu sein.

Gleich neben dem Kwa Muh­le Muse­um liegt, ver­steckt in einem Park, das MOTH Muse­um, das Vete­ra­nen des Ers­ten Welt­kriegs ins Leben geru­fen haben und das auf beein­dru­cken­de Wei­se die Ver­wick­lung Süd­afri­kas in all die vie­len, welt­po­li­ti­schen Schar­müt­zel doku­men­tiert. Mir wird wie­der bewusst, dass mei­ne Genera­ti­on in Euro­pa auf einer Insel der Seli­gen gelegt hat und Krie­ge schein­bar nur in den Nach­rich­ten statt­fan­den.

Nach all den Schreck­nis­sen suchen wir Erho­lung im Hotel. Den Abend ver­brin­gen wir in einem Bur­ger­la­den, der in den Back­stein­räu­men einer alten Lager­hal­le unter­ge­bracht ist. Hier trifft sich die wei­ße Bevöl­ke­rung Dur­bans. Kein ein­zi­ges schwar­zes Paar sitzt an den lan­gen Holz­ti­schen und genießt die Bur­ger, die auf die Tel­ler getürmt sind.

09.11.2019 Heu­te schlen­dern durch die ruhi­ge Innen­stadt und machen wir uns einen gemüt­li­chen Tag im Natur­kun­de­mu­se­um, das wun­der­ba­re, schön prä­pa­rier­te Expo­na­te hat.

10.11.2019 Am nächs­ten Tag mei­den wir die maut­pflich­ti­ge N2 und fah­ren über Neben­stra­ßen Hluhlu­we. Immer wie­der sto­ßen wir auf Denk­mä­ler und Gedenk­stät­ten an Albert Luthu­li, Afri­kas ers­ten Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger und Stam­mes­häupt­ling der Zulu. Lei­der neh­men wir uns nicht die Zeit, um eine Gedenk­stät­te zu besich­ti­gen.

Trotz­dem lan­den wir erst zum Son­nen­un­ter­gang auf der Eco­bee-Lodge, die von Nie­der­län­dern geführt wird. Der Him­mel war schon lan­ge wol­ken­ver­han­gen. Durch die­se Düs­ter­nis erscheint mir hier zunächst alles viel zu öko. Die klei­nen Rund­hüt­ten, die die Gäs­te­zim­mer sind, ducken sich unter Pal­men und Bana­nen­stau­den. Alles scheint ver­las­sen, kei­ne Gäs­te sind da, bis auf eine jun­ge, afri­ka­ni­sche Frau, die uns ein­weist und in die Bar am Pool locken möch­te.

Doch wir haben Hun­ger und ich bin ein biss­chen müde. Dadurch ist mir die­se Unter­kunft unheim­lich. Sie ist weit abge­le­gen, Tho­mas erzähl­te, dass sie direkt am Natur­schutz­ge­biet liegt. Tho­mas hat­te die Unter­kunft aus­ge­sucht, weil wir von dort aus rei­tend das Natur­schutz­ge­biet erkun­den kön­nen. Wie das wohl sein wird, wenn ein Kro­ko­dil die Pfer­de angreift, über­le­ge ich? Ich bin neu­gie­rig auf die­sen Dschun­gel rund­her­um und hof­fe, ihn sicher vom Pferd aus erkun­den zu dür­fen.

Da wir tat­säch­lich die ein­zi­gen Gäs­te sind, gesellt sich die jun­ge Frau zu uns in die Gäs­te-Küche, die offen im Gelän­de steht. Trotz der elek­tri­schen Lam­pen, die uns bei der Ori­en­tie­rung hel­fen, las­sen sich nur weni­ge Insek­ten dazu her­ab, die neue Beu­te von Nahem zu begut­ach­ten. Lang­sam gewin­ne ich Ver­trau­en zu die­sem dunk­len Wald um uns her­um. Daher neh­men wir die War­nun­gen vor den Affen nicht all­zu ernst und räu­men zwar sau­ber auf – aber sichern den Müll­ei­mer nicht extra mit einem gro­ßen Stein. Ein Feh­ler, wie sich spä­ter her­aus­stel­len wird.

Wäh­rend wir kochen, gesellt sich die jun­ge Frau zu uns und erzählt uns von der Armut ihrer Fami­lie, von der Aus­beu­tung durch ihre nie­der­län­di­schen Bos­se und den Her­aus­for­de­run­gen ihres Stu­di­ums. Als sie davon schwärmt, dass sie erst ein­mal im nahe gele­ge­nen Hluhlu­we Natio­nal­park war, lade ich sie spon­tan ein, mor­gen mit uns zu kom­men. Wir beschlie­ßen einen Auf­bruch bei Son­nen­auf­gang, da sie am Nach­mit­tag arbei­ten muss.

11.11.19 In der Nacht öff­nen sich die Schleu­sen des Him­mels. Ein Wol­ken­bruch pras­selt auf unser Reet­dach. Ich fürch­te mich. Ich fürch­te, dass der Regen sei­nen Weg durchs Dach  fin­det. Ich fürch­te mich vor den Stra­ßen mor­gen. Die meis­ten Stra­ßen hier sind näm­lich nicht wei­ter als fest­ge­fah­re­ne Lehm­stra­ßen. Ob die wohl hal­ten? Und wie ist deren Qua­li­tät im Park? Wer­den wir im Schlamm ste­cken blei­ben? Was ist, wenn wir im Park mit all den Löwen, Leo­par­den, Was­ser­büf­feln und Ele­fan­ten ste­cken blei­ben? Wer holt uns da raus? Wird das Han­dy funk­tio­nie­ren? Ich ver­flu­che mei­ne spon­ta­ne Ein­la­dung. Wir hät­ten so gemüt­lich im Bett aus­har­ren kön­nen, bis der Regen nach­ge­las­sen hät­te und wir uns ohne Gefah­ren auf die Stra­ße hät­ten wagen kön­nen. Aber nein. Wir haben Son­nen­auf­gang als Uhr­zeit aus­ge­macht. Tho­mas klemmt sich also hin­ter das Steu­er und fährt zum Gate, wo wir unse­ren Treff­punkt aus­ge­macht haben. Da steht unse­re jun­ge Dame und ver­kün­det mit nur leich­tem Bedau­ern, sie sei über Nacht krank gewor­den und kön­ne nun doch nicht mit­kom­men.

Ich glau­be ihr nicht. Afri­ka­ner sind gebo­re­ne Lüg­ner. Die­se Über­zeu­gung taucht tief aus mei­nem Unbe­wuss­ten auf. Ich ken­ne zwar kei­nen Beweis – und auch ich habe einen flau­en Magen – trotz­dem ich stel­le plötz­lich alles infra­ge, das uns die jun­ge Frau erzählt hat.

Zudem bin ich auch beson­ders ärger­lich, weil wir nur ihret­we­gen einen so frü­hen Zeit­punkt für unse­ren Aus­flug fest­ge­legt hat­ten. Doch da wir nun mal auf­ge­stan­den sind und der Regen auf­ge­hört hat, fah­ren wir zum Natio­nal­park. Dort ange­kom­men, freu­en wir uns, dass die jun­ge Dame nicht mit­ge­kom­men ist, denn der Ein­tritt ist teu­er und wird für jede Per­son ein­zeln berech­net.

Ich weiß nicht war­um, aber irgend­wie gefällt mir die­ser Park, der als eines der ältes­ten Natur­schutz­ge­bie­te Süd­afri­kas gilt, sehr gut. Trotz sei­ner beein­dru­cken­den Grö­ße von 960 Qua­drat­ki­lo­me­ter wirkt er hei­me­lig und intim. Immer neue, grü­ne Täler öff­nen sich und geben den Blick auf Her­den von Was­ser­büf­feln, Ele­fan­ten und Nya­las frei. Ein Löwen­pär­chen bewacht sei­ne Beu­te. Ich bin froh, dass die jun­ge Frau in der Lodge geblie­ben ist, denn hier gibt es so viel zu ent­de­cken: den end­lo­sen, wol­ken­ver­han­ge­nen Him­mel, die schö­nen Lod­ges und natür­lich all die Tie­re. Hier sind alle fünf der Big Five ver­tre­ten, sowie Wind­hun­de, Rep­ti­li­en und jede Men­ge Vögel.

Glück­lich, aber erschöpft kau­fen wir am Abend im Ort Hluhlu­we (Schlu­schlu­we aus­ge­spro­chen) ein, obwohl ich auf­grund des unüber­sicht­li­chen Gewu­sels und des gänz­li­chen Feh­lens hell­häu­ti­ger Men­schen gro­ße Beden­ken habe. Doch wir bekom­men am Markt­stand wun­der­bar preis­wer­te rei­fe Oran­gen und Avo­ca­dos. Das Abend­essen wird ein Fest­mahl.

Die jun­ge Emp­fangs­da­me leis­tet uns wie­der Gesell­schaft. Obwohl sie nur Tee trinkt, wäh­rend wir unser Abend­essen genie­ßen, lege ich jedes ihrer Wor­te miss­trau­isch auf die Gold­waa­ge, um den Wahr­heit­ge­halt zu prü­fen. Was genau stu­die­re sie? Wie genau ver­ein­ba­re sie das mit ihrer Arbeit? Was genau müs­se sie denn arbei­ten …

Ich beob­ach­te mich dabei, wie schnell ich Nega­ti­ves auf Dun­kel­häu­ti­gen über­tra­ge und wie lang­sam Posi­ti­ves. War­um?  Wie sind all die­se nega­ti­ven Gedan­ken über dun­kel­häu­ti­ge Men­schen in mei­nen Kopf gelangt? Ich dach­te, ich sei sehr welt­of­fen erzo­gen? Endet die Welt­of­fen­heit bei der Haut­far­be? In Deutsch­land hät­te ich mich selbst eher als fort­schritt­lich ein­ge­schätzt. Den­noch bin ich offen­sicht­lich im Grun­de mei­nes Her­zens eben­falls von der ange­bo­re­nen Bös­ar­tig­keit und Gefähr­lich­keit dun­kel­häu­ti­ger Men­schen über­zeugt. All die posi­ti­ven Erfah­run­gen, die wir hier mit Zulus, Kho­sas, Busch­leu­ten und, und, und machen durf­ten, ändern offen­sicht­lich an der Grund­über­zeu­gung wenig. Ich hät­te nie gedacht, dass Ras­sis­mus so tief in mir in uns Euro­pä­ern ver­wur­zelt ist.

Täg­lich wer­den wir von freund­li­chen Men­schen mit dunk­ler Haut­far­be freund­lich, manch­mal auch unter­tä­nig begrüßt. Die Men­schen lächeln uns an und sind bei jeder Gele­gen­heit bereit zu hel­fen, wenn wir zu Fuß durch die Stra­ßen gehen, was wei­ße Süd­afri­ka­ner für viel zu gefähr­lich hal­ten wür­den. Dadurch kön­nen sie die­se posi­ti­ven Erfah­run­gen gar nicht erst machen.

12.11.2019 Auch am nächs­ten Tag hat es zu viel gereg­net, um mit den Pfer­den aus­zu­rei­ten. Dafür strol­len sie frei auf dem Gelän­der her­um und plün­dern unse­ren Müll­ei­mer, bis wir sei­nen Deckel mit schwe­ren Stei­nen sichern. Wir erkun­den zu Fuß das rie­si­ge Gelän­de der Lodge und ent­de­cken dabei eines der nacht­ak­ti­ven, groß­äu­gi­gen Bush­ba­bys.

Spä­ter fah­ren wir nach St. Lucia, einem klei­nen Bade­ort an der Küs­te des Indi­schen Oze­ans, das für sei­ne lan­ge Lagu­ne bekannt ist, in der sich Nil­pfer­de und Kro­ko­di­le tum­meln. Wir haben Glück und ergat­tern eine Boots­fahrt, obwohl es sehr win­dig ist, was das Manö­vrie­ren der Boo­te sehr erschwert.

Die Grup­pe wird auf­ge­teilt und wir lan­den bei dem ein­zi­gen Schwar­zen, der eine Tour anbie­tet. Es ist nur eine klei­ne Grup­pe, die sich „frei­wil­lig“ zu ihm gesellt und auch ich fürch­te kein Wort sei­nes Kau­der­welsch zu ver­ste­hen. Wie sehr ich mich täu­sche, wird sich gleich zei­gen. Unser Gui­de ist ein jun­ger Bio­lo­gie­stu­dent, unglaub­lich begeis­tert, uns alles zei­gen und ver­mit­teln zukön­nen und ein begna­de­ter Kapi­tän. Stolz erklärt er, war­um sonst nur Wei­ße als Gui­des arbei­ten: „Ich bin der ein­zi­ge Far­bi­ge hier, der eine Kapi­täns­li­zenz besitzt.“ Tat­säch­lich manö­vriert er uns geschickt bis tief in die Man­gro­ven, nur damit wir die Kro­ko­dil­ba­bys in den Ästen bewun­dern kön­nen. Kei­ner der ande­ren Boots­len­ker wagt sich so nah ans Ufer wie unser Gui­de. Er lässt sich auch ganz nah zu den Nil­pferd­fa­mi­li­en trei­ben, die im trü­ben Was­ser auf­tau­chen und eben­so schnell wie­der ver­schwin­den. Wir sehen auch die Kro­ko­di­le, die sich ent­spannt am Fluss­ufer son­nen, nur um sich dann blitz­schnell auf ihr Opfer zu stür­zen. Sein Eng­lisch ist aus­ge­zeich­net – ich ver­ste­he jedes Wort und bin heil­froh, dass wir aus­ge­rech­net bei ihm gelan­det sind.

Nach der Boots­tour blieb uns nur noch eine knap­pe Stun­de, um den Ort zu erkun­den, in dem am frü­hen Abend eine Hip­po­fa­mi­lie auf der Suche nach saf­ti­gem Gras durch die Stra­ßen wan­dert. Es ist ein Ort, ganz nach ame­ri­ka­ni­schen Geschmack, mit einem brei­ten Bou­le­vard, an dem sich rechts und links geho­be­ne Sou­ve­nir­shops, Cafes, Bars und Restau­rants rei­hen. Auch wir genie­ßen die „Zivi­li­sa­ti­on“, bewun­dern die künst­le­risch hoch­wer­ti­gen Holzkrip­pen und freu­en uns über einen wun­der­ba­ren Capuc­ci­no, der uns, zusam­men mit einem Scho­kotört­chen auf einer Ter­ras­se ser­viert wird.

Doch wie immer, die Tage sind hier viel zu kurz. Die Dun­kel­heit naht – und wir scheu­en den Wild­wech­sel und die tie­fen Schlag­lö­cher der unbe­leuch­te­ten Stra­ßen. So machen wir es wie alle ande­ren und fah­ren an den rie­si­gen Euka­lyp­tus­baum­pla­ta­gen zurück, um vor der Dun­kel­heit in unse­rer Lodge ein­zu­che­cken. Die Nilis müs­sen ihrem Abend­spa­zier­gang ohne unse­re Bewun­de­rung durch­füh­ren.

13.11.19 Lei­der ist es auch heu­te noch viel zu nass, sodass wir wie­der nicht aus­rei­ten dür­fen. Unse­re Freun­de aus Süd­afri­ka fei­ern den Regen und pos­ten eif­rig die Mil­li­me­ter­hö­hen der Was­ser­stän­de. Doch mei­ne Begeis­te­rung hält sich nach drei Tagen Tro­pen­re­gen in Gren­zen. So bre­chen wir auf nach Pie­ter­ma­ritz­burg. In cir­ca einer Woche wer­den wir unse­re Freun­de in Johan­nes­burg am Flug­ha­fen tref­fen und bis dahin wol­len wir noch viel vom Land erkun­den. Pie­ter­mar­tiz­burg liegt nicht nur roman­tisch zwi­schen tau­send Hügeln und ist inter­na­tio­nal für sei­ne Moun­tain­bike- und Mara­thon­wett­be­wer­be bekannt, es ist auch ein his­to­risch inter­es­san­tes Städt­chen, das einst von den Vor­trek­kern gegrün­det wur­de und dann von den Eng­län­dern für das Bri­ti­sche Reich erobert wur­de.

Doch bevor wir Rich­tung Nor­den und Lan­des­in­ne­re fah­ren, wol­len wir uns vom Indi­schen Oze­an ver­ab­schie­den. Wir pla­nen einen Abste­cher zum Umlala­zi Ezem­ve­lo KZN Wild­life, einem klei­nen Natio­nal­park am Meer und lan­den dank Goog­le Maps mit­ten im Sumpf. Gott sei Dank hat Tho­mas ein Ein­se­hen und stößt zurück, statt das Was­ser­loch vor uns zu durch­que­ren. Spä­ter soll­te sich her­aus­stel­len, dass der Weg in einem Steig geen­det wäre. Das Natur­schutz­ge­biet ist wun­der­bar ange­legt: Wir sehen Meer­kat­zen, tau­sen­de von kräf­tig, roten Kreb­sen und Gott sei Dank kei­ne Kro­ko­di­le ent­lang der Lagu­ne. Dann gehen wir noch an den Strand und las­sen uns von den mäch­ti­gen Wel­len trei­ben. Jun­ge, far­bi­ge Fami­li­en genie­ßen trotz des star­ken Win­des und der hohen Wel­len den rie­si­gen, lan­gen, wei­ßen Sand­strand. Hung­rig gewor­den, genie­ßen wir ein Abschieds­mahl mit Fat Cat im nahe gele­ge­nen Mtunzi­ni. Es ist ein sehr freund­li­cher Ort, der nicht nur wegen des wun­der­schön ange­leg­ten Golf­plat­zes Ruhe und Wohl­stand aus­strahlt. Ich lie­be die­sen Ort, an dem auch vie­le Wei­ße woh­nen auch für sei­ne Gast­stät­ten, Knei­pen und Cafes. In vor­wie­gend schwar­zen Gegen­den gibt es lei­der so kuli­na­ri­sche Infra­struk­tur so gut wie nir­gends.

Da wir uns mal wie­der viel zu lan­ge an einem Platz auf­ge­hal­ten haben, strei­chen wir alle ande­ren Plä­ne und neh­men die N3 direkt nach Pie­ter­ma­ritz­burg. Dort erwar­tet uns ein sehr sau­be­res, groß­zü­gi­ges und bequem ein­ge­rich­te­tes Airbnb. Wir duschen uns aus­gie­big und insze­nie­ren ein wun­der­ba­res Pick­nick vor dem Fern­se­her. Wäh­rend­des­sen wäscht uns unser far­bi­ger Landlord die Wäsche einer gro­ßen, sehr pro­fes­sio­nel­len Wasch­ma­schi­ne. Auch hier, vie­le Kilo­me­ter von Hluhlu­we ent­fernt, schüt­tet es in der Nacht. Wir freu­en uns am Farb­spiel der Wol­ken­brü­che und noch mehr dar­an, dass wir in dem Haus sicher und tro­cken blei­ben wer­den.

14. 11.19 Zu Mit­tag haben die Regen­güs­se nach­ge­las­sen. Wir gehen zu einem, von Tri­pad­vi­sor emp­foh­le­nen Inder zum Mit­tag­essen und bewun­dern des­sen Kolo­ni­al­ar­chi­tek­tur, die auch im Inne­ren­kaum ver­än­dert wur­de. Das Essen ist so gut, wie im Inter­net beschrie­ben und der Besit­zer ist sehr freund­lich und bereit, alle unse­re Fra­gen zu beant­wor­ten. Rund­um zufrie­den besu­chen wir anschlie­ßend die Tat­ham Art Gale­rie, eine der füh­ren­den Kunst­för­der­stät­ten Süd­afri­kas. Unter­ge­bracht in einem 1864 erbau­ten Gerichts­ge­bäu­de, lockt die Gale­rie mit wirk­lich indi­vi­du­el­len Samm­lun­gen. Tief beein­druckt haben uns zwei Gemäl­de, die ver­steckt im Trep­pen­haus hän­gen. Das eine zeigt die Queen in for­mel­ler Hal­tung und vol­lem Ornat auf ihrem Thron, das ande­re zeigt den amtie­ren­den Zulu­kö­nig in tra­di­tio­nel­ler Klei­dung auf einem Sche­mel vor sei­ner Hüt­te sit­zend. Auch die­ses Bild auf Reprä­sen­ta­ti­on und Macht­an­spruch gemalt, wie das Bild der Queen. Uns fällt auf, wie euro­zen­tris­tisch unser Welt­bild ist: Ein Zulu­kö­nig, der nur in einer Rund­hüt­te lebt …

Dabei hat Nel­son Man­de­la in sei­nem Buch, der “Lan­ge Weg zur Frei­heit”, sehr ein­drucks­voll beschrie­ben, welch hohen Wert die Königs­fa­mi­li­en bei den Kho­sas und den Zulus haben und wie sorg­fäl­tig die jun­gen Füh­rer auf ihre künf­ti­ge Auf­ga­be vor­be­rei­tet wer­den. Den­noch …

Auch das Cafe in der Tat­ham Gale­ry ist lie­be­voll ein­ge­rich­tet. Der Chef dort zeigt uns stolz, dass Süd­afri­ka sehr wohl gute Musi­ker her­vor­ge­bracht hat. Am Abend genie­ßen wir wie­der den Luxus einer Stadt: Elek­tri­zi­tät, Wasch­ma­schi­ne und Fern­se­her.

15.11.19 Wei­ter geht’s wei­ter – zunächst nur weni­ge Kilo­me­ter Rich­tung Johan­nes­burg zu dem Ort, an dem Nel­son Man­de­la am 5. August 1962 nach einem Tref­fen in Pie­ter­mar­tiz­burg gefan­gen genom­men wor­den war. Das Muse­um, die  Nel­son Man­de­la Cap­ture­si­te befin­det sich noch im Auf­bau. Doch die Außen­an­la­gen sind schon fer­tig. Der Ort liegt land­schaft­lich wun­der­schön im Grü­nen. Alles sieht hier fried­lich – und mit sei­nem saf­ti­gen Grün, den gewun­de­nen Stra­ßen und den sanf­ten Hügeln – sehr hei­mat­lich aus.

Vom Muse­um aus erstreckt sich ein kur­zer Nel­son-Man­de­la-Gedächt­nis­weg in Rich­tung Süd­li­che Dra­kens­ber­ge. Er endet in selt­sa­men Ste­len. Wir gehen zwi­schen den Ste­len durch und wun­dern uns: Was will der Künst­ler uns mit die­sen schwar­zen Din­gern sagen? Wir sind ver­wirrt und gleich­zei­tig auch glück­lich dar­über, dass sich auch ande­re Besu­cher fra­gend umblick­den. Irgend­wie hat der Ort, an dem Nel­son Man­de­las 27-jäh­ri­ge Gefäng­nis­tor­tur begann, etwas mys­ti­sches. Doch, was genau will der Künst­ler aus­drü­cken? Kopf­schüt­telnd keh­ren wir um. Und da pas­siert es: Beim Blick zurück set­zen sich die ein­zel­nen Ste­len zu einem drei­di­men­sio­na­len Por­trät Nel­son Man­de­las zusam­men. Alles also eine Fra­ge der Per­spek­ti­ve.

Wäh­rend wir über das Werk dis­ku­tie­ren, kom­men wir an dem archi­tek­to­nisch sehr inter­es­san­ten Muse­ums­bau vor­bei. Ein jun­ger Mann fragt Tho­mas, ob wir viel­leicht eine Füh­rung woll­ten?

Wir sind sprach­los – zumal wir nicht die Ein­zi­gen sind, die sich auf dem Gelän­de umschau­en. Aber viel­leicht die­je­ni­gen, die die wei­tes­te Anrei­se hat­ten? Wie auch immer, wir freu­en uns und bekom­men jeweils eine per­sön­li­che Füh­rung von sehr net­ten und sehr auf­ge­reg­ten jun­gen Afri­ka­ne­rin­nen. Die stam­men aus der Umge­bung – und freu­en sich, dass sie auf die­se Wei­se einen Arbeits­platz gefun­den haben. Für die Frau­en der Umge­bung – wir sind an der Gren­ze zwi­schen dem schwarz domi­nier­ten Natal zum weiß domi­nier­ten Free Sta­te – ist das Muse­um ein Segen. Vie­le Künstler*innen steu­er­ten Expo­na­te bei. Für uns beson­ders beein­dru­ckend sind die rie­si­gen Wand­ge­mäl­de, die aus win­zi­gen Glas­per­len gewebt sind.

Unse­re Füh­re­rin­nen in der Cap­tu­re-Site. Das Bild dahin­ter besteht aus lau­ter Glas­per­len und wur­de gefer­tigt von Frau­en der Umge­bung

Nach den Füh­run­gen besu­chen wir die Kunst­hand­wer­k­er­lä­den des Gelän­des, die mit ihren Ver­käu­fen sozia­le Pro­jek­te finan­zie­ren. Dort fin­den wir auch eine Land­kar­te der Mid­lands, die uns mit der Aus­sicht auf Bau­ern­märk­te, loka­les Kunst­hand­werk und dem Bier­fassl, einer authen­tisch ein­ge­rich­te­ten öster­rei­chi­schen Boat­zen, von der N3 auf die Neben­stra­ßen lockt. Tho­mas freut sich schon auf das Schnit­zel! Doch auch die Fahrt dort­hin ist ein wirk­li­cher Genuss, auch wenn ich nicht so viel von den Süd­li­chen Dra­kens­ber­ge zu sehen bekom­me, wie ich gehofft hat­te.

Wir fah­ren über men­schen­lee­re Land­stra­ßen wei­ter nach Cla­rence, einem klei­nen Ort im Free Sta­te, der nach dem Ort des frei­wil­li­gen Exils von Paul Kru­ger, des ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten von Süd­afri­ka und Grün­der des häu­fig falsch als „Krü­ger“ bezeich­ne­ten Kru­ger Natio­nal­parks, benannt ist. Dort über­nach­ten wir im Gra­naat.

“Lie­be dich!” Unser Früh­stücks­platz im Gra­naat

16.11.19 Cla­rence ist ein klei­nes Juwel. Nicht nur unse­re Unter­kunft, die aus­sieht als sei sie eine edel umge­bau­te Scheu­ne mit offe­nen Back­stein­wän­den und einer hohen Well­blech­de­cke, strahlt Ruhe und Behag­lich­keit aus, auch die brei­ten, Baum gesäum­ten Stra­ßen, die an behag­li­chen, kom­for­ta­blen Häu­sern vor­bei­füh­ren, erzäh­len von einem ruhi­gen und wohl­ha­ben­den Leben der Bewoh­ner. Unse­re Airbnb-Gast­ge­be­rin hat­te uns den ört­li­chen Park­run sher ans Herz gelegt, denn die Lauf­stre­cke wür­de an vie­len Schön­hei­ten des Ortes vor­bei­füh­ren. Zudem wür­de qua­si jeder­mann teil­neh­men. Es sei also ein gesell­schaft­li­cher Akt. Wir bege­ben uns also um kurz vor 9:00 zum Start­platz und freu­en uns an der net­ten, auf­ge­reg­ten Stim­mung und die vie­len jun­gen Far­bi­gen, die eben­falls ihre frü­he­ren Lauf­zei­ten unter­bie­ten wol­len. Die Lauf­stre­cke führt zunächst an einem Bach ent­lang, dann an einem See, in dem eine far­bi­ge Fami­lie badet und dann höher in die Ber­ge, sodass wir die Berg­ket­te, die Cla­rens in einem Halb­kreis umgibt, in Ruhe bewun­dern kön­nen. Zurück geht es wie­der an schö­nen, klei­nen und gemüt­li­chen Häu­sern vor­bei. Ange­kom­men, wer­den wir herz­lich mit Geträn­ken und Info­ma­te­ri­al begrüßt und dar­über auf­ge­klärt, dass es sol­che Park­runs über­all auf der Welt gibt. Wer sich regis­triert, kann auch über­all auf der Welt sei­ne Zeit neh­men las­sen.

Den Rest des Tages ver­brin­gen wir in unse­rem wun­der­schö­nen Airbnb, von dem aus wir bis zu den Ber­gen des Gol­den Gate High­lands­park bli­cken kön­nen, und in der Erkun­dung vom typisch Afri­kaans gepräg­ten Cla­rens. Es ist ein Künst­ler­nest. Anti­qui­tä­ten­lä­den wech­seln sich mit Gale­rien und Bou­ti­quen ab, in denen ent­spann­te Desi­gner­klei­dung ver­kauft wer­den. Auf den Stra­ßen ver­kau­fen far­bi­ge Händ­ler Obst Per­len­ar­bei­ten und klei­ne Tört­chen. „We ave a very good neig­hours­hip“, hat­te unse­re Ver­mie­te­rin erzählt. Und tat­säch­lich warnt sie uns nicht davor, im Ort zu Fuß zu gehen, oder allei­ne in die Ber­ge. Das ist sehr ent­span­nend. Sie arbei­tet im Artist‘s Cafe. So las­sen wir es uns nach einem aus­ge­dehn­ten Ein­kaufs­bum­mel dort im Schat­ten der Bäu­me gut schme­cken.

Blick von der Ter­ras­se des Airbnb

17.11.2019 Wir besu­chen die Dut­ch Refor­med Church in der Main Street, die ihren Got­tes­dienst auf Afri­kaans hält. Nur ein Far­bi­ger, der aus einer ande­ren Gemein­de stammt, und ein soge­nann­tes „colo­red“ Kind beglei­tet, nimmt am Got­tes­dienst teil. Die Kir­che ist voll besetzt, die Men­schen neh­men mit Begeis­te­rung am Gesche­hen teil Wir ver­ste­hen nur Bruch­stü­cke. Doch anfangs wer­den die posi­ti­ven Neu­ig­kei­ten aus der Gemein­de berich­tet. So hat wohl ein Gemein­de­glied im Roll­stuhl einen Gui­ness Welt­re­kord auf­ge­stellt. Es wird viel gesun­gen und sich viel bedankt. Vor allem bedan­ken sich die Kirch­gän­ger für die Leis­tung der Vor­trek­ker, die ihnen Süd­afri­ka geschenkt? Oder für sie erobert haben? Befreit haben? Sie bedan­ken sich, dass sie kei­ne Bud­dhis­ten sind, die immer wie­der­ge­bo­ren wer­den und auch kei­ne Anhän­ger des Islam und sie bedan­ken sich, dass ihr Land Süd­afri­ka ist. Ich bin scho­ckiert über die­se Gehirn­wä­sche. Tho­mas ist befrem­det, dass sie kein Vater Unser beten.

Selbst­ver­ständ­lich wer­den wir noch zum Kir­chen-Café ein­ge­la­den und wer­den mit lecke­ren Kuchen und Tee ver­wöhnt. Unser Ver­such, ein Gespräch auf Eng­lisch über den Got­tes­dienst zu füh­ren, wird mit freund­li­chem, ent­schul­di­gen­dem Lächeln abge­würgt. Wie wir wis­sen, gibt es vie­le Afri­ca­ans spre­chen­de Men­schen, die höchst ungern oder kaum Eng­lisch spre­chen. Wie wir spä­ter erfah­ren wer­den, sind wir näm­lich genau am Hot­spot der eins­ti­gen blu­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen den Vor­trek­kern und der Eng­li­schen Kro­ne.

Nach unse­rem Kirch­gang fah­ren wir eine gute hal­be Stun­de am Staat Leso­tho ent­lang, bis nach Beth­le­hem. So erhe­bend die Fahrt nach Beth­le­hem ist, so ernüch­ternd ist das halb her­un­ter­ge­kom­me­ne, ärm­li­che und men­schen­lee­re Beth­le­hem. Hier kön­nen wir sehen, dass Cla­rens wirk­lich „anders“ ist, dass Cla­rens zu recht als Künst­ler­dorf titu­liert wird. Auch Beth­le­hem besitzt eine schö­nes, kolo­nia­les Zen­trum. Doch hier regiert die Nütz­lich­keit. Die Geschäf­te sind dun­kel und bie­ten nur Not­wen­dig­kei­ten, wie Alko­hol und das Postof­fice. Drau­ßen blät­tern die Fas­sa­den und der Dreck sam­melt sich an den hohen Bord­stein­kan­ten. Blu­men, Tand oder ande­re Deko­ra­ti­on, die in Cla­rence fast jedes Haus zie­ren, gibt es hier nicht. Alles wirkt ärm­lich und trist.

Auf dem Rück­weg fah­ren wir qua­si an Leso­tho vor­bei, um mög­lichst viel von die­sem sagen­um­wo­be­nen Land, das uns wg sei­nes Was­ser­reich­tums, der Schi­ge­bie­te und des sehr tra­di­tio­nel­len Lebens in Rund­hüt­ten lockt. Doch wir hat­ten uns ver­spro­chen, dass wir uns in den drei Mona­ten unse­rer Rei­se auf Nami­bia und Süd­afri­ka beschrän­ken. So fah­ren wir im Schritt­tem­po durch die offe­ne, von Tafel­ber­gen gesäum­te Land­schaft und ver­su­chen so viel wie mög­lich vom Leben jen­seits der Gren­ze zu beob­ach­ten.

Wir fah­ren nach Sur­ren­der Hill. Erken­nen lässt sich nicht viel, außer einer Art Park­platz. Doch in mei­nem Buch lese ich, wie grau­sam die zwei Buren­krie­ge geführt wur­den. In die­sen Krie­gen wur­den das ers­te Mal Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger und Sip­pen­haft ein­ge­führt. Und obwohl die Eng­län­der das Wohl­ver­hal­ten der Afri­kaa­ner mit­tels eines star­ken poli­ti­schen Ein­flus­ses der Afri­kaa­ner auf die Poli­tik von der süd­afri­ka­ni­schen Uni­on zu erkau­fen ver­such­ten, sind hier im Frei­staat die Resen­ti­ments zum Grei­fen nah. Das Abend­essen neh­men wir gemüt­lich im Gar­ten von Addo´s Fine Dining. Addo ist der ein­zi­ge Far­bi­ge unter Cla­rens Restau­rant­be­trei­bern und hat die bes­te Bewer­tung auf Tri­pad­vi­sor.

18.11.2020 Trotz bedroh­lich bedeck­ten Him­mels ver­brin­gen wir unse­ren Tag im nahe gele­ge­nen Gol­den-Gate-High­lands-Natio­nal­park mit sei­nen San-Zeich­nun­gen, sei­nen wun­der­ba­ren Sand­ste­in­for­ma­tio­nen und sei­ner Gei­er­be­ob­ach­tungs­sta­ti­on. Die Wan­de­run­gen sind anspruchs­voll, abwechs­lungs­reich und bie­ten groß­ar­ti­ge Aus­sich­ten. Lei­der kön­nen wir nur die kur­zen Tou­ren aus­pro­bie­ren, denn die gro­ße Tour über die Gip­fel führt über grü­ne Wie­sen und durch weg­lo­ses Gelän­de. Bei den Wol­ken­brü­chen, die hin und wie­der auf uns nie­der­pras­seln, ist uns ein sol­cher Aus­flug zu hei­kel, denn die Abbrü­che sind abrupt und steil.

19.11.2020 Bedau­ernd und nach einem aus­gie­bi­gen Früh­stück auf der son­ni­gen Ter­ras­se mit Blick auf die Ber­ge, fah­ren wei­ter nach Johan­nes­burg. Dort hat Tho­mas in der Innen­stadt ein Zim­mer in der Hos­tel­ket­te „Once“ gebucht. Wir fah­ren über end­lo­se Wei­de­flä­chen und stel­len fest, dass das Gras auch im Her­zen des Frei­staa­tes, des „gelob­ten“ Afri­kan­der-Lan­des, fast bis auf die Gras­nar­be her­un­ter­ge­fres­sen ist. Kein Baum, kein Strauch, soweit man sehen kann. Nur abge­wei­de­te Grün­flä­chen. Hier erken­ne ich end­lich, was ich so oft gele­sen hat­te: wenn man Urwald abholzt, um auf der dün­nen Kru­me Acker­bau zu betrei­ben, ern­tet man nichts als Ero­si­on. Ich habe Mit­leid mit den Groß­grund­be­sit­zern, die ihr Vieh zu bil­ligs­ten Kon­di­tio­nen – häu­fig auch in die EU – ver­kau­fen (müs­sen).

In Johan­nes­burg ange­kom­men, bin ich einer­seits von der Schön­heit der Stadt beein­druckt, ande­rer­seits füh­le ich mich inmit­ten der Hoch­häu­ser, der viel­spu­ri­gen Stra­ßen und Brü­cken sowie des Lebens auf der Stra­ße, an New York erin­nert. Wir fah­ren bin ins Zen­trum, dahin, wo sich die wei­ßen Süd­afri­ka­ner nur in dicken Wägen oder mit einem Füh­rer hin­ein­wa­gen. Weni­ge Blö­cke von der Wit­waters­rand-Uni­ver­si­tät (Wits) ent­fernt, ist unser heu­ti­ges Ziel, das Once in Joburg. Wir bezie­hen ein klei­nes, aber modern und sau­ber ein­ge­rich­te­tes Hotel­zim­mer mit Bal­kon zum Innen­hof, in dem sich Bars an Restau­rants drän­gen. Im Once gibt es ein gan­zes Stock­werk, nur für sozia­le Kon­tak­te – ein Groß­raum­bü­ro mit vie­len Com­pu­ter­ar­beits­plät­zen sowie eine rie­si­ge Küche mit Sofas, einem Pool­tisch und ein lan­ger Bal­kon mit Tischen und Stüh­len. Dort fin­det heu­te ein Ken­nen­lern­abend mit Frei­bier und Spie­len statt. Ich ver­zie­he mich bald und genie­ße die Ruhe des Zim­mers. Tho­mas genießt das Zusam­men­sein mit vie­len auf­ge­schlos­se­nen jun­gen Men­schen aus der gan­zen Welt.

20.11.2019 Das Once beschäf­tigt vie­le jun­ge Men­schen der Umge­bung, um die Gäs­te unter­ein­an­der zu ver­net­zen und in ihren Zie­len best­mög­lich zu unter­stüt­zen. Für den Nach­mit­tag buchen sie für uns eine geführ­te Radl­tour durch Sowe­to und für den Vor­mit­tag fin­den sie drei jun­ge Fran­zö­sin­nen, die mit uns und unse­rem Auto das Apart­heid Muse­um besu­chen, um spä­ter von dort aus direkt in die süd-west­li­chen Town­ships (So-We-To) zu fah­ren. Die drei Fran­zö­sin­nen stel­len sich als Kran­ken­schwes­tern aus Paris und Lyon her­aus, die auf Mayot­te, einer fran­zö­si­schen Insel vor Mada­gas­kar, arbei­ten. „Da ist es schön warm, die Leu­te sind nett und wir ver­die­nen viel mehr als auf dem Fest­land.“ Sie lachen, als sie unse­re ver­blüff­ten Gesich­ter sehen. Das sind ande­re Über­res­te des Kolo­nia­lis­mus.

Das Apart­heid­mu­se­um stellt sich als wah­rer Moloch her­aus. Die Infor­ma­ti­ons­fül­le, der Ver­such, die Apart­heid in ihrer Gesamt­heit zu erfas­sen und dabei die Objek­ti­vi­tät nicht außen vor zu las­sen, trotz der ver­stö­ren­den Foto­gra­fien und der ande­ren Zeit­zeu­gen­aus­sa­gen, lässt mich die­ses Muse­um zu den wich­tigs­ten Muse­en der Welt zäh­len. Hier könn­te ich min­des­tens ein Jahr ver­brin­gen und wür­de noch so vie­les Neu­es ler­nen. Bei mei­nem ers­ten Besuch schreibt sich mir der gewitz­te Charme Albert Luthu­lis, eines Zulu­häupt­lings ins Herz. Obwohl ich schon eini­ges über ihn gele­sen hat­te, über­zeug­te mich das Fern­seh­in­ter­view, das er 1960 anläss­lich sei­nes Frie­dens­no­bel­prei­ses gehal­ten hat von sei­ner Mis­si­on. Der gläu­bi­ge Leh­rer und Lei­ter des Afri­can Natio­nal Con­gress war der ers­te Afri­ka­ner, der die­sen Preis erhal­ten hat.

Bedrückt und ver­stört hat mich vor allem auch die Rol­le der wei­ßen Reli­gi­ons­füh­rer und der Gläu­bi­gen bei der Ent­wick­lung und Ver­grau­sa­mung der Apart­heid. Es waren die tief­gläu­bi­gen Afri­kan­der, die das theo­re­ti­sche Fun­da­ment für die Ras­sen­tren­nung in all ihren häss­li­chen Aus­for­mun­gen leg­ten. Ein Bild der Aus­stel­lung geht mir nicht mehr aus dem Kopf: Ein Land­ar­bei­ter liegt auf einer Wie­se, ein Buch auf dem Kopf. Der Titel dazu: Als die Wei­ßen anka­men hat­ten sie die Bibel und wir das Land. Jetzt haben wir die Bibel …

Die Zeit drängt, unse­re Fahr­rad­tour durch Sowe­to, der Aus­flug, auf den ich mich schon seit Mün­chen gefreut habe, beginnt im Lebo‘s Beack­pa­ckers mit einem gran­dio­sen Mit­tags­buf­fet mit afri­ka­ni­schen Spe­zia­li­tä­ten. Bei den Hüh­ner­fü­ßen stei­gen die Europäer*innen aus. Ich kos­te sie – und fin­de sie vor allem fet­tig. Die ande­ren Ein­töp­fe schme­cken tat­säch­lich viel bes­ser. Doch lei­der bleibt mir nicht die Zeit, um alles in Ruhe durch­zu­pro­bie­ren. Wir wer­den schon zur Helm­an­pro­be und zur Fahr­rad­ver­tei­lung geru­fen. Ich ler­ne: Hier in den Town­ships geht es dar­um, mög­lichst vie­len Nach­barn, Freun­den, Bekann­ten eine Arbeit zu besor­gen. Die einen ver­die­nen ihr Geld mit dem Essen, die ande­ren mit der Orga­ni­sa­ti­on und die nächs­ten mit den Füh­run­gen.

Unser Füh­rer ist ganz beson­ders stolz auf sei­ne Arbeit: “Ich bin der ers­te in mei­ner Fami­lie, der im Tou­ris­mus unter­ge­kom­men ist”, freut er sich. Unse­re klei­ne Grup­pe aus Deut­schen, Fran­zo­sen und Bel­gi­ern ist heu­te sein gro­ßes Glück. Jeder, dem er begeg­net, muss uns grü­ßen und, wenn mög­lich, auf Eng­lisch ein paar Wor­te wech­seln. Wenn wir durch die leh­mi­gen Stra­ßen der Armen­ge­gen­den Sowe­tos fah­ren, lau­fen uns die Kin­der mit gro­ßem Gejoh­le hin­ter­her und unser Gui­de feu­ert sie an. Er freut sich, dass wei­ße Men­schen sich für das Leben in Sowe­to inter­es­sie­ren.

Jugend­li­che, die glot­zend am Stra­ßen­rad ste­hen, ermun­tert er mit uns zu spre­chen und gefühl­te Stun­den steht er an einer Müll­hal­de, um uns die Dimen­sio­nen der süd-öst­li­chen Town­ships, die Sowe­to ihren Namen gege­ben haben, zu erklä­ren. Es spricht von Hun­ger, Armut, engs­ten Wohn­ver­hält­nis­sen, doch als wäre das völ­lig nor­mal. Mit­leid oder gar Spen­den sucht er nicht. Sei­ne Geschich­ten durch­setzt er mit Anek­do­ten über sei­ne Groß­mutter, und ver­deut­licht auf die­se Wei­se, was sich hin­ter dem Begriff Ubun­tu und Black Tax ver­birgt. Er berich­tet von Sowe­tos bekann­tes­ten Bewoh­nern, neben Nel­son Man­de­la auch musi­ka­li­sche Grö­ßen wie Lebo M, der den Song „The Lion sleeps tonight“ aus König der Löwen kom­po­niert – und anfangs auch gesun­gen hat.

Nur weni­ge Radl­mi­nu­ten vom bedrü­cken­den Armuts­zen­trum ent­fernt, kom­men wir nach Orlan­do. Die Stra­ßen ver­brei­tern sich, sind geteert und wer­den von schlich­ten, ein­stö­cki­gen Häu­sern gesäumt. In einem von ihnen leb­ten Nel­son Man­de­la und sei­ne Frau Win­nie. Gegen­über betrieb sie ein klei­nes Restau­rant. Schräg gegen­über leb­te ein ande­rer schwar­zer Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger – Erz­bi­schof Tutu.

Plötz­lich sind wir in einer ganz ande­ren Kon­ti­nent. Die Haupt­stra­ße ist bunt. Über­all Sou­ve­nirs, Flag­gen, Men­schen in Stam­mes­klei­dung und Tou­ris­ten­bus­se. Die Häu­ser der bei­den Nobel­preis­trä­ger gel­ten als das tou­ris­ti­sche High­light Johan­nes­burgs. Nicht ganz so beliebt ist das nahe gele­ge­ne Hec­tor-Pie­ter­son-Muse­um, das sich den Schü­ler- und Stu­den­ten­un­ru­hen, die sich 1976 von Sowe­to aus über ganz Süd­afri­ka aus­brei­te­ten, wid­met.

Unser Füh­rer erklärt, dass Hec­tor-Pie­ter­son, das ers­te Todes­op­fer die­ser Unru­hen, eigent­lich Hec­tor Pit­so hieß und dass alle afri­ka­ni­schen Kin­der von ihren wei­ßen Leh­rern neue Namen erhiel­ten, weil die Wei­ßen die Ban­tu-Namen nicht aus­spre­chen konn­ten oder woll­ten. So hieß Nel­son Man­de­la unsprüng­lich Rolihlah­la, der Unru­he­stif­ter.

Mit einem Bier in einer ech­ten Sowe­to­k­nei­pe (alles, das gestoh­len wer­den könn­te, ist ver­git­tert), einem Wol­ken­bruch und einem hei­ßen Tee in dem Sowe­to Hos­tel endet die Tour, die als Mut­ter aller Town­ship­tours gilt. Ach, hät­ten wir doch frü­her eine sol­che Town­ship­tour gebucht! Ich hät­te noch so vie­le Fra­gen.

21.11.2019 Heu­te schlen­dern wir durch das Stadt­vier­tel Braam­font­ein, das sich als leben­dig, künst­le­risch und avant­gar­dis­tisch fei­ert. Wir wol­len zum Wits Art Muse­um, in dem eine Aus­stel­lung von David Koloa­ne zu sehen ist. Ein jun­ger Gui­de aus dem Once beglei­tet uns. Er beglei­tet uns weni­ger, um uns den Weg zu zei­gen, son­dern weil er auf das Trink­geld ange­wie­sen ist und er dadurch die Gele­gen­heit hat, uns von sei­nen Ideen zu über­zeu­gen. Jun­ge Far­bi­ge haben für sich das Unter­neh­mer­tum ent­deckt, hat­te uns unser Füh­rer aus Sowe­to erklärt. Bevor die jun­gen Leu­te in den Town­ships ihr Leben lang ver­geb­lich auf eine Arbeit war­ten, die ihren Stolz nicht ver­letzt, suchen sie sich Arbeit im Tou­ris­mus, als Künst­ler oder Blog­ger. Unser jun­ger Füh­rer ist Foto­graf. Er reist durch Süd­afri­ka, immer auf der Suche nach den traum­haf­tes­ten Son­nen­un­ter­gän­gen.

In der Koloa­ne-Aus­stel­lung beein­dru­cken mich die inten­si­ven Wer­ke des dun­kel­häu­ti­gen Malers, der die ers­ten Kunst­schu­len in den Town­ships grün­de­te und damit eine ganz neue, sehr leben­di­ge und öko­lo­gi­sche Kunst­rich­tung initi­iert hat,. Mehr noch aber begeis­tern mich sei­ne phi­lo­so­phi­schen Gedan­ken, die von Lebens­weis­heit und Empa­thie zeu­gen.

Gleich neben der Aus­stel­lung ist das Café der Wit­waters­rand Uni­ver­si­ty, neben der Stel­len­bosch Uni­ver­si­ty eine der bes­ten und teu­ers­ten Uni­ver­si­tä­ten des Lan­des. Das Café ist luxu­ri­ös, die Spei­sen vom Buf­fet sind das Bes­te, das ich in Süd­afri­ka zu Gesicht bekom­men habe. Die Tische sind bunt besetzt; an eini­gen dis­ku­tie­ren die Stu­den­ten laut­stark. Es sind wei­ße und far­bi­ge Stu­den­ten. Doch zu mei­nem Bedau­ern gibt es 26 Jah­re nach der Abschaf­fung der Ras­sen­tren­nung kei­nen ein­zi­gen Tisch, an dem sich weiß und schwarz gemischt hät­ten.

Am Nach­mit­tag steht der Aus­flug zum nahe gele­ge­nen Con­sti­tu­ti­on Hill dem Hügel, auf ein Fort steht, das in den Buren­krie­ge eine ent­schei­den­de Rol­le gespielt hat und in dem wäh­rend der Apart­heid Nel­son Man­de­la, Win­nie Man­de­la, Mahat­ma Gan­dhi, Alber­ti­na Sisu­lu, Fati­ma Meer und vie­le ande­re inhaf­tiert wor­den waren.

Hier wur­de des­halb 2004 das Süd­afri­ka­ni­sche Ver­fas­sungs­ge­richt erbaut. Die­ser Spa­zier­gang wird von einem Deut­schen gelei­tet, der ein Jahr im Once arbei­tet, um sich über sein künf­ti­ges Leben klar zu wer­den. Lei­der hat er den Ter­min viel zu spät ange­setzt, sodass alle Sehens­wür­dig­kei­ten, bis auf die Außen­an­la­gen des Forts, bereits geschlos­sen sind. Zudem war­nen die tief hän­gen­den Wol­ken und der auf­fri­schen­de Wind vor einem dro­hen­den Wol­ken­bruch. Unser Gui­de, der tat­säch­lich davon über­zeugt ist, in der gefähr­lichs­ten STadt der Welt zu leben, eilt wie­der zurück ins Hotel – mit ihm die Grup­pe. Doch da Tho­mas und ich mor­gen abfah­ren, blei­ben wir und schlen­dern allei­ne über das Gelän­de. Lei­der kön­nen wir die zahl­rei­chen Kunst­ob­jek­te, die in dem Gebäu­de des Ver­fas­sungs­ge­richts aus­ge­stellt sind, nur von außen bewun­dern.

Abends gehen wir rich­tig aus. Wir haben einen Platz in einem Restau­rant gebucht, in dem spä­ter ein Kon­zert mit dem King of Zulu­mu­sic Mada­la Kunene statt­fin­det. Auf dem kur­zen Weg dort­hin kom­men wir an einer Lesung vor­bei. Ein älte­rer Mann trägt vor – alle lau­schen andäch­tig. Wie scha­de, dass ich nicht da blei­ben kann. Das Essen stellt sich als exzel­lent her­aus und trös­tet mich schnell. Nach dem Essen dür­fen wir in den Kel­ler. Dort war­tet ein rie­si­ger Raum, der mit einem eben­so rie­si­gen bun­ten Tep­pich und beque­men Stüh­len und Sofas im Halb­kreis deko­riert ist. Dahin­ter gibt es eine klei­ne Bar und Bar­ti­sche, von denen man eben­falls die Musi­ker sehen kann. Wir neh­men dort Platz und genie­ßen die ent­spann­te Atmo­sphä­re – wie in einem über­di­men­sio­nier­ten Wohn­zim­mer.

Zum ers­ten Mal auf unse­rer Rei­se sehe ich, dass sich weiß und schwarz unver­krampft und auf glei­cher Sicht­hö­he tref­fen. Es ist schön anzu­se­hen.

22.11.2019 Am nächs­ten Tag ist unser Zwei­er-Trip durch Süd­afri­ka been­det. Wir tref­fen unse­re Freun­de aus Süd­afri­ka am Flug­ha­fen und fah­ren gemein­sam nach Hoed­spruit zu einem Haus namens Bly­pek. Es soll in einem pri­va­ten Natur­schutz­ge­biet lie­gen und ganz nah an unse­rem eigent­li­chen Ziel, dem Bly­de River Canon. Wir fah­ren durch die beein­dru­cken­den wei­ten, grü­nen, hüge­li­gen und ber­gi­gen Land­schaf­ten der Bun­des­län­der Mpu­malan­ga und Lim­po­po und genie­ßen unser Wie­der­se­hen nach der Zeit in Stel­len­bosch. Tho­mas hat für uns ein gan­zes Haus in einem pri­va­ten Natur­re­ser­vat, ganz in der Nähe des Bly­de River Dams gemie­tet. Die Fahrt dort­hin ist so roman­tisch und unse­re Unter­kunft ist so ver­steckt, dass wir erst im Dunk­len ankom­men. Die Innen­ein­rich­tung mit der gro­ßen Küche, die fast das gan­ze Erd­ge­schoss ein­nimmt, lässt uns sofort hei­misch füh­len. Wir stu­die­ren auf­merk­sam das Buch mit den Anwei­sun­gen für die Gäs­te. Dabei lesen wir: „Unse­re Tie­re sind ver­wöhnt. Die Zebras fres­sen am liebs­ten Karot­ten, die Bush­Ba­bys Bana­nen.“

23.11.2019 Im wun­der­voll ange­leg­ten, fast wil­den Gar­ten ent­de­cken wir beim Früh­stück das Ver­steck der hie­si­gen Bush­Ba­bys. Eini­ge Anti­lo­pen huschen vor­bei. Eine Schild­krö­te wan­dert gemüt­lich über den Rasen. Unauf­fäl­lig, aber doch kon­se­quent sind Blu­men und jun­ge Bäu­me mit Maschen­draht geschützt. Wenn gera­de nie­mand im Haus ist, durch­que­ren wohl die Wild­tie­re den Gar­ten auf der Suche nach Lecke­rei­en.

Spä­ter erkun­den wir ein biss­chen das geschütz­te Gebiet des Bly­de River Can­yons, besu­chen den Was­ser­fall, hal­ten nach Kro­ko­di­len und Nil­pfer­den Aus­schau und erwan­dern das Besu­cher­zen­trum mit sei­nem beein­dru­cken­den Aus­blick auf See und Can­yon. Als wir müde und glück­lich in unser Airbnb zurück­keh­ren, steht eine klei­ne Zeb­ra­her­de unauf­fäl­lig in der Nähe. Wir gehen ins Haus und holen Karot­ten.

Als wir wie­der auf die Ter­ras­se tre­ten, sind die Zebras näher­ge­kom­men. Ihre vor­de­ren Hufen kla­cken auf der Ter­ras­se. Gie­rig stre­cken sie uns ihre Köp­fe ent­ge­gen. Zart neh­men sie die Karot­ten aus unse­ren Hän­den. Man­che las­sen sich strei­cheln. Ich bin wie im Rausch, wür­de am liebs­ten alle Karot­ten der Umge­bung auf­kau­fen. Doch die Zebras las­sen sich nicht mehr bli­cken. Beim Abend­essen beob­ach­ten wir dafür die Bush­Ba­bies, die geschickt unse­re Bana­nen­stü­cke aus einem Korb angeln.  

24.11.2019 Die Män­ner haben sich eine Tages­tour ent­lang des Bly­de River Can­yons in den Kopf gesetzt. Wir Frau­en gehen shop­pen. Wir befin­den uns ganz in der Nähe des Kru­ger Natio­nal­parks. Auf der Stra­ße dort­hin gibt es gemüt­li­che Restau­rants sowie einen Kunst­hand­wer­ker­markt auf einem gro­ßen Land­gut. In den klei­nen Bou­ti­quen könn­te ich fast alles auf­kau­fen – doch unser begrenz­tes Rei­se­ge­päck ver­trägt kei­ne Spon­tan­käu­fe. Wir sit­zen also zusam­men in der Son­ne, genie­ßen Ing­wer­was­ser­drinks und phi­lo­so­phie­ren über Süd­afri­ka und unse­ren Blick auf die Gescheh­nis­se.

25.11.2019 Ich bin von der Ruhe und der Schön­heit unse­res Airbnb so begeis­tert, dass ich zuhau­se blei­be, um zu Schrei­ben und die Ruhe zu genie­ßen. Die ande­ren las­sen sich die wil­den Tie­re im Kru­ger Natio­nal­park nicht ent­ge­hen. Obwohl es hieß, dass man auf­grund der Weit­läu­fig­keit und der hohen Bewach­sung kaum Tie­re sehen wür­de, erzäh­len sie von tol­len Begeg­nun­gen, sodass ich doch ein biss­chen nei­disch wer­de. Am Abend gehen wir in einem aus­ge­zeich­ne­ten Restau­rant essen. Da wir die ein­zi­gen Gäs­te sind, erzählt der Wirt uns sei­ne Lebens­ge­schich­te. Er ist drei Mal mit sei­nen diver­sen Geschäf­ten an die Wand gefah­ren, hat fast über­all in Süd­afri­ka gelebt und fühlt sich jetzt hier, auf dem Land, wo er mit den Tie­ren per du sein kann, rich­tig wohl. Er erzählt stolz, ohne Scham, ohne Res­sen­ti­ments.

Alle wei­ßen Süd­afri­ka­ner, die wir bis­lang getrof­fen haben, haben schwe­re Schick­sals­schlä­ge hin­ter sich. Vie­le von ihnen trin­ken viel­leicht einen Ticken zu viel. Doch alle sind stolz auf das, was sie geschaf­fen haben und glück­lich da zu sein, wo sie gera­de sind. Ich bewun­de­re die­se Kraft, sich selbst aus dem Dreck zu zie­hen, die­se Fähig­keit nach vor­ne und nicht nach hin­ten bli­cken zu müs­sen und das tie­fe Ver­trau­en ins Leben, ganz nach dem Mot­to: „Alles wird gut – und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“

Vie­le Afri­ka­ner strah­len ein eben­so tie­fes Urver­trau­en und Kraft aus. Ich glau­be des­halb, dass weiß und schwarz gar nicht so ver­schie­den sind, wie es die Afri­kaa­ner glau­ben. Doch die Lie­be zu Süd­afri­ka, die Lie­be zu den Tie­ren, die Ach­tung vor der Magie der Natur sind bei­den Par­tei­en gleich. Wie sehr wür­de ich mir wün­schen, dass wir Euro­pä­er mehr davon hät­ten.

26.11.2019 Heu­te ist Sight­see­ing per Auto ange­sagt. Mit eige­nen Augen wol­len wir die schöns­ten Ansich­ten des Bly­de Rivers ken­nen­ler­nen, der sich durch die Berg­schluch­ten der Dra­kens­ber­ge kämpft und dabei 2000 Höhen­me­ter über­win­det. Süd­afri­ka­ken­ner hal­ten die­se Gegend für die schöns­te Süd­afri­kas. Wir fah­ren auf der Pan­orama­rou­te nach Sabie, wo unser letz­tes Airbnb der Rei­se auf uns war­tet.

Als ich die Bus­se vor uns sehe, befürch­te ich Schlimms­tes. Doch die Aus­sichts­punk­te sind abwechs­lungs­reich gestal­tet, mit Bars und geho­be­nen Sou­ve­nir­shops und wun­der­vol­len klei­nen und gro­ßen Wan­de­run­gen zu den bes­ten Plät­zen mit der bes­ten Sicht. Am Abend kom­men wir müde aber glück­lich in unse­rer klei­nen Unter­kunft mit Swim­ming­pool an.

27.11.2019 Nach einer erhol­sa­men Nacht und einem küh­len Bad vor dem Früh­stück fah­ren wir wie­der zurück auf die Pan­orama­rou­te und besu­chen die Aus­gu­cke, die wir ges­tern aus­las­sen muss­ten: Gold­su­cher Bour­kes Glück­topf, die Mac Mac Was­ser­fäl­le und die Mac Mac Pools, in denen wir am Nach­mit­tag aus­gie­big schwim­men. Am Abend schlen­dern wir durch Sabie und gehen tra­di­tio­nell essen. Lei­der ist – mal wie­der – die Was­ser­ver­sor­gung in Mpu­malan­ga aus­ge­fal­len, sodass sie uns nicht die gan­ze Spei­se­kar­te anbie­ten kön­nen. Der Abend wird trotz unse­rer all­ge­mei­nen Weh­mut, dass wir uns und die­ses wun­der­ba­re Fleck­chen Erde ver­las­sen müs­sen, sehr nett.

28.11.2019 Wir ste­hen früh auf, ver­stau­en unse­re Mit­bring­sel und las­sen unse­ren Freun­den, alles, was unse­re Kof­fer spren­gen könn­te. Noch ein aus­gie­bi­ges Bad im Pool, Yoga im Gar­ten und ein herr­li­ches Früh­stück, von der Gast­ge­be­rin auf der Ter­ras­se zube­rei­tet. Danach gibt es kei­ne Aus­re­den mehr. Wir set­zen uns in unse­ren Leih­wa­gen und fah­ren recht ein­sil­big zurück zum Flug­ha­fen im Johan­nes­burg. Noch einen Kaf­fee am Flug­ha­fen. Schon tren­nen sich unse­re Wege. Die Freun­de zie­hen wei­ter und besu­chen ande­re Freun­de und Tho­mas und ich che­cken ein, schlen­dern irri­tiert durch die Glit­zer­welt der Duty Free Shops und bestei­gen gen Abend unser Flug­zeug nach Lon­don. Mor­gen wer­den wir in Mün­chen lan­den. Ob uns Anna wirk­lich abho­len wird? Viel­leicht beglei­tet sie auch Juli­an? Ich wage es nicht, dar­auf zu hof­fen.