Durban, Johannesburg, Kruger Nationalpark

 

6.11.2019 Am Nach­mit­tag kom­men wir in unse­rer Unter­kunft in Dur­ban an. Das Water­front-Hotel liegt nicht nur weni­ge Schrit­te von der Gol­den Mei­le ent­fernt, son­dern auch direkt am Hafen. Von unse­rem Schlaf­zim­mer aus kön­nen wir dem emsi­gen Kom­men und Gehen der rie­si­gen Tan­ker zuse­hen. Ich bin begeis­tert.

Doch wir wol­len noch auf die „Gol­den Mile“ und zum Abend­essen zurück zu sein. Rund um unser Hotel wur­den vie­le der alten Lager­häu­ser durch schmu­cke Wohn­häu­ser im Loft­stil ersetzt, die durch Kanä­le ver­bun­den sind, auf denen vene­zia­ni­sche Gon­deln mit einem E‑Motoren dahin­glei­ten. Die uSha­ka Mari­ne World ein groß­ar­ti­ger Frei­zeit­parkt mit einem gro­ßen Mee­res­aqua­ri­um, etli­chen Was­ser­rut­schen und Restau­rant, getarnt als U‑boote, gefällt mir aus­ge­zeich­net. Doch wir wol­len die berühm­te Gol­den Mile wei­ter erkun­den, denn es dun­kelt schon, nicht zuletzt, weil der Him­mel wol­ken­schwer ver­han­gen ist.

Die Gol­de­ne Mei­le ent­puppt sich als brei­te Pro­me­na­de ent­lang des Mee­res, die Ein­woh­ner wie Tou­ris­ten zum Schlen­dern, Shop­pen und Jog­gen nut­zen. Für Kin­der ist ein gro­ßer Ska­ter­par­cour auf­ge­baut, Fit­ness­be­geis­ter­te üben an kos­ten­lo­se Fit­ness­ge­rä­te und so man­che Grup­pen trai­nie­ren ohne Gerät­schaf­ten. Immer wie­der kreu­zen Sur­fer mit ihrem Brett unter dem Arm unse­ren Weg und am Meer trifft sich die Jugend zum plant­schen, Sur­fen und Vol­ley­ball­spie­len. Sogar ein Schwimm­bad fin­det sich auf der sechs Kilo­me­ter lan­gen Pracht­stra­ße ent­lang des Indi­schen Oze­ans. Rik­scha-Läu­fer in bun­ten Klei­den bie­ten ihre Diens­te an, die aber sel­ten in Anspruch genom­men wer­den. Auch vie­le indi­sche Fami­li­en nut­zen den Nach­mit­tag, um einen Aus­flug mit der Fami­lie in ihren schö­nen Saris zu unter­neh­men.

Doch sonst wird Reich­tum eher ver­steckt. Die Hotels, die die Gol­de­ne Mile säu­men, ver­ber­gen ihren Luxus hin­ter ver­dun­kel­ten Fens­tern, Auch die weni­gen Restau­rants, die sich direkt auf der Gol­de­nen Mei­le nie­der­ge­las­sen haben, locken die Gäs­te nach innen. Ich ver­mu­te, dass hier in Dur­ban Reich­tum zei­gen, als Affront ver­stan­den wird.

Wir fin­den schließ­lich ein Eis­ca­fe, das zumin­dest ein paar Tisch­chen in die Son­ne gestellt hat. Tat­säch­lich sind wir die ein­zi­gen, die drau­ßen Platz neh­men. Wäh­rend wir unse­ren Kaf­fee unter der Son­ne genie­ßen, beob­ach­ten wir, dass Gäs­te extra aus dem Cafe lau­fen, um einem ärm­lich geklei­de­ten Men­schen eine Mün­zen in die Hand drü­cken. Er lässt sich nicht lan­ge bit­ten, auch wenn bet­teln an sich auf der Gol­den Mile ver­bo­ten zu sein scheint. Dafür gibt es Gauk­ler, Sand­künst­ler und ein paar Händ­ler, die sich ein Extra-Geld ver­die­nen. 

Frisch gestärkt, erkun­den wir die Pracht­stra­ße am Sand­strand wei­ter in Rich­tung des für die Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft neu gebau­ten Moses-Mab­hi­da-Sta­di­ons, bis uns die dunk­len Wol­ken zum Umkeh­ren zwin­gen.

Wir schaf­fen den Rück­weg tro­cke­nen Fußes nicht. Ein wahr­haft tro­pi­sches Gewit­ter pras­selt auf uns her­un­ter und wir suchen Schutz im ers­ten Restau­rant, das wir fin­den kön­nen. Es stellt sich als Sze­ne­lo­kal her­aus – mit Musik, Drinks, lecke­ren Steaks und vie­len jun­gen, dun­kel­häu­ti­gen Men­schen. Außer uns hat sich noch ein ande­res wei­ßes Paar in die­ses Restau­rant ver­irrt. Es sieht sich eben­falls miss­trau­isch um. Wir bekom­men ein Tisch­chen ganz am Rand. Von dort aus kön­nen wir das unschul­di­ge Flir­ten der far­bi­gen Jugend beob­ach­ten, die an klei­nen Tisch­chen zusam­men­sitzt und sich lachend bei Wein und Limo unter­hält. Nach­dem sie uns kurz neu­gie­rig beäugt haben, wen­den sie sich wie­der ihren Freund* innen zu und las­sen uns den lecke­ren Bur­ger in Ruhe genie­ßen. Schon nach kur­zer Zeit füh­len wir uns hier wohl. Die Bar-Musik ist gedämpft, die Cock­tail­kar­te lang. Kei­ner schenkt dem rie­si­gen Bild­schirm, über den die übli­chen Sport­bil­der huschen. Auf­merk­sam­keit.

Die Jugend hier scheint kei­ne gro­ben Geld­sor­gen, dafür aber soli­de Aus­bil­dungn zu haben. Erst­mal sehen wir das Leben der far­bi­gen Mit­tel­schicht Süd­afri­kas

Als wir mit dem Essen fer­tig sind, hat zwar der Regen auf­ge­hört, doch es ist stock­fins­ter. Wir beschlie­ßen, nach einem Taxi Aus­schau zu hal­ten. Auf der Suche danach wagen wir uns in Neben­stra­ßen und gelan­gen in immer dunk­le­re und ärme­re Gegen­den. Zum Schluss geht es sogar an den ver­las­se­nen Häu­sern des Hafens ent­lang. Die Men­schen, an denen wir vor­bei­has­ten, schau­en uns ver­wun­dert nach. Doch nichts pas­siert.

7.11.2019 Am nächs­ten Tag erkun­den wir die Stadt wie­der zu Fuß. Wir wol­len zur Dur­ban Art Gal­le­ry. Doch zunächst schlen­dern wir am Hafen ent­lang und ver­su­chen einen Blick auf die rie­si­gen Tan­ker dort zu wer­fen. Ob es eine Hafen­rund­fahrt gibt? Wir fin­den den Zugang nicht. Doch statt­des­sen lockt gera­de das Natal Mari­tim Muse­um mit frei­em Ein­tritt, da eini­ge Expo­na­te wegen Reno­vie­rung  nicht zu besich­ti­gen sind.

Kurz­ent­schlos­sen betre­ten wir den klei­nen Platz hin­ter der Hafen­mau­er. Es gibt zwei alte Boo­te zu besich­ti­gen sowie vie­le klei­ne Expo­na­te, die sich mit dem Hafen­le­ben aus­ein­an­der­set­zen. Ich ler­ne, dass Dur­ban eine wich­ti­ge Ver­sor­gungs­rol­le im Zwei­ten Welt­krieg gespielt hat. Und dass es schwer unter dem Krieg der Super­mäch­te zu lei­den hat­te.

Wir wan­dern wei­ter Rich­tung City Hall, um zur Dur­ban Art Gal­le­ry zu kom­men. Die Stra­ßen sind breit, die Jahr­hun­dert­wen­de­häu­ser hoch. Mich freu­en die vie­len freund­li­chen Gesich­ter, die sich aus den Fens­tern beu­gen. An einer Kreu­zung staut es sich plötz­lich. Vie­le Men­schen, eini­ge mit den grün­gel­ben Fähn­chen der Spring­boks, ste­hen an den Ampeln. Was sie da tun, fra­gen wir sie. „Wir erwar­ten die Ankunft Welt­meis­ter“, tei­len uns die Men­schen mit. Immer mehr ver­las­sen die umlie­gen­den Büros und sam­meln sich auf der Stra­ße.

Lang­sam gesel­len sich auch die Schul­kin­der zu uns. Sie sin­gen und tan­zen. Ich bekom­me plötz­lich das Gefühl, dazu­zu­ge­hö­ren. Das, obwohl weit und breit nur Tho­mas und ich hell­häu­tig sind. Die Stim­mung steigt: Die Men­schen lachen und drän­gen auf die Stra­ßen. Fahr­zeu­ge bah­nen sich hupend und flu­chend einen Weg durch die Men­ge. Doch von den Spring­boks kei­ne Spur.

Und plötz­lich sind sie doch da: zwei offe­ne Dop­pel­de­cker­bus­se – und vor­ne Siya Koli­si, der sich mäch­tig ins Zeug legt, den rie­si­gen Pokal schwingt und sei­ne Kame­ra­den immer wie­der dazu auf­for­dert, die Men­ge zu unter­hal­ten. Sei­ne far­bi­gen Kol­le­gen bemü­hen sich, sei­ne wei­ßen Kol­le­gen hin­ge­gen, hän­gen im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes, in den Sei­len.

Es ist wie ein Rausch: Wir lau­fen den Bus­sen hin­ter­her, rufen, win­ken, fil­men und hof­fen auf ein per­sön­li­ches Lächeln von den Welt­meis­tern. Und unver­se­hens ist alles wie­der vor­bei. Die Men­ge zer­streut sich. Wir sor­tie­ren uns. Da spricht uns eine klei­ne, alte, wei­ße Frau an: „Sie sind Aus­län­der, oder?“ Sie lächelt nach­denk­lich. „So wie heu­te, so ist das wah­re Süd­afri­ka – weiß und schwarz ver­eint.“ Ihre Trau­rig­keit dar­über, dass die Rea­li­tät lei­der meist anders ist, ist nicht zu über­se­hen.

Nach die­sem Vor­mit­tag der Über­ra­schun­gen besu­chen wir jetzt wirk­lich die städ­ti­sche Kunst­ga­le­rie. Dort ist afri­ka­ni­sche Kunst des 21. Jahr­hun­derts aus­ge­stellt. Sie setzt sich mit den aktu­el­len Pro­ble­men – Gewalt, Apart­heid, AIDS und Migra­ti­on – aus­ein­an­der. Ich bin beson­ders von einem roten Kleid beein­druckt, das an die Ver­ge­wal­ti­gun­gen der Frau­en erin­nert.

Unser nächs­tes Ziel heißt Vic­to­ria Street Mar­ket und wird in vie­len Rei­se­füh­rern als Höhe­punkt einer Dur­ban­rei­se gefei­ert. Da uns nur noch weni­ge Stra­ßen vom Markt tren­nen, beschlie­ßen wir, auch dort­hin zu Fuß zu gehen. Doch nach nur weni­gen Schrit­ten vom kolo­nia­len Zen­trum, fin­den wir uns inmit­ten eines rie­si­gen Stra­ßen­mark­tes wie­der. Ziga­ret­ten lie­gen neben Socken, Haar­fär­be­mit­tel neben bun­ter Unter­wä­sche. Fla­nie­ren­de ver­stop­fen die Geh­we­ge und dazwi­schen gril­len Frau­en Mais­kol­ben und älte­re Män­ner ver­kau­fen undurch­sich­ti­ge Flüs­sig­kei­ten gegen jed­we­ge Art von Weh­weh­chen.

Ich habe erstaun­li­cher­wei­se kaum Angst, obwohl mir das Gedrän­ge, die Bil­lig­keit der Waren und der zuneh­men­de Indi­en­glit­zer­tand höchst unan­ge­nehm sind. Ich erste­he trotz­dem Socken und neue, schi­cke Trek­king­san­da­len. Die alten Schu­he darf ich vor die Türe stel­len. „Da kom­men sie gleich weg,“ meint der Laden­be­sit­zer.

Ich freue mich jetzt auf den Vic­to­ria Street Markt. Dort soll es tol­le Din­ge zu gute Prei­se geben sowie ech­te indi­sche Küche. Ich habe einen Bären­hun­ger!

End­lich erspä­hen wir das hüb­sche Markt­ge­bäu­de. Doch innen sieht es nicht viel anders aus als auf der Stra­ße. Die Gän­ge sind brei­ter, doch sau­be­rer wirkt es nicht. Ein­zig ein gro­ßer Gewürz­stand, der mit deut­schen Rezep­ten auf­war­tet, erweckt unser Inter­es­se. Wir betre­ten den Laden und fra­gen nach einem guten, indi­schen Restau­rant. Ja, ganz in der Nähe sei ein aus­ge­zeich­ne­tes Restau­rant, erklärt die Ver­käu­fe­rin und zerrt uns gleich zu dem schmud­de­li­gen Stand am Ein­gang des Mark­tes. Mir wird schlecht, aber ich fin­de auf die Schnel­le kei­ne Aus­re­de.

Unge­rührt von mei­nem ent­setz­ten Blick bestellt die Ver­käu­fe­rin schon für uns die “Super­spe­zia­li­tät”. Das älte­re Paar hin­ter dem Tre­sen holt beglückt Unde­fi­nier­ba­res aus rie­si­gen Plas­tik­ei­mern. Ich über­le­ge fie­ber­haft, wie ich hier ver­schwin­den könn­te, doch das indi­sche Paar lächelt ver­zückt und packt eine Art Cur­ry in aus­ge­höhl­tes Weiß­brot. Tho­mas und ich lächeln zurück. Von allen Sei­ten kom­men Markt­leu­te und begut­ach­ten kri­tisch, ob uns das Cur­ry auch wirk­lich mun­det. Mit jedem Bis­sen, den ich in mich hin­ein­st­op­fe, lächeln sie noch ein wenig glück­li­cher. Ich läch­le zurück und ganz all­mäh­lich graut es mich auch nicht mehr ganz so sehr vor der kleb­ri­gen Tisch­plat­te des klapp­ri­gen Cam­ping­ti­sches, an dem wir Platz genom­men haben.

Nach­dem wir unser spä­tes Mit­tag­essen unbe­scha­det über­stan­den haben, kau­fen wir noch aus­gie­big in dem schö­nen Cur­ry­la­den ein und lau­schen den kos­ten­los dazu gelie­fer­ten Tipps des indi­schen Süd­afri­ka­ners rund um Küche und Fami­li­en­le­ben. Eman­zi­pa­ti­on scheint nicht bin in die indi­schen Haus­hal­te Dur­bans gedrun­gen zu sein. Nach die­sen erbau­li­chen Beleh­run­gen über Küche und Kin­der steht mir der Sinn nach durch und durch euro­päi­schem Genuss und wir wan­dern zum Bota­ni­schen Gar­ten, dem ältes­ten Afri­kas, in dem Meer­kat­zen in hohen Bäu­men aus aller Welt spie­len. Weber­vö­gel nis­ten zwi­schen Lotus­blü­ten nis­ten und präch­ti­ge Orchi­de­en sind in üppi­ger Fül­le um ein Bach­bett dra­piert. Wir lau­schen den Vögeln, rie­chen die süßen Düf­te der Blu­men und blei­ben, bis uns die Wär­ter mit sanf­tem Druck hin­aus­be­glei­ten.

8.11. 2019 Heu­te steht das Kwa Muh­le Muse­um auf unse­rer To-Do-Lis­te. In dem ele­gan­ten Kolo­ni­al­ge­bäu­de wur­den einst die Arbeits­er­laub­nis­se aus­ge­stellt – oder auch nicht. Das anschau­li­che Aus­stel­lungs­ma­te­ri­al ver­setzt mich in die Zeit, in der alle Nicht-Wei­ßen per­ma­nent Aus­weis­pa­pie­re mit sich her­um­schlep­pen muss­ten; in denen sie kein Recht hat­ten, sich im Stadt­ge­biet frei zu bewe­gen und in dem sie unter demü­ti­gends­ten Bedin­gun­gen um die not­wen­di­gen Arbeits­er­laub­nis­se bet­teln muss­ten. Skla­ven auf aller Welt sind bes­ser behan­delt wor­den. Das wird mir in die­ser Aus­stel­lung bewusst. Das gan­ze Apart­heid­sys­tem hat­te ein Ziel: die Urein­woh­ner Süd­afri­kas und Nami­bi­as davon abzu­hal­ten, sich eine eige­ne wirt­schaft­li­che Exis­tenz aus­zu­bau­en. Die Afri­ka­ner soll­ten nichts ande­res sein, als bil­li­ge und wil­li­ge Arbeits­kräf­te auf den Far­men, in den Pri­vat­häu­sern und in den dre­cki­gen Fabri­ken. Hät­ten sie sich eine eige­ne Exis­tenz auf­ge­baut, wären sie wahr­schein­lich nicht gewillt gewe­sen, für die wei­ße Ober­schicht arbei­ten zu wol­len.

Wir blei­ben lan­ge in dem klei­nen Muse­um, das auch Kunst­wer­ke zeigt und anhand von Zei­tungs­aus­schnit­ten die Ein­stel­lung des ANC zur Gewalt. Auch wenn in den 80er Jah­ren die Gewalt gegen Sym­bo­le des Staa­tes akzep­tiert war, so wur­de die Gewalt gegen Men­schen nicht tole­riert. Die Poli­tik des ANC scheint von Anfang an auf eine fried­li­che Coexis­tenz zwi­schen den ver­schie­de­nen Eth­ni­en Süd­afri­kas aus­ge­rich­tet gewe­sen zu sein.

Gleich neben dem Kwa Muh­le Muse­um liegt, ver­steckt in einem Park, das MOTH Muse­um, das Vete­ra­nen des Ers­ten Welt­kriegs ins Leben geru­fen haben und das auf beein­dru­cken­de Wei­se die Ver­wick­lung Süd­afri­kas in all die vie­len, welt­po­li­ti­schen Schar­müt­zel doku­men­tiert. Mir wird wie­der bewusst, dass mei­ne Genera­ti­on in Euro­pa auf einer Insel der Seli­gen gelegt hat und Krie­ge schein­bar nur in den Nach­rich­ten statt­fan­den.

Nach all den Schreck­nis­sen suchen wir Erho­lung im Hotel. Den Abend ver­brin­gen wir in einem Bur­ger­la­den, der in den Back­stein­räu­men einer alten Lager­hal­le unter­ge­bracht ist. Hier trifft sich die wei­ße Bevöl­ke­rung Dur­bans. Kein ein­zi­ges schwar­zes Paar sitzt an den lan­gen Holz­ti­schen und genießt die Bur­ger, die auf die Tel­ler getürmt sind.

09.11.2019 Heu­te schlen­dern durch die ruhi­ge Innen­stadt und machen wir uns einen gemüt­li­chen Tag im Natur­kun­de­mu­se­um, das wun­der­ba­re, schön prä­pa­rier­te Expo­na­te hat.

10.11.2019 Am nächs­ten Tag mei­den wir die maut­pflich­ti­ge N2 und fah­ren über Neben­stra­ßen Hluhlu­we. Immer wie­der sto­ßen wir auf Denk­mä­ler und Gedenk­stät­ten an Albert Luthu­li, Afri­kas ers­ten Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger und Stam­mes­häupt­ling der Zulu. Lei­der neh­men wir uns nicht die Zeit, um eine Gedenk­stät­te zu besich­ti­gen.

Trotz­dem lan­den wir erst zum Son­nen­un­ter­gang auf der Eco­bee-Lodge, die von Nie­der­län­dern geführt wird. Der Him­mel war schon lan­ge wol­ken­ver­han­gen. Durch die­se Düs­ter­nis erscheint mir hier zunächst alles viel zu öko. Die klei­nen Rund­hüt­ten, die die Gäs­te­zim­mer sind, ducken sich unter Pal­men und Bana­nen­stau­den. Alles scheint ver­las­sen, kei­ne Gäs­te sind da, bis auf eine jun­ge, afri­ka­ni­sche Frau, die uns ein­weist und in die Bar am Pool locken möch­te.

Doch wir haben Hun­ger und ich bin ein biss­chen müde. Dadurch ist mir die­se Unter­kunft unheim­lich. Sie ist weit abge­le­gen, Tho­mas erzähl­te, dass sie direkt am Natur­schutz­ge­biet liegt. Tho­mas hat­te die Unter­kunft aus­ge­sucht, weil wir von dort aus rei­tend das Natur­schutz­ge­biet erkun­den kön­nen. Wie das wohl sein wird, wenn ein Kro­ko­dil die Pfer­de angreift, über­le­ge ich? Ich bin neu­gie­rig auf die­sen Dschun­gel rund­her­um und hof­fe, ihn sicher vom Pferd aus erkun­den zu dür­fen.

Da wir tat­säch­lich die ein­zi­gen Gäs­te sind, gesellt sich die jun­ge Frau zu uns in die Gäs­te-Küche, die offen im Gelän­de steht. Trotz der elek­tri­schen Lam­pen, die uns bei der Ori­en­tie­rung hel­fen, las­sen sich nur weni­ge Insek­ten dazu her­ab, die neue Beu­te von Nahem zu begut­ach­ten. Lang­sam gewin­ne ich Ver­trau­en zu die­sem dunk­len Wald um uns her­um. Daher neh­men wir die War­nun­gen vor den Affen nicht all­zu ernst und räu­men zwar sau­ber auf – aber sichern den Müll­ei­mer nicht extra mit einem gro­ßen Stein. Ein Feh­ler, wie sich spä­ter her­aus­stel­len wird.

Wäh­rend wir kochen, gesellt sich die jun­ge Frau zu uns und erzählt uns von der Armut ihrer Fami­lie, von der Aus­beu­tung durch ihre nie­der­län­di­schen Bos­se und den Her­aus­for­de­run­gen ihres Stu­di­ums. Als sie davon schwärmt, dass sie erst ein­mal im nahe gele­ge­nen Hluhlu­we Natio­nal­park war, lade ich sie spon­tan ein, mor­gen mit uns zu kom­men. Wir beschlie­ßen einen Auf­bruch bei Son­nen­auf­gang, da sie am Nach­mit­tag arbei­ten muss.

11.11.19 In der Nacht öff­nen sich die Schleu­sen des Him­mels. Ein Wol­ken­bruch pras­selt auf unser Reet­dach. Ich fürch­te mich. Ich fürch­te, dass der Regen sei­nen Weg durchs Dach  fin­det. Ich fürch­te mich vor den Stra­ßen mor­gen. Die meis­ten Stra­ßen hier sind näm­lich nicht wei­ter als fest­ge­fah­re­ne Lehm­stra­ßen. Ob die wohl hal­ten? Und wie ist deren Qua­li­tät im Park? Wer­den wir im Schlamm ste­cken blei­ben? Was ist, wenn wir im Park mit all den Löwen, Leo­par­den, Was­ser­büf­feln und Ele­fan­ten ste­cken blei­ben? Wer holt uns da raus? Wird das Han­dy funk­tio­nie­ren? Ich ver­flu­che mei­ne spon­ta­ne Ein­la­dung. Wir hät­ten so gemüt­lich im Bett aus­har­ren kön­nen, bis der Regen nach­ge­las­sen hät­te und wir uns ohne Gefah­ren auf die Stra­ße hät­ten wagen kön­nen. Aber nein. Wir haben Son­nen­auf­gang als Uhr­zeit aus­ge­macht. Tho­mas klemmt sich also hin­ter das Steu­er und fährt zum Gate, wo wir unse­ren Treff­punkt aus­ge­macht haben. Da steht unse­re jun­ge Dame und ver­kün­det mit nur leich­tem Bedau­ern, sie sei über Nacht krank gewor­den und kön­ne nun doch nicht mit­kom­men.

Ich glau­be ihr nicht. Afri­ka­ner sind gebo­re­ne Lüg­ner. Die­se Über­zeu­gung taucht tief aus mei­nem Unbe­wuss­ten auf. Ich ken­ne zwar kei­nen Beweis – und auch ich habe einen flau­en Magen – trotz­dem ich stel­le plötz­lich alles infra­ge, das uns die jun­ge Frau erzählt hat.

Zudem bin ich auch beson­ders ärger­lich, weil wir nur ihret­we­gen einen so frü­hen Zeit­punkt für unse­ren Aus­flug fest­ge­legt hat­ten. Doch da wir nun mal auf­ge­stan­den sind und der Regen auf­ge­hört hat, fah­ren wir zum Natio­nal­park. Dort ange­kom­men, freu­en wir uns, dass die jun­ge Dame nicht mit­ge­kom­men ist, denn der Ein­tritt ist teu­er und wird für jede Per­son ein­zeln berech­net.

Ich weiß nicht war­um, aber irgend­wie gefällt mir die­ser Park, der als eines der ältes­ten Natur­schutz­ge­bie­te Süd­afri­kas gilt, sehr gut. Trotz sei­ner beein­dru­cken­den Grö­ße von 960 Qua­drat­ki­lo­me­ter wirkt er hei­me­lig und intim. Immer neue, grü­ne Täler öff­nen sich und geben den Blick auf Her­den von Was­ser­büf­feln, Ele­fan­ten und Nya­las frei. Ein Löwen­pär­chen bewacht sei­ne Beu­te. Ich bin froh, dass die jun­ge Frau in der Lodge geblie­ben ist, denn hier gibt es so viel zu ent­de­cken: den end­lo­sen, wol­ken­ver­han­ge­nen Him­mel, die schö­nen Lod­ges und natür­lich all die Tie­re. Hier sind alle fünf der Big Five ver­tre­ten, sowie Wind­hun­de, Rep­ti­li­en und jede Men­ge Vögel.

Glück­lich, aber erschöpft kau­fen wir am Abend in Hluhlu­we (Schlu­schlu­we aus­ge­spro­chen) ein, obwohl ich auf­grund des unüber­sicht­li­chen Gewu­sels und des gänz­li­chen Feh­lens hell­häu­ti­ger Men­schen gro­ße Beden­ken habe. Doch wir bekom­men am Markt­stand wun­der­bar preis­wer­te rei­fe Oran­gen und Avo­ca­dos. Das Abend­essen wird ein Fest­mahl.

Die jun­ge Emp­fangs­da­me leis­tet uns wie­der Gesell­schaft, obwohl sie nur Tee trinkt. Trotz­dem lege ich jedes ihrer Wor­te miss­trau­isch auf die Gold­waa­ge und prü­fe den Wahr­heit­ge­halt. Was genau stu­die­re sie? Wie genau ver­ein­ba­re sie das mit ihrer Arbeit? Was genau müs­se sie denn arbei­ten …

Ich beob­ach­te mich dabei, wie schnell ich Nega­ti­ves auf Dun­kel­häu­ti­gen über­tra­ge und wie lang­sam Posi­ti­ves. War­um?  Wie sind all die­se nega­ti­ven Gedan­ken über dun­kel­häu­ti­ge Men­schen in mei­nen Kopf gelangt? Ich dach­te, ich sei sehr welt­of­fen erzo­gen wor­den. In Deutsch­land hät­te ich mich selbst eher als fort­schritt­lich, denn als kon­ser­va­tiv ein­ge­schätzt. Den­noch bin ich im Grun­de mei­nes Her­zens von der Bös­ar­tig­keit und Gefähr­lich­keit dun­kel­häu­ti­ger Men­schen über­zeugt. Den­noch traue ich all den posi­ti­ven Erfah­run­gen, die wir hier mit Zulus, Kho­sas, Busch­leu­ten und, und, und machen durf­ten, nicht.

Obwohl wir täg­lich freund­lich gegrüßt wer­den, uns die Men­schen anlä­cheln und uns bei jeder Gele­gen­heit hel­fen, bin ich nach wie vor fest davon über­zeugt, dass ich beson­ders vor­sich­tig sein muss und dass mir jemand bei erst­bes­ter Gele­gen­heit an den Kra­gen gehen wird.

12.11.2019 Auch am nächs­ten Tag hat es zu viel gereg­net, um mit den Pfer­den aus­zu­rei­ten. Dafür strol­len sie frei auf dem Gelän­der her­um und plün­dern unse­ren Müll­ei­mer, des­sen Deckel wir nicht mit schwe­ren Stei­nen gesi­chert hat­ten. Wir fah­ren nach St. Lucia, einem klei­nen Bade­ort an der Küs­te des Indi­schen Oze­ans, das für sei­ne lan­ge Lagu­ne bekannt ist, in der sich Nil­pfer­de und Kro­ko­di­le mun­ter tum­meln.

Wir haben Glück und ergat­tern eine Boots­fahrt, obwohl es sehr win­dig ist, was das Manö­vrie­ren der Boo­te sehr erschwert.