namibia

Hier gehts chro­no­lo­gisch vor­an 🙂

29. August – Petra holt uns ab und fährt uns zum Flug­ha­fen. Ich bin äußer­lich ruhig, den­ke ich, doch in mir grum­melt es: War­um die­se Rei­se in einen Kon­ti­nent, der mir fremd und gefähr­lich erscheint? War­um in ein Land rei­sen, das für sei­ne aus­ge­dehn­ten Wüs­ten und sei­ne unbarm­her­zi­ge Son­ne bekannt ist? War­um zu Men­schen sto­ßen, deren Mimik ich nicht ein­schät­zen kann und die allen Grund haben, mich als Deut­sche zu has­sen?. Immer­hin sind wir Deut­schen für einen Völ­ker­mord in Nami­bia ver­ant­wort­lich. Noch immer besitzt die klei­ne Schicht der Deutsch spre­chen­den Nami­bi­er ein Groß­teil des gesam­ten Lan­des. Welch grund­le­gen­de Ver­än­de­run­gen sich dadurch für die Urbe­völ­ke­rung erge­ben haben, das wer­de ich erst lang­sam anfan­gen zu ver­ste­hen. Doch dazu spä­ter.

Es war der Traum mei­nes Man­nes, der Wüs­ten liebt und mein Wunsch die Schul­freun­din und ihren Mann in ihrer neu­en Umge­bung zu sehen, die mich zu die­sem Aben­teu­er getrie­ben haben – und nicht ganz zu ver­ges­sen, mei­ne Neu­gier­de auf die Welt und mein Wunsch, wie­der viel Zeit mit mir und neu­en Ein­drü­cken zu ver­brin­gen.

Doch jetzt, hier in Petras Auto, wür­de ich am liebs­ten einen Rück­zie­her machen. Aben­teu­er­lich ver­lief auch schon der Start, denn auf Mün­chens Roll­bahn herrsch­te ein der­ar­ti­ger Stau, dass die Ste­war­des­sen von Bri­tish Air­ways um unse­ren Anschluss nach Johan­nes­burg bang­ten. Nach vie­len Stun­den doch fast pünkt­lich dort ange­kom­men, über­rasch­te mich der Luxus und der afri­ka­ni­sche Stolz, der in den Geschäf­ten gezeigt wur­de. Die neu­es­te afri­ka­ni­sche Män­ner­kol­lek­ti­on (tol­le Stof­fe, figur­be­tont geschnit­ten und gera­de in Paris prä­sen­tiert), gefiel mir rich­tig gut. Dane­ben gab es edels­tes afri­ka­ni­sche Kunst­hand­werk und Schwei­zer Uhren zu schwin­del­erre­gen­den Prei­sen. Mein Bild von Johan­nes­burg als arme, kämp­fe­ri­sche Stadt, die der Apart­heids­re­gie­rung das Gar­aus macht, ent­puppt sich als vom letz­ten Jahr­tau­send.

30.8.19 Auch in Windhoek wur­de mir der Spie­gel mei­ner Vor­ur­tei­le vor Augen geführt: Der Mann, der uns vom Flug­ha­fen in die Onde­kar­em­ba Lodge brin­gen soll, war­tet längst. Dies, obwohl wir pünkt­lich gelan­det sind und er anneh­men kann, dass wir uns erst Geld und nami­bi­sche Sim­kar­te holen wür­den. Wäh­rend die­ser hal­ben Stun­de bleibt er freund­lich und gelas­sen, zeigt uns die rich­ti­gen Ansprech­stel­len und kom­men­tiert mein ängst­li­ches Genes­tel am „Geheim­gür­tel“ nicht ein­mal mit Bli­cken.

Auch alle ande­ren Men­schen – haupt­säch­lich Far­bi­ge – behan­deln uns völ­lig selbst­ver­ständ­lich. Sie erwar­ten, dass wir uns in die Schlan­ge ein­rei­hen, hel­fen aber unauf­dring­lich, wo es nötig ist. Der gesam­te Flug­ha­fen ist sau­ber, funk­tio­nell, aber kei­nes­wegs luxu­ri­ös.

Auf der kur­zen Fahrt zur Lodge bestä­ti­gen sich eini­ge mei­ner Ängste/Vorurteile: das Land ist nach bis zu acht Jah­ren ohne Regen völ­lig aus­ge­dörrt. Die nied­ri­gen Bäu­me ste­hen auf stei­ni­gem, san­di­gem Boden und sehen aus, als wären sie längst abge­stor­ben. Die Land­stra­ßen wer­den von manns­ho­hen Draht­zäu­nen gesäumt. Dahin­ter sind Fahr­spu­ren zu sehen.

Über­wa­chung? Haben die Guts­be­sit­zer sol­che Angst? Muss ich doch Angst haben? Tat­säch­lich wird bei der Ein­fahrt zur Lodge ein Gat­ter geöff­net. Der Fah­rer wird regis­triert. War­um? Mei­ne Fan­ta­si­en schla­gen Kaprio­len.

Der Mann, der das Gat­ter öff­net, hält jedoch kei­ne Kalasch­ni­kow in der Hand, son­dern ein Klemm­brett mit Papier und Blei­stift. Er nickt freund­lich in den Wagen. Mir wird noch selt­sa­mer. Schon geht es wei­ter. Wir schau­keln durch aus­ge­dörr­te Fluss­bet­ten, vor­bei an knor­ri­gen Bäu­men mit weni­gen grü­nen Blät­tern und schwar­zen (ver­brann­ten?) Stäm­men und vie­len Stei­nen. Da soll ich jetzt die Nacht ver­brin­gen? Alles sträubt sich in mir. Nach 15 min Fahrt auf der Sand­pis­te hal­ten wir vor ein paar ein­stö­cki­gen, reet­ge­deck­ten und mit fri­schem Grün ver­bun­de­nen Gebäu­den. Ist das die Farm?

In der Rezep­ti­on herrscht ange­neh­me Küh­le. Der Emp­fang ist wie selbst­ver­ständ­lich auf Deutsch. Die For­ma­li­tä­ten sind so schnell erle­digt. Das Bade­zim­mer von Annas Ein­zel­zim­mer könn­te man als Tanz­saal aus­bau­en. Unser Dop­pel­zim­mer ist ein eigen­stän­di­ges Häus­chen , das die Grö­ße einer fran­zö­si­schen Feri­en­vil­la hat. Dazu gehö­ren zwei Ter­ras­sen, ein Grill und ein Kamin.

Ja, in Afri­ka kann es bit­ter­kalt wer­den. Windhoek liegt schließ­lich auf 1650 Meter Höhe. Da kann es noch zu Minus­tem­pe­ra­tu­ren kom­men. Kamin und Bade­pool gehö­ren des­halb zur Grund­aus­stat­tung jeder nami­bi­schen Lodge. das weiß ich aber noch nicht und stau­ne des­halb über das War­zen­schwein, das sich genüss­lich über den Rasen­tep­pich her­macht und die vie­len Vögel, die hin und wie­der Was­ser aus dem Pool picken.

Obwohl die Ranch als per­fek­te Ankom­mens- oder Abflugs­un­ter­kunft ange­prie­sen wird, da sie sehr nah am Flug­ha­fen liegt, ja er war frü­her Teil der Ranch, strahlt die Onde­kar­em­ba-Lodge abso­lu­te Ruhe aus. Bediens­te­te har­ken die Wege, wäs­sern das zar­te Grün, ser­vie­ren selbst geba­cke­nen Kuchen und zei­gen uns, wo wir auf dem rie­si­ge Gelän­de spa­zie­ren gehen kön­nen. Nie­mand scheint in Eile zu sein. Auf dem Sun­set­walk sehen wir Anti­lo­pen und Pavia­ne. Dazu wei­te­re War­zen­schwei­ne und Vögel jeder Art und jeg­li­cher Cou­leur! Die kar­ge Land­schaft zieht mich lang­sam in ihren Bann. Die Tem­pe­ra­tur ist ange­nehm, die Far­ben wer­den wär­mer, das Grün leuch­tet.

31.8.2019 Am nächs­ten Tag holen wir unser Cam­ping-Gefährt ab. 1,5 Stun­den dau­ert die char­man­te Ein­wei­sung. Den­noch kom­me ich den Dimen­sio­nen nicht zurecht, als ich es auf der lin­ken Sei­te vom Hof fah­ren will und über­las­se Tho­mas das Steu­er­rad . Damit nicht genug, ich hat­te so viel Schreck­li­ches über den Ver­kehr gele­sen, dass ich immer wie­der auf lang­sa­me­res Fah­ren zu drin­ge: „Vor­sicht, da steht ein War­zen­schwein am Stra­ßen­rand!“ “Ach­tung, Perl­hüh­ner!” “Vor­sicht, unbe­fes­tig­ter Stra­ßen­rand …” Kein Wun­der, dass wir fest­stel­len müs­sen, dass die Zeit hier noch schnel­ler als zuhau­se ver­geht. Unser ers­tes Ziel, die Ameib Ranch im Erongo­ge­bir­ge ist so nicht mehr zu errei­chen.

Tho­mas bewun­dert die Innen­de­ko­ra­ti­on unse­res Auto­ver­mie­ters

Statt­des­sen über­nach­te­ten wir auf hal­ber Stre­cke in Groß Bar­men. Dort, wo einst eine Mis­si­ons­sta­ti­on für die Here­ro (einer der elf Stäm­me Nami­bi­as) stand, gibt es heu­te jetzt ein ele­gan­tes Resort, des­sen groß­zü­gi­ge Außen­an­la­ge an einen ame­ri­ka­ni­schen Golf­platz erin­nert. Bis wir zum ers­ten Mal unse­re Dach­zel­te auf­ge­schla­gen und uns mit dem Gas­ko­cher ange­freun­det hat­ten, war es bereits stock­fins­ter. Bewaff­net mit bes­ten Stirn­lam­pen, such­ten wir nach dem Ein­gang zum hei­ßen Pool. Ohne die Hil­fe von erfah­re­nen Bade­gäs­ten aus Windhoek hät­ten wir ihn aller­dings nie­mals gefun­den, so spär­lich ist das Bad bei Nacht beleuch­tet. Dafür war das rie­si­ge Pool wie in Ker­zen­licht getaucht.  Nach die­sem war­men Bad war die Nacht in unse­rem, als „Afri­can loft Hil­ton“ ange­prie­se­nen Zelt­dach ruhig und ange­nehm – das leich­te Schau­keln erin­nert mich an unser Was­ser­bett zuhau­se.

In der Phil­lips Cave gibt es wun­der­bar erhal­te­ne Höh­len­ma­le­rei­en. Sie dien­ten den ande­ren noma­di­sie­ren­den Vieh­züch­ter als Infor­ma­ti­ons­quel­le

1.9.2019 Am nächs­ten Tag geht es dann tat­säch­lich zur Ameib-Farm, die mit einer Wan­de­rung zur prä­his­to­ri­schen Höh­len­ma­le­rei­en sowie mit beson­de­ren Stein­for­ma­tio­nen, Bulls­Par­ty genannt, lockt. Die Ameib-Farm gehört zum Rhi­no-Trust, der sich der (Wieder-)Ansiedelung der Spitz­horn­nas­hör­ner sowie der berühm­ten Berg­ele­fan­ten ver­schrie­ben hat. Auch dies­mal gehört uns der gepfleg­te Cam­ping­platz mit dem hel­len Sand qua­si allei­ne. Ein klei­ner Pool lädt zu Erfri­schung ein – und ist eine will­kom­me­ne Erfri­schung, denn inzwi­schen ist es für mich Nord­län­de­rin rich­tig warm gewor­den.

Der Rund­weg zur Phil­lips Höh­le und zur Bulls­Par­ty ist über­ra­schend gut beschil­dert und sehr abwechs­lungs­reich ange­legt. Über ein stei­les Wegerl geht’s hin­auf zu Höh­le, die über und über mit gut erhal­te­nen, natur­ge­treu­en Abbil­dun­gen von Tie­ren aus­ge­malt ist. Tho­mas ist sich sicher, dass sich am Ende der Höh­le ein Zeit­fens­ter ver­ste­cken wür­de. Doch so sehr er sei­ne Hand auch in den Schlitz steckt, er bleibt in unse­rer Zeit. Beim Her­aus­stei­gen aus der Höh­le sehen wir, wie weit sich das Gebir­ge ent­lang streckt. Hier möch­te ich mich trotz mei­ner Was­ser­fla­sche nicht ver­ir­ren. Inzwi­schen ist es näm­lich um die 35 Grad heiß.  Für mei­ne untrai­nier­ten Bei­ne zieht sich der Abstieg zur Bulls­Par­ty mit sei­nen run­den Rie­sen­stei­nen hin.

Dafür sich­ten wir die scheu­en Hartmann-(Berg)Zebras, sowie Giraf­fen und Anti­lo­pen. Pavia­ne war­te­ten am Pick­nick­platz auf uns. Dort, bei dem Bulls­Par­ty genann­ten Platz plät­schert in guten Jah­ren ein Bäch­lein. Dem­entspre­chend ist es plötz­lich sehr grün. Hohe Grä­ser, gro­ße Bäu­me sor­gen für Schat­ten und Abküh­lung. Die­ser Ort wäre ein fan­tas­ti­scher Pick­nick­platz, wäre ich nicht so müde und hät­te ich nicht so viel Beun­ru­hi­gen­des über Nas­hör­ner gele­sen. Hät­te ich mehr gele­sen, wüss­te ich, dass Nas­hör­ner nicht gut berg­stei­gen kön­nen und des­halb eher oben auf dem Berg­kamm zu fin­den gewe­sen wären.

Von mei­nen Ängs­ten getrie­ben, ver­zich­ten auch Anna und Tho­mas auf eine län­ge­re Rast an der Bulls­Par­ty und eilen mit mir im Son­nen­un­ter­gang zum Cam­ping­platz zurück. Dort wer­den wir mit einem typi­schen afri­ka­ni­schen Son­nen­un­ter­gang belohnt.

2.9.2019 Swa­kop­mund, oder Litt­le-Deutsch­land. Ein per­fekt gepfleg­ter Cam­ping­platz mit Golf­qua­li­tä­ten, küh­les, neb­li­ges Wet­ter, deut­sche Stra­ßen­na­men und wil­hel­mi­ni­sche Bau­wei­se. Zwei fan­tas­ti­sche Fisch­re­stau­rants am Pier, sowie eine ech­te deut­sche Bier­knei­pe mit Schnit­zel und Sauer­kraut. Hier fei­ert sich die kolo­nia­le Ver­gan­gen­heit mit gro­ßem Stolz. Ger­ne titu­liert sich die Stadt als süd­lichs­tes Nord­see­bad Deutsch­lands. Reins­tes Hoch­deutsch wird in der Schu­le unter­rich­tet und die Zukunft opti­mis­tisch gese­hen: „Sie (die Far­bi­gen, die einst das gan­ze Land als Wei­de­land genutzt hat­ten) sit­zen in der Regie­rung, wir aber haben nach wie vor das Geld und die Macht“, erzählt uns der Besit­zer des Leder­wa­ren­la­dens (ita­lie­ni­scher Schick in Strau­ßen­le­der ) ganz offen. Ja, als Deutsch-Nami­bi­er ver­ste­he man sich als eine eige­ne (pri­vi­le­gier­te) Grup­pe inner­halb des Lan­des.

Rent­ner aus vie­ler Her­ren Län­der – auch aus Afri­ka – schät­zen in Swa­kop­mund die küh­le Bri­se des Ben­gue­lastroms, ande­re Tou­ris­ten des­sen viel­fäl­ti­ge Ange­bo­te: Rob­ben­füt­te­rung, Aus­tern­ver­kös­ti­gun­gen, Rund­flü­ge über die nahe gele­ge­nen Sand­dü­nen, shopp­pen in der Mall, Fall­schirm­sprin­gen, gol­fen. Wir ent­schei­den uns für ein exzel­len­tes Abend­essen im Le Tug, einem Fisch­re­stau­rant, das in einen alten Schlep­per inte­griert wur­de und in dem uns Mari­us aus Windhoek bedient. Mari­us? Ita­lie­ner? Nein, wasch­ech­ter Nami­bi­er mit schwar­zer Haut­far­be – was es aber mit den euro­päi­schen Namen in Nami­bia auf sich hat, das wer­de ich am Ver­stei­ner­ten Wald ler­nen.

Am nächs­ten Tag (3.9.2019) besu­chen wir das lie­be­voll zusam­men­ge­stell­te Muse­um, das uns in die Geschich­te die­ses Lan­des, des­sen Fau­na und Flo­ra, sei­ne Boden­schät­ze ein­führt. Anna liebt die Kolo­ni­al­ab­tei­lung, mit dem Zahn­arzt­be­steck, dem Kaufe­trä­ge in Mark und Pfen­ning aus­weist und den Och­sen­wa­gen. Beim anschlie­ßen­den Apfel­ku­chen im Cafe Anton im Schweit­zer Haus las­sen wir unser City­ver­gnü­gen aus­klin­gen und fah­ren wei­ter Rich­tung Cape Cross und Rob­ben­ko­lo­nie.

Über eine Salz­pad geht es die Ske­le­ton Coast wei­ter zur Hen­ties Bay. Ske­le­ton Coast wird Nami­bi­as ganz Küs­te genannt, weil hier immer wie­der Schiffs­wracks aus dem Meer sta­ken. Auf den ers­ten Blick erscheint Hen­ties Bay trost­los, obwohl es sich wegen sei­nes Fisch­reich­tums und der ewig lan­gen Sand­strän­de als Tou­ris­mus­ort einen Namen gemacht hat. Da wir mal wie­der spä­ter dran sind, als geplant, ver­zich­ten wir auf den Abste­cher zur Rob­ben­ko­lo­nie am Cape Cross und fah­ren gleich Rich­tung Lan­des­in­ne­re auf den Brand­berg und Uis zu. Dafür durch­que­ren wir die Namib Wüs­te, die sich ent­lang der Küs­te erstreckt und hier Dorob Natio­nal­park heißt. Die Spitz­kop­pe, eines der Wahr­zei­chen Nami­bi­as las­sen wir rechts lie­gen und hol­pern wei­ter auf den Sand‑, Stein­pis­ten bis zur White Lady Lodge. Dort genie­ßen wir das groß­zü­gi­ge und kal­te Schwimm­bad, die Ruhe und den künst­lich ange­leg­ten Teich, an dem sich mor­gens gan­ze Vogel­heer­scha­ren nie­der­las­sen. Wir gön­nen uns ein „Far­mers TV“, ein Feu­er an der obli­ga­to­ri­schen Feu­er­stel­le neben unse­rem Stand­platz. Der Abend ist mild und ich erah­ne, war­um so vie­le Men­schen ins Schwär­men gera­ten, wenn sie nur Afri­ka hören.

Am nächs­ten Mor­gen fah­ren wir wei­ter über die wei­ten Sand­pis­ten zum Brand­berg und zur „White Lady“, einer wun­der­bar erhal­te­nen, viel­far­bi­gen Höh­len­ma­le­rei, die den For­schern seit Lan­gem Rät­sel auf­gibt. Die Gemäl­de sind natur­ge­treu und sehr leben­dig. Am schöns­ten aber fin­de ich die leuch­ten­den Augen unse­res jun­gen Beglei­ters, der sich sicher ist, dass das Gemäl­de nur von sei­ner Volks­grup­pe den Dama­ra her­stellt sein kann. Der Stu­dent der Agrar­wis­sen­schaf­ten zeigt uns die Spu­ren der sel­te­nen Berg­ele­fan­ten, der Leo­par­den, Klipps­lie­fer und ande­rer Tie­re. Er benennt Heil­pflan­zen und deren Ver­wen­dung und schwärmt vom unwirt­li­chen Brand­berg­mas­siv, in dem er bald als Berg­füh­rer arbei­ten darf. Die klei­ne Wan­de­rung ist auch land­schaft­lich span­nend, rote, ver­wit­ter­te Fel­sen, grü­ne Aka­zi­en­bäu­me mit ihren typi­schen Schir­men und tap­fe­re Pflan­zen, die sich gegen sen­gen­de Son­ne, Sand und Tro­cken­heit durch­set­zen. Anna genießt die Wan­de­rung, weil sie sich mit unse­rem Füh­rer über das Stu­die­ren in Deutsch­land und in Nami­bia aus­tau­schen kann.

Danach geht es wei­ter über soge­nann­te Pads (Sand­pis­ten mit vie­len Wel­len) zum Oanob-Camp, dem ers­ten Camp, das rein afri­ka­nisch geführt ist. Schon der Emp­fang an der Rezep­ti­on und Bar ist wirk­lich herz­lich, beson­ders als noch eine wei­te­re Grup­pe her­ein­ge­schneit kommt, die nicht min­der durch­ge­rüt­telt, müde und ver­schmutzt ist. Das Geläch­ter und der Hin­weis, dass wir uns glück­lich zu schät­zen hät­ten, ange­sichts der „afri­can mas­sa­ge“ ist nicht ver­let­zend, son­dern auf­bau­end. Lei­der kann ich mei­nen Durst an der gut besetz­ten Bar nicht löschen, denn hier im Nor­den gibt es kein Inter­net und kei­nen Bank­au­to­ma­ten weit und breit. Bezahlt wird mit Bar­geld.

In dem rie­si­gen Camp ver­lau­fen sich die drei Cam­ping­mo­bi­le völ­lig und wir haben die freie Aus­wahl, wel­che der ori­gi­nel­len Dusch- und Klo­häus­chen wir nut­zen wol­len. Kaum haben wir uns ein wenig erholt, kom­men lachen­de Men­schen vor­bei und laden uns zu einem Aus­flug zu den Berg­ele­fan­ten ein. Sie sei­en ganz nah und wan­der­ten manch­mal sogar bis ins Camp hin­ein. Lei­der müs­sen wir spa­ren, denn die nächs­te gro­ße Stadt mit Bank­au­to­mat war­tet erst mor­gen auf uns.

Am nächs­ten Tag (5.9.2019) geht es über die Basalt-Orgel­pfei­fen und dem ver­brann­ten Berg (vie­le Wel­wit­s­chi­as, Nami­bi­as Wap­pen­zei­chen) zum Petri­fied Forest. Twy­fel­foun­t­ein, Nami­bi­as ers­tes UNESCO-Welt­kul­tur­er­be las­sen wir groß­zü­gig links lie­gen.

Es han­delt sich um Feld­gra­vu­ren und Höh­len-Male­rei­en, die vor cir­ca 6000 Jah­ren ange­fer­tigt wur­den. Sie dien­ten wohl zur Infor­ma­ti­on der umher­zie­hen­den Stäm­me, die in die­ser hei­ßen und tro­cke­nen Gegend auf der Suche nach Fut­ter und Was­ser­stel­len waren. Da wir nur noch wenig Bar­geld haben, ver­zich­ten wir auf das prä­his­to­ri­sche Nami­bia und besu­chen das „living muse­um“ der Dama­ra. Men­schen vom Stamm der Dama­ra zei­gen inter­es­sier­ten Tou­ris­ten, wie sie einst leb­ten und wie sie jetzt leben. Wir müs­sen mit Fremd­scham kämp­fen, doch in Berich­ten war davon berich­tet wor­den, dass sol­che Living Muse­ums aus Eigen­in­itia­ti­ve ent­stan­den sind und eine will­kom­me­ne Ein­nah­me­quel­le, spe­zi­ell für die Frau­en dar­stel­len. So hal­ten wir vor dem Kraal und ent­schei­den uns für die Jagd- und Heil­tour. Wir wer­den von drei Dama­ra beglei­tet – dem Über­set­zer, dem jun­gen Jäger und der älte­ren Medi­zin­frau.

Sie sind sehr freund­lich und scher­zen mit Anna. Beim Fal­len­stel­len brau­chen die jun­gen Män­ner aber doch den Rat der Medi­zin­frau. Auch Tho­mas stell­te sich recht geschickt an. Doch bei der Feu­er­pro­be muss er auf­ge­ben. So sehr er sich auch bemüht, es will ein­fach kei­ne Glut ent­ste­hen. Damit wäre ihm in frü­he­ren Zei­ten die Erlaub­nis zur Hei­rat ent­zo­gen wor­den, denn die Frau­en dür­fen nicht mit dem Feu­er spie­len .… Was ein Glück für mich, dass wir kei­ne Dama­ra sind! Das Volk der Dama­ra, so unser Rei­se­füh­rer Iwa­now­ski, war in der Ver­gan­gen­heit von ande­ren Stäm­men oft unter­jocht und sogar ver­sklavt wor­den. Doch sie hät­ten sich auf­grund ihrer spe­zi­el­len Kennt­nis­se der nami­bi­schen Ber­ge und ihrer Fähig­keit, Eisen zu schmie­den, immer wie­der schnell eine her­aus­ra­gen­de Stel­lung erar­bei­tet.

Tat­säch­lich sind mir die Dama­ra, die wir ken­nen­ler­nen durf­ten, sehr sym­pa­thisch. Ruhig und freund­lich sind sie uns gegen­über, aber auch voll Stolz und Wür­de, sodass wir uns in den doch sehr unglei­chen Bezie­hun­gen (Dienst­leis­tung­ge­ber gegen Dienst­lei­tungs­neh­mer) schnell wohl und beschützt füh­len.

Wie wir zu unse­rem Tram­per gekom­men sind, erzäh­le ich gleich. Doch jetzt geht’s erst ein­mal ins Dach­zelt. Wenn die Son­ne unter­ge­gan­gen ist, wird es schnell kalt.…

5.9.2019 Wei­ter geht´s Rich­tung Eto­sha Natio­nal­park. Wir hal­ten uns an den Rat des net­ten Gui­de und über­nach­ten im noblen Sophi­en­hof. Schon am Gat­ter begrü­ßen uns sti­li­sier­te Gepar­den. Wäh­rend der lan­gen Anfahrt über das gepfleg­te Gelän­de, sehen wir Giraf­fen, Zebras und Gnus. Vie­le far­bi­ge Ange­stell­te küm­mern sich um den Rasen, die Tie­re, oder bie­ten Game­dri­ves oder „nur“ die Gepar­den­füt­te­rung an. Wir ent­schei­den uns für die Gepar­den­füt­te­rung – und dür­fen Strau­ßen mit der Hand füt­tern und mit ins Gehe­ge zu den Gepar­den.

Unse­rem Füh­rer gefällt es offen­sicht­lich, dass wir uns für „sei­ne“ Babies inter­es­sie­ren – und zeigt uns sei­ne Dom­teurs­küns­te. Mir bleibt der Atem sto­cken. Ich atme erst wie­der rich­tig aus, als wir das Gehe­ge mit den Raub­tie­ren ver­las­sen haben. Das freund­li­che Ange­bot, uns abends kos­ten­los die Füt­te­rung der Sta­chel­schwei­ne zu zei­gen, über­hö­ren wir höf­lich.

Die gesam­te Anla­ge ist so gepflegt, dass ich geschwo­ren hät­te, die Farm gehö­re deutsch­stäm­mi­gen. Ich habe mich getäuscht. Die Besit­ze­rin ist nie­der­län­di­scher, süd­afri­ka­ni­scher Abstam­mung. Erst­mals erken­ne ich den Wunsch vie­ler nie­der­län­di­scher Aus­wan­de­rer, einen eige­nen Staat Eden ihr eigen zu nen­nen. Der Sophi­en­hof kommt einem Eden rela­tiv nahe. Die Ange­stell­ten leben mit ihren Fami­li­en auf dem Gelän­de. Die Unter­künf­te schei­nen sau­ber und menschwür­dig zu sein. Jedes Eck­chen des Parks ist so kon­zi­piert, dass von über­all schö­ne Bli­cke auf die viel­fäl­ti­ge, schein­bar fried­lich, zusam­men­le­ben­de Tier­welt mög­lich sind.

Tat­säch­lich aber hal­ten unauf­fäl­li­ge Gehe­ge sowie eine gute Kon­zep­ti­on die Tie­re davon ab, die Blu­men­ra­bat­te oder die Schu­he der Cam­per anzu­na­gen. Nach dem Abend­essen kommt unser Füh­rer vor­bei, um uns für die Nacht­füt­te­rung abzu­ho­len. Er hat sei­nen Jun­gen mit­ge­bracht, dem er eben­falls sein Wis­sen über die­se put­zi­gen Tie­re, die nachts ihr Unwe­sen trei­ben, wei­ter­zu­ge­ben. Er erklärt uns begeis­tert alles über sei­ne Schütz­lin­ge, bis mir die Augen zufal­len.

6.9.2019 – 9.9.2019 Auch die­se wun­der­schö­ne Farm ist von der Tro­cken­heit betrof­fen. Täg­lich müs­sen sie ein Ton­ne Fut­ter zukau­fen. Ich habe ein schlech­tes Gewis­sen. Auch hier ist die Über­nach­tung auf dem Zelt­platz (wir sind wie­der die ein­zi­gen) sehr preis­wert. Wir fah­ren trotz­dem wei­ter, der Eto­sha Natio­nal­park war­tet. Drei Tage ver­brin­gen wir in die­sem rie­si­gen Natio­nal­park, der auch land­schaft­lich sehr schön ist. Auch wenn die Okau­kue­jo Camp­si­te mei­nes Erach­tens die schöns­te, weil gut gepflegt und mit einem viel besuch­ten Was­ser­loch, ist, haben alle drei staat­li­chen Cam­pi­tes Hala­li und Namu­po­ti ihr ganz eige­nes Flair und ihre ganz eige­ne Schön­heit. In Hala­li haben wir einen mor­gend­li­chen Game­dri­ve gebucht – und kamen voll auf unse­re Kos­ten: zwei Mal sahen wir Leo­par­den, ein­mal Löwen­müt­ter mit ihren spie­len­den Kin­dern. Dazu eines der sel­te­nen Spitz­maul­nas­hör­ner. Ele­fan­ten sahen wir tags­über schon vie­le. Mit dem Löwen und dem Leo­par­den haben wir alle 4 der Big Five (Ele­fan­ten, Löwen, Leo­par­den, Nas­horn und Was­ser­büf­fel) in einem Game­dri­ve gese­hen. Was­ser­büf­fel gibt es in Nami­bia lei­der nur im Capri­vi-Zip­fel.

In der Nacht reißt uns ein Löwen­ge­brüll aus dem Schlaf. Wir stol­pern zur beleuch­te­ten Was­ser­stel­le, kön­nen aber lei­der nichts sehen. War es sein Schlacht­ruf? Oder sein Sie­ge­ge­heul? Auf dem Caping­platz war er jeden­falls doch nicht. Wir leben noch und keh­ren ent­täuscht zu unse­rem Dach­zelt zurück, in dem Anna wei­ter­hin ruhig schläft.

In der Eto­sha-Pfan­ne sehen wir rich­tig gro­ße Her­den: Ele­fan­ten, Zebras, Gnus, Giraf­fen und Anti­lo­pen. Wir pro­fi­tie­ren von der Dür­re, denn alle Tie­re müs­sen zu den sel­te­nen Was­ser­stel­len. Des­halb geht es an einem Was­ser­loch zu, wie auf einer Thea­ter­büh­ne: Wenn die Ele­fan­ten abtre­ten, erschei­nen die Giraf­fen, die Anti­lo­pen drän­gen sich ger­ne mit Zebras und Gnus an die gefähr­li­chen Was­ser­stel­len – nur Hyä­ne und Erd­wolf streu­nen ger­ne allei­ne um die Was­ser­stel­le.

9.9.2019 Wir kom­men zu Nami­bi­as ein­zi­gen immer vol­lem natür­li­chem See, dem Lake Gui­nas, ein 134 Meter tie­fer Karst­see, der der Umge­bung zur Bewäs­se­rung dient. Welch Oase inmit­ten die­ser Dür­re! Hier in der Gegend wer­den Toma­ten, Salat und Gemü­se ange­baut.

Nach einem schö­nen Spa­zier­gang um den See, fah­ren wir wei­ter nach Tsu­meb, einer ehe­ma­li­gen Minen­stadt, weil es dort ein lie­be­voll und lehr­rei­ches Muse­um über die deut­schen Berg­werks­ak­ti­vi­tä­ten gibt, sowie ein Out­door­mu­se­um, das tra­di­tio­nel­le Kraal­bau­wei­sen der nami­bi­schen Stäm­me zeigt. Wir kom­men spät an und suchen uns des­halb einen preis­wer­ten Cam­ping­platz inmit­ten der Stadt. Das Gelän­de um das Busi­ness Hotel ist rie­sig. Alles hier ist tief­grün. Hohe Bäu­me beher­ber­gen unzäh­li­ge Vögel. Das Wun­der heißt Bewäs­se­rung. Hier wird aber nicht nur bewäs­sert, auch gepflegt. Kein Blatt zu viel liegt auf dem Rasen. Es gibt sogar eine klei­ne Insel mit einem Tem­pel auf dem Anwe­sen. Das Bes­te aller­dings ist der hell­blaue, glas­kla­re 50 Meter Swim­ming­pool, der auch uns Cam­pern zur Ver­fü­gung steht.

10.09.2019 Die­se Anla­ge ist so schön, dass wir gleich noch eine Nacht anhäng­ten und die Stadt zu Fuß erkun­den. Wir erfreu­en uns an deren Sau­ber­keit, die vie­len Bou­gain­villeas und die vie­len Schul­kin­der. Obwohl die Innen­stadt fast rein schwarz ist, füh­len wir uns sicher und wer­den bei unse­rem Spa­zier­gang tat­säch­lich nur freund­lich bestaunt. Im Muse­um ler­nen wir viel über die Rea­li­tät der ers­ten Kolo­ni­al­her­ren und ‑frau­en. Ich bewun­de­re deren Tat­kraft, Humor und Durch­hal­te­ver­mö­gen. Es scheint, dass man­che deut­sche Sied­ler rela­tiv schnell gute Bezie­hun­gen zu den frü­he­ren Besit­zern des Lan­des auf­bau­en konn­ten.

Am Nach­mit­tag besu­chen wir das Arts Per­for­mance Cen­ter. In dem idyl­li­schen, wie ein Dorf ange­leg­tem Ort ler­nen auch unter­pri­vi­le­gier­te Kin­der bil­den­de Kunst und Tanz und Musik: Gei­ge, Flö­te, Trom­pe­te, aber auch Marim­ba und Per­cus­sion. Alle Kin­der sind mit Feu­er­ei­fer dabei – auch wenn sie manch­mal nach drau­ßen geschickt wer­den, um ein­zel­ne Stü­cke noch ein­mal für sich selbst zu üben. Vie­le der Leh­rer waren frü­her selbst Schü­ler die­ser Ein­rich­tung, die von Musik­no­ten, bis Gei­gen­sai­ten oder Leh­rer, jede Unter­stüt­zung benö­ti­gen kann.

11.9.2019 Wir besich­ti­gen noch das Frei­licht­mu­se­um und ler­nen, dass die Ovam­bo, die ganz im Nor­den leben und die spä­ter maß­geb­lich den Krieg für die Unab­hän­gig­keit Nami­bi­as von Süd­afri­ka führ­ten, aus­ge­feil­te Dorf­struk­tu­ren hat­ten, in denen das hei­li­ge Feu­er nie­mals aus­ge­hen durf­te und die Bush­leu­te, stren­ge Regeln, wel­che Plät­ze von Frau­en betre­ten wer­den durf­ten – und wel­che den Män­nern vor­be­hal­ten blie­ben. Gen Mit­tag sind wir in Groot­font­ein und besu­chen das Muse­um Altes Fort. Anna und Tho­mas begeis­tern sich für die kolo­nia­len Gerät­schaf­ten, mir gefällt die Anla­ge. Wei­ter gehts zum Hoba Meteo­rit, angeb­lich der größ­te Meteo­rit welt­weit. Es ist ein fast kreis­run­der, schwar­zer Block, der an man­chen Stel­len sil­bern glänzt. Es besteht fast nur aus Eisen. Und wie bei den Mau­er­spech­ten kamen hier­her Men­schen mit Eisen­fei­len und säbel­ten sich Stück­chen aus die­se Ur-Wesen her­aus.

Jetzt ist alles über­wacht und die sil­ber­nen Stel­len ros­ten lang­sam vor sich hin. Und gera­de des­we­gen ist der Meteo­rit so schön. Wei­ter geht‘s über Sand­pis­ten zum Water­berg. Die­ses rie­si­ge Gebirgs­mas­siv bekommt mehr Regen ab, als anders­wo und heißt des­halb Wasser(Water)berg.

Hier eröff­ne­te der Staat ein rie­si­ges Natur­re­ser­vat, in dem sich Nas­hör­ner wie­der erho­len sol­len. Ich bin ein biss­chen skep­tisch. Tho­mas will wan­dern – ich aber kei­nen Nas­hör­nern begeg­nen. Als wir also zur Rezep­ti­on hin­auf­ge­hen, um eine geführ­te Wan­de­rung zu buchen, stau­nen wir nicht schlecht. Dort gibt es ein Restau­rant, ganz aus Glas, das so in die Land­schaft gebaut wur­de, dass man aus ele­gan­ten Sofas und beque­men Ses­seln in das lang gestreck­te grü­ne Tal des Water­berg­mas­sivs bli­cken kann, ohne auch nur ein biss­chen Schweiß ver­gie­ßen zu müs­sen. In die­sem Ort trös­ten wir uns dar­über hin­weg, dass lei­der jede geführ­te Wan­de­rung aus­ge­bucht ist.

12.09.2019 So gehen wir am nächs­ten Tag ein paar der ange­zeig­ten Wan­der­we­ge ab, die wohl kein Zusam­men­tref­fen mit gefähr­li­chen Tie­ren befürch­ten las­sen und des­halb ohne Füh­rung frei­ge­ge­ben sind. Die abwechs­lungs­reich ange­leg­ten Pfa­de führ­ten uns zu traum­haf­ten Aus­sichts­punk­ten und an eine Quel­le, die nur halb gefasst, sich in die Umge­bung ver­gießt. Plötz­lich herrscht fast dschun­gel­ar­ti­ges Dickicht. Lei­der kön­nen wir dem Here­ro­auf­stands­ge­denk­weg nicht ganz zu Ende gehen, es wird schon wie­der fast dun­kel – und wir wol­len noch bei Tages­licht abend­essen.

Doch die­ser Wan­der­weg sei jedem emp­foh­len, der sich für deut­sche Kolo­ni­al­ge­schich­te inter­es­siert. Er ist in Zusam­men­ar­beit mit allen Betrof­fe­nen ent­stan­den und ein gelun­ge­ner Ver­such, Opfer und Täter zu benen­nen, um nach vie­len Jahr­hun­der­ten end­lich Frie­den in die See­len der Nach­kömm­lin­ge ein­keh­ren zu las­sen.

13.9.2019 Heu­te früh erhal­ten wir einen Ein­druck, wie schwer es Jäger hat­ten, das gut getarn­te Wild auf­zu­stö­bern und zu erle­gen. Anders als bei der Auto­fahrt in Eto­sha sieht man hier nicht weit. Die Tie­re sind gut getarnt, das Unter­holz tut sein übri­ges. So stol­pern wir fast in eine Giraf­fen­fa­mi­lie. Sie war wegen der Bäu­me für uns nicht sicht­bar. Auch die Büf­fel sahen wir erst, als sie schon alar­miert von unse­rer Ankunft, im Schweins­ga­lopp an uns vor­ei­tram­pel­ten. Ich erschreck­te mich nicht schlecht.

Wei­ter und wei­ter zie­hen wir mit unse­rem Gui­de, der ohne Anstren­gung erken­nen zu las­sen, zu Fuß in brü­ten­der Hit­ze cir­ca 6 Stun­den­ki­lo­me­ter vor­legt. Wir waren mit Abstand die Ältes­ten. Doch auch alle ande­ren ächz­ten und hät­ten fast ihr Inter­es­se an den Nas­hör­nern ver­lo­ren. Ein Was­ser­loch nach den ande­ren haben wir bereits abge­wan­dert. Doch kei­nes die­ser reiz­ba­ren Tie­re will sich zei­gen. Schließ­lich – nach fast drei­stün­di­gem Marsch wer­den wir fün­dig – und ehr­fürch­tig. Die­se Urwe­sen sind so groß und so schwer, dass wir uns unse­rer gro­ßen Ver­letz­bar­keit bewusst wer­den. Wir betrach­ten sie aus nächs­ter Nähe, Der Gui­de ach­tet dar­auf, dass wir gegen den Wind ste­hen. Ein letz­tes Ein­tau­chen in den Pool – und schon sind wir wie­der auf der Pis­te.

Es geht zu den Dino­sau­ri­er­spu­ren. Unser per­sön­li­ches Jur­ra­sic Park ist ent­täu­schend und ver­stö­rend zugleich. Nach lan­ger Fahrt lan­den wir an einem fast ver­las­se­nen, leicht her­un­ter­ge­kom­me­nen Cam­ping­platz. Dort zah­len wir eine klei­ne Gebühr und erhal­ten ein Blatt Papier, auf dem der Weg zu den Spu­ren gezeigt ist. Es sind zwei – die klei­ne­ren und ent­spre­chend weni­ger gut erkenn­ba­ren Trit­te sind hand­tel­ler­groß und cir­ca 4 cm tief. Die ande­ren Hand­groß und deut­lich in dem Sand­stein zu erken­nen. Die gan­ze Umge­bung – eine stei­ni­ge Flä­che in einer gro­ßen Farm – wirkt so all­täg­lich, dass es gar kein Fake sein kann. Doch wenn das wirk­lich Dino­sau­ri­er­spu­ren sind, die da auf dem Boden mit roter Far­be mar­kiert sind, war­um gibt es dann kei­nen grö­ße­ren Auf­marsch? Kein Andenken­la­den, kei­ne gro­ßen Schil­der?

Ich gebe mir die Ant­wort selbst. Es ist Nami­bia – und der Tou­ris­mus ist in den letz­ten Jah­ren wie­der stark ein­ge­bro­chen. Da fehlt das Geld für Wer­bung, für Zäu­ne, für Bewa­chung. Die Spu­ren sind echt. Das bestä­tigt ein gro­ßes, fast schon ver­gilb­tes Schild am Ein­gang.

Nach die­sem Aus­flug errei­chen wir bald Omaru­ru. Auf dem Cam­ping­platz des River Guest­houses scheint die Was­ser­knapp­heit noch nicht ange­kom­men zu sein. Es wird kräf­tig bewäs­sert. So kön­nen wir unser Dach­zelt unter rie­si­gen Bäu­men auf­stel­len und Kois im Teich bewun­dern. Das ist unglaub­lich erhol­sam nach all dem Sand und der Dür­re des Tages. Im Gar­ten der Lodge fei­ern wir den Über­fluss des­halb gleich mit einem Gin Ton­ic.

14.9.19 ‑16.9.19 Nach einem Besuch in Omaru­rus berühm­ten Holz­ate­liers – aus Treib­holz des FLus­ses for­men die Schnit­zer wil­de Tie­re, die die ursprüng­li­chen For­men des Hol­zes durch­schei­nen las­sen. Danach besu­chen wir die net­ten Deut­schen, die sich in Nami­bi­as Sand dem Wein­an­bau ver­schrie­ben haben und fah­ren dann dick bepackt nach Windhoek, wo Juli­an bald ankom­men wird. Das Airb­nb ist ein wun­der­schö­nes altes Haus, spar­sam, aber geschmack­voll ein­ge­rich­tet. Der Gast­ge­ber ist ein melan­cho­lisch chao­ti­scher Jour­na­list, der über Ver­ge­hen gegen den Tier­schutz recher­chiert und auf die­sem Gebiet etli­che Skan­da­le auf­ge­deckt hat. Er zieht sich bald zurück und über­lässt uns sein Haus, sei­ne Haus­an­ge­stell­te und den WLAN-Schlüs­sel.

Kein Wun­der, dass wir uns nach all den Tagen im Dach­zelt, mehr für die zwei rie­si­gen Bäder inter­es­sie­ren, als für Windhoeks Schön­hei­ten. Trotz­dem besu­chen wir die am Sonn­tag lee­re Innen­stadt und das Unab­hän­gig­keits­mu­se­um, das von Nord­ko­rea finan­ziert wur­de und das die kom­mu­nis­ti­sche Betei­li­gung beim Kampf um die Unab­hän­gig­keit ein­drucks­voll kit­schig dar­stellt. Gott sei Dank ist der Tin­ten­pa­last nur weni­ge Schrit­te ent­fernt. Hier ist die Ver­fas­sung Nami­bi­as – Kin­der­rech­te! – ele­gant in Stein gemeißelt.An der Ver­fas­sung hat­ten 1975 alle zwölf Bevöl­ke­rungs­grup­pen Nami­bi­as zusam­men­ge­ar­bei­tet. Aber erst 1990 – ein Jahr nach der Auf­lö­sung des Ost-West-Kon­flikts – konn­te sie in Kraft tre­ten .

16.9.2019 Nach­dem wir trau­rig Anna in den Flie­ger zurück nach Deutsch­land gesetzt haben, steu­ern Juli­an, Tho­mas und ich wie­der im Auto mit Dach­zelt den Süden Nami­bi­as an. Unser ers­tes Ziel: Lake Oanob Resort. Der künst­li­che See, in dem Baden und Was­ser­sport erlaubt sind, dient der Was­ser­ver­sor­gung der Stadt Reho­both. Das Resort, das neben Cam­ping­plät­zen auch “game dri­ves” (Safa­ris) und ein Spa anbie­tet, ist das ein­zi­ge Hotel Nami­bi­as, das offi­zi­ell gelis­tet ist, und zugleich von einst unter­pri­vi­le­gier­ten schwar­zen Ein­woh­nern gegrün­det wur­de.

17.9.2019 Wir ver­las­sen die­sen para­die­si­schen Platz und fah­ren in die ärm­lich aus­se­hen­de Stadt Reho­both. Über­all liegt Müll und Plas­tik auf den Grün­flä­che und im Gebüsch. Auch das Muse­um macht einen deso­la­ten Ein­druck – nur das klei­ne Mäd­chen, das mich bei der Hand nimmt, ver­hin­dert, dass wir gleich wie­der gehen. Da tritt eine Dame aus dem Haus und bie­tet eine Füh­rung an. Die Füh­rung ist infor­ma­tiv – schließ­lich sind die „Bas­ter“ Fami­li­en, die einst aus Süd­afri­ka aus­wan­der­ten, da sie als gemisch­te (Buren­vä­ter und Nama­frau­en) Fami­li­en in Süd­afri­ka zahl­rei­chen Restrik­tio­nen aus­ge­setzt waren, eine der 12 gro­ßen Eth­ni­en Nami­bi­as.

Die Füh­rung ist zudem wit­zig, da die Dame aus ihrer Ableh­nung des über­all spür­ba­ren männ­li­chen Chau­vin­ins­mus kei­nen Hehl macht. Sie scheint in der Tra­di­ti­on streit­ba­rer Frau­en zu ste­hen: Schon ihre Mut­ter wur­de als ers­te Frau Minis­te­rin im fer­nen Windhoek. Wir fah­ren wei­ter nach Soli­tär, dem Ein­gang zu Nami­bi­as Dünen­pa­ra­dies und tou­rist­scher Rum­mel­platz in Ami­look. Die Unter­kunft im Park war lei­der aus­ge­bucht. So fah­ren wir lan­ge am Park ent­lang, bis wir den ers­ten frei­en Cam­ping­platz erreicht haben.

18.9.2019 Heu­te haben wir eines der Höhe­punk­te jeder Nami­bia-Rund­rei­se abge­hakt: Den Dünen­parkt des Nau­kluft- Natio­nal­parks, eines bis zu 150 km brei­ten Küs­ten­strei­fens, der sich vom Oran­je (Süd­afri­ka) bis zum Kunene (Ango­la) hin­zieht. Die Anrei­se gestal­te­te sich schon schwie­rig, da alle Camp­si­tes in der Nähe des Ein­gangs bereits aus­ge­bucht waren. So bre­chen vor Son­nen­auf­gang auf, um pünkt­lich um 7:30 beim Gate zu sein. Die Hol­per­stre­cke bis dort­hin wird zum Kampf um jede Boden­wel­le. Nie­mand will sei­nen müh­sam erober­ten Platz bei der Zufahrt zum Gate auf­ge­ben – das Ziel: den Son­nen­auf­gang auf eine Düne genie­ßen. Jeder hüpft des­halb so schnell er sich traut, von einer Boden­wel­le zur nächs­ten. Wir schaf­fen den Gate­ein­tritt mit 30-minü­ti­ger Ver­spä­tung. So ver­sucht Tho­mas durch Geschwin­dig­keits­über­schrei­tun­gen im Park noch etwas Boden wett zu machen, damit wir auf der Düne 45 den Son­nen­auf­gang genie­ßen kön­nen. Doch schon lan­ge bevor wir die Düne errei­chen, bewun­de­re ich die vie­len ver­schie­de­nen Far­ben, die sich da zu den höchs­ten Sand­dü­nen der Welt auf­tür­men. Trotz der unwirt­li­chen Bedin­gun­gen säu­men grü­ne Bäu­me den Fuß die­ser Sand­ber­ge. Unter dem Sand sind Stein­ber­ge ver­steckt. Des­halb sind sie so hoch. Es ist span­nend zu beob­ach­ten, wie der Sand die Berg­welt erobert. Wie Schnee erobert sich der Sand nach und nach jedes Tal, jeden Vor­sprung, jeden Gip­fel, bis sich schließ­lich die­se wun­der­schö­nen, sanf­ten Wind­ge­bil­de majes­tä­tisch aus dem Lehm­bo­den erhe­ben. Auch wenn ich es den­noch ver­su­che, weiß ich doch, dass die Fotos, die ich jetzt schie­ße, nichts wer­den, denn der fei­ne Küs­ten­ne­bel ließ alles wie hin­ter einem Weich­zeich­ner ver­schwin­den. Als wir end­lich bei der Düne 45 ankom­men, trau ich mei­nen Augen kaum – hier geht es schon zu, wie auf dem Okto­ber­fest: Auf dem klei­nen Park­platz vor der Düne wird gekocht, geklönt und geges­sen. (Bei orga­ni­sier­ter Rei­sen kochen oft die Tour­be­glei­ter für die Gäs­te, wäh­rend die­se sich die Sehens­wür­dig­kei­ten anse­hen. )

Fahr­rä­der wer­den ver­staut und immer wie­der spu­cken Bus­se jeg­li­cher Grö­ßen und For­men foto­gra­fier­wü­ti­ge Tou­ris­ten aus aller Welt aus, die sich sofort in den Gän­se­marsch auf die Düne ein­rei­hen. Da ein kal­ter Wind weht, zie­he ich mir mei­ne Sweat­ja­cke über. Es staut sich jedoch und bis wir die stei­le Düne erklom­men haben, (der Son­nen­auf­gang ist längst vor­bei) ist es ange­nehm warm, wäh­rend der Sand noch die Rest­küh­le der Nacht abgibt. Hin­un­ter war­ten wir nicht, bis wir an der Rei­he sind, son­dern lau­fen ein­fach direkt senk­recht hin­ab. Welch ein Kin­der­ver­gnü­gen!

Trotz­dem uns der Kaf­fee­duft aus den Nach­bar­kan­nen begehr­lich um die Nasen streicht, fah­ren wir gleich wei­ter zur Deadv­lei, wo ich mei­ne ers­te Unter­richts­stun­de im Sand­fah­ren glor­reich über­ste­he. Es sind nur weni­ge Kilo­me­ter, doch inzwi­schen brüllt die Son­ne so vom Him­mel, dass selbst unser Sohn auf eine wei­te­re Dünen­be­stei­gung ver­zich­tet. Mit den meis­ten ande­ren Tou­ris­ten stap­fen wir nur noch direkt zum Post­kar­ten­mo­tiv – wei­ßer Lehm­bo­den, schwar­ze Bäu­me, blau­er Him­mel und rund­her­um Dünen, die wie in Flam­men getaucht sind. Wäh­rend des kur­zen Aus­flugs vom Auto ist der Sand so bren­nend heiß gewor­den, dass ich mir vor­neh­me nur noch mit Schu­hen das Auto zu ver­las­sen. Die nächs­ten 2,5 km Sand­pis­te kos­ten Tho­mas min­des­tens 100 graue Haa­re. Doch ich steue­re unser Gefährt erfolg­reich durch das auf­ge­wühl­te Sand­meer, das sich 4*4‑Drive nennt.

Souss­v­lei stellt sich als grü­ne Oase inmit­ten der Dünen her­aus. Hier­her ver­ir­ren sich nur noch weni­ge Indi­vi­du­al­tou­ris­ten, die es sich unter den aus­la­den­den Kamel­dorn­bäu­men bequem machen. Dabei beob­ach­ten wir einen Scha­kal auf der Jagd. Eine far­bi­ge Frau hat sogar einen Tisch unter einen aus­la­den­den Baum gestellt und ihn mit Tisch­de­cke, Tafel­sil­ber und Sekt­flö­ten geschmückt. Wie ger­ne hät­te ich mich an die eine Tisch­sei­te gesetzt und einen die­ser fan­tas­ti­schen nami­bi­schen Pro­sec­cos, die wir in Omaru­ru gekauft haben, ent­korkt. Wir begnü­gen uns hin­ge­gen mit vor­be­rei­te­ten Sand­wichs, Äpfeln und einem impro­vi­sier­ten Vogel­bad. Eine zar­te Kap­sper­lings­da­me hat es auf Tho­mas Strau­ßen­fe­der abge­se­hen. Wir kön­nen es nicht glau­ben: Bin­nen einer hal­ben Minu­te hat sie die rie­si­ge Feder aus dem Hut gezerrt und in ihr klei­nes Nest über unse­ren Köp­fen ver­baut.

Bei der Rück­fahrt aus dem Park ist die Außen­tem­pe­ra­tur bereits auf 40 Grad gestie­gen. Unser Inter­es­se, den Sess­riem Can­yon zu Fuß zu durch­que­ren sinkt auf Null. Bei der Wei­ter­fahrt Rich­tung Lüde­ritz fin­den wir über­ra­schend einen wun­der­schö­nen, saf­tig grü­nen und ein­sa­mem Cam­ping­platz, der noch dazu von far­bi­gen Ein­hei­mi­schen betrie­ben wird. Welch Erho­lung die war­me Dusche auf nur noch war­men 1500 Metern!

19.9.2019 Unser Über­nach­tungs-Aben­teu­er in der Nähe Mal­ta­hö­he bezah­len wir mit einem plat­ten Rei­fen, den Juli­an und Tho­mas aber gekonnt wech­seln, wäh­rend ich leicht besorgt um die bei­den her­um­schwän­ze­le, immer in der Hoff­nung, ver­hin­dern zu kön­nen, dass das ton­nen­schwe­re Gefährt auf Tho­mas Bei­ne kracht. Doch Toyo­ta hat an einen soli­den hydrau­li­schen Wagen­he­ber mit lan­gem Bedien­arm gedacht. So stel­len sich mei­ne Sor­gen wie­der ein­mal als über­flüs­sig her­aus. Unge­stört bewäl­tig­ten wir nun die nächs­ten Kilo­me­ter berg­auf zur Stadt Mal­ta­hö­he. Es geht vor­bei an beein­dru­cken­den Can­yons und vie­len, vie­len Kamel­dorn­sträu­chern – ein Hin­weis für Über­wei­dung die­ses Gebiets. (Grä­ser sind Flach­wurz­ler, die das sel­te­ne Regen­was­ser im Boden hal­ten. Sträu­cher und Bäu­me sind hin­ge­gen Tief­wurz­ler, die das drin­gend benö­tig­te Grund­was­ser anzap­fen. Durch das Abgra­sen der Grä­ser bis auf Boden­nä­he, ster­ben die­se ab und über­las­sen das Revier den sta­che­li­gen Sträu­chern, die von den Tie­ren nicht gemocht wer­den.)

Die Stadt Mal­ta­hö­he erzählt von ver­gan­ge­nem Reich­tum: Ten­nis­plät­ze, ein Gemein­de­schwimm­bad, ein altes Luxus­ho­tel, eine Tank­stel­le, meh­re­re Geld­au­to­ma­ten und ein gro­ßer Markt mit exqui­si­tem Kunst­hand­werk, sowie vie­le Män­ner sowie Kin­der und Alte, die vor den Geschäf­ten auf Abwech­lung war­ten. Auch wir sind sofort umringt: „Hi fri­end, kommt ihr aus Deutsch­land?“ und bar­fü­ßi­gen Kin­dern, die Juli­an mit Mis­ter anre­den. Er lacht und gibt den Kin­dern klei­ne Mün­zen, Tho­mas unter­hält sich mit den bei­den Deutsch Spre­chen­den und ich hüp­fe ängst­lich her­um und zische, lasst uns wei­ter gehen … Net­ter­wei­se sche­ren sich mei­ne Män­ner nicht um mei­ne Ängs­te.

Die bar­fü­ßi­gen Jun­gen tref­fen wir im Super­markt wie­der, wo sie sich ein paar Gro­schen durch das Ein­pa­cken der Tüten ver­die­nen. Und dank Tho­mas Small­talk­freu­den sind wir jetzt im Besitz von zwei schö­nen Schlüs­sel­an­hän­ger, die wäh­rend wir auf die Rei­fen­re­pa­ra­tur war­te­ten, vor unse­ren Augen gefer­tigt wer­den.

Die Rei­fen­pan­ne hat uns dann doch so viel Zeit gekos­tet, dass wir in Schloss Duwi­seb  nur einen kur­zen Zwi­schen­stopp ein­le­gen. Um das Schloss, das einem mit­tel­al­ter­li­chen Burg nach­emp­fun­den wur­de, gibt es eine grü­ne Tal­sen­ke, in der einst Pfer­de­ren­nen statt­fan­den. Der Schloss­herr und sei­ne ame­ri­ka­ni­sche Frau hat­ten dort teu­re Renn­pfer­de für den euro­päi­schen Markt gezüch­tet, bis der ers­te Welt­krieg ihre Plä­ne durch­kreuz­te. Ich bekom­me immer häu­fi­ger auch eine Hoch­ach­tung für die ers­ten wei­ßen Sied­ler – auch wenn sie Kolo­nia­lis­ten waren – und somit das Fun­da­ment für die heu­ti­gen Ungleich­hei­ten gelegt haben – sind sie mir doch auch Vor­bild in Sachen Unter­neh­mer­geist, Wage­mut und die Fähig­keit zu schei­tern und wie­der auf­zu­ste­hen.

In Get­ta – viel schö­ner als Soli­tär – tra­fen wir die Rad­ler­grup­pe wie­der, der wir schon früh­mor­gens auf dem Weg zur Düne 45 begeg­net sind. Auf dem Cam­ping­platz, der von einem Far­bi­gen geführt wird, stell­ten wir fest, dass uns bis­lang Cam­pi  ngplät­ze, die von Far­bi­gen geführt wer­den, am bes­ten gefal­len haben. Die Unter­künf­te sind fan­ta­sie­vol­ler und natur­nä­her, die Stim­mung ent­spann­ter und freund­li­cher. Man fühlt sich ein­fach will­kom­men. Und deren Freu­de, dass man am Leben ist, egal, wie gut oder schlecht gera­de die Situa­ti­on ist, über­trägt sich ein­fach.

So neh­men wir es auch sport­lich, dass schon wie­der ein Rei­fen platt ist, wech­seln ihn und genie­ßen dann einen Gin Ton­ic beim kos­ten­lo­sen Blick auf die unter­ge­hen­de Son­ne.

Heu­te: 20.9.2019. Der kaput­te Reser­ver­ei­fen zwingt uns, mög­lichst bald Lüde­ritz anzu­steu­ern. Statt im Bios­sphä­ren­res­sort zu über­nach­ten, durch­fah­ren wir nur die D 707 bis zur Farm der Fami­lie Koch. Links der Stra­ße erhebt sich das ver­wit­ter­te Tiras­ge­bir­ge. Auf den Berg­käm­men locken wie Schat­ten­spie­le die geschütz­ten Köcher­bäu­me. Rechts der Stra­ße genie­ßen wir den Blick auf die begin­nen­den Sand­dü­nen des Namib-Nau­kluft­parks.

In Tiras an gekom­men, sehen wir gleich einen fan­tas­ti­schen Aus­guck. Die­ser stellt sich aus unser pri­va­ter Cam­ping­platz­patz her­aus. Gra­tis zum Rund­um­blick mit Oryxan­ti­lo­pen, Klipps­lie­fern und Spring­bö­cken gibt es ein dickes Büch­lein mit Infor­ma­tio­nen über die Geo­lo­gie der Umge­bung, ein Gespräch über das Leben als deut­sche Far­mer und eine Wan­de­rung, die gera­de die rich­ti­ge Län­ge hat­te.

Cam­ping ist toll, denn hier in Nami­bia sitzt du umge­ben von die­ser inten­si­ven Natur immer in ers­ter Rei­he. Manch­mal füh­le ich mich hier, als ob ich direkt auf Got­tes Schoß sit­ze.

Am 21.9.2019 nahm ich mein Lob­lied auf das Cam­pen klein­laut zurück. Tho­mas hat­te uns in Lüde­ritz zwar auf dem staat­li­chen Camp­ground ein­ge­mie­tet, doch gleich in den alten Leucht­turm. Gespannt dis­ku­tier­ten wir, was wohl auf uns war­ten wür­de. Ein Turm – ohne Fens­ter – dafür mit vie­len Bet­ten? Klo und Duschen drau­ßen auf der win­dum­tos­ten Shark Island? Der alte Leucht­turm – eigent­lich das Leucht­turm­wär­ter­häus­chen mit Türm­chen – stammt, wie jedes drit­te Gebäu­de der Innen­stadt aus der Wil­hel­mi­ni­schen Zeit, als hier ein gewis­ser Adolf Lüde­ritz aus Bre­men den dort leben­den Stäm­men das Land für en Appl und en Ei abluchs­te, da er statt der damals gebräuch­li­chen eng­li­schen Mei­len (= 1,6 km) die geo­gra­phi­schen Mei­len (=7,4 km) dem Kauf­ver­trag zugrun­de leg­te.

Da er die Rache der Betro­ge­nen fürch­te­te, bat er Bis­marck um Schutz, der er gewähr­te, nach­dem die Eng­län­der Inter­es­se für die­ses Gebiet bekun­det hat­te. Im August 1884 ließ er hier die deut­sche Flag­ge his­sen. Die deut­sche Kolo­nie Süd­west-Afri­ka war gegrün­det. Lüde­ritz hoff­te in die­ser unwirt­li­chen Gegend – eine rau­hes, kal­tes Meer, kein Trink­was­ser weit und breit und Sand­dü­nen, die den lan­gen Weg ins frucht­ba­re­re Innen­land immer wie­der neu ver­sper­ren – Boden­schät­ze wie Kup­fer, Gold und Sil­ber zu fin­den. Er sah sei­nen Hafen auch als Ver­sor­gungs­sta­ti­on für die Wal­fisch- und Rob­ben­fän­ger (Leber­tran!) und hoff­te dar­auf, dass hier Elfen­bein und Fel­le aus dem Inland ver­schifft wer­den könn­ten. Tat­säch­lich ver­schul­de­te er sich nur mit sei­nen Expe­di­tio­nen – und fand nichts als Sand. Von einer Rei­se, die erkun­den soll­te, ob der Oran­je schiff­bar gemacht wer­den könn­te, kehr­te er nie wie­der zurück.

Lüde­ritz als Hafen inmit­ten der Wüs­te blieb aber erhal­ten und wuchs zunächst sehr lang­sam, bis 1908 beim Bau der Eisen­bahn ein Dia­mant gefun­den wur­de. Die Geschich­te des deut­schen Dia­man­ten­fie­bers hör­ten wir heu­te (22.9.19) im Rah­men einer Füh­rung durch die Geis­ter­stadt Kol­manns­kup­pe. Noch heu­te wer­den Schmuck­dia­man­ten aus dem Sand der Namib gesiebt, aus dem Meer getaucht oder durch Abtra­gen des Meer­bo­dens an Land geför­dert.

Aller­dings ist die Aus­beu­te rund um Lüde­ritz zu nied­rig. Dia­man­ten tra­gen nur noch wenig zur Wirt­schafts­kraft die­ses jun­gen Staa­tes bei­tra­gen könn­ten.

Doch zurück zu unse­rem Leucht­turm. Es war­te­te ein ent­zü­cken­des Häus­chen mit guter Stu­be, zwei Schlaf­zim­mern und zwei Bade­zim­mern mit Bade­wan­ne und hei­ßem Was­ser auf uns. Drau­ßen stürmts der­art, dass wir an dem Tag das Haus mit den Fens­tern in alle Him­mels­rich­tun­gen nicht mehr ver­las­sen wol­len. Statt­des­sen genie­ßen wir das hei­ße Bade- Was­ser, die sau­be­ren Bet­ten und den Rund­um­blick auf das tosen­de Meer. Wer hät­te gedacht, dass ich mal in Afri­ka höl­lisch frie­ren soll­te.

22.9.19 Die Tour durch die Geis­ter­stadt mit Bäcke­rei, Schlach­te­rei, Lin­de Kühl­schrän­ken und Thea­ter­saal war beein­dru­ckend: In die­ser Sand­wüs­te nach Dia­man­ten zu suchen, ist buch­stäb­lich wie die Nadel im Heu­hau­fen zu suchen. Des­halb sind die glit­zern­den Stein­chen so teu­er, dass die Besit­zer von Kol­manns­kup­pe das ers­te Rönt­gen­ge­rät nach Afri­ka impor­tier­ten. Nein, es ging nicht um gebro­che­ne Bei­ne, es ging um ver­schluck­te Dia­man­ten. Den Rest des Tages ver­brach­ten wir in unse­rem Light­house und auf einer Fahrt zu den Buch­ten rund um Lüde­ritz. Wir sahen Fla­min­gos, Austern­bän­ke, Hoch­see­fi­scher und brü­ten­de Möwen. Beim Aus­stei­gen muss­ten wir die Auto­tü­ren fest­hal­ten, damit der fri­sche Wind sie nicht aus den Angeln heben konn­te – eine sehr neue Erfah­rung. Aller­dings konn­te ich jetzt bes­ser ver­ste­hen, war­um die Küs­te Nami­bi­as Ske­le­ton Coast genannt wird. Glück­lich und erschöpft genos­sen wir das hei­ße Bad in unse­rer Unter­kunft und hör­ten dem Rüt­teln des Win­des an den Fens­tern zu.

23.9.19 Tho­mas hat sich erkäl­tet und schwänz­te des­halb unse­re Boots­fahrt ent­lang der Küs­ten und Inseln rund um Lüde­ritz. Wir sahen Del­fi­ne, Rob­ben, Pin­gui­ne sowie ein Dia­man­ten­schürf­boot und lausch­ten den Geschich­ten eines ehe­ma­li­gen Dia­man­ten­tau­chers. Wei­ter ging dann die Fahrt über Betha­ni­en (ers­tes Haus Nami­bi­as, erbaut von einem Bre­mer Geist­li­chen), bis zum Köcher­baum­wald bei Keth­manns­hoop. Die Farm, auf der sehr vie­le die­ser bis zu fünf Meter hohen und locker hun­der­te von Jah­ren alten Suk­ku­len­ten gefun­den wur­den, bie­tet neben einem Cam­ping­platz auch Raub­tier­füt­te­run­gen an. Die männ­li­chen Gepar­den hei­ßen Sad­dam und Kad­ha­fi. War­um wohl? Gepar­den töten mehr Tie­re, als sie zum Über­le­ben brau­chen – „170 Scha­fe“, so erzähl­te der stol­ze Besit­zer, der ein biss­chen an Pet­ter­son erin­ner­te, in nie­der­län­disch anmu­ten­dem Deutsch, wur­den neu­lich von zwei jun­gen Gepar­den geris­sen.“

24.9.2019 Heu­te ist unser letz­ter Tag in Nami­bia. Wir ver­brin­gen ihn nach einer lan­gen Fahrt durch die Stein­wüs­te bei den hei­ßen Quel­len in AisAis. Zuvor war­fen wir einen Blick in den größ­ten Canon Afri­kas, dem Fish-River-Canon. Hier ist vor nicht all­zu lan­ger Zeit unser Freund aus Stel­len­bosch durch­ge­wan­dert. Es ist eine beein­dru­cken­de Wan­de­rung, bei der man alles, das man in den fünf bis sechs Tagen braucht, sel­ber mit­schlep­pen muss. Ais, Ais liegt am Ende der Wan­de­rung. Und so sahen wir, als wir im hei­ßes Bad plansch­ten, auch einen glück­li­chen Wan­de­rer, der aus dem Canon kam. Abends im Restau­rant essen wir zum ers­ten Mal Oryx. Es schmeckt wie sehr zar­tes Reh­fleisch. Die lau­ten Fami­li­en-Grup­pen, die mit Begeis­te­rung um das Grill­feu­er her­um­sit­zen, gaben uns ein zwie­späl­ti­gen Vor­ge­schmack auf Süd­afri­ka.