Zivilcourage beginnt dort, wo Wegsehen einfacher wäre. Wenn Menschen beleidigt, ausgegrenzt oder bedroht werden, stellt sich eine entscheidende Frage: Greifen wir ein – oder hoffen wir, dass jemand anderes es tut? Zivilcourage bedeutet, Mut zu zeigen, Verantwortung zu übernehmen und sich für die Würde und Rechte anderer einzusetzen, auch wenn man damit ein persönliches Risiko eingeht. Das muss nicht heißen, sich selbst in Gefahr zu bringen. Oft genügt es, zu widersprechen, Unterstützung zu holen oder sich demonstrativ an die Seite eines bedrängten Menschen zu stellen.
Gerade jetzt ist Zivilcourage besonders wichtig: In einer Zeit, in der gesellschaftliche Spannungen zunehmen, Menschen abgewertet und demokratische Grundwerte infrage gestellt werden, entscheidet sich auch im Alltag, wie wir miteinander leben wollen. Denn eine offene, freie Gesellschaft lebt nicht allein von Gesetzen und Institutionen. Sie braucht Menschen, die nicht schweigen, wenn Unrecht geschieht.
Hier ein paar Beiträge dazu, die in unserem Schreibabend entstanden sind.
Zivilcourage – Der Mut, nicht wegzusehen
Es ist ein Moment, den fast jeder kennt: Man steht in der Bahn, im Supermarkt, im Cafe – und sieht, wie jemand angegriffen wird. Ein abfälliger Kommentar. Ein Mensch, der bedrängt wird. Eine Situation, die eindeutig falsch läuft. Und dann diese Sekunde der Lähmung, in der man abwägt: Sage ich etwas? Was sage ich? Oder schaue ich weg, so wie es die meisten um mich herum gerade tun?
Genau in dieser Sekunde entscheidet sich, was Zivilcourage eigentlich ist. Nicht im Nachhinein, wenn man sich eine Geschichte zurechtlegt. Sondern in dem Moment selbst, bevor sich unser Kopf eine Ausrede überlegt hat.
Zivilcourage wird oft mit Heldentum verwechselt – mit der Vorstellung, man müsse sich einem Angreifer körperlich entgegenstellen oder ein spektakuläres Opfer bringen. Das ist ein Missverständnis, das lähmt, statt zu ermutigen. Wer glaubt, Zivilcourage bedeute automatisch Risiko für Leib und Leben, findet leicht eine Entschuldigung, warum er in der konkreten Situation lieber nichts tut, still bleibt.
Dabei beginnt Zivilcourage meistens viel kleiner. Sie beginnt damit, den Blick nicht zu senken. Die Frage zu stellen: „Ist alles in Ordnung bei Ihnen?” Sich neben jemanden zu setzen, der gerade angepöbelt wird. Einem Kollegen zu widersprechen, der einen abwertenden Witz macht, obwohl gerade niemand sonst lacht. Das sind keine großen Gesten. Aber sie sind der eigentliche Kern der Sache.
Und warum fällt uns das oft so schwer?
Ich glaube, was uns vom Handeln abhält, ist nicht Feigheit im klassischen Sinn, sondern etwas Subtileres: die stille Hoffnung, dass jemand anderes es schon übernehmen wird. Die Psychologie bezeichnet dies als den Bystander-Effekt – je mehr Menschen eine Situation beobachten, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass einer von ihnen eingreift. Jeder denkt, die Verantwortung liege beim anderem. Und am Ende tut niemand etwas.
Dazu kommt die Angst – vor Eskalation, vor Blamage, davor, sich einzumischen in etwas, das einen „nichts angeht”. Diese Angst ist nicht irrational. Manchmal hat Einmischung tatsächlich Konsequenzen. Aber sehr oft überschätzen wir das Risiko maßlos, weil sich unser Kopf im Zweifel das schlimmste Szenario ausmalt, während in Wirklichkeit ein ruhiges „Lassen Sie das bitte” oft schon reicht, um eine Situation zu verändern.
Zivilcourage zeigt sich nicht nur in dramatischen Szenen. Sie zeigt sich:
In der Arbeit, im Team, wenn eine Kollegin regelmässig übergangen wird und niemand das anspricht, weil es „die Leitung schon regeln wird”.
Im Freundeskreis, wenn bei einem Fest ein diskriminierender Spruch fällt und alle betreten schweigen, um den Abend nicht zu stören.
Im Straßenverkehr, wenn jemand hilflos am Straßenrand steht und die meisten Autos einfach weiterfahren, weil „schon jemand anderes anhalten wird”.
Was mich an diesen Beispielen immer wieder trifft: Sie erfordern selten Mut im Sinne von Waghalsigkeit. Sie erfordern vor allem die Bereitschaft, unbequem zu sein. Aufzufallen. Und genau das ist die eigentliche Hürde – nicht die Gefahr, sondern das soziale Unbehagen.
Ich will nicht so tun, als würde ich selbst immer richtig handeln. Es gibt Situationen, in denen ich geschwiegen habe, obwohl ich es später bereut habe. Nicht weil ich es nicht für richtig gehalten hätte, einzugreifen – sondern weil manche Situationen oft schneller vorbei sind, als ich reagieren kann, oder weil ich Angst hatte, nicht verstanden zu werden.
Und genau hier liegt, glaube ich, der Ausgangspunkt für dieses Thema:
Zivilcourage ist keine Charaktereigenschaft, die man entweder hat oder nicht hat. Sie ist eine Fähigkeit, die man erwirbt und übt – durch jede einzelne Situation, in der man sich entscheidet, nicht wegzuschauen. Wer einmal eingegriffen hat, merkt: Es war weniger schlimm als befürchtet. Und beim nächsten Mal fällt es uns schon etwas leichter.
Ich könnte mich auch fragen: Warum sollte ich mich einmischen, wenn es mich nichts angeht? Die Antwort, die mich am meisten überzeugt, ist nicht moralisch, sondern ziemlich pragmatisch: weil eine Gesellschaft, in der niemand eingreift, eine Gesellschaft ist, in der auch mir irgendwann niemand helfen wird. Zivilcourage ist kein Geschenk an andere – sie ist eine stillschweigende Vereinbarung, dass wir füreinander hinsehen, weil wir alle irgendwann in der Position sein könnten, auf genau das angewiesen zu sein.
Susanne Debold
Im Bus
Schau hin
und nicht weg
Steh ein
und geh nicht weg
Schau sie an
die Frau hinter dir,
nicht auf dein Handy.
Merkst du eigentlich
was um dich passiert?
Hinter dir wird eine Frau
in Kopftuch beschimpft.
Sie solle dort hin zurück
wo sie her kam.
Du kennst sie nicht
das ist mir klar
aber warum sagst du nichts?
Du hältst dich doch für
ach so tolerant
ach so offen
ach so gebildet.
Mmh ist wohl zu bequem
in deinem Sitz
schön warm
scrollst durch die Nachrichten
schön gemütlich
in deiner Komfortzone.
Sich für die Frau einsetzen?
Haltung zeigen?
Puh, zu anstrengend
gib’s doch zu.
Du regst dich auf über die AFD
Kannst deren Erfolg
nicht versteh’n.
Du likest linke Politiker
und andere, die auf Demos geh’n.
Aber war’s das?
Echt jetzt?
Wie soll sich da was ändern
wenn du bist wie alle andern?
Wenn nicht mal du selbst
den Mut hast
aufzustehen
hinzusehen
hinzugehen
einzustehen.
Grasberger